Der SPIEGEL

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23. Dezember 2011, 00:00 Uhr

Flughäfen

Laute Nacht, zornige Nacht

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Die hessische Landesregierung hat die Lärmbelastung durch die neue Frankfurter Landebahn unterschätzt. Nun wächst die Angst vor der Wut der Bürger - und einem neuen Stuttgart 21.

Sie beginnen ihre Macht zu spüren, von Montag zu Montag ein bisschen mehr. "Mindestens 5000", sagen die Bürgerinitiativen, seien es in dieser Woche im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens gewesen; die Polizei zählte, zurückhaltend, mehr als 3000 Demonstranten. Es sind auffallend viele Grauhaarige unter ihnen, aber auch Familien mit Kindern, Bewohner von Reihenhäusern und von teuren Immobilien in Villenlage.

Sie demonstrieren, seit Ende Oktober die neue Nordwest-Landebahn am Frankfurter Flughafen eröffnet wurde. Sie ziehen trommelnd, pfeifend, wütend durch das Abfertigungsgebäude, halten Schilder mit vielen verschiedenen Ortsnamen aus der Rhein-Main-Region in die Höhe.

Und ihre wöchentlichen Aufmärsche zeigen Wirkung: Als die Protestler am vergangenen Montagabend unter der großen schwarzen Tafel mit den Abfluginformationen eine Version von "Stille Nacht" anstimmten, in der von Lärm, Gestank und Bürgerwut die Rede war, bemühte sich der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier im nahen Wiesbaden um eilige Schadensbegrenzung. Der CDU-Politiker saß mit dem Chef der Flughafengesellschaft Fraport sowie Vertretern von Fluglinien und Flugsicherung in seiner Staatskanzlei und suchte verzweifelt nach Möglichkeiten, wie es doch vielleicht wenigstens ein ganz klein wenig stiller werden könnte am Himmel über dem Rhein-Main-Gebiet.

Dieser Termin, den Bouffier erst drei Tage zuvor bekannt gegeben hatte, war das unausgesprochene Eingeständnis einer groben Fahrlässigkeit. Die auf Wachstum und Arbeitsplätze fixierte Landesregierung hatte über Jahre unterschätzt, wie massiv der Lärm durch die Flughafenerweiterung die Anwohner belasten würde. Und sie stellt jetzt erschrocken fest, dass es vielfach ihre eigenen Wähler sind, die sie mit einem Lärmteppich überzogen hat.

Der Wutpegel steigt von Woche zu Woche

Entsetzt beobachten Bouffiers Leute, wie der Wutpegel ihrer Klientel von Woche zu Woche steigt. Im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen etwa oder im grünen Lerchesberg-Viertel, das jetzt oft im Minutenabstand in wenigen hundert Meter Höhe überflogen wird.

Dort, im Süden Frankfurts, leben Ärzte, Anwälte, Richter, Ingenieure und prominente Sportler. Kürzlich ließ sich ein promovierter Akademiker aus dem waldnahen Nobelstadtteil von einer Frankfurter Tageszeitung mit der Bemerkung zitieren, dass er ein Dachzimmer seiner Villa sogar an al-Qaida-Terroristen vermieten würde, wenn die nur den dröhnenden Maschinen am Himmel den Garaus machen würden. Eine Mutter schrieb einen herzzerreißenden Leserbrief über ihren Zweijährigen, der um fünf Uhr morgens von den Jets über ihrem Hausdach geweckt werde und "Mama, mir ist so laut" schreie. Im Radio erzählten Schüler, dass im Unterricht Diktate abgebrochen werden müssten, weil selbst bei geschlossenem Fenster alle paar Minuten Lärm den Klassenraum beherrsche.

Dass es so laut werden würde, hätten sie sich einfach nicht vorstellen können, sagen viele Demonstranten. Und auch die Regierenden in Wiesbaden scheinen erst jetzt zu realisieren, dass auch Schulen, Kindergärten, Altenheime und Arztpraxen in der neuen, zusätzlichen Einflugschneise des verkehrsreichsten deutschen Flughafens liegen.

