AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2017

Neue AfD-Spitzenkandidatin Wer ist Alice Weidel?

Die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel ist jung, lesbisch, wirtschaftsliberal. Und doch steht sie nun in der ersten Reihe der Rechtspopulisten. Warum tut sich die Frau das an?

HC PLAMBECK / DER SPIEGEL

Von und


Am 1. Juni 2015, kurz vor dem Bundesparteitag der AfD in Essen, schrieb Alice Weidel eine Mail an die damals wichtigste Person der Partei. "Welche Chancen habe ich aus Deiner Sicht wirklich, ganz ehrlich, in den Bundesvorstand einzuziehen?", fragte Weidel den AfD-Gründer Bernd Lucke. Eigentlich sei sie am geplanten Parteitagstermin in Asien, die beschwerliche Anreise müsse sich schon lohnen. "Das Ganze mache ich ohnehin nur, um Dich zu unterstützen und um das zu retten, was noch zu retten ist", schrieb Weidel.

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Heft 18/2017
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Sie beteuerte ihre Loyalität zu Lucke und seinen Bemühungen, die AfD vor den rechten Kräften zu bewahren, die damals von Frauke Petry angeführt wurden. Geholfen hat es Lucke nicht. Er wurde nicht nur von Petry gestürzt, Weidel wechselte auch noch rechtzeitig ins Petry-Lager und wurde mit dessen Unterstützung in den Bundesvorstand gewählt. Lucke reiste als geschlagener Mann aus Essen ab.

Nun bewies Weidel erneut ihre Biegsamkeit. Zusammen mit Parteisenior Alexander Gauland ließ sich die 38-Jährige beim Parteitag in Köln zur Spitzenkandidatin der AfD für die Bundestagswahl wählen. Wieder hatte sie die Stimmen der Rechten auf ihrer Seite, und wieder hatte jemand das Nachsehen: diesmal Frauke Petry, die nun wie eine Chefin auf Abruf wirkt.
Auf den ersten Blick ist Weidels AfD-Engagement unerklärlich: Der gesamte Werdegang und Lebensstil der AfD-Frau widerspricht den Glaubenssätzen ihrer Partei. Wie kann eine lesbische Frau, die mit ihrer Partnerin zwei Kinder aufzieht, das Dasein in einer Partei ertragen, die Homosexuelle als "laute Minderheit" abtut? Und wie kann eine Ökonomin mit einem Wohnsitz in der Schweiz, die jahrelang in China gelebt und in global vernetzten Firmen gearbeitet hat, für eine Partei trommeln, die Deutschlands "Identität" wahren und seine Grenzen abschotten will?

Weidels Ex-Kollegen von der Investmentbank Goldman Sachs, wo sie nach dem Studium ihren ersten Job antrat, mailen sich in diesen Tagen Videos ihrer Auftritte mit fassungslosen Kommentaren hin und her: "Here is Alice. What happened to her?" Sollten sich die Banker in der einstigen Mitstreiterin getäuscht haben? "Who is the real Alice?", sinniert einer, der Weidel bei Goldman ausbildete. Wer ist echt? Die Geschäftsfrau oder die Populistin?

Ökonomin und Populistin Weidel: "Who is the real Alice?"
DPA

Ökonomin und Populistin Weidel: "Who is the real Alice?"

Weidels Ton am Rednerpult klingt hölzern, ihre Botschaften wirken einstudiert, als wäre sie für das rechte Publikum in die Rolle der Scharfmacherin geschlüpft. Doch der Erfolg als Eiferin im bürgerlichen Hosenanzug ist das Ergebnis einer kühlen Abwägung. Weidel verzichtet einfach darauf, Überzeugungen auszusprechen, die ihrer politischen Karriere abträglich sein könnten. Was stört oder schadet, wird ausgeblendet; nutzlose Partner wie Lucke oder Petry werden notfalls ausgewechselt.

Inhaltlich fiel sie schon immer als Scharfmacherin auf: Seit ihrem Eintritt in die AfD, motiviert durch ihren Doktorvater Peter Oberender, pflegte die Ökonomin eine fundamentalistische Eurokritik. Sie sprach sich klar für einen "Dexit" aus, also Deutschlands Ausstieg aus dem europäischen Währungsverbund - so weit wollte nicht einmal Lucke gehen.

Auch in der Ablehnung der "zentralistischen EU" ist sich Weidel in vier Jahren AfD treu geblieben. Dasselbe gilt für ihren Abscheu gegen den Islam und ihre Verachtung gegenüber schlecht ausgebildeten Flüchtlingen. Weidel respektiert Top-Banker aus Pakistan - für den Flüchtling aus Afghanistan ohne Schulabschluss hat sie deutlich weniger übrig.

