AfD-Selbstversuch auf Facebook In der Echokammer

Wer seine Nachrichten über Dienste wie Facebook bezieht, erlebt eine Welt, in der alles entfernt wird, was stört. Dazu gehören vor allem: andere Meinungen. Ich wollte wissen, wie sich das auswirkt.
AfD-Anhänger in Berlin: Eine Welt, in die selten ein Sonnenstrahl fällt

AfD-Anhänger in Berlin: Eine Welt, in die selten ein Sonnenstrahl fällt

Foto: Polaris/ Studio X

Vor drei Monaten habe ich einen Selbstversuch als AfD-Anhänger begonnen. Ich habe mir bei Facebook unter dem Nachnamen meiner Frau ein neues Profil zugelegt, als Hintergrundbild wählte ich eine Berglandschaft von Caspar David Friedrich. Dann schickte ich zehn Fremden, von denen ich annehmen konnte, dass sie mit der rechten Sache sympathisieren, eine Freundschaftsanfrage. Die Namen hatte ich aus Kommentaren auf den Facebook-Seiten der AfD in Berlin und Sachsen zusammengesucht.

Es war ein Experiment. Ich wollte herausfinden, wie sich der Blick auf die Welt verändert, wenn man plötzlich mit Leuten in Kontakt steht, die Lutz Bachmann für ein Justizopfer und Frauke Petry für die nächste Bundeskanzlerin halten.

Die meisten Menschen in meinem Umfeld finden beide schrecklich und sehen in ihnen eine Gefahr für die Demokratie. Deshalb können sie sich auch nicht vorstellen, warum jemand die AfD wählt.

Es ist erstaunlich, wie sich die Wahrnehmung verdüstert, wenn Facebook einen als AfD-Sympathisanten identifiziert hat. Man tritt in eine Welt, in die selten ein Sonnenstrahl fällt.

Die vergangene Woche begann mit einem Zusammenschnitt von Filmclips, in denen arabisch aussehende Jugendliche auf Menschen einschlugen, die laut um Hilfe riefen. "Achtung!! Teilen!!!" stand darunter. "Dieses Video zeigt die Gewalt, die sich Einheimische gefallen lassen müssen von Migranten."

Dann las ich die Nachricht, dass in der Stadt Neuss auf Druck der Muslime an einem ersten Kiosk statt Bockwurst nur noch Hühnchenspieße verkauft werden. Später wurden mir Schockbilder von Tierschlachtungen präsentiert, verbunden mit dem Aufruf, mich für einen Bann der Schächtung einzusetzen.

So geht es immer weiter, Tag für Tag. Auf die Meldung über das Bockwurst-Verbot folgt die Nachricht, dass jetzt die Sparschweine verschwinden, nach dem Sparschwein-Alarm kommen neue Schlägervideos. Wer das länger mitmacht, muss unweigerlich zu dem Schluss gelangen, dass Deutschland vor die Hunde geht, wenn sich nicht bald etwas ändert. Und das Irrste ist: Nichts davon findet sich in den herkömmlichen Medien!

Die meisten Menschen glauben, dass die Nachrichten, die sie über Facebook empfangen, Teil eines Facebook-Nachrichtendienstes seien. Was sie dort lesen, zeigt nach ihrer Überzeugung, wie es in Wirklichkeit zugeht, sobald man die Scheuklappen ablegt. Wenn man den Leuten sagt, dass ihr "Newsfeed" anders aussieht als der ihres Nachbarn und erst recht anders als der eines politischen Opponenten, sind sie überrascht.

In Wahrheit richtet sich das Nachrichtenangebot nicht nach der Weltlage, sondern nach den Vorlieben und Abneigungen, die man durch die Likes zu erkennen gibt. Weil Facebook seine Nutzer möglichst lange auf der Seite halten will, sorgt das Unternehmen dafür, dass sie die Zeit dort angenehm verbringen, was heißt, dass es alles von ihnen fernzuhalten versucht, was als störend empfunden werden könnte. Singles bekommen keine Hochzeiten zu sehen, weil sie das daran erinnert, dass sie noch immer allein sind. Hundefreunde erfahren nichts über die Vorzüge eines Lebens mit Katzen. AfD-Wähler bleiben von allen Meldungen verschont, in denen Flüchtlinge eine positive Rolle spielen.

