Agentenaffäre Die große Verschwörung

Dies ist die Geschichte einer Verschwörung von Verschwörungstheoretikern. Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, geben Einblick in eine Welt, in der Irrsinn kein Irrsinn sein darf, weil er in den Akten einer deutschen Behörde festgehalten ist.
An­ge­klag­te Hahn­dorf (2. v. l.), Wil­ke­ning (r.), Ver­tei­di­ger im Schwe­ri­ner Land­ge­richt

An­ge­klag­te Hahn­dorf (2. v. l.), Wil­ke­ning (r.), Ver­tei­di­ger im Schwe­ri­ner Land­ge­richt

Foto: Dmitrij Leltschuk / DER SPIEGEL

Als das Verfahren in Saal 18 des Landgerichts Schwerin im November begann, schien der Fall überschaubar: Ein Beamter im Landeskriminalamt (LKA) Mecklenburg-Vorpommern hat sich, so die Anklage, bestechen lassen, Geld gegen nützliche Informationen auch aus dem Polizeicomputer. Nichts deutete darauf hin, dass sich der Prozess in der Provinz zu einer Affäre ausweiten könnte, in die der Bundesnachrichtendienst (BND) ebenso verstrickt ist wie ein ehemaliger Bundesanwalt.

Auffällig waren lediglich die beträchtlichen Summen, die die Berliner Unternehmensberaterin Christina Wilkening dem Kriminalhauptkommissar Heinz-Peter Hahndorf seit 2008 gezahlt haben soll: Mehr als 300.000 Euro Schmiergeld für Informationen über Personen, Erkenntnisse aus Ermittlungsverfahren oder Halterangaben aus dem Zentralen Verkehrsinformationssystem. Die Daten verwertete sie für ihre Klienten.

In der Anklage erscheint Wilkening, 69, als smarte Nachrichtenhändlerin. Fünf- bis sechsstellige Honorare soll sie von Geschäftsleuten für Informationen über Konkurrenten und Kontakte zu Ermittlungsbehörden kassiert haben. Eine schillernde Frau mit besten Verbindungen in Halb-, Schein- und Geheimdienstwelten, die in der Agentenszene bekannt ist, weil sie schon seit Jahren mit Nachrichten dealt - auch mit solchen, die gar keine sind.

Ihr wegen Bestechlichkeit angeklagter Geschäftspartner Hahndorf war jahrelang Leiter einer Ermittlungsgruppe in der Abteilung Staatsschutz des LKA.

Der Kriminalhauptkommissar und die Nachrichtenhändlerin sind die Hauptakteure eines Agentenkrimis, dessen Ausmaß erst jetzt langsam sichtbar wird. Es ist eine bizarre Affäre, die sich da anbahnt - nicht nur, weil der BND den angeklagten LKA-Mann ohne Wissen seiner Vorgesetzten für Hilfsdienste verpflichtet hatte. Manches deutet darauf hin, dass der BND im Fall Wilkening/Hahndorf über Jahre gegen geltendes Recht verstieß, weil er im Inland Aufklärung betrieb.

Es war am vierten Verhandlungstag, als Wilkenings Pflichtverteidiger Christian Stünkel den Vermerk eines Fahnders aus den Akten hervorholte. Darin war von einer BND-Mitteilung an das Bundeskriminalamt (BKA) die Rede, die in einem "VS- Vertraulich" gestempelten Sonderband der Ermittlungsakte abgelegt worden sei.

Die Existenz der vertraulichen Papiere hatte die Staatsanwaltschaft verschwiegen. Auch dass sie längst gegen einen ehemaligen Agenten des Nachrichtendienstes wegen des Verdachts des Verrats von Dienstgeheimnissen und Bestechlichkeit ermitteln, hielten die Staatsanwälte unter der Decke.

Der inzwischen pensionierte BND-Mann - Deckname: Holger Wansbeck - solle, so Stünkel, als Zeuge geladen werden. Es bestehe der Verdacht, dass "Wansbeck" Informationen des BND an den LKA-Mann Hahndorf weitergegeben habe, um über dessen Kooperation mit Wilkening auf dem Laufenden zu sein.

Ein BND-Agent als Komplize eines korrupten Polizisten und einer dubiosen Nachrichtenhändlerin?

Es ist dieser Verdacht, der den Schmiergeldprozess in der mecklenburgischen Provinz zum Politikum macht. Lorenz Caffier (CDU), Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, hat vom Kanzleramt bereits schriftlich eine lückenlose Aufklärung über die Aktivitäten des BND in seinem Zuständigkeitsbereich gefordert. Doch aus Berlin bekam er bisher nur zu hören, man wolle erst einmal den Ausgang des Verfahrens abwarten.

