AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2017

Reise in die Provinz Dieses Dorf ist Deutschland

Durch Deutschland geht ein Riss, er trennt Stadt und Land, Gewinner und Verlierer. Die Provinz, heißt es, fühlt sich abgehängt. Genau dorthin ist Hauke Goos mit seinen beiden Söhnen gereist. Eine Expedition in sein Heimatdorf.

Albersdorf
Jakob und Laurenz Goos

Albersdorf


Vor Kurzem bin ich noch einmal in das Dorf gefahren, in dem ich aufgewachsen bin. Albersdorf, mein Dorf. Hier habe ich Fußball gespielt und den ersten Kinofilm gesehen, den ersten Rausch und den ersten Liebeskummer überstanden, den Führerschein gemacht. Helmut Schmidt war Kanzler. Die SPD lag bei über 40 Prozent, im Bundestag in Bonn saßen drei Parteien. Alte Bundesrepublik. Albersdorf ist ein Dorf im Landkreis Dithmarschen, am Rande Schleswig-Holsteins, am Rande Deutschlands; eigentlich, so kam es mir damals vor, am Rand von allem.

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Heft 19/2017
Der eitle Kampf der Verteidigungsministerin gegen ihre skandalreiche Truppe

1987 ging ich weg. Ich wollte in die Stadt, egal, in welche, vor allem aber wollte ich weg aus Albersdorf. Alles schien mir zu klein, zu aufgeräumt, zu eng. Möglich, dass ein wenig Hochmut dabei war: Das, was mich interessierte, gab es hier nicht; das, was es gab, interessierte mich nicht.

Seither war ich nur noch gelegentlich dort, um meine Eltern zu besuchen. Meine Mutter, die einmal im Jahr nach Berlin fuhr, um Ausstellungen zu sehen und Museen zu besuchen. Und meinen Vater, der nicht nach Berlin fuhr und der auf manches schimpfte: auf die angebliche allgemeine Verwahrlosung, auf die Politiker. Zwei Welten gab es für ihn: das richtige Leben, das dort war, wo er wohnte - und das falsche, in dem über Gleichberechtigung, Asylrecht und Genderfragen gestritten wurde, Dinge, die für ihn keine Bedeutung hatten. "Das, was ihr im SPIEGEL schreibt", sagte er häufig, "interessiert doch keinen." Dann tauchte die AfD auf. Plötzlich gab es viele wie meinen Vater, die haderten und schimpften. Dorf ist ein Thema geworden, ebenso Provinz. Die AfD holt dort ihre besten Ergebnisse, Trump wurde auf dem Land gewählt. "Auf dem Land", also dort, wo ich herkomme, wohnen Modernisierungsverlierer und Abgehängte, so wird es jedenfalls behauptet.

Mit meinen beiden Söhnen, 15 Jahre alt, gehe ich auf eine Expedition ins andere Deutschland. Wir wollen ein paar Tage in Albersdorf verbringen. Herumlaufen, Leute treffen, Fragen stellen. Was ist da los auf dem Land? Und was ist mit dem Land los? Die beiden sollen Fotos machen. Ich will wissen, was ihnen auffällt. Was beschäftigt die Menschen 2017 in Albersdorf? Was wollen sie? Was fehlt ihnen?

Eine Fahrt durch Albersdorf dauert zwei Minuten und fünfunddreißig Sekunden. Man fährt an einem Landmaschinenhandel vorbei und an Edeka, Lidl, Aldi, am Autohaus und am Kriegerdenkmal. Im ehemaligen Bekleidungsgeschäft "Gammelin" ist heute ein Sozialkaufhaus, in der früheren Bäckerei ein Laden für Trödel. Gegenüber liegt der Busbahnhof, an dem wir uns immer vor den Auswärtsspielen unserer Fußballmannschaft trafen. Ein Kreisverkehr, links Kik und Penny, kurz darauf rechts das frühere Soldatenheim "Haus Gieselau", heute ein Pflegeservice für Alte. Am Ende, hinterm Bahnübergang, die einstige Kaserne, über die noch zu reden sein wird. Dann ist man durch.

Ich hatte den Ort größer in Erinnerung, größer jedenfalls als 2:35. Damals, Ende der Siebziger, beschäftigte allein die Firma Nordmarkhaus zeitweise 600 Leute mit dem Bau von Fertighäusern. Es gab 16 Bauernhöfe und vier Bäcker, einen Schuhladen, einen Spar-Markt und vier kleine Edeka-Geschäfte, es gab ein Hotel in der Ortsmitte und eine Gaststätte namens "Zur Erholung", die einen Kinosaal hatte, in dem, wenn man die Bestuhlung rausräumte, getanzt werden konnte.

Unser erster Eindruck: Das Dorf ist tatsächlich sehr aufgeräumt.

Albersdorf verfügt über einen Aussichtsturm, und der bietet einen Überblick über das Leben als solches: Jägerzäune und roter Klinker und Waschbetonplatten vor Carports aus Fichtenholz.


Im Video: Stadt oder Land?
Wir haben Schüler aus Albersdorf gefragt, wo sie in Zukunft leben möchten. Sehen Sie hier ihre Antworten.

DER SPIEGEL

Ein Viertel der Deutschen lebt so oder so ähnlich. Nimmt man die Klein- und Mittelstädte hinzu, dann lebt jeder Zweite in der Provinz und eben nicht in Zentren wie Berlin oder München oder Brüssel, wo Trends entstehen und Entscheidungen fallen, die später im Dorf als Nachrichten oder Vorschriften ankommen.

Darum geht es: um die Entfernung von der Macht, um die Entfernung vom Leben, die gefühlte - und die tatsächliche. Und darum, dass das eine manchmal wenig mit dem anderen zu tun hat.

In seiner Machtferne wie in seinem Lebensgefühl ist Albersdorf also typisch fürs Land, für das Ländliche. 3668 Einwohner, Ergebnis bei der Bundestagswahl vor vier Jahren: 48 Prozent CDU, 26 Prozent SPD, 4 Prozent AfD, 0,6 Prozent Tierschutzpartei. Albersdorf ist Deutschland.

261 Ausländer leben hier; Syrer, Polen, Russen. Als größte Gruppe verzeichnet die Amtsverwaltung: "weitere Staaten". 261 Ausländer, das sind etwa sieben Prozent. Deutschlandweit sind es über elf Prozent. Sind sieben Prozent wenig? Viel? Zu viel?

Leserbriefschreiber Lange
Jakob und Laurenz Goos

Leserbriefschreiber Lange

Die Wut des Udo Lange

Udo Lange hat als Treffpunkt ein Café vorgeschlagen. Er hat viele Unterlagen mitgebracht und seine Frau. Sie soll ihn beruhigen, wenn er sich zu sehr aufregt.

Vor Kurzem druckte die Lokalzeitung einen Leserbrief von Lange. Millionen Deutsche würden in der Flüchtlingsdebatte weder gehört noch ernst genommen, hatte Lange geschrieben. "Die Arroganz der etablierten Parteien dem Souverän gegenüber ist nicht mehr zu ertragen." Lange ist 67 Jahre alt. Er stammt aus Bonn, war Architekt, seit drei Jahren ist er Rentner. Er wollte nach Dithmarschen, weil er die Ruhe liebt. Lange hat weiße Haare und trägt gern Krawatte, man kann sich ihn und seine Frau gut auf einem Kreuzfahrtschiff vorstellen. Was macht jemanden, der die Ruhe auf dem Land sucht, so wütend? Irgendwann, in den letzten Jahren der Regierung Kohl, habe er bei den deutschen Politikern zum ersten Mal Arroganz wahrgenommen, sagt Lange. Seither sieht Lange überall Politiker, die nicht länger Diener ihres Landes sein wollen, sondern Herrscher. Die vergessen haben, so drückt er das aus, "dass sie unsere Angestellten sind, nicht wir ihre".

Jemand, der sich für Politik interessiert, hält das schwer aus. Ein paar Tage vor unserem Gespräch hatte sich Lange wegen Brustschmerzen im Krankenhaus untersuchen lassen, 2013 überlebte er einen Herzinfarkt nur knapp.

Lange hat Werte: Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit. Es sind die Werte seiner Generation, Helmut-Schmidt-Werte. Gleichzeitig sind es die Werte der Provinz, und so war es nur folgerichtig, dass Lange nach seiner Pensionierung ein Haus auf dem Land suchte und fand.

