AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2016

Amoklauf in München Die Nacht der Angst

Acht Stunden lang versetzte der Amoklauf des 18-jährigen Schülers David Sonboly im Juli eine ganze Stadt in Panik. Rekonstruktion einer Nacht, in der sich zeigte, was die Terrorangst mit Deutschland macht.

SEK-Beamte in Einkaufspassage beim Marienplatz
Sachelle Babbar / Zuma Press / Action press

SEK-Beamte in Einkaufspassage beim Marienplatz

Von , , Philipp Kosak, und


Als alles vorbei ist, einige Wochen nach dem Amoklauf, sagt David Anz, Notarzt: "Ich wollte das Mädchen retten, und ich war traurig, dass es nicht überlebt hat, auch wenn es absehbar war."

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Heft 38/2016
Hillary Clintons Schwäche wird zur Gefahr für die Welt

Johannes Müller, Gastwirt, sagt: "Ich hatte ja Verantwortung für die ganzen Menschen, da reagierst du einfach. Du weißt nicht, was als Nächstes passiert. Ich dachte nur die ganze Zeit: ruhig bleiben, nachdenken. Da müssen wir durch."

"Noch nie habe ich so viele Menschen mit Angst in den Augen gesehen", sagt Kurt Schalk, Marketingleiter einer Kinogruppe, und blickt dabei ins Leere. "Das war emotional fast nicht auszuhalten."

Zhor Belhaj sagt: "Während ich ins Kinofoyer ging und mich fragte, ob unter den anderen Gästen nicht jemand ist, der gleich losschießt, da hab ich die Angst in den Füßen gespürt - das war schlimmer als alles, was ich jemals vorher erlebt habe. Zum Glück ging die Angst nach einem Tag wieder weg. Aber seitdem weiß ich: Wenn es vorbei sein soll, kann ich eh nichts ändern. Es kommt, was kommt."

Oberbürgermeister Dieter Reiter: "Die Münchnerinnen und Münchner haben gezeigt, dass sie sich in ihrem Lebensgefühl nicht so leicht einschüchtern lassen." Doch stimmt das wirklich? Der SPIEGEL hat ausführlich mit Menschen gesprochen, die in dieser Nacht in München unterwegs waren. Aus ihren Schilderungen ergibt sich ein umfassendes Protokoll der Amoknacht.

Seit dem 11. September 2001 wurde diese Frage viel diskutiert: Wie würden die Deutschen reagieren, wenn eine ihrer Städte vom Terror heimgesucht wird? Ihre Angst ist weltberühmt, als German Angst. Doch da ging es bisher eher um Waldsterben oder die Möglichkeit eines Atomkriegs.

Seit 9/11 gab es viele große Anschläge, Madrid, London, Paris, Istanbul, Brüssel, aber Deutschland wurde verschont. Dann kam der 22. Juli 2016. Der Schüler David Sonboly, 18, erschoss am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München neun Menschen. Es war kein Terror, aber über Stunden dachten alle, es könne Terror sein, mit Schießereien an vielen Orten der Stadt, wie in Paris.

Das Bild, das bei der Befragung der Zeugen entstand, zeigt: München hat sich in seinem Lebensgefühl an diesem Abend doch einschüchtern lassen. Obwohl der "Islamische Staat" (IS) nichts mit David Sonboly zu tun hatte, war der IS die ganze Zeit in den Köpfen und hat einen kleinen Sieg davongetragen. Was hat diese Panik ausgelöst?

17.04 Uhr, Hauptbahnhof Würzburg. Nina, 14 Jahre alt, fährt mit dem ICE 721 nach München ab. Sie will das Wochenende bei ihrem Vater verbringen. Er lebt im Stadtteil Moosach, nahe dem OEZ.

17.10 Uhr, München, Mathäser Filmpalast, Nähe Stachus. Zhor Belhaj, 37, sitzt mit ihrer achtjährigen Tochter im Kino 9 und freut sich auf den Film "Big Friendly Giant", der gleich beginnen wird. Sie ist eine zierliche Frau, die ihr schwarzes Haar im Nacken zum Dutt geknotet hat. Jeden Vormittag steht sie in einem winzigen Kiosk in den Arkaden am Stachus, der Eingang ist verdeckt von Zeitungs- und Postkartenständern. Dort verkauft sie Wandmagnete in Bierkrugform an Touristen und Zigaretten an die Stammkunden. Als der Film beginnt, schaltet sie ihr Handy aus.

17.50 Uhr, am OEZ. Faruk Sazil, 31, hört einen lauten Knall. Sazil, Dreitagebart, steht hinter seinem kleinen Obststand, einem Wagen, den er nach Feierabend zusammenklappen kann. Seit fünf Jahren verkauft Sazil, der aus Istanbul stammt und mit einer Deutschen verheiratet ist, auf dem breiten Bürgersteig der Hanauer Straße Obst. Sein Stand ist wenige Meter vom Eingang des McDonald's-Restaurants entfernt. Von dort kam der Knall. Es folgen weitere.

Thomas Dashuber / Agentur Focus

Sazil beugt sich in Richtung McDonald's vor und sieht, wie ein junger Mann aus dem Fast-Food-Laden tritt. Er hat eine Waffe dabei. Er hebt die Waffe, läuft ein paar Schritte und schießt mehrmals auf Passanten.

Sazil sperrt seine Kasse ab, rennt los, flüchtet in den Saturn-Markt, dessen Eingang hinter seinem Stand liegt. Wieder fallen Schüsse. Eine Kugel durchschlägt eine von Sazils Obstkisten, eine prallt auf den Metallträger des Standes, zwei weitere durchlöchern eine Holztafel, auf die Sazil seine Angebote geschrieben hat: "Deutsche Erdbeeren, Schale 1€" - "Bio Bananen, kg 1€".

Durch die Glasfront von Saturn beobachtet Sazil drei Hinrichtungen. Sonboly beugt sich über Menschen, die am Boden liegen, und tötet sie mit Schüssen in den Kopf, wortlos, mit ruhigen Bewegungen, kalt.

Eine Frau schleppt sich zu Saturn, Mitarbeiter tragen sie die letzten Meter bis in den Verkaufsraum. Die Frau hat Schusswunden an beiden Knien.

Sonboly überquert die Straße, läuft zum Haupteingang des OEZ.

17.53 Uhr, Notrufzentrale der Polizei. Erste Anrufe gehen ein, Schießerei am OEZ. Streifenwagen und Zivilpolizei preschen los.

18.02 Uhr. Sonboly ist auf das leere Parkdeck des OEZ gelaufen. Jemand schießt auf ihn, das belegt ein bislang unbekanntes Handyvideo eines Anwohners. Der Schütze ist nicht zu sehen, er trifft nicht. Sonboly läuft in gebückter Haltung an einer niedrigen Mauer entlang und verschwindet über eine Eisentreppe in Richtung Riesstraße.

Ungefähr zur selben Zeit wird Oberbürgermeister Dieter Reiter von der Polizei informiert. Er ist auf einer Veranstaltung in der Nähe Münchens. Reiter beendet das Treffen und lässt sich von seinem Fahrer ins Stadtzentrum fahren.

18.05 Uhr. Die Polizei fordert Spezialeinsatzkommandos (SEK) an. Das SEK Südbayern, stationiert in München, ist wenige Minuten darauf am OEZ, danach trifft das SEK Nordbayern aus Nürnberg ein. Die Bundespolizei schickt Kräfte, auch benachbarte Polizeipräsidien, Freising, Fürstenfeldbruck helfen. Dann macht sich die GSG 9 der Bundespolizei auf den Weg, zudem die polizeiliche Sondereinheit Cobra aus Österreich.

Thomas Dashuber / Agentur Focus

18.07 Uhr. Notarzt David Anz hört über Funk die Meldung "MANV" am OEZ. Er fährt gerade von einem Einsatz zurück in die Zentrale. "MANV" heißt Massenanfall von Verletzten, was bei der Einschätzung von Schadenslagen keine Seltenheit ist. Der Notarztwagen macht kehrt, an Bord sind noch ein Rettungsassistent und ein Sanitäter. Unterwegs werden die Meldungen dramatischer: Schießerei mit mehreren Toten. Nun ist nichts mehr Routine.

18.18 Uhr, Tweet von Thamina S. "Shooting in #München shopping mall #OEZ!! People running away to seek shelter!!" (Schießerei in Münchner Einkaufszentrum OEZ. Leute rennen weg, um Schutz zu suchen.) Dazu ein Video, 30 Sekunden lang. Menschen laufen aus dem OEZ. Retweets: 2758. Gefällt: 1656.

18.25 Uhr, am OEZ. Anz und seine Begleiter halten vor dem McDonald's, ringsum sichern Polizeikräfte ab. Anz erfährt, dass ein Täter im Restaurant geschossen hat und sich nicht mehr dort aufhält. Zwei andere Notärzte und diverse Rettungskräfte sind schon da.

Der Notarzt, der als erster eingetroffen war, hatte die Aufgabe, die Verletzungen zu klassifizieren mittels farbiger Karten in DIN-A5-Größe. Schwarze Karte: tot. Rote Karte: schwere Verletzung.

Das Rettungsteam läuft in den ersten Stock der McDonald's-Filiale. Anz sieht an einem Tisch vier junge Menschen sitzen, alle zusammengesackt. Vier schwarze Karten. Sonboly hat die Jugendlichen mit Kopfschüssen getötet, gleich nachdem er die Toilette mit gezückter Waffe verlassen hatte.

Anz eilt weiter zu einem Mädchen, das auf dem Boden liegt, rote Karte. Es ist in den Kopf getroffen, atmet aber noch. Anz und sein Team beatmen sie künstlich und versuchen, ihren Kreislauf zu stabilisieren. Dann tragen sie die junge Frau nach draußen, geschützt von Polizisten mit Maschinenpistolen.

18.29 Uhr. Der Zug, in dem Nina sitzt, hält planmäßig in Ingolstadt.

18.33 Uhr, Restaurant Alter Hof in der Altstadt. Gastwirt Johannes Müller empfängt eine SMS von einem Bekannten: "Schießerei am OEZ, in der Innenstadt nicht das Haus verlassen, 3 Täter noch auf der Flucht". In Müllers Gastgarten läuft gerade ein Weinfest mit Blasmusik, 1300 Leute sitzen an den Tischen. Er überlegt, was er tun soll. Den Gästen die Wahrheit sagen? Dann könnte Panik ausbrechen. Eine Lüge? Besser eine Lüge, denkt Müller.

Er stellt sich vor seine Gäste, hält sein Handy hoch und sagt, er habe gerade über die Katastrophen-App der Stadt eine Warnung vor einem Hagelsturm bekommen, alle müssten jetzt den Hof verlassen oder ins Restaurant gehen. An den drei Ständen stoppt er Weinausschank und Essensausgabe. Keine Wolke am Himmel, einige Gäste murren, manche werden aggressiv. Müller sagt, es gebe eine zweite Warnung, man müsse jetzt schnell machen.

Thomas Dashuber / Agentur Focus

Wenige Minuten später ist das Restaurant brechend voll, die Gäste lesen erste Meldungen über eine Schießerei am OEZ auf ihren Handys. Müller sagt, keine Sorge, es sei ein Kampf unter Rockern, es gehe um Drogen. Jemand hört eine Nachricht, in der von Terrorverdacht die Rede ist. Die Stimmung wird hektisch, angeblich sind Täter auf dem Weg in die Innenstadt. Müller spricht wieder vom Drogenkrieg, schenkt Getränke aus und holt die Blasmusik herein, die soll spielen und die Gäste ablenken.

18.49 Uhr, Mathäser Filmpalast. Kurt Schalk, 50, schneeweißer Bart, Marketingleiter des Kinos, erhält eine SMS von einer Kollegin aus Darmstadt: "Alles klar bei euch?" Schalk weiß nicht, warum nicht alles klar sein sollte. Er ruft im Internet eine Nachrichtenseite auf und liest dort von der Schießerei am OEZ. Weit weg. Alles klar im Mathäser Filmpalast.

18.55 Uhr, Hauptfeuerwache beim Sendlinger Tor. Der städtische Krisenstab hat sich versammelt, Oberbürgermeister Reiter kommt dazu. Die Runde diskutiert, ob der öffentliche Nahverkehr in München komplett eingestellt werden soll. Einerseits besteht die Gefahr, dass der oder die Attentäter sich in die U-Bahn flüchten könnten. Andererseits kommen die Leute wegen fehlender Verbindungen nicht aus der Stadt heraus.

Die Runde holt per Telefon Informationen von der Polizei ein. Dann fällt die Entscheidung: Stopp für alle Busse und Züge. Die Fahrgäste werden über Lautsprecher gebeten, die Waggons und Bahnhöfe zu verlassen. Die Fahrer sperren ihre U-Bahnen ab und setzen sich in die Betriebsräume.

Kurz vor 19.00 Uhr. Zwei Schüler aus Moosach, 16 und 18 Jahre alt, bekommen gleichzeitig von Bekannten ein Video von der Tat geschickt. Ein Passant hatte gefilmt, wie Sonboly aus dem McDonald's heraustritt, die Waffe hebt und mehrere Schüsse auf Menschen abfeuert, die zufällig vorbeigehen. Menschen fliehen in Panik. Das Video dauert 32 Sekunden. Die beiden wissen sofort, wer da schießt. Sie haben mehrere Monate mit Sonboly im Team Counter-Strike gespielt. Sie sind geschockt, telefonieren kurz miteinander und beschließen, die Polizei anzurufen. Der 16-Jährige wählt den Notruf und nennt den Namen des Schützen.

Um 19 Uhr sendet N24 zum ersten Mal das Video vom Tatort. Es wird die ganze Nacht von etlichen TV-Sendern ausgestrahlt.

1000 Polizisten sind zu dieser Zeit in München unterwegs.

mapz.com / OpenStreetMap; 3D-Ansicht: Apple

19.02 Uhr, Isarfunk, Meldung an alle Taxifahrer. "Info: Stachus großräumig meiden. Weiterer Polizeieinsatz!!!! Am besten keine Einsteiger mitnehmen".

19.05 Uhr, Tweet der Polizei München. "+++ACHTUNG+++ Meiden Sie die Umgebung um das #OEZ - Bleiben Sie in Ihren Wohnungen. Verlassen Sie die Straße!+++" Retweets: 6619. Gefällt: 4218.

Hubschrauber, ständig Lärm von Hubschraubern.

19.07 Uhr, Klinikum rechts der Isar, Notaufnahme. Anz' Krankenwagen rollt vor. Aber es ist nichts mehr zu machen. Das Mädchen mit der roten Karte aus der McDonald's-Filiale stirbt, es wurde 14 Jahre alt.

Danach kommen nur noch zwei Patienten ins Klinikum rechts der Isar, das sich inzwischen auf einen großen Katastropheneinsatz vorbereitet hat. Beide haben sich bei der Panik verletzt, einer in der Schrannenhalle und ein anderer in einem U-Bahnhof. Die Verletzungen: ein gebrochener Oberarm und ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma.

Hauptbahnhof: Der ICE 721 erreicht München. Kurz zuvor hat Nina mit ihrem Vater Stefan telefoniert. Sie sollte eigentlich die U-Bahn nach Moosach nehmen, an der Station vor dem Olympia-Einkaufszentrum aussteigen. Doch die U-Bahnen fahren nicht mehr. Stefan sagt Nina, dass er sie mit dem Auto abholt. Keine Sorge, alles wird gut.

Auf dem Bahnsteig hört Nina einen Knall. "Ein Schuss!", ruft jemand. Vier Mitreisende rennen los, Nina rennt hinterher. Sie hasten den Bahnsteig entlang, auf eine offen stehende Tür zu. Die Gruppe prescht hindurch, runter in einen Keller. Tür zu.

Die Leute sind hektisch, panisch, teilweise aggressiv. Keiner weiß, was draußen los ist. Die Handys funktionieren hier unten kaum. Die Gruppe denkt, Terroristen liefen direkt über ihren Köpfen durch den Bahnhof. Ein Polizist öffnet die Kellertür und sagt: "Bleibt, wo ihr seid, haltet die Türe geschlossen." Der Bahnhof sei geräumt worden.

Ninas Vater Stefan versucht, mit dem Auto in die Innenstadt zu kommen, doch die Straßen sind gesperrt, an vielen Orten stauen sich Rettungswagen und Polizeifahrzeuge. Er hört im Radio, dass niemand die Wohnung verlassen soll. Er fährt wieder nach Hause. Er ruft dauernd bei Nina an, kann sie nicht erreichen. Angst.

19.20 Uhr, Hofbräuhaus. Herbert Ebner, 63, sitzt am Stammtisch "Herzog Wilhelm V." im Nebensaal "Salettl" und bestellt Wurstsalