Rechtspopulisten Alternative für Russlanddeutschland

Sie liebten Helmut Kohl und wählten treu Union. Doch die Merkel-CDU ist ihnen fremd geworden: zu flüchtlingsfreundlich, zu Putin-kritisch, zu liberal. Jetzt wenden sich viele Russlanddeutsche der AfD zu.
Von Philip Kaleta, Kateryna Kapliuk, Kateryna Lutska und Yana Stepaniuk
AfD-Mitglied Braun

AfD-Mitglied Braun

Foto: DER SPIEGEL / Eric Vazzoler

Es ist schon spät, als die AfD Baden-Württemberg ihren Stammtisch zur Flüchtlingskrise beendet. Peter Braun schlendert hinaus in die Dunkelheit und steigt in seinen Wagen. Nachts durch Pforzheim zu laufen sei gefährlich, erklärt er und zeigt auf einen dunkelhaarigen Passanten. "Solche Männer" gebe es jetzt überall in der Stadt, sie schauten den Frauen so seltsam hinterher, man müsse vorsichtig sein. "Wir Deutschen fühlen uns hier wie eine Minderheit", sagt Braun.

Die Ironie dieses Satzes scheint dem 57-Jährigen gar nicht aufzufallen: Braun stammt aus Tadschikistan, er ist als Jugendlicher nach Deutschland gekommen und hat oft erlebt, wie seine neuen Nachbarn ihn und seine Familie argwöhnisch beäugten. Aber das ist lange her. Braun gehört jetzt dazu. Die anderen nicht.

Wie Braun leben rund drei Millionen ehemalige Bürger der Sowjetunion im Bundesgebiet. Bisher bildeten sie eine unauffällige Minderheit, die allerdings mit ihrer Identität hadert: In der UdSSR fühlten sie sich wegen ihrer deutschen Herkunft als nicht zugehörig und in der Bundesrepublik wegen ihrer russischen Vorgeschichte oft nicht richtig akzeptiert. Viele wählten die CDU, aus Dankbarkeit gegenüber Helmut Kohl, der sie mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs ins Land gelassen hatte.

Das ändert sich seit einiger Zeit. Im Wahljahr 2017 haben die Parteien die Russlanddeutschen als Zielgruppe entdeckt. Denn die politischen Loyalitäten in ihrem Milieu lösen sich auf, nicht nur bei Peter Braun, der die CDU nach vielen Jahren verlassen hat, um der AfD beizutreten. Viele Aussiedler stören sich an der Flüchtlingspolitik Angela Merkels. Sie hadern mit der westlichen Kritik an Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Etliche haben ein tiefes Misstrauen gegenüber der deutschen Öffentlichkeit entwickelt.

Davon profitiert nicht zuletzt die AfD, unterstützt von russischen Medien, die bei ihren "Landsleuten" in Deutschland immer wieder Fremdenhass schüren. Wie es scheint, zeigen die Manipulationsversuche Wirkung. In einer Stadt wie Pforzheim, in der Russlanddeutsche einen großen Bevölkerungsanteil haben, kam die Partei bei Wahlen zuletzt auf mehr als 20 Prozent.

Aber hält dieser Trend bis zur Bundestagswahl an? Oder verliert die AfD mit ihrer Chefin Frauke Petry auch bei Russlanddeutschen zwischenzeitlich wieder an Zustimmung, ähnlich wie in anderen Bevölkerungsgruppen?

Zu den umworbenen Wählern gehören Bürger wie Paul und Lina Fischbuch aus Heilbronn. Der 41-Jährige aus Kasachstan und die 39-Jährige aus Usbekistan leben seit den Neunzigerjahren in Deutschland, sie haben ein eigenes Finanzdienstleistungsunternehmen. Zu Hause sprechen sie meistens deutsch mit den beiden Söhnen.

Vor der Flüchtlingskrise, so erzählen sie, hätten sie sich kaum für Politik interessiert. Im Juni 2016 habe sich das schlagartig geändert. Damals fand in der Disco in der Nähe ein russischer Abend statt. Plötzlich seien mehrere Flüchtlinge im Klub aufgekreuzt. Es kam zu einer Prügelei. Am Ende mussten drei Menschen verletzt ins Krankenhaus gebracht werden - ein Syrer und zwei Deutsche. Einer von ihnen war ein Neffe der Fischbuchs.

Solche Vorfälle, davon sind die Eheleute überzeugt, gebe es jetzt häufig in Deutschland. Aber die Medien berichteten gar nicht oder nur halbherzig darüber. Woher sie dann davon wissen? Aus dem Internet, sagen die beiden. Für welche Partei er im September stimmen werde, wisse er noch nicht genau, sagt Paul Fischbuch. Es könne aber nur eine Partei sein, die für Frieden mit Russland und die Abschaffung der Sanktionen streite. Die CDU jedenfalls werde es nicht sein.