Seine Frau hat bis hierhin geschwiegen, jetzt mischt sie sich ein. Man habe das Gefühl, die Politiker hätten früher aus sich selbst gesprochen, sagt sie leise. "Wenn man die heute hört, hat man das Gefühl, die warten erst mal ab, was so von außen an sie rankommt. Und dann reden sie. Dass sie irgendwie gesteuert werden." Lange regt sich über vieles auf, weil er sich für fast alles interessiert: die Windenergie und den Zustand der Bundeswehr, das allgemeine Bildungsniveau und Probebohrungen im Wattenmeer, die Türkei und Iran. Ihn regt außerdem auch auf, dass der kleine Hafen von Friedrichskoog geschlossen wurde, obwohl viele Bürger ihn behalten wollten. "Der Normalbürger bekommt von der Politik nichts mehr erklärt. Er wird nicht mehr mitgenommen", sagt Lange, der gern mitgenommen werden würde. Er ist ein von der Politik Zurückgelassener, ein Rasender.

Etwas hat sich verschoben im Verhältnis von Stadt und Land, etwas, das mit enttäuschter Liebe zu tun hat, mit angeschlagenem Selbstbewusstsein. Früher hat das Land die Stadt ernährt, die Dörfler bezogen daraus ihren Stolz. Die ländliche Identität im Allgemeinen hat seither diverse Kränkungen hinnehmen müssen, weil Landwirtschaft, Handwerk und Industrie an Bedeutung verloren. Heute belohnt die Gesellschaft jene Bürger, die mit dem Kopf arbeiten, während diejenigen, die mit den Händen arbeiten, an Status verlieren. Aus dem Nebeneinander von Stadt und Land ist eine Hierarchie geworden. Stadt ist Zukunft, Land ist Vergangenheit. Etwas, das man verlässt - nur noch da, um Natur und Erholung für Städter bereitzuhalten.

Der heutige Stadtmensch sieht das Dorf als einen Ort, wo man gut leben kann, übers Wochenende beispielsweise, weil er hier nicht leben muss. Eine Art Freilichtmuseum.

Vielleicht liegt hier die Ursache für den Zorn von Udo Lange: in dem Gefühl, nicht länger Teil einer Gemeinschaft zu sein, sondern nur noch Statist, der eine Kulisse bewohnt. Ein Bürger zweiter Klasse.

Beim Lokalblatt "Dithmarscher Landeszeitung", die jeden Tag auch aus Albersdorf berichtet und an die Lange seine Briefe schickt, freuen sie sich über Menschen wie ihn. Lokalzeitungen geben denen, die sich als sprachlos empfinden, eine Stimme. Wut festigt die Leser-Blatt-Bindung.

Lokalzeitung, das heißt immer auch: Wir hier - und ihr dort. Kritischer Patriotismus. Die Zeitung, so sagt es der Chefredakteur Gerhard Wagner, wolle die Leser in ihrer Entscheidung, hier zu leben, unterstützen. "Wir sagen: Das war richtig, dass ihr hiergeblieben seid oder dass ihr hergekommen seid. Weil es hier vorangeht." Ist Dithmarschen abgehängt? Wagner sagt: "Man kann sich auch einreden, dass man abgehängt ist." Bei seiner Zeitung versuchen sie, authentisch zu sein. Glaubwürdig in ihrem Stolz auf die Heimat, verlässlich in ihrer kritischen Zuwendung. Die Leser, die gleichzeitig Freunde und Nachbarn sind, sprechen von "unserer 'DLZ'". Rund 800 Leserbriefe hat die Zeitung 2015 bekommen, dem Jahr der Flüchtlinge. Der Ton, sagt der Chefredakteur, sei rauer geworden. Meistens schreiben Männer, viele Briefe klingen verbittert, verächtlich.

Wenn Menschen das Gefühl haben, der Staat beteilige sie nicht mehr an den Entscheidungen, profitieren meistens Parteien, die den Staat grundsätzlich kritisieren: Sie wollen entweder einen starken Staat - oder einen anderen.

AfD-Mann Rotsolk: Bürger zweiter Klasse
Jakob und Laurenz Goos

AfD-Mann Rotsolk: Bürger zweiter Klasse

Herr Rotsolk von der AfD

In Deutschland betreibt die AfD das Geschäft mit dem Verdruss. Schleswig-Holstein wählt diesen Sonntag, 7. Mai, einen neuen Landtag. In ihrem Programm ist die AfD gegen Paralleljustiz und für Sicherheit im öffentlichen Raum, gegen die Verrohung bei Jugendlichen und für ein strengeres Mutterschutzgesetz sowie gegen "Sprach-, Denk- und Meinungszensur".

Es ist nicht ganz einfach, den Landtagskandidaten der AfD zu treffen, der im Wahlkreis Dithmarschen-Süd antritt, zu dem auch Albersdorf gehört. Wolfgang Rotsolk steht nicht im Telefonbuch, die Adresse, die Google anbietet, stimmt nicht mehr.

Rotsolk, Jahrgang 1940, lebt in Burg, 20 Autominuten von Albersdorf entfernt, in einem abgewohnten Haus am Ortsrand. Nach mehrmaligem Klingeln öffnet er, barfuß. Er führt uns ums Haus herum, im rückwärtigen Teil hat er eine Art Besprechungszimmer eingerichtet, in dem er offensichtlich auch seine Mahlzeiten einnimmt. Auf einem Pokertisch in der Mitte des Raums liegt ein Stück Butter neben einer umgestürzten Flasche Ketchup, daneben ein Fläschchen Sojasoße, eine Lupe, schmutzige Gläser, Briefe, Wahlprogramme. Irgendwo mittendrin: Rotsolks Aufnahmebescheid für die AfD.

Rotsolk ist gelernter Feinmechaniker, 1968 hat er sich als Druckmaschinenmonteur selbstständig gemacht. Eine Zeit lang träumte er von einem Gebrauchtwagenhandel mit Ghana, heute bekommt er 416 Euro pro Monat vom Staat.

Rotsolk machte anfangs bei der WASG mit, einer Linksabspaltung der SPD, die sich dann mit der PDS zusammentat. Nach seinem Rauswurf wechselte er zur Rentnerpartei, dann zu den Piraten.

Dann kam, was Rotsolk "Flüchtlingsproblematik" nennt. "Merkel hat gesagt: Wir schaffen das. Mich hat sie nicht gefragt. Also sind 'wir' nicht wir. Sie will es schaffen!" Merkel, sagt Rotsolk, habe "das deutsche Volk übern Tresen gezogen".

Rotsolk lud sich das Antragsformular für die AfD aus dem Internet herunter, wenig später bat ihn der Kreisverband zu einem Gespräch. Er bekam eine Mitgliedsnummer und einen Mitgliedsausweis, wegen der Sozialklausel zahlt er 30 Euro im Jahr, ein Viertel des üblichen Satzes.

Als der Wahlkreiskandidat für die Landtagswahl hinwarf, fragte einer beim Stammtisch, ob jemand einspringen wolle. "Klar", sagte Rotsolk, "mach ich" (Kurz nach unserem Treffen trat Wolfgang Rotsolk bei der AfD wieder aus und ist nun nicht mehr Kandidat: Bei einer Informationsveranstaltung vor Gymnasiasten hatte er mit homophoben Ausfällen für einen Eklat gesorgt).

Seit die AfD erfolgreich ist, wird die Provinz misstrauisch in den Blick genommen. In der Provinz wohnen Menschen, die in den öffentlichen Debatten nicht mehr auftauchen, eben weil sie glauben, in den öffentlichen Debatten nicht länger erwünscht zu sein.

Einmal im Jahr, jeweils zu Pfingsten, vergewissert sich Albersdorf seiner selbst: Zum Volksfest reisen Schausteller an und bauen ihre Fahrgeschäfte auf, Vereine und Honoratioren ziehen durchs Dorf, im Kurpark singt ein Stargast. Fremde kommen von weit her und viele ehemalige Albersdorfer, all jene, die weggezogen sind und sich einmal im Jahr versichern wollen, woher sie kommen, wer sie sind.

Das Volksfest ist eine schöne Konstante im Leben des Dorfs: Jedes Jahr wieder bauen sie das Dorf zu einer riesigen Freilichtbühne um, jedes Jahr grillen sie einen Ochsen, jedes Jahr beginnen sie den Sonntag mit einem Waldgottesdienst. Jedes Jahr bemühen sie sich, die Welt in das Dorf einzuladen, um das Dorf für drei Tage zur Welt zu machen.

