AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2011

Flughäfen Laute Nacht, zornige Nacht

dapd

Von

2. Teil: "Da kann man eigentlich nur noch wegziehen"


Diese Ausnahmen, auf die vor allem der mächtige Flughafenkunde Lufthansa gedrängt hatte, erklärte das höchste hessische Verwaltungsgericht später zwar für unzulässig. Nachts müsse Ruhe sein, urteilten die Richter. Doch statt den anwohnerfreundlichen Spruch zu akzeptieren, legte das hessische Wirtschaftsministerium Revision gegen die Entscheidung ein, über die im März das Bundesverwaltungsgericht verhandeln wird. Es gehe ihr dabei aber nur um "Rechtssicherheit", lautet die offizielle Begründung der Bouffier-Regierung.

Angesichts der Empörung der Bürger bröckelt nun aber auch in der Wiesbadener Koalition die Front der Fraport-Unterstützer. Der Erste, der zumindest kurzzeitig von der Fahne ging, war Bouffiers Innenminister Boris Rhein. Der 39-jährige CDU-Mann, der bislang nie als Fluglärmgegner aufgefallen war, will im März neuer Frankfurter Oberbürgermeister werden. Weil er seine Erfolgschancen in den belasteten Stadtteilen offenkundig schwinden sah, schlug sich Rhein am Montag vor einer Woche überraschend auf die Seite der geplagten Anwohner: Er verlangte ein Nachtflugverbot "ohne Wenn und Aber". Zudem müsse es weitere Nutzungsbeschränkungen für die neue Landebahn geben, etwa in den Randzeiten von 22 bis 23 Uhr und von 5 bis 6 Uhr.

"Einen mächtigen Einlauf" erhalten

In der folgenden Sitzung der CDU-Landtagsfraktion erhielt Rhein für diesen unabgesprochenen Vorstoß von Bouffier, so berichten Teilnehmer, "einen mächtigen Einlauf". Die Anti-Lärm-Vorschläge des Bürgermeisterkandidaten, von den Grünen listig zur Abstimmung im Landtag gestellt, wurden von Rheins Parteifreunden im Parlament harsch abgelehnt. Der düpierte Innenminister schwieg dazu.

Ruhe ist im schwarz-gelben Bündnis deshalb jedoch nicht eingekehrt: Als Nächster aus der Koalition setzte sich FDP-Fraktionschef Florian Rentsch ab. Wenn es nach ihm ginge, werde es künftig "null Nachtflüge" geben.

Mit Hochdruck sucht die hessische Regierung seither nach Alternativen, um die Belastung der Anwohner in Grenzen zu halten. Doch selbst aus dem Krisengipfel mit den Luftverkehrsexperten kehrte Ministerpräsident Bouffier eher ernüchtert zurück. Sein Versprechen, eine "deutliche Lärmminderung" für die Bürger in unmittelbarer Flughafennähe zu erreichen, werde sich mit technischen Mitteln in absehbarer Zeit nicht realisieren lassen, hatte die Schar der Sachverständigen und Interessenvertreter erklärt.

Der Flughafenbetreiber Fraport, der mehrheitlich dem Land und der Stadt Frankfurt gehört, will mit der neuen Bahn die Zahl der Starts und Landungen von knapp 90 auf mehr als 120 pro Stunde steigern. Und das bedeutet deutlich mehr Krach. Bouffiers Vorschlag, den Lärm durch Geld für dickere Fenster etwas abzumildern, verfängt jedoch gerade bei seiner Stammwählerschaft kaum: In den begüterten Vierteln im Süden Frankfurts sind gut gedämmte Mauern und moderne Dreifachverglasung ohnehin meist Standard - das martialische Gedröhn der Jets dringt dennoch in die Häuser.

Anflugwinkel von 3 auf 3,2 Prozent erhöhen

Die Hilflosigkeit der Bouffier-Regierung gegen den anschwellenden Bürgerprotest dokumentiert auch die Idee, den Anflugwinkel für die neue Landebahn von 3 auf 3,2 Prozent zu erhöhen. Dadurch würden die Jets zwar etwas höher einschweben. Die in Airportnähe lebenden Menschen würden jedoch, so urteilen Fachleute, die 40 oder 50 Meter mehr oder weniger Flughöhe kaum bemerken. Sehr wohl aber bestünde die Gefahr, dass noch mehr Anwohner in Mitleidenschaft gezogen würden: Denn mit der Höhe der Lärmquelle steige leider auch der Umfang des Lärmteppichs am Boden, warnen die Experten der Flugsicherung.

So stellen sich inzwischen längst grundsätzliche Fragen. "Wie kann es sein, dass so eine Bahn, die auf beiden Anflugseiten von Siedlungsgebieten umgeben ist, heute noch gebaut wird?", fragt der Arzt Jochen Krauß aus dem Frankfurter Stadtteil Niederrad. Die Wirkung sei schlimmer als eine Autobahn, die ohne jede Lärmschutzmauer mitten durch ein gewachsenes Wohngebiet betoniert würde: "Fluglärm löst beim Menschen Fluchtreflexe aus", sagt der 53-jährige Unfallchirurg. Wer dort länger wohnen bleibe, erleide "auf jeden Fall Gesundheitsschäden".

Gerade in Niederrad werden die Bewohner nicht nur durch die neue Anflugroute geplagt, sondern auch durch eine bestehende Abflugroute, die genau über den Stadtteil führt und trotz der zusätzlichen Belastung unverändert beibehalten werden soll. Die Bewohner haben dadurch nun immer Fluglärm, egal woher der Wind weht, 365 Tage im Jahr, mit oft mehr als 80 Dezibel pro Überflug. "Da kann man eigentlich nur noch wegziehen", sagt der Mediziner Krauß.