"Die Reaktionen der Bürger haben uns in dieser Intensität überrascht"

Die Angst, die unerwartete Empörungswelle könnte das Niveau der Proteste gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 noch übertreffen, treibt die Landespolitiker in die Defensive: Der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) etwa, bislang einer der entschiedenen Befürworter des Flughafenausbaus, lässt sich nun mit dem bemerkenswerten Satz zitieren: "Die Höhe der zusätzlichen Lärmbelastung, aber auch die Reaktionen der Bürger haben uns in dieser Intensität überrascht."

Ein Eingeständnis, das weitreichende Folgen haben könnte: Denn Posch leitet jene Behörde, die für die Genehmigung des Ausbaus zuständig war und die Belastung eigentlich korrekt und gerichtsfest hätte abschätzen sollen. Wurde der Lärm aber von den Genehmigungsbehörden selbst unterschätzt, stellt sich die Frage, ob die Landebahn in dieser Form überhaupt hätte gebaut werden dürfen.

Viele Anwohner fühlen sich ohnehin von der Politik hinters Licht geführt. Bouffiers Vorgänger Roland Koch, der das Projekt im vergangenen Jahrzehnt mit aller Macht vorangetrieben hatte, verband die umstrittene Erweiterung mit der "Garantie", dass für den gesamten Flughafen ein "absolutes Nachtflugverbot" von 23 bis 5 Uhr eingeführt werde: "Ohne Nachtflugverbot keine neue Landebahn", beteuerte Koch, inzwischen Chef des Baukonzerns Bilfinger Berger, jahrelang bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Doch kurz bevor die Baugenehmigung erteilt wurde, schwenkte der damalige Regierungschef um: Das Verbot sei juristisch wohl nicht durchzusetzen, verkündete Koch nun. Statt aber die versprochene Konsequenz zu ziehen und den Bau der Landebahn abzublasen, sprach der Christdemokrat vernebelnd von "Ausnahmen vom Nachtflugverbot".

"Da kann man eigentlich nur noch wegziehen"

Diese Ausnahmen, auf die vor allem der mächtige Flughafenkunde Lufthansa gedrängt hatte, erklärte das höchste hessische Verwaltungsgericht später zwar für unzulässig. Nachts müsse Ruhe sein, urteilten die Richter. Doch statt den anwohnerfreundlichen Spruch zu akzeptieren, legte das hessische Wirtschaftsministerium Revision gegen die Entscheidung ein, über die im März das Bundesverwaltungsgericht verhandeln wird. Es gehe ihr dabei aber nur um "Rechtssicherheit", lautet die offizielle Begründung der Bouffier-Regierung.

Angesichts der Empörung der Bürger bröckelt nun aber auch in der Wiesbadener Koalition die Front der Fraport-Unterstützer. Der Erste, der zumindest kurzzeitig von der Fahne ging, war Bouffiers Innenminister Boris Rhein. Der 39-jährige CDU-Mann, der bislang nie als Fluglärmgegner aufgefallen war, will im März neuer Frankfurter Oberbürgermeister werden. Weil er seine Erfolgschancen in den belasteten Stadtteilen offenkundig schwinden sah, schlug sich Rhein am Montag vor einer Woche überraschend auf die Seite der geplagten Anwohner: Er verlangte ein Nachtflugverbot "ohne Wenn und Aber". Zudem müsse es weitere Nutzungsbeschränkungen für die neue Landebahn geben, etwa in den Randzeiten von 22 bis 23 Uhr und von 5 bis 6 Uhr.

"Einen mächtigen Einlauf" erhalten

In der folgenden Sitzung der CDU-Landtagsfraktion erhielt Rhein für diesen unabgesprochenen Vorstoß von Bouffier, so berichten Teilnehmer, "einen mächtigen Einlauf". Die Anti-Lärm-Vorschläge des Bürgermeisterkandidaten, von den Grünen listig zur Abstimmung im Landtag gestellt, wurden von Rheins Parteifreunden im Parlament harsch abgelehnt. Der düpierte Innenminister schwieg dazu.