Die Menschen feiern ein Fest, vor allem aber feiern sie die Idee Dorf. Zusammenkommen, da sein, reden: nicht darüber, was sich ändert, sondern über das, was bleibt. Sie feiern, was Dorf ausmacht, was das "Modell Dorf" über Jahrhunderte so erfolgreich gemacht hat: ein Ort für gelebte Solidarität, für Verlässlichkeit, Geborgenheit. Das Dorf feiert, was es ist, aber in Wahrheit feiert es, was es war: eine Schicksalsgemeinschaft, in der nicht zählte, was einer im Kopf hat, sondern allein, was er mit den Händen schuf. Wo die Bedeutung, die einer hatte, mit der Größe des Landes zusammenhing, das er bestellt.

Unternehmer Vollert: Es gibt Luschen, und es gibt Macher
Jakob und Laurenz Goos

Unternehmer Vollert: Es gibt Luschen, und es gibt Macher

Steffen Vollert will Lösungen

Wenn man fragt, wohin es mit dem Ort künftig gehen könnte, dann fällt praktisch in jedem Gespräch irgendwann ein Name: Steffen Vollert. Der Mann, der die Albersdorfer Kaserne gekauft hat, weil er etwas sah, was außer ihm niemand sah: Zukunft.

Steffen, Jahrgang 1967, wartet im ehemaligen Wachhäuschen. Wir haben dieselbe Schule besucht, Steffens Schwester hat mich morgens im Bus die Latein-Hausaufgaben abschreiben lassen. Während ich die Vokabeln in mein Heft notierte, begeisterte Steffen sich für die Traktoren, die draußen herumfuhren.

Nach der Schule machte er eine Lehre als Kfz-Mechaniker, er handelte mit Autos, später verpflichtete er sich für zwei Jahre bei der Bundeswehr. Dann spezialisierte er sich aufs Recycling, das Sprengen von Windmühlenfundamenten, das Zerkleinern von Asphaltbrocken. Um möglichst viele Brocken zerkleinern zu können, baute Steffen sich eine Brech- und Siebanlage: Vorn kommen große Steine rein, hinten kommen kleine Steine raus, darum geht es. "Wir machen Steine kaputt", sagt er. "Das ist das, was wir können." 2007 wurde die Kaserne, in der Steffen gedient hatte, geschlossen. Er kaufte das Gelände gemeinsam mit einem Partner, 36 Hektar insgesamt. Die beiden richteten einen Kindergarten, 30 Studentenwohnungen und ein Motel ein, vermieteten Lagerhallen und Büros. Wo andere Risiken sahen, sah Steffen Chancen. Für ihn gibt es nur zwei Arten von Menschen: Luschen, die nur "schnacken" - und Macher, die "etwas beschickt kriegen".

Als Schleswig-Holstein sich im vorigen Jahr in der Pflicht sah, rasch viele Flüchtlinge aufzunehmen, war Steffen gerade im Auto unterwegs, als das Telefon klingelte. Ein Staatssekretär war dran.

"Wie schnell können Sie 500 Flüchtlinge unterbringen?" Steffen überlegte einen Moment, dann sagte er: "Theoretisch ab morgen früh." Als die Flüchtlinge eintrafen, bat Steffen das Rote Kreuz um eine Gulaschkanone, rief einen Koch an, den er kannte, und nahm den Speisesaal der Kaserne wieder in Betrieb. Am Ende lud er die Albersdorfer zum Tag der offenen Tür.

Er organisierte auch, dass die Flüchtlinge auf dem Kasernengelände von Ärzten auf Tuberkulose untersucht werden können, er bat ehemalige Lehrer, den Gästen Deutsch beizubringen. "Wenn wir nett zu denen sind, dann schmeißen die keine Bomben", sagt er. "Und wenn sie irgendwann zurückkehren in ihre Heimat, dann kaufen sie Bohrmaschinen von Bosch und deutsche Autos." Organisieren gibt ein gutes Gefühl. Etwas beschicken können, das heißt auch: die eigene Kraft spüren.

Mitunter reicht eine Irritation, um die Euphorie wieder kaputtzumachen. In Albersdorf war es so, dass nach zwei Monaten die Bürokratie Steffens Kaserne erreichte. Das Schnelle, Unkonventionelle wurde von Zuständigkeiten eingehegt, die Begeisterung legte sich. Die Lehrer durften nicht länger unterrichten, weil sie nicht das Unterrichtsmodul für Flüchtlinge verwendeten. Und die ärztliche Untersuchung fand dann doch im Krankenhaus der Kreisstadt statt; mit Taxis wurden die Flüchtlinge nach Heide gefahren.

