Gesundheit Flucht aus der Luxusklasse

Privatpatienten müssen im neuen Jahr mit drastisch steigenden Beiträgen rechnen. Viele Kunden zieht es bereits zurück in die gesetzlichen Kassen.
Patientin im Tomografen: Hilfe beim Kassenwechsel

Patientin im Tomografen: Hilfe beim Kassenwechsel

Foto: Arne Dedert/ picture-alliance/ dpa

Für etliche Privatpatienten ist der Januar kein guter Monat. Ein Blick auf den ersten Kontoauszug kann die Laune verderben. "Ich habe mich wahnsinnig geärgert", sagt Patrick Lynen, 44. Die Central Krankenversicherung AG hatte dem selbständigen Radiomoderator aus Bergheim den Monatsbeitrag von 136,60 Euro auf 214,56 Euro erhöht - eine Steigerung um mehr als die Hälfte. Zudem solle Lynen im Krankheitsfall statt 750 Euro Selbstbeteiligung künftig 1000 Euro zahlen.

Branchenweit wurden in den vergangenen Wochen die Prämien erhöht. Viele Kunden der Central mussten mehr zahlen, aber auch bei Gothaer und Allianz stiegen die Beiträge. Die Private Krankenversicherung (PKV) bekommt die Kosten für Arzt- und Klinikrechnungen nicht in den Griff, entsprechend teuer werden die Policen.

Für gutverdienende Angestellte oder Firmenchefs ist das zwar kein Problem; wohl aber für Freiberufler und Rentner mit mittlerem Einkommen. Innerhalb dieser Gruppe wächst die Sehnsucht nach einer gesetzlichen Krankenkasse. Trotz aller Diskussionen um Zweiklassenmedizin und Wartezeiten in Arztpraxen: Wer wechseln kann, ergreift neuerdings die Flucht.

"Bei uns häufen sich die telefonischen Anfragen von Privatversicherten, die zur AOK kommen wollen", sagt Wilfried Jacobs, Chef der AOK Rheinland/Hamburg. Ähnliches berichten auch andere Kassen. Zur Barmer GEK wechselten bereits im Laufe des vergangenen Jahres rund 27.600 Versicherte von der privaten Konkurrenz, neun Prozent mehr als 2010. Eine ähnliche Tendenz bestätigt die Techniker Krankenkasse. Dort suchten im vergangenen Jahr 68.000 Privatpatienten Zuflucht, fast zwölf Prozent mehr als 2010.

Dabei hat der Gesetzgeber einen Austritt aus der Privatkasse nur in Ausnahmefällen vorgesehen: Wer arbeitslos wird, darf die PKV genauso verlassen wie Angestellte bis zu 55 Jahren, deren Gehalt unter die Versicherungspflichtgrenze von 45.900 Euro im Jahr fällt. Auch Selbständige, die ein festes Arbeitsverhältnis mit diesem Verdienstniveau eingehen, dürfen wechseln sowie unter 30-Jährige, die anfangen zu studieren, oder manche Berufsanfänger.

Für alle anderen dagegen gilt: Privat versichert ist man lebenslänglich.

Senioren mit Fluchtreflex

So will die Regierung jenes Trittbrettfahrermodell verhindern, bei dem sich Versicherte die Vorteile beider Welten sichern wollen: im Erwerbsleben die Privilegien der PKV genießen und im Alter die meist niedrigeren Beiträge der Gesetzlichen zahlen. Nach diesem Modell müssten nämlich Kassenpatienten für die Gebrechen von Besserverdienern aufkommen, die jahrzehntelang nicht in die Solidargemeinschaft einzahlen wollten.

Von diesen Senioren mit Fluchtreflex wollen die gesetzlichen Kassen verständlicherweise nichts wissen. Anders allerdings sieht es bei den jungen und gesunden Interessenten aus. Offiziell bestätigt das keine Kasse, tatsächlich aber leisten viele Servicecenter gern Hilfe, wenn es darum geht, Fluchtmöglichkeiten zu finden. "Es gibt Tricks, mit denen wir Privatpatienten helfen können", bestätigt ein Kassenmanager. "Vorausgesetzt, der jeweilige Arbeitgeber macht mit."

So habe ein Privatversicherter die Chance zu wechseln, wenn er für einige Monate die Zahl seiner Arbeitsstunden reduziere, um unter die Versicherungspflichtgrenze zu rutschen. Wer die Selbständigkeit für eine Festanstellung aufgebe, müsse mit seinem neuen Chef nur aushandeln, dass er anfangs ein relativ geringes Gehalt bekommt. "Wenn er der PKV erst einmal entkommen ist, kann er seinen Verdienst wieder aufstocken", rät der Experte.

Wer es auch mit solchen Tricks nicht schafft, zum Kassenpatienten zu werden, der kann nur noch versuchen, innerhalb seiner Versicherung in einen günstigeren Tarif zu wechseln. Allerdings gestaltet sich auch dieser Schritt oft schwierig.

So erhebt der Bund der Versicherten (BdV) schwere Vorwürfe gegen einige Konzerne. "Die Versicherer behindern systematisch den Wechsel", sagt der Vorsitzende Axel Kleinlein. Häufig werde die Umstellung schlichtweg verweigert. Dabei verstößt dies gegen das Versicherungsbeitragsgesetz.

Dem Central-Versicherten Lynen etwa wurde ein neuer Tarif erst nach mehrfacher Beschwerde angeboten. In einem besonders schweren Fall kämpfte ein DKV-Kunde über ein halbes Jahr lang darum, in einen günstigeren Tarif zu wechseln. Die Versicherung hatte ihm mitgeteilt, dass aufgrund seiner "gesundheitlichen Situation" der Wechsel abgelehnt worden sei. Erst nach dem Einschreiten der Verbraucherschützer kam der Wechsel zustande - die DKV erklärte kleinlaut, dass die Beratung "selbstverständlich" in diesem Fall "nicht optimal verlaufen" sei. Man habe den Kunden-Service verbessert, hieß es zudem vergangene Woche. BdV-Chef Kleinlein hält den Fall dagegen für exemplarisch.

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