Es war Weidel, die im Mai 2016 ein Treffen mit Aiman Mazyek, Chef des Zentralrats der Muslime, in letzter Minute absagte. Mit "bekennenden Scharia-Anhängern", die sich nie von den "Steinzeitpraktiken" ihrer Religion distanziert hätten, wolle sie nichts zu tun haben, verkündete sie. Während Parteichefin Petry wenigstens einen Kontaktversuch mit Mazyek wagte, erklärt Weidel den Dialog mit den Islamverbänden bis heute für sinnlos.

"Ich will als Frau auch ohne Angst nachts noch die letzte S-Bahn nehmen können", verkündete sie auf dem Kölner Parteitag. Dass diese Angst nicht durch deutsche, christliche Mitfahrer ausgelöst wird, musste sie gar nicht hinzufügen. Ausländer sind die Gefahr.

Gegen die Homophobie in der AfD hat sich Weidel nie aufgelehnt. Sie weiß, dass sie sich nur unbeliebt machen würde. Bisher hat sich Weidel nur ein einziges Mal verkalkuliert. Im AfD-Vorstand war sie eine treibende Kraft hinter dem Parteiausschlussverfahren gegen den Thüringer Rechtsausleger Björn Höcke.

Das kostete Weidel bald darauf die Wahl zur Landesvorsitzenden in Baden-Württemberg - sie hat daraus gelernt. Fortan hielt sich Weidel bedeckt, äußerte sich öffentlich weder gegen Höcke noch für ihre mögliche Spitzenkandidatur im Bund, sondern ließ lieber den Konservativen Gauland diskret im rechten Parteiflügel für sich werben.

"Frau Weidel und ich stehen nur als Team zur Verfügung", sagte Gauland auf dem Parteitag in Köln. Am Ende wurden beide mit 67,7 Prozent der Stimmen gewählt. Der Dank Weidels an die Dogmatiker ließ nicht lange auf sich warten. Sie schließe gemeinsame Auftritte mit dem Rechtsaußen Höcke nun nicht mehr aus, verkündete sie auf ihrer ersten Pressekonferenz als Spitzenkandidatin.

Schon Weidels Mitschüler im ostwestfälischen Versmold kannten sie als ehrgeizig und zielstrebig. Im Abitur-Jahrbuch attestierten sie "Lille", so Alices Spitzname, einen "dominanten Charakter" und ein "äußerst durchsetzungsfähiges" Auftreten, das auf manche "arrogant" wirke. "Das macht es natürlich nicht immer einfach, mit Dir befreundet zu sein", schrieb ein Klassenkamerad. Aber Lille werde es weit bringen, war er überzeugt, ob nach Sydney, Zürich, London oder New York. "In diesem Sinne, see you later, on the Karriereleiter."

Die Sprossen dieser Leiter muss man mühsam rekonstruieren, denn die Spitzenkandidatin steht weder für ein Gespräch zur Verfügung, noch schickt sie einen Lebenslauf. Dabei kann sie wie Frauke Petry eine makellose Qualifikation vorweisen. Nach dem Abschluss als Jahrgangsbeste mit der Note 1,4 an der Universität Bayreuth ging die junge Volks- und Betriebswirtin zu Goldman Sachs. Die Bank sei damals ihr "Traumarbeitgeber" gewesen, lässt Weidel einen Sprecher ausrichten.

Auch ihre anderen Stationen sind hochkarätig, aber kurz: Ob Goldman Sachs oder später Allianz Global Investors, selten blieb sie mehr als zwei Jahre an einem Ort. Ihr Lebensweg hat etwas Ruheloses. Die längste Zeit verbrachte Weidel in China, wo sie bis 2011 ihre Dissertation schrieb und für die Bank of China tätig war.

Weidels letzte Station als Angestellte führte sie 2013 zurück in die westdeutsche Provinz, zur Heristo AG in Bad Rothenfelde, einer Firma für Fleischveredelung und Tierfutter. Hier regiert ein Juniorchef, mit dem Weidel einst Abitur gemacht hatte. Doch schon 2014 habe Heristo sich wieder von Weidel getrennt, berichtet die Lokalzeitung "Haller Kreisblatt".