AfD-Vorsitzende Petry mit Russlanddeutschen

AfD-Vorsitzende Petry mit Russlanddeutschen

Foto: Roland Geisheimer / attenzione

Verunsicherte Russlanddeutsche wie die Fischbuchs sind nicht nur für die AfD attraktiv, auch die Linke gibt sich Mühe. Zum Beispiel in Marzahn-Hellersdorf, einem Berliner Wahlkreis, in dem die linke Vizepräsidentin des Bundestags Petra Pau bei vergangenen Wahlen Ergebnisse von mehr als 30 Prozent eingefahren hat.

Anfang 2016 machte der Fall des russlanddeutschen Mädchens Lisa bundesweit Schlagzeilen. Das Gerücht, dass die 13-Jährige aus Marzahn von Ausländern entführt und vergewaltigt worden sei, stellte sich zwar schnell als falsch heraus. Trotzdem hielt die russische Propaganda an ihren Vorwürfen fest - und hatte damit Erfolg. Kurz darauf demonstrierten aufgebrachte Russlanddeutsche wegen Lisa und der Kölner Silvesternacht vor dem Kanzleramt. "Hände weg von unseren Kindern", riefen viele.

Auch in Marzahn-Hellersdorf war die Empörung unter den etwa 30.000 Russlanddeutschen im Bezirk groß. Bei den Berliner Kommunalwahlen im September erreichte die Linke 26 Prozent, die AfD wurde mit 23,2 Prozent zweitstärkste Kraft - natürlich nicht nur dank der Russlanddeutschen.

Und nun? Ein Frühlingsabend in der evangelischen Kirche von Marzahn. Die Linken-Politiker Petra Pau und Stefan Liebich haben zur Diskussion geladen, viele Aussiedler sind gekommen. Zunächst geht es um die Ukraine. Die westlichen Sanktionen gegen Russland seien kontraproduktiv, wettert Liebich zur Begeisterung des Publikums. Dann spricht Pau über die Flüchtlingspolitik. In Asylbewerbern sehe sie zunächst Menschen, nicht Kriminelle, sagt sie, eine Obergrenze dürfe es nicht geben. Im Saal herrscht betretenes Schweigen.

Vielleicht ist das Flüchtlingsthema bei vielen Russlanddeutschen so sensibel, weil es an alte Ängste rührt. Weil es sie daran erinnert, wie schwierig die Ankunft und die Integration für sie gewesen sind. Walter Gauks, 34, ist 1996 mit seiner Familie aus Kasachstan nach Deutschland gezogen, in die alte Heimat seiner Oma. Man hat sie nicht mit offenen Armen empfangen.

Als 15-Jähriger kam Gauks in eine Schule im sachsen-anhaltinischen Bernburg. "Dort habe ich verstanden, wie feindselig rechtsradikale Einheimische sein können, wenn Fremde zu ihnen kommen", sagt er. Es gab etliche Prügeleien auf dem Pausenhof. Mit anderen jugendlichen Landsleuten schloss er sich zu einer Art Patrouille zusammen, um das Heim zu schützen, in dem sie lebten. Dort schmissen Unbekannte regelmäßig die Fenster ein. "Man hat uns immer wieder Schimpfnamen gegeben. Für mich war das ein Schock."

Heute engagiert er sich als Jugendvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland für eine bessere Integration von Russlanddeutschen. Er hat verfolgt, wie russische Journalisten über den Fall Lisa berichteten. "Die Presse hat einen Keil zwischen uns und die anderen Deutschen getrieben", sagt Gauks über russische Medien. Er versucht, so viele Russlanddeutsche wie möglich über soziale Netzwerke zu kontaktieren, um ihnen zu raten: "Liebe Landsleute, lasst Euch nicht von den Radikalen instrumentalisieren!"

Demonstration gegen die angebliche Entführung einer 13-Jährigen in Berlin am 23.01.2016

Demonstration gegen die angebliche Entführung einer 13-Jährigen in Berlin am 23.01.2016

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/ picture alliance / dpa

Eigentlich gelten Aussiedler als gut integriert, wie zum Beispiel eine Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zeigt.

Wie schwer der Dialog mit Wählern aus der ehemaligen UdSSR trotzdem fällt, hat CDU-Generalsekretär Peter Tauber erkannt: Abgeordnete schafften es vielleicht einmal im Quartal, Organisationen der Russlanddeutschen zu besuchen, sagt er. Der Propagandasender Russia Today hingegen versorge sie mehrmals täglich mit Meinungen - und skizziere ein verqueres Bild der Bundesrepublik.

Ähnlich argumentiert die SPD. Sie will sich außerdem darum kümmern, dass Bildungs- und Berufsabschlüsse der Einwanderer besser anerkannt werden. Damit könnten Russlanddeutsche eine höhere Qualifikation erlangen, die sie wiederum in besser bezahlte Arbeit bringen würde.