Dreh- und Angelpunkt der jahrelangen Kungelei zwischen den Angeklagten, mehreren BND-Agenten und einem Bundesanwalt war eine Ermittlungsgruppe (EG) beim LKA Mecklenburg-Vorpommern namens "Luna". Deren Akten sind geeignet, dem Ansehen dreier Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik Deutschland schweren Schaden zuzufügen. Was darin über die Zusammenarbeit von LKA, Bundesanwaltschaft und BND mit der Nachrichtenhändlerin Wilkening zu lesen ist, ist die Geschichte einer Verschwörung von Verschwörungstheoretikern wider alle Vernunft und Plausibilität.

Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, geben Einblick in eine Welt, in der Wachsamkeit zu Paranoia wurde und in der Irrsinn kein Irrsinn sein darf, weil er in den Akten einer deutschen Behörde amtlich festgehalten ist. Wer Argumente für die Abschaffung von Geheimdiensten sucht, wird in den Annalen der EG "Luna" fündig.

"Luna"-Akten

"Luna"-Akten

Eine zentrale Figur in der Geschichte der Ermittlungsgruppe war Bundesanwalt Wolf-Dieter Dietrich, der bis zu seiner Pensionierung im Februar 2015 beim Generalbundesanwalt (GBA) als Referatsleiter für Landesverrats- und Spionagedelikte zuständig war. Dietrich habe sich "in besonderem Maße um die Stabilität und die Erhaltung der inneren und äußeren Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland verdient gemacht", lobte ihn der Generalbundesanwalt anlässlich seines Abschieds.

Mit großem Aufwand, aber mehr als fragwürdigem Ertrag führten Dietrich und die Beamten der EG "Luna" zwischen 2005 und 2008 die GBA-Ermittlungen wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit gegen zwei Geschäftsleute in Mecklenburg-Vorpommern.

Nun sitzt ausgerechnet jener Wolf-Dieter Dietrich im Schweriner Prozess gegen die Nachrichtenhändlerin und den LKA-Mann - in einer überraschenden Rolle: als Wahlverteidiger von Christina Wilkening. Wie kommt er zu diesem Mandat?

Gegenüber dem SPIEGEL erklärt er das so: Er habe mit Frau Wilkening vor Jahren einmal dienstlich zu tun gehabt und habe seitdem hin und wieder in Berlin einen Kaffee mit ihr getrunken. Deshalb habe Wilkening ihn angerufen, als Polizisten mit Durchsuchungsbeschluss und Haftbefehl vor ihrem Haus standen. Sie habe ihm leidgetan, und so habe er das Mandat übernommen.

Dass diese Version wohl nicht ganz der Wahrheit entspricht, legt ein brisanter Vermerk aus der Abteilung für Schwere und Organisierte Kriminalität des Bundeskriminalamts nahe. Dem Papier zufolge hatte sich Dietrich am 15. Juli 2016 telefonisch bei einer "BND-Mitarbeiterin mit Dienstnamen Landers" gemeldet.

Weiter heißt es in dem Vermerk: "Dietrich habe erklärt, er sei bezüglich der Verteidigung der Beschuldigten Wilkening mandatiert, die Verteidigung stehe für ihn aber nicht im Vordergrund. Dietrich habe angeboten, für jede Schandtat bereit zu sein, wenn der BND eine Idee hätte, wie der Schaden für den BND möglichst gering gehalten werden kann ... Laut Dietrich könne es nicht im Interesse des BND sein, dass die Kontakte des Beschuldigten Hahndorf zum BND detailliert aufbereitet würden."

Doch die BND-Frau schlug die Offerte aus und informierte die Kollegen vom BKA. Dort muss Dietrich womöglich schon bald erklären, was das Motiv seines fragwürdigen Angebots war. Will er verhindern, dass seine Vergangenheit im Schatten des BND ausgeleuchtet wird? Die Staatsanwaltschaft prüft, ob es einen Anfangsverdacht wegen "Anstiftung zur Strafvereitelung im Amt" gibt.

Dietrich war, den Ermittlungsakten zufolge, sogar derjenige, der LKA-Mann Hahndorf 2005 mit dem BND-Mitarbeiter "Wansbeck" zusammenbrachte. Er betraute auch Hahndorfs EG "Luna" mit den Ermittlungen gegen die der Spionage verdächtigen Geschäftsleute.