Seither ist sie selbstständige Beraterin für Start-ups, mit offiziellem Wohnsitz in Überlingen am Bodensee. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Ihren internationalen Lebensstil hat Weidel nie aufgegeben. Wie die Schweizer Zeitung "Der Bund" enthüllte, hat sie einen alternativen Wohnsitz im Städtchen Biel in der Schweiz, rund 200 Kilometer von Überlingen entfernt.

Hier kennen die Nachbarn die AfD-Frau, ihre Partnerin und die Kinder aus dem Alltag, hier ist Weidel schon seit 2014 gemeldet, wie die Stadtverwaltung bestätigte. Im Oktober 2015, rechtzeitig zur Landtagswahl in Baden-Württemberg, meldete sich Weidel auch in Überlingen an, im Haus ihrer Eltern.

Wo sie ihren Lebensmittelpunkt hat, ist für ihre Kandidatur zum Bundestag rechtlich unerheblich - nicht aber für die Frage, wo sie in den letzten Jahren ihre Steuern zahlte. Eine Anfrage hierzu ließ die AfD-Politikerin unbeantwortet. Das Thema ist heikel für sie: Eine Debatte über die Treue der Spitzenkandidatin zum deutschen Staat könnte die Geduld der AfD-Basis strapazieren.


Die "NZZ am Sonntag" meldete am Wochenende, Weidel zahle in der Schweiz Steuern. Der Bieler Steuerverwalter Urs Stauffer wird mit den Worten zitiert: "Man kann davon ausgehen, dass alle steuerlichen Aspekte, die mit einer Anmeldung in Biel verbunden sind, abgedeckt sind."



insgesamt 11 Beiträge
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auweia 03.05.2017
1. Der Beweis
Frau Weidel will zeigen, dass Frauen überall genauso gut - oder besser - sind, wie ihre männlichen Kollegen. Das muß auch für die Kategorie "politischer Schwachsinn" gelten.
crazy_swayze 03.05.2017
2.
Sie unterstützt lieber diejenigen, die sie als laute Minderheit abtun, um zu verhindern, dass sie als Homosexuelle Ziel von Islamisten wird, wenn sie durch ihre Heimatstadt läuft - die wollen ihr nämlich körperlich an den Kragen.
53er 03.05.2017
3. Warum Weidel sich das antut?
Einfach weil sie aus einem gemässigt rechtsextremen Haufen einen wirtschaftsliberalen, rechtsextrem ausgerichteten Haufen machen will. Das passt doch irgendwie zusammen. In Baden-Württemberg ist es Meuthen im Bund ist Weidel zuständig.
rational_bleiben 03.05.2017
4.
So lange man versucht, die Erfolge der AfD mit psychologisch-pathologischen Mustern zu erklären und ernsthafte Sorgen der AfD-Mitglieder und AfD-Wähler dogmatisch ignoriert, wird die Wählerschaft der AfD nur weiter wachsen. Die mit Abstand größte Gefahr für die LBGT-Gruppen in Deutschland ist der konservative Islam, bzw. das stetige Anwachsen dessen Anhängerschaft, denn im deutschen Parteienspektrum sind sie längst akzeptiert (es geht nur noch um die rechtliche Gleichstellung in einigen Bereichen). Der konservative Islam hingegen lehnt deren Existenzrecht kategorisch ab.
walter_de_chepe 03.05.2017
5. Linke und Homosexualität
Für die Abschaffung der Strafbarkeit der Homosexualität hat sich besonders die FDP eingesetzt. Mir ist weder aus der BRD noch der DDR bekannt, dass das ein linkes Thema war. Die SPD hat bei Beginn der Liberalisierung mit der FDP koaliert, aber ich habe weder von Willi Brandt noch Helmut Schmidt etwas darüber gehört. Auch die 68er APO hatte alle möglichen Probleme in Deutschland gesehen, dieses jedoch nicht. Dazu finde ich auch weiter zurück nichts, weder bei Engels, noch Bebel noch Thälmann. Die Notwendigkeit der Strafbarkeit zumindest der männlichen Homosexualität war einfach seit dem Ende des Barocks bis in unsere Tage oder bis ungefähr dem Ende der DDR ein gesellschaftlicher Konsens, der alle neueren politischen Lager und alle gesellschaftlichen Schichten umfasste. Es hat so auch in der Weimarer Republik und während der Hitlerjahre dazu keine anderen Gesetze als zuvor und danach gegeben. Das trifft so auch auf den Rest Europas zu. Deutschland war vielleicht sogar liberaler als die Nachbarn. Somit passen wirtschaftsliberal und lesbisch durchaus gut zusammen.
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