AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2016

Im Kessel von Aleppo "Ich habe tote Kinder ausgegraben, ganze Familien"

Wenn russische Jets Aleppo bombardieren, gräbt er in den Trümmern nach Überlebenden: Der freiwillige Katastrophenhelfer Ismail al-Abdullah über das Leben und das Sterben in der eingekesselten Stadt. Ein SPIEGEL-Interview von Christoph Reuter


Ameer Al-Halabi

"Weißhelme" nennen sich jene freiwilligen Katastrophenhelfer in Syriens Oppositionsgebieten, die seit ihrer Gründung Anfang 2013 vor allem nach Luftangriffen ausrücken, unter Trümmern nach Überlebenden graben und die Toten bergen. Der Englischlehrer Abdullah, 29, aus Aleppo ist von Anfang an dabei und war für einige Monate Vizechef der etwa 120 Weißhelme im Ostteil der Stadt.

SPIEGEL: Herr Abdullah, wie war die Lage im Rebellengebiet Ost-Aleppo, nachdem Regimeeinheiten die letzte Zugangsroute blockiert und die Stadt eingekesselt hatten?

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Heft 32/2016
Wie man sein Smartphone beherrscht - und Ruhe findet

Abdullah: Wir hatten seit Monaten damit gerechnet und uns auf eine Belagerung vorbereitet, so gut es geht. Ich hätte die Stadt vorher verlassen können, aber ich wollte nicht. Ich bin kein Held, es ist einfach meine persönliche Entscheidung gewesen, nicht zu fliehen.

SPIEGEL: Und nun?

Abdullah: Es ist noch schwieriger geworden. Letzte Woche war ich im Viertel Salhin, nachdem ein Jet ein Wohnhaus bombardiert hatte. Wir haben 16 Stunden lang nach Überlebenden gegraben, zumeist mit bloßen Händen, und ich hatte vorher nichts gegessen. Ich bin Single, kann nicht gut kochen, und es gibt nicht mal mehr Kartoffeln auf dem Markt. Ich bin an dem Tag vor Erschöpfung zwischendurch ohnmächtig geworden. Die gesamte Versorgung wird immer schlechter, es gibt kaum noch Strom, keinen Diesel für die Generatoren.

SPIEGEL: Sie schildern das sehr nüchtern.

Abdullah: Ich habe tote Kinder ausgegraben, ganze Familien. Ich habe Menschen verrückt werden sehen, habe einen weinenden Vater abgewiesen, der mich vor seinem kollabierten Haus anflehte, zuerst nach seiner Familie zu suchen. Wir müssen uns ja als Erstes um jene kümmern, die noch eine Überlebenschance haben. Später fanden wir die Frau, die drei Kinder – alle tot. Und im Juli starb mein bester Freund, der auch beim Zivilschutz war, als er zu einem gerade bombardierten Haus in der Nähe lief. Der Jet kam zurück, um die Retter auch noch umzubringen. Ich bin müde. Ich mache einfach weiter. Und wenn Sie schon mit mir sprechen: Wir brauchen dringend Ortungsgeräte, die Menschen unter Trümmern aufspüren können. Aus Deutschland haben wir immerhin mehrere Feuerwehrautos bekommen, von der Organisation Orienthelfer und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit.

SPIEGEL: Aleppos Osthälfte wird seit drei Jahren mit gigantischen Fassbomben angegriffen, trotzdem blieb bis vor Wochen immer noch eine Straße offen zur Versorgung der Menschen. Warum ist die Lage gerade jetzt gekippt?

Abdullah: Vor allem, weil die Kampfjets der Russen und des Regimes nicht nur die Stadt, sondern all die Kleinstädte drum herum fast täglich bombardiert haben. Aus denen kommen viele der Rebellenkämpfer, die sich nun darum kümmern mussten, ihre Familien zu retten. Es waren schlicht nicht mehr viele da, um unsere Stadt zu verteidigen.

SPIEGEL: Die Regierungen in Moskau und Damaskus sagen, es gebe humanitäre Korridore, durch die Zivilisten Ost-Aleppo verlassen könnten.

Abdullah: Welche Korridore? Das ist Hohn. Alle Übergänge, die erwähnt wurden, sind weiterhin geschlossen. Wer von hier fliehen will, wird von den Scharfschützen des Regimes erschossen.

SPIEGEL: Aber woher stammen die Videobilder von Flüchtenden, die das syrische Staatsfernsehen ausstrahlt?

Abdullah: Das sind zum Teil wohl alte Aufnahmen von 2014, als ein Übergang offen war. Einer meiner Freunde hat in einem dieser Videos seine Tante wiedererkannt, die damals den Ostteil der Stadt verlassen hat und nie zurückgekommen ist. Diese "humanitären Korridore" sind eine komplette Inszenierung. Wenn jetzt Russland und das Regime Ost-Aleppo angreifen und noch mal zig Menschen töten werden, können sie sagen: "Wir haben allen Zivilisten Gelegenheit zur Flucht gegeben. Wer blieb, das sind Terroristen, und wir haben das Recht, die zu töten."

SPIEGEL: Welchen Schutz gibt es für die Weißhelme?

Abdullah: Gar keinen, im Gegenteil. Manchmal schaffen wir es, den Funkverkehr der Luftwaffe abzuhören. Einmal habe ich mitbekommen, wie die Bodenstation einem Piloten befahl: "Flieg zurück, und ziele auf die Hunde vom Zivilschutz! Die sind jetzt im Bab-al-Hadid-Viertel, das du gerade angegriffen hast!" Wir sind gefährliche Gegner des Regimes geworden, weil wir das Gegenteil von Assads Propaganda verkörpern. Dessen Medien porträtieren die Anhänger der Revolution immerzu als Radikale, die nur Leute umbringen wollen. Aber wir töten niemanden. Wir retten Menschen, egal wen.

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troy_mcclure 11.08.2016
1. Hut ab
Hut ab vor solchen Helfern.
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