Dass Wilkening die "Luna"-Ermittlungen nicht nur begleitete, sondern beeinflusste und mitunter sogar initiierte, soll Dietrich gewusst haben. Der ehemalige Bundesanwalt mag sich, allem Anschein nach, nicht zu den Vorgängen äußern. Einen 30 Punkte umfassenden Fragenkatalog des SPIEGEL ließ er bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Angefangen hatte alles mit einem Provinzgauner, der im Gefängnis saß und Hafterleichterungen wollte: Freigang, vorzeitige Entlassung, was immer verhandelbar war. Schließlich, so der Häftling, habe er auch einiges zu bieten: Aussagen über Straftaten, die weit über die hinausgingen, die ihn hinter Gitter gebracht hatten.

Es waren abenteuerliche Geschichten, die der Informant 2001 im Stuttgarter Polizeipräsidium zu Protokoll gab. Es ging um Tauschgeschäfte, Drogen gegen Juwelen, um Waffen, die mit den Edelsteinen bezahlt und an Terroristen rund um den Globus verschoben würden. Kokain, Blutdiamanten, Kalaschnikows. Das ganz große Verbrechen.

Drahtzieher der schmutzigen Deals sei ein ehemaliger Oberstleutnant der DDR-Armee, der nach der Wende in der Nähe von Neubrandenburg eine Import-Export-Firma aufgemacht hatte. Der ehemalige Offizier, so der Häftling, sei der Kopf einer international agierenden Bande, die Kokain über Russland nach Deutschland schleuse. Mit Schlauchbooten, die nachts von russischen Frachtern abgesetzt würden, komme der Stoff im Südosten der Insel Rügen an Land. Von dort gehe er in die Schweiz.

Weil Rügen in Mecklenburg-Vorpommern liegt und für Organisierte Kriminalität im Nordosten das LKA zuständig ist, landete der Fall auf dem Schreibtisch von Heinz-Peter Hahndorf.

Zwar hatte der LKA-Mann da noch einen untadeligen Ruf, aber auch schon einen ausgeprägten Hang zur Übertreibung. "Für Hahndorf gab es keine kleinen Hunde", so ein Kollege, "für den steckte in jedem Dackel eine Bestie."

Und so wurde ein Kleinkrimineller aus Baden-Württemberg zum Kronzeugen in Sachen Organisierter Kriminalität. Die Staatsanwaltschaft Stralsund eröffnete ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontroll- und das Betäubungsmittelgesetz.

Fährhafen Sassnitz

Fährhafen Sassnitz

Foto: Stefan Sauer/ picture alliance / dpa

Eine Telefonüberwachung des ehemaligen Offiziers und seiner Firma führte Hahndorf und Kollegen zu Sergej K., Eigentümer eines Schiffstechnikunternehmens im Fährhafen Sassnitz auf der Insel Rügen.

K. galt den Schweriner Verfassungsschützern als möglicher Anlaufpunkt für den russischen Militärgeheimdienst GRU. Doch so sehr sich die Fahnder auch mühten - sie fanden nichts. Keine Schlauchboote, kein Koks und keine Kalaschnikows. Auch für eine geheimdienstliche Agententätigkeit gab es keine Beweise.

"Wenn man nach fast zwei Jahren intensiver Ermittlungen nichts Greifbares hat, gibt es zwei Argumentationsvarianten", sagt ein damals beteiligter Fahnder. "Da ist nichts, oder da ist etwas so Großes und Raffiniertes, dass man da ganz anders ranmuss."

Die Staatsanwaltschaft Stralsund entschied sich für Variante 1 und stellte 2003 das Ermittlungsverfahren gegen den Ex-NVA-Offizier mangels Tatverdachts ein. Auch der Verfassungsschutz zog sich später aus den Ermittlungen zurück, sehr zum Leidwesen eines Mitarbeiters, der wie Hahndorf Variante 2 favorisierte - und nun ein ganz großes Komplott vermutete.

Deshalb schrieb er dem für Spionageangelegenheiten zuständigen Bundesanwalt Dietrich und schilderte seinen Verdacht, warum die Ermittlungen gescheitert waren: weil der Verfassungsschutz von russischen Agenten unterwandert sei.

Dass der Mann kaum Indizien hatte, die diesen Verdacht stützten, irritierte Bundesanwalt Dietrich offenbar nicht. Er übernahm den Fall, leitete im August 2005 ein Verfahren, zunächst gegen Sergej K., später auch gegen einen Geschäftspartner, wegen des Verdachts geheimdienstlicher Agententätigkeit ein und betraute Hahndorfs "Luna"-Truppe mit den Ermittlungen.

