Der SPIEGEL

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16. Juni 2017, 11:09 Uhr

America's Cup

Wie ein Tretboot fliegen lernt

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"Oh, oh, shit", waren die letzten Worte aus dem Bordmikrofon. Dann kenterte der Katamaran vom Team Neuseeland. Beim 35. America's Cup will die Crew um Peter Burling jetzt ihr Verlierertrauma bewältigen.

Wenn Sportler Perfektion anstreben und diese Perfektion in maximaler Geschwindigkeit liegt, dann kracht's. Mehrfach. Das geht ja gar nicht anders, denn Perfektion erreichen solche Sportler erst im letzten Moment vor dem Kontrollverlust. Und diese Grenze gilt es zu finden, beim Segeln je nach Wind und Wellengang täglich aufs Neue.

Peter Burling staunt darüber nicht mehr. Es hat in den 26 Jahren seines Lebens und den 20 Jahren seiner Seglerkarriere schon viele Hundert Mal gekracht, oft im Training und darum selten im Rennen: Der junge Mann aus Tauranga im Nordosten Neuseelands ist fünfmaliger Weltmeister in den Hochgeschwindigkeitsklassen 49er und Moth ("Motte") und Olympiasieger im 49er. Zu kentern bedeutet für ihn im Alltag die übliche Grenzerfahrung und darum: nass zu werden, Boot aufzurichten, schneller zu fahren, so hat er das gelernt.

Das erste Problem ist für ihn, dass diese neuen Katamarane bei jeder Kenterung gleich kaputtgehen; und die Flügel aus Carbon sind verdammt teuer. Das zweite Problem war die Reihenfolge. Zuerst kam die Perfektion, dann krachte es.

"Ich hab's echt nicht erwartet", sagt Burling.

Es ist jetzt eine Woche her, dass Burling das bestmögliche Rennen fuhr: Beim Louis Vuitton Cup vor Bermuda, bei dem fünf Teams den Herausforderer für den 35. America's Cup (ab 17. Juni) ermitteln, flog er über den kompletten Kurs, buchstäblich. Die zwei Rümpfe seines Schiffs berührten die Wasseroberfläche keine Sekunde lang, da nur die zwei Ruderblätter und die zwei Schwerter mit Tragflächen ("foils") noch Kontakt zum Meer hatten, und das änderte sich selbst bei Wenden, Halsen und Tonnenrundungen nicht.

Undenkbar war so etwas noch beim letzten America's Cup vor vier Jahren, beängstigend dürfte es für den auf den Herausforderer wartenden Titelverteidiger Oracle Team USA und dessen Steuermann James Spithill wirken.

Im Video: Gekentert

"Gut war es", sagte Burling, ein Kerl mit asymmetrisch riesigen Ohren und blauen Augen, die nie zu leuchten scheinen und immer gleich gleichmütig blicken: beim Skype-Gespräch, bei Pressekonferenzen, auf dem Wasser. Jene, die hinter ihm herfahren, sagen, dieser Burling erahne jeden Winddreher schon, ehe dieser durch kräuselndes Wasser zu erkennen sei, und er könne der Roger Federer oder der Stephen Curry seines Sports werden: kein Gedöns, keine Skandale, nur Perfektion.

Es ist aber auch wenige Tage her, dass Burling sein Schiff, 15 Meter lang, 2400 Kilogramm schwer, 24 Meter hoch und - wenn es fliegt - bis zu 50 Knoten oder 93 Stundenkilometer schnell, in den Sekunden vor einem Start in die bläulich grüne See rammte und zum Kentern brachte. "Oh, oh, shit", übertrug das Bordmikrofon - letzte Worte.

Muss es derart extrem zugehen? Andere Segler sagen: nein, denn in einer wochenlangen Regatta führe die Vermeidung von Fehlern zum Sieg. Burling sagt: Nur derart extrem könne er den 166 Jahre alten Cup erobern, "dies ist der neue neuseeländische Weg". Und eines immerhin steht außer Frage: Der alte, der konservative neuseeländische Weg führte zum bereits heute legendären Fiasko von San Francisco.

2013 lag das Emirates Team New Zealand gegen das Oracle Team USA 8:1 in Führung und brauchte noch einen Sieg für den Titel. Dann wurde wegen Flaute ein Rennen abgebrochen, bei dem die Männer aus Auckland wenige Hundert Meter vor dem Ziel führten; dann pausierte Neuseeland an einem Ruhetag, während die USA trainierten; dann glaubten die einen, das alles würde schon werden, während die anderen wussten, dass man Chancen im Leistungssport sofort nutzen sollte - wer weiß schon, ob sie wiederkehren.

Am Ende hieß es 9:8 für die USA. "So etwas vergisst man nie, und man sollte es auch nie vergessen", sagt Grant Dalton, der weißhaarige und noch immer leidende neuseeländische Teamchef, der sich Rache wünscht, die so etwas wie Seelenfrieden bringen möge.