Steffen, den Praktiker, macht es wütend, wenn ihm Leute in die Quere kommen, die er für Theoretiker hält. Für Schnacker. Für Kompliziertmacher und Verlangsamer. "Ich mache das, was sinnvoll ist, so korrekt wie möglich. Ich werde aber ungeduldig, wenn ich Sachen korrekt machen soll, die sinnlos sind." Langfristig, so seine Erfahrung, kriegt die Politik nichts hin, weil alle Entscheidungen zentral getroffen werden müssen, in Kiel, Berlin, Brüssel, weit entfernt von denen, die sie betreffen. Das kostet dann Zeit und Kraft und mitunter Geld. Steuerzahlergeld, weil beispielsweise irgendein Behördenmensch, der etwas verlangt und dann wochenlang nicht auftaucht, mal eben fünfstellige Kosten verursacht.

Steffen will Lösungen. Weil die Politik ihn oft behindert, handelt er in ihrem Rücken. Im toten Winkel.

Land, das ist immer noch: anpacken, machen. Land ist konkret: Sonne und Regen, Aussaat und Ernte. Politik ist abstrakt, immer mehr: Sätze, die lediglich eine Stimmung testen sollen; Überzeugungen, die jederzeit verhandelbar sind; Programme, die zu nichts verpflichten.

Stadt ist das Denken in Möglichkeitsformen, Politik ist nichts anderes als eine Bühne, auf der Meinungen, Überzeugungen, Ideen ausprobiert werden. Land ist faktisch: Entweder man kann sich auf jemanden verlassen oder eben nicht.

In der Stadt gucken sie zu, wenn's brennt, sagt ein Freund, der zum Jurastudium nach Berlin ging und irgendwann nach Albersdorf zurückkehrte. Auf dem Land löschen sie - nicht aus Edelmut, sondern weil es sonst keiner macht. Und weil einer, der nicht hilft, wenn Hilfe nötig ist, eine steinige Zukunft vor sich hat. In Albersdorf, das ist seine These, könnte man alle Regeln, alle Staatsgewalt abschaffen - und kaum etwas würde sich ändern.

Vorn große Steine rein, hinten kleine Steine raus; die Brocken, die im Weg sind, nicht nur zerkleinern, sondern auch noch Geld damit verdienen - vielleicht ist das das ganze Geheimnis. Wenn einer nur genügend Fantasie hat und die Ferne des Staates, des Städtischen, der Politik und überhaupt das Abgehängtsein nicht als Zumutung empfindet - sondern als Freiheit.


Im Video: Ein Inder in Albersdorf
Harjinder Singhs Familie kommt aus Indien und lebt seit Jahren in Albersdorf. Hier erzählt der Sohn, warum seine Eltern ein Leben in der Provinz suchten - und hier in Albersdorf fanden.

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Tatsächlich ist das, was in Albersdorf am meisten beeindruckt, eine große, an keinerlei Bedingung geknüpfte Freundlichkeit. Jedes Wort ist das, was es bedeutet, es gibt weniger Ironie, keinen Tempodruck, der ständig auf Pointen zielt - was das Leben auf dem Land erholsam macht. Was meine Söhne am meisten beeindruckt hat: Viele Menschen blieben stehen, wenn sie ihre Fotos machten, nicht misstrauisch, sondern neugierig, erfreut darüber, dass da jemand Interesse hat an ihrem Dorf, an ihrem Leben. Alles sei sehr akkurat, das ist ihnen aufgefallen. Überall gestochene Rasenkanten, gestutzte Büsche, gefegte Straßen, kaum Müll. Eine Modellbauausgabe von Deutschland; ein Ort, der wie eines der Dörfer aussieht, die sie in ihren Computerspielen nachbauen. Das Wort, das meinen Söhnen einfällt, wenn sie Albersdorf beschreiben sollen: gemütlich.

Auf einem ihrer Fotos ist Steffens schwerer Feuerwehranzug zu sehen, er hängt im Wachgebäude der Kaserne an der Wand. Auf dem Namensschild, in Blockbuchstaben: S. VOLLERT

Der schwere Anzug, besonders aber das Namensschild, lösen in mir ein leichtes Ziehen aus, eine Sehnsucht. Darum geht es doch: gebraucht zu werden. Zu gebrauchen sein. Einen Namen zu haben. Kein Niemand zu sein, sondern jemand, den man kennt. Eine Bedeutung zu haben.