Experten schreiben seit Langem, dass diese Form algorithmisch kuratierter Wirklichkeit die politische Meinungsbildung beeinflusst. In seinem ersten Fernsehinterview nach der Wahl hat Donald Trump jetzt gesagt, er verdanke seinen Sieg auch Facebook, Twitter und Instagram. Gegen die Macht der sozialen Medien habe Hillary Clinton keine Chance gehabt, trotz ihrer Überlegenheit beim Wahlkampfgeld. Es klang wie eine typische Trump-Übertreibung, aber es spricht viel dafür, dass er recht hat.

Für viele Menschen ist Facebook längst mehr als ein Portal, auf dem man hinterlässt, welchen Film man gerade gesehen oder mit wem man den Abend verbracht hat. Es ist ihr Tor zur Welt. Das Erste, was sie morgens tun, wenn sie aufwachen, ist, auf Facebook nachzusehen, was sie über Nacht verpasst haben. 27 Prozent der Deutschen beziehen inzwischen einen Teil ihrer Nachrichten über das Netzwerk, in der Altersgruppe unter 35 Jahren sind es sogar 37 Prozent. In den USA ist der Anteil noch höher. Dort sagen 44 Prozent, dass Facebook eine wichtige Nachrichtenquelle sei, wie eine Umfrage des Pew Research Center ergeben hat.

Niemand weiß genau, wie die Informationen zustande kommen, nach welchen Kriterien sie ausgewählt werden oder ob es einen Mechanismus gibt, Falschmeldungen zu identifizieren und auszusortieren. Zu alldem macht das Unternehmen keine Angaben, jedenfalls keine, die man überprüfen könnte. In einer Studie haben drei Facebook-Mitarbeiter im vergangenen Jahr nachzuweisen versucht, dass die politischen Neigungen der Nutzer weniger Einfluss auf den Nachrichtenstrom haben als angenommen. Aber da die Nutzerdaten unter Verschluss gehalten werden und die Studie damit nicht reproduzierbar ist, ist die Untersuchung wissenschaftlich wertlos.

Auf der Website des "Wall Street Journal" lässt sich momentan in Echtzeit verfolgen, wie sich die politische Welt auf Facebook teilt. Die Redaktion hat in einer aufwendigen Simulation aus den Artikeln, die linksliberale und konservative Nutzer empfehlen, zwei Newsfeeds entwickelt, einen blauen und einen roten. Wer die beiden nebeneinanderlaufen lässt, sieht zwei feindliche Reiche, die außer bestimmten Namen (Obama, Trump, Clinton) und Themen (Waffen, Abtreibung, IS) kaum noch etwas gemein haben.

Da niemand die Nachrichten überprüft, schießen die verrücktesten Theorien ins Kraut.

Die Wissenschaft nennt das "Echokammer" oder "Filterblase", aber das beschreibt nur unzureichend, was wir gerade erleben. Tatsächlich ist es eine Selbstabschottung der politischen Milieus, deren Auswirkungen auf den demokratischen Prozess sich erst erahnen lassen. Wer die "Süddeutsche Zeitung" oder die "Frankfurter Allgemeine" liest, um sich auf dem Laufenden zu halten, stößt immerhin hin und wieder auf Artikel, die seinem Weltbild zuwiderlaufen. Wer sich in den sozialen Medien bewegt, sieht irgendwann nur noch, was die eigene Meinung bestätigt.

Man kann den Filter auch nicht mal eben abstellen, um ungefilterte Nachrichten zu erhalten oder schnell in Kontakt mit Menschen zu treten, die anderer Auffassung sind. Nach dem Brexit-Votum hinterließ der Start-up-Gründer Tom Steinberg auf seiner Seite einen entnervten Kommentar: "Ich suche gerade aktiv nach Leuten, die den Brexit-Sieg feiern, aber die Filterblase ist so stark und reicht so weit in alle Bereiche bei Facebook, dass ich niemanden finde, der glücklich ist, obwohl die Hälfte des Landes gerade jubiliert."