Der elegante Dean Barker, Verlierer-skipper von 2013, wurde vom Steuerrad entfernt (und sofort vom japanischen Team angeheuert, das vor Bermuda nun auch recht schnell unterwegs war), und der wilde Burling wurde sein Nachfolger. Eine radikale, eine entschlossene Personalentscheidung. Denn Burling ist mehr als seine Gegner daran gewöhnt, rasant Dutzende taktischer Entscheidungen zu treffen.

Burling trainiert an Land wie Boxer, Triathleten oder Formel-1-Piloten und dann noch stundenlang, in endlosen Wiederholungen der immer gleichen Handgriffe, auf dem Wasser. Er ist mit dem Foiling-Trend, den fliegenden Rennmaschinen, groß geworden; sobald er vor Bermuda sein Schiff aus dem Wasser erhebt, kann er viermal so schnell segeln wie der Wind.

Auf einen Taktiker verzichtet Burling. Reden kostet Zeit. Die Neuseeländer diskutieren sehr viel weniger als alle anderen Teams und sind bislang flotter, machen aber auch die seltsamsten Fehler. Wird Radikalität den Sieg bei der größten aller Regatten also ermöglichen oder verhindern?

Denn den neuen neuseeländischen Weg macht noch mehr aus.

Zu diesem so berauschend ästhetischen wie altmodisch bescheuerten Wettstreit namens America's Cup gehörte stets, dass der letztmalige Sieger beim nächsten Mal über nahezu alles Wesentliche neu entscheiden darf: den Austragungsort, den Modus, die Boote. Larry Ellisons Oracle-Mannschaft überredete nach dem Sieg von 2013 vier andere Teams zu einer Regeländerung und legte fest, dass die nächsten zwei Regatten bereits 2019 und 2021, aber weiterhin mit den Booten von 2017 ausgetragen werden sollen.

Geringere Kosten und mehr Fernsehpräsenz sind das Ziel, fünf Unterschriften zieren diesen Plan, eine fehlt. Die Neuseeländer sagen: Das übergriffige Oracle wolle die totale Macht und dem Sieger von 2017 prophylaktisch die tragende Rolle rauben; "Oracle höhlt die Idee des Cups aus", sagt Teamchef Dalton.

Darum bereiteten sich fünf Teams zusammen vor Bermuda vor und tauschten dort Daten und Ideen aus; nur die Neuseeländer trainierten so lange wie möglich daheim am Rande der Erde. Und als sie anrückten, hatten sie eine Überraschung ausgeheckt: Sie fahren Rad.

Das Wichtigste, das die Crew dieser neuen Schiffe zu tun hat, ist die Erzeugung von Energie. Maschinenantrieb ist verboten, aber über hydraulische Systeme wird Öl durch das Schiff gepumpt. Mit dieser Energie werden jene Flügel bewegt, die die alten Großsegel ersetzt haben; und so werden auch die Tragflächen auf- und abwärts gepresst. Da sich die Energie speichern lässt, malochen vier oder fünf starke Männer nicht mehr nur während der Manöver, sondern das ganze Rennen hindurch; und der Steuermann drückt hinten Knöpfe und fährt das Boot.

Auf Segelschiffen, so war das jahrhundertelang, entsteht Energie durch die Kraft starker Arme. Jedoch: Starke Beine, das dachten sich neuseeländische Ingenieure, sind noch stärker als starke Arme. Die vier Mann Besatzung (neben Burling und Flügel-Trimmer Glenn Ashby) finden darum auf beiden Rümpfen vier Heimtrainer vor und strampeln und strampeln und fabrizieren Energie. Schnickschnack? Oder der sogenannte Game-Changer?

Am vergangenen Dienstag, im Starkwind-Halbfinale gegen Ben Ainslie und das britische Team Land Rover BAR, ließ sich beobachten, wie Ainslies Kurbel-Kerlen die Kraft ausging; die radelnden Neuseeländer hingegen konnten auf jeden Winddreher mit einer Wende reagieren, darum mehr Manöver einbauen als der Gegner, darum in aller Ruhe überholen.

Gewinnen sie mit ihrem fliegenden Tretboot, das hat Grant Dalton angedeutet, dann sind all die Änderungen, die Oracle verfügt hat, vermutlich hinfällig; und dann dürfte eine Nationenklausel eingeführt werden, welche jene Teams ausbremsen würde, die sich als professionelle Multikulti-Unternehmen verstehen und segelnde Söldner aus allerlei Ländern verpflichtet haben. Und ein Team würde geschützt: Neuseeland, das schwer patriotisch auf Neuseeländer setzt.

Es könnte aber, sagt Dalton, natürlich auch sein, dass eines der übrigen Teams in diesen Tagen vor dem eigentlichen America's Cup die Neuseeländer versenke, rein zufällig, "und dann sagt: oh, sorry, ach, das wollte ich nicht".

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