Wo weder die Stralsunder Staatsanwaltschaft noch der Schweriner Verfassungsschutz etwas Relevantes gesehen hatten, entdeckte Hahndorf gleich "einen möglichen BND-Bezug", wie es in den Akten heißt. Schon bald war er zu "Fachgesprächen" in der Pullacher BND-Zentrale.

Jetzt ging es um russische Fischtrawler und Forschungsschiffe, die angeblich vollgestopft mit Abhörtechnik die Welt unsicher machten. Lieferant der Lauschanlagen: Sergej K., der Mann mit der Schiffstechnikfirma auf Rügen.

Die Beweislage blieb extrem dürftig, doch das war nun egal, schließlich war der BND mit an Bord - und ab 2006 Christina Wilkening, die "Luna" mit neuem Stoff befeuerte. Die frühere DDR-Journalistin hatte sich beim LKA gemeldet und Informationen über den Vater einer Rostocker Rotlichtgröße angeboten, der zu DDR-Zeiten für den sowjetischen Militärgeheimdienst tätig gewesen sei.

Noch in seiner Vernehmung durch das BKA im August schwärmte Hahndorf von der "Wertigkeit" der von Wilkening gelieferten Informationen.

Dabei hätte bereits eine simple Internetrecherche gereicht, um ihn zu warnen. Schließlich galt Wilkening schon damals als eine Frau, die Dichtung und Wahrheit nur schwer voneinander unterscheiden konnte oder wollte.

Nach dem Fall der Mauer war die ehemalige Mitarbeiterin des DDR-Staatsfernsehens als "Stasi-Jägerin-Ost" bekannt geworden. Doch dann flog auf, dass sie beim Ministerium für Staatssicherheit als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) "Nina" registriert war - angesetzt auf Westjournalisten. Trotz zahlreicher Treffberichte bestreitet Wilkening bis heute, IM gewesen zu sein.

Mitte der Neunzigerjahre machte sie mit angeblichen Neuigkeiten zum Tod des ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel Furore - bei der Staatsanwaltschaft Lübeck, die seinerzeit im Fall des in der Schweiz verstorbenen CDU-Politikers ermittelte.

Barschel, so Wilkening, sei tief in den internationalen Waffenhandel verstrickt gewesen und deshalb ermordet worden. Dies alles stehe in einem Dossier des ehemaligen sowjetischen Geheimdienstes KGB mit dem Decknamen "Graf". Dass die Akte "Graf" nirgendwo auftauchte und es außer Wilkenings Erzählungen keinen Beleg für ihre Existenz gab, nahmen die Fahnder zunächst noch hin.

Wie wirr ihre Zeugin tatsächlich war, dämmerte den Lübeckern, als sie allen Ernstes behauptete, "CIA und noch mehr der Mossad" in Israel hätten bei der Gründung des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU "die Fäden in der Hand" gehabt, "weil es vor allem Juden waren, die gleich nach dem Krieg rekrutiert wurden". Anfang 1996 kamen den Lübecker Fahndern schließlich "Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin Wilkening". Weitere Ermittlungen wurden, wie es in den Akten heißt "nicht getätigt".

Doch zehn Jahre später galt die zweifelhafte Zeugin 50 Kilometer östlich von Lübeck plötzlich wieder als Spitzenquelle. Alle sechs bis acht Wochen schleppte "Nina", wie sie sich nannte, stapelweise Papier ins LKA in Rampe bei Schwerin.

"Solides Material", wie Hahndorf lobte; manch einer in der EG "Luna" sah dies anders. Ein ehemaliger Fahnder der Ermittlungsgruppe erinnert sich noch heute an eine bizarre Sitzung im LKA. Wilkening habe dort über die Unterwanderung des deutschen Bundestages durch den russischen Geheimdienst FSB referiert und eine Liste mit den Namen spionierender Politiker und ihrer Führungsoffiziere vorgelesen. Als ein Beamter frotzelte, ob sie nicht den Putin-Freund Gerhard Schröder vergessen hätte, habe Wilkening mit todernster Miene gesagt, "jetzt reden wir besser nur noch übers Wetter, sonst sind wir vielleicht schon bald alle tot".

Keiner habe gelacht oder kopfschüttelnd den Raum verlassen. "Das Gefühl, einer vom Rest des LKA streng abgeschotteten Ermittlungsgruppe anzugehören, die im Verein mit BND und Bundesanwaltschaft das große Rad dreht, hat alles überdeckt", so der LKA-Mann.