Dass Menschen in unterschiedlichen politischen Welten leben, kennen wir. Auch in Deutschland haben wir hoch polarisierende Wahlkämpfe erlebt. Franz Josef Strauß verkörperte eine komplett andere Weltsicht als Willy Brandt, Kohl eine andere als Lafontaine. Aber auch in den bewegtesten Zeiten existierte zwischen den politischen Lagern ein Band der Tatsachen, eine empirische Basis, auf die man sich einigen konnte.

Wo abweichende Meinungen ausgeblendet werden, gibt es auch keine Kontrolle mehr, ob das, was man für richtig hält, eine Verankerung in der Wirklichkeit hat. Es reicht völlig aus, dass etwas denkbar ist, damit es für wahr gehalten wird. Einer Auswertung von BuzzFeed zufolge waren 38 Prozent der Artikel auf republikanisch gefärbten Facebook-Seiten irreführend oder falsch, bei demokratisch geprägten Seiten waren es 19 Prozent. Dass viele Nachrichten, die in den Wahlkampfwochen unter die Facebook-Nutzer gebracht wurden, aus einer mazedonischen Kleinstadt namens Veles stammten, scheint nicht weiter aufgefallen zu sein. Und wenn es jemand bei Facebook aufgefallen sein sollte, hat es dort offenbar keinen gestört.

Da niemand die Nachrichten, die in Umlauf gesetzt werden, auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft, schießen die verrücktesten Theorien ins Kraut. Am Dienstag vergangener Woche war ich bei "Markus Lanz" zu Gast, um über die US-Wahl zu reden. Neben mir saß eine Finanzexpertin, die an der Wall Street Karriere gemacht hatte und die eindeutig mit Hillary Clinton sympathisierte. Nach der Sendung standen wir noch etwas zusammen. Über einem Glas Weißwein raunte sie mir zu, dass Putin Trump in der Hand habe, weil er Nacktfotos von geheimen Orgien mit Trump besitze. Noch wenige Minuten zuvor hatten wir darüber geredet, wie verrückt es sei, dass viele Republikaner jedes Gerücht über Clinton, das sie irgendwo im Netz aufgeschnappt haben, für bare Münze nähmen. Als ich nach der Quelle für die Orgienfotos fragte, sagte meine Gesprächspartnerin: Facebook.

Viel ist in diesen Tagen vom Versagen der Medien die Rede. Es heißt, dass die Medien Trump unbeabsichtigt groß gemacht hätten, statt ihn zu entblößen. Man kann der "New York Times" alles Mögliche vorhalten, aber nicht, dass sie Trump gegenüber unkritisch geblieben wäre. Alles konnte man im Detail nachlesen: die Lügen und Wahrheitsverdrehungen des republikanischen Kandidaten, seine Vergangenheit als Konkurskünstler und Steuervermeider, die Klagen und Gerichtsverfahren, weil er Leute übervorteilt hat, die ihm vertraut hatten.

Das Problem ist: Die Leute, die Trump wählen, scheren sich nicht darum, was in der "New York Times" oder der "Washington Post" steht. Sie sehen auch nicht CNN oder MSNBC. Sie beziehen ihr Wissen aus dem Internet, und wenn sie den Fernseher einschalten, dann gehen sie zu einem Sender ihres Milieus wie Fox News.

Der zweite Teil der Kritik bezieht sich auf die Voreingenommenheit, die den professionellen Journalismus daran gehindert habe zu sehen, was kommt. Wer nur von Leuten umgeben ist, die über viele Dinge so denken wie man selbst, neigt dazu, die Popularität der eigenen Weltanschauung zu überschätzen. Dieser Rückkopplungseffekt ist nahezu unvermeidlich. Aber auch hier zielt die Kritik in gewisser Weise ins Leere, jedenfalls wenn mit ihr die Erwartung verbunden sein sollte, eine bessere Einschätzung der Wahlchancen hätte etwas an dem Ergebnis geändert.

Es gibt bislang keine Vorstellung, wie man damit umgehen soll, wenn die Bürger, von denen die Stärke des Gemeinwesens abhängt, nicht einmal über die einfachsten Fakten Einigkeit erzielen können. "Wahrheit" und "Wahrhaftigkeit" nannte Jürgen Habermas als die Voraussetzung kommunikativen Handelns. Dass ein nennenswerter Teil der Gesellschaft in verschwörungstheoretischen Zusammenhängen denkt, ist in Habermas' Diskurstheorie nicht vorgesehen.