Wer in der Stadt lebt, möchte von der Zumutung verschont bleiben, zum Gedeihen der Gemeinschaft beitragen zu müssen. Vielleicht ist das aber keine Zumutung, sondern ein Geschenk: etwas beitragen zu dürfen, weil man etwas beizutragen hat.

Ihr dort. Aber wir hier. Was ich lange als Enge empfand, wäre dann, unter Umständen, Wärme.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
wilke.daniel35 07.05.2017
1. Gut!
Endlich mal ein sehr guter Artikel. Genau darum geht es. Und es macht die Gesellschaft kaputt. Wir brauchen etwas was uns verbindet und eben nicht den Druck der uns trennt. Wenn doch endlich mal mehr Menschen begreifen würden, dass der Mensch ein soziales Wesen ist... . Danke für den guten und wichtigen Gedanken. Und ich kann vollkommen bestätigen, dass man auf dem Land eben keine Nummer ist.
silvercat 07.05.2017
2. Guter Artikel
Hier findet man einige Antworten warum sich Menschen von der Politik allein gelassen fühlen. Nur wird sich was ändern? Bestimmt nicht mit wählen der AFD die sich als Retter profilieren wollen aber selbst keine Lösungen bieten. Ein miteinander anstatt gegen einander wäre ein guter Anfang...
_gimli_ 07.05.2017
3.
Zitat von wilke.daniel35Endlich mal ein sehr guter Artikel. Genau darum geht es. Und es macht die Gesellschaft kaputt. Wir brauchen etwas was uns verbindet und eben nicht den Druck der uns trennt. Wenn doch endlich mal mehr Menschen begreifen würden, dass der Mensch ein soziales Wesen ist... . Danke für den guten und wichtigen Gedanken. Und ich kann vollkommen bestätigen, dass man auf dem Land eben keine Nummer ist.
Ich stamme aus der Lausitz, aus einem Dorf mit im Jahr 1985 200 Einwohnern. Jetzt sind es noch 80. Nahezu alle jungen Leute sind weg und niemand würde mehr dahin zurück gehen. Ich bin 1992 nach Mittelfranken gezogen. Infrastruktur, Bildung, gut bezahlte Arbeit, Kinos, Theater usw. gibt es nicht auf dem Land und wird es nie geben. Und darum gewinnen im Kampf um die jungen Leute immer die Städte und ihre "Speckgürtel". Ich lebe in Herzogenaurach. Kleinstadt mit allem was man brauch, mit Erlangen/Nürnberg in Wurfnähe, München nicht weit weg und trotzdem die Natur vor der Haustür. Alles super. Deshalb wachsen solche Gegenden derart dynamisch und die Lausitz (genau wie Gebiete Oberfrankens und der Oberpfalz) hat das Nachsehen.
multimusicman 07.05.2017
4. Das ist der beste Artikel seit langem, der in
die Tiefe geht, ohne diese längst überholte links- rechts Brille aufzuhaben. Ich bin selbst Berliner und kann das Empfinden eines großen Teils der Landbevölkerung nachempfinden. Dieser Artikel kann jedem Politiker in Berlin empfohlen werden, der aufrichtig darum bemüht ist der Politikverdrosdenheit entgegenzuwirken, die zuerst wichtigsten Menschen im Land sind die Macher.....das sollte schleunigt anerkannt werden, sonst driftet unser Land weiter auseinander. Vielen Dank der Autorin und ihren Söhnen für ihren Bericht und viel Erfolg !
kratzdistel 07.05.2017
5. es gibt aber auch gewinner
heute fahren die Landbewohner viele Kilometer in die metropolregionen. verdienen dort gutes Geld und haben auf dem lande stattliche Wohnungen mit großem Grundstück und niedrige Lebenshaltungskosten..andere haben auf dem Zeltplatz einen Wohnwagen stehen, wo sie über die Woche wohnen. zwischen Mainz und Koblenz gibt es keine brücke, sondern nur fährverbindungen, weil man sich nicht einig wird. das trennt die menschen auch. warum sterben die ortansässigen betriebe, weil viele mit dem Auto zu den Einkaufszentren fahren und andere können das nicht mehr. das sind die leidtragenden
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