Wie heftig Hahndorf und seine Kollegen vom Geheimdienstvirus befallen waren, zeigte sich auch im internen Sprachgebrauch. Sich selbst gab der Kriminalhauptkommissar den Decknamen "Kommerzienrat", seine Untergebenen waren die "Klappstühle". Aus dem BND-Mann "Wansbeck" wurde "Knecht", aus seinem Vorgesetzten "der Lackschuh". Dessen Chefin, eine BND-Referatsleiterin, firmierte, wenig schmeichelhaft, als "Krähe". Nur Wilkening hatte zwei Tarnnamen: "Advocat" und "Maschine".

Attraktive Dienstreisen festigten das Gefühl, zu einer Elitetruppe zu gehören. Unvergessen: ein Trip nach Madrid zum spanischen Geheimdienst CNI. Für Fahnder, die sonst nur in Mecklenburg ermitteln, ein einschneidendes Erlebnis. Bundesanwalt Dietrich hatte sich persönlich dafür eingesetzt, dass die Dienstreise genehmigt wurde. Auch drei BND-Leute gingen mit auf die Reise.

Doch die Ausbeute des Trips war mager. Die spanischen Kollegen konnten nur bestätigen, was die mecklenburgischen Polizisten und ihre BND-Begleiter schon wussten: dass Sergej K. nicht nur auf Rügen aktiv war, sondern auch auf den Kanaren eine Niederlassung unterhielt; zu welchem Zweck, blieb unklar.

Auch zu Hause stagnierten die Ermittlungen. Eine Telefonüberwachung lief ins Leere, weil "der Beschuldigte sich während des Überwachungszeitraums im Ausland" aufhielt, wie es im "VS-Vertraulich" gestempelten Abschlussbericht der EG "Luna" heißt. Auch eine vom GBA initiierte "längerfristige Observation" von Sergej K. "führte nicht zur Gewinnung neuer Erkenntnisse".

Dem Ermittlungseifer von Dietrichs Detektiven tat dies keinen Abbruch. Zumal "Nina" im Mai 2007 einen neuen Kracher im Angebot hatte - angeblich exklusives Material des erst 2006 aufgelösten polnischen Militärgeheimdienstes WSI. Die Papiere würden belegen, dass der Leiter der BND-Terrorabwehr ein polnischer Agent sei, angeworben während seines Jurastudiums Mitte der Siebzigerjahre in Bonn.

Bundesanwalt Dietrich war elektrisiert. Von Wilkening vermittelt, traf er sich konspirativ in einem Waldstück bei Eisenach mit dem Tippgeber - einem ehemaligen Stasi-Offizier. Dass der eine verkrachte Existenz war, die sich seit der Wende mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, war Dietrich offenbar nicht aufgefallen.

Im Sommer 2007 wartete er sogar mit drei bewaffneten BKA-Beamten, drei BND-Sonderermittlern und, wie mit dem ehemaligen Stasi-Mann vereinbart, 200.000 Euro in bar an der deutsch-dänischen Grenze auf die polnischen Lieferanten und ihre Belege. Doch die tauchten nicht auf. Weil es sie nicht gab, weil der BND-Mann kein polnischer Agent war und eine ganze Reihe hochrangiger Beamter ganz offenbar einer notorischen Schwindlerin auf den Leim gegangen war.

Im März 2008 stellte die Bundesanwaltschaft das Verfahren ein und räumte ein, dass "mittels gefälschter mutmaßlicher Geheimdienstunterlagen erhebliche Zahlungen erschlichen werden sollten", wie es in der Abschlussbewertung des GBA heißt.

Wenig später wurden auch die Ermittlungen gegen Sergej K. und seinen Geschäftspartner eingestellt.

Im Schlussbericht der EG "Luna" heißt es dazu, die Ermittlungen hätten ergeben, "dass es sich bei dem Beschuldigten K. um einen Geschäftsmann handelt, der vielfältige Möglichkeiten und Kontakte nutzt, um seine Firma T. am Laufen zu halten und hierzu auch bereits reichhaltig bestehende ausländische Geschäftsverbindungen nutzt". Drei Jahre aufwendiger Ermittlungen für die Erkenntnis, dass ein Kaufmann Handel betreibt.

Ob Ex-BND-Mann "Wansbeck" oder seine damaligen Vorgesetzten nun im Prozess in Schwerin aussagen werden, ist offen. Auf die Fragen des SPIEGEL zur Rolle des BND in der Affäre erklärte ein Sprecher der Behörde: "Zu operativen Aspekten seiner Arbeit beziehungsweise zu seinen Erkenntnissen berichtet der Bundesnachrichtendienst grundsätzlich nur der Bundesregierung und den zuständigen Stellen des Deutschen Bundestages."