Für Milderung könnten allenfalls strikte Nutzungsbeschränkungen für die neue Bahn sorgen, glauben Frankfurter Lokalpolitiker, die sich bei der Landesregierung in Wiesbaden nun parteiübergreifend für weitgehende Änderungen einsetzen wollen: deutlich ausgeweitete Ruhezeiten sowie eine Begrenzung der Bahnzulassung auf leichtere und leisere Kurz- und Mittelstreckenmaschinen.



insgesamt 432 Beiträge
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Seite 1
lori13 27.12.2011
1.
Zitat von sysopDie hessische Landesregierung hat die Lärmbelastung durch die neue Frankfurter Landebahn unterschätzt. Nun wächst die Angst vor der Wut der Bürger - und einem neuen Stuttgart 21. Flughäfen: Laute Nacht, zornige Nacht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,805636,00.html)
Interessant ist ja, dass es durchaus Varianten gab (z.B. Bahn im Süden des Airports) von denen weniger Menschen betroffen gewesen wären. Die dürften allerdings nicht gebaut werden, weil damit mehr als die angestrebte Anzahl an Flugbewegungen möglich gewesen wäre...
Repast 27.12.2011
2. Kein Titel
Zitat von sysopDie hessische Landesregierung hat die Lärmbelastung durch die neue Frankfurter Landebahn unterschätzt. Nun wächst die Angst vor der Wut der Bürger - und einem neuen Stuttgart 21. Flughäfen: Laute Nacht, zornige Nacht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,805636,00.html)
Wenn hier jetzt wieder eine Rolle rückwärts vollzogen wird, dann bitte aber auch für das bescheuerte Nachtflugverbot, das unbedingt abgeschafft oder zumindest etwas kulanter gestaltet werden muss.
rokokokokotte 27.12.2011
3. Pardon...
Zitat von sysopDie hessische Landesregierung hat die Lärmbelastung durch die neue Frankfurter Landebahn unterschätzt. Nun wächst die Angst vor der Wut der Bürger - und einem neuen Stuttgart 21. Flughäfen: Laute Nacht, zornige Nacht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,805636,00.html)
...die Landesregierung hat die Lärmbelästigung unterschätzt!? UNTERSCHÄTZT?? Schon dieses Eingeständnis dokumentiert die epochale Verlogenheit von Politik und Administration.... Es wurde halt einfach gemacht, durchgesetzt der wirtschaftlichen und politischen Interessen wegen. Piepegal die dantaesken Lebensumstände der Menschen hier. Entsetzt sind diese verantwortungslosen Vögel jetzt nur wegen der nicht vorhergesehenen Intensität der Bürgerproteste und den daraus resultierenden Brüchen in Karriereplanung, angenehmem Leben und angepeilten Politpöstchen. Bei den Wahlen - fegt alle Lügner und Märchenonkel/Tanten fort, vergesst nicht EINEN dieser Tage, die Euch gestohlen wurden.
webersi 27.12.2011
4. Bürger auf der Erbse
Zitat von sysopDie hessische Landesregierung hat die Lärmbelastung durch die neue Frankfurter Landebahn unterschätzt. Nun wächst die Angst vor der Wut der Bürger - und einem neuen Stuttgart 21. Flughäfen: Laute Nacht, zornige Nacht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,805636,00.html)
Motiviert durch die Berichterstattung der lokalen Medien machte ich mich dieser Tage selber auf den Weg nach Sachsenhausen und ging die Suche nach dem "unerträglichen" Fluglärm an. Dabei lief ich die Sachsenhäuser Landwehr ab, eine Wohnstrasse unmittelbar unter der Einflugschneise. In der Tat fliegen regelmäßig im Abstand von einigen Minuten die Maschinen ein, zumeist handelt es sich um zweimotorige, häufig kleinere Maschinen im Landeanflug. Zu hören sind allerdings sie erst, wenn sie sich beinahe über dem Kopf befinden und sie entfernen sich auch wieder schnell mit einem grummelndem Ton im Schlepp, der jedoch bald von vorbeifahrenden Autos übertönt wird. Es ist eine Geräuschkulisse, wie sie vorher auch schon in anderen Gegenden Frankfurts zu vernehmen war, auch bei mir, wenn die Flieger Warteschleifen über der Stadt drehen. Die Gegend in Sachsenhausen ist ein schöne Wohnlage. Wer rumtönt, da wegziehen zu wollen, mit dem tausche ich gerne. Will sagen: Nur wer den Lärm unbedingt hören will, um sich drüber zu empören, der kriegt ihn auch mit. Nach dem Motto: "Kinder, dreht doch mal den Fernseher leiser! Man kann sich sonst gar nicht über den Fluglärm aufregen!"
dumb nut 27.12.2011
5. unterschätzt?
Zitat von sysopDie hessische Landesregierung hat die Lärmbelastung durch die neue Frankfurter Landebahn unterschätzt. Nun wächst die Angst vor der Wut der Bürger - und einem neuen Stuttgart 21. Flughäfen: Laute Nacht, zornige Nacht - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,805636,00.html)
Wie bei S21 hat man sich in Frankfurt offenbar auch "unter bzw. verschätzt". Dem Wort "schätzen" mit einem Präfix kommt da wohl eine neue Bedeutung zu, wenn es von Regierenden verwendet wird, nämlich "die Bevölkerung auf den Arm nehmen", um es vorsichtig zu formulieren.
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