Ruhe ist im schwarz-gelben Bündnis deshalb jedoch nicht eingekehrt: Als Nächster aus der Koalition setzte sich FDP-Fraktionschef Florian Rentsch ab. Wenn es nach ihm ginge, werde es künftig "null Nachtflüge" geben.

Mit Hochdruck sucht die hessische Regierung seither nach Alternativen, um die Belastung der Anwohner in Grenzen zu halten. Doch selbst aus dem Krisengipfel mit den Luftverkehrsexperten kehrte Ministerpräsident Bouffier eher ernüchtert zurück. Sein Versprechen, eine "deutliche Lärmminderung" für die Bürger in unmittelbarer Flughafennähe zu erreichen, werde sich mit technischen Mitteln in absehbarer Zeit nicht realisieren lassen, hatte die Schar der Sachverständigen und Interessenvertreter erklärt.

Der Flughafenbetreiber Fraport, der mehrheitlich dem Land und der Stadt Frankfurt gehört, will mit der neuen Bahn die Zahl der Starts und Landungen von knapp 90 auf mehr als 120 pro Stunde steigern. Und das bedeutet deutlich mehr Krach. Bouffiers Vorschlag, den Lärm durch Geld für dickere Fenster etwas abzumildern, verfängt jedoch gerade bei seiner Stammwählerschaft kaum: In den begüterten Vierteln im Süden Frankfurts sind gut gedämmte Mauern und moderne Dreifachverglasung ohnehin meist Standard - das martialische Gedröhn der Jets dringt dennoch in die Häuser.

Anflugwinkel von 3 auf 3,2 Prozent erhöhen

Die Hilflosigkeit der Bouffier-Regierung gegen den anschwellenden Bürgerprotest dokumentiert auch die Idee, den Anflugwinkel für die neue Landebahn von 3 auf 3,2 Prozent zu erhöhen. Dadurch würden die Jets zwar etwas höher einschweben. Die in Airportnähe lebenden Menschen würden jedoch, so urteilen Fachleute, die 40 oder 50 Meter mehr oder weniger Flughöhe kaum bemerken. Sehr wohl aber bestünde die Gefahr, dass noch mehr Anwohner in Mitleidenschaft gezogen würden: Denn mit der Höhe der Lärmquelle steige leider auch der Umfang des Lärmteppichs am Boden, warnen die Experten der Flugsicherung.

So stellen sich inzwischen längst grundsätzliche Fragen. "Wie kann es sein, dass so eine Bahn, die auf beiden Anflugseiten von Siedlungsgebieten umgeben ist, heute noch gebaut wird?", fragt der Arzt Jochen Krauß aus dem Frankfurter Stadtteil Niederrad. Die Wirkung sei schlimmer als eine Autobahn, die ohne jede Lärmschutzmauer mitten durch ein gewachsenes Wohngebiet betoniert würde: "Fluglärm löst beim Menschen Fluchtreflexe aus", sagt der 53-jährige Unfallchirurg. Wer dort länger wohnen bleibe, erleide "auf jeden Fall Gesundheitsschäden".

Gerade in Niederrad werden die Bewohner nicht nur durch die neue Anflugroute geplagt, sondern auch durch eine bestehende Abflugroute, die genau über den Stadtteil führt und trotz der zusätzlichen Belastung unverändert beibehalten werden soll. Die Bewohner haben dadurch nun immer Fluglärm, egal woher der Wind weht, 365 Tage im Jahr, mit oft mehr als 80 Dezibel pro Überflug. "Da kann man eigentlich nur noch wegziehen", sagt der Mediziner Krauß.

Für Milderung könnten allenfalls strikte Nutzungsbeschränkungen für die neue Bahn sorgen, glauben Frankfurter Lokalpolitiker, die sich bei der Landesregierung in Wiesbaden nun parteiübergreifend für weitgehende Änderungen einsetzen wollen: deutlich ausgeweitete Ruhezeiten sowie eine Begrenzung der Bahnzulassung auf leichtere und leisere Kurz- und Mittelstreckenmaschinen.

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