An tristen Tagen wirkt die Hochhaussiedlung auf dem Buckenberg in Pforzheim-Haidach wie eine Musterwerkstatt für Grautöne. Über 60 Prozent der Einwohner hier haben einen Migrationshintergrund, die meisten von ihnen sind Russlanddeutsche. Bei den letzten Wahlen gewann die AfD 43,2 Prozent.

Die wenigen Menschen, die durch die Straßen laufen, sind Rentner. Reger Betrieb herrscht dagegen im Galinka, wo neben russischen Wurstwaren auch ineinander verschachtelte Matrjoschka-Puppen mit Politikergesichtern verkauft werden: außen Putin, innen Stalin, Lenin und Gorbatschow. Daneben liegt der Salon Alona, ein Friseurladen, in dem der russische Perwy Kanal als Endlossendung läuft und wo die 37-jährige Alona Feil als Inhaberin das Sagen hat. "Wenn du in Haidach kein Russisch sprichst, wird es schwierig", sagt sie.

Für Politik interessiert sie sich nicht. Russische Nachrichten schaue sie nur wegen ihres Mannes, der den Fernseher anbrülle, wenn dort Kritisches über Putin gezeigt werde. Wie viele andere Pforzheimer ging auch Alona Feil auf die Straße, nachdem sich der Fall Lisa bis zum Schwarzwald herumgesprochen hatte. "Alle Verbrecher müssen bestraft werden", sagt die Friseurin. Dass die vermeintliche Vergewaltigung erfunden war, sei egal, Demonstrationen gegen Gewalt seien "nie überflüssig".

Früher hat sich Erika Steinbach um die Sorgen russischer Einwanderer gekümmert. Als sie noch Präsidentin des Bundes der Vertriebenen war, forderte sie zum Beispiel höhere Renten für die ehemaligen Sowjetbürger. Aus der CDU ist die Bundestagsabgeordnete Mitte Januar im Streit um die Flüchtlingspolitik ausgetreten.

Steinbach findet es nachvollziehbar, dass sich Russlanddeutsche ebenfalls von der Union abwenden. Flüchtlinge hätten es heute leichter als die Russlanddeutschen in den Neunzigerjahren, behauptet sie. Ehemalige UdSSR-Bürger mit deutschen Wurzeln hätten bei ihrer Ankunft in der Bundesrepublik keineswegs eine "Premiumbehandlung" wie heutige Asylbewerber erfahren.

Ehemalige CDU-Politikerin Erika Steinbach (Archiv

Ehemalige CDU-Politikerin Erika Steinbach (Archiv

Foto: Bernd von Jutrczenka/ dpa

Treibt ein solches Gefühl der Vernachlässigung, wie übertrieben es auch sein mag, russlanddeutsche Bürger nun vermehrt zur AfD? Oder entsprechen ihre politischen Stimmungen im Großen und Ganzen dem durchschnittlichen Meinungsbild in der Bevölkerung?

Waldemar Eisenbraun sagt, dass er Glück gehabt habe. Er sei ganz am Anfang des Aussiedlerzuzugs nach Deutschland gekommen und gelangte mit seinen Eltern in ein Dorf in Bayern. Weil es dort nicht viele andere Russlanddeutsche gab, habe sich die Familie schnell integriert. Das unterscheide sie von so vielen anderen, die später kamen, in riesigen Wohnblocks untergebracht wurden und so oftmals unter sich blieben.

Heute, mit 42, ist er Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Klischees über Russlanddeutsche regen ihn auf. Verbrecher, Arbeitslose, Schmarotzer, so sähen viele hier Geborene die aus dem Osten Zugewanderten.

Es hat sich einiges aufgestaut bei einem der wichtigsten Repräsentanten der Russlanddeutschen: "Die Werte in Deutschland unterscheiden sich sehr von unseren", sagt Eisenbraun. Wie vielen Landsleuten ist ihm zum Beispiel unverständlich, warum gleichgeschlechtliche Paare hier auf dem Standesamt ihre Partnerschaft eintragen dürfen. "Ich bin überzeugt, dass Familien aus Vater, Mutter und Kindern bestehen sollten."

Die etablierten Parteien sollten endlich "aufwachen" und mehr für die Millionen Wähler mit russischer Vergangenheit tun. "Wer uns ernst nimmt und unsere Probleme löst, der wird unsere Unterstützung bekommen", sagt er. "Aber je mehr man uns ignoriert, in den Medien diffamiert und in die Schmuddelecke drängt, desto mehr Protesthaltung wird dadurch entstehen."

Noch hat Eisenbraun die Hoffnung nicht verloren. "Wir wollen", sagt er, "Deutsche unter Deutschen sein."

Die drei Autorinnen stammen aus der Ukraine und haben den Artikel während eines SPIEGEL-Praktikums im Rahmen des European Associates Programms recherchiert. Philip Kaleta ist Praktikant im Hauptstadtbüro des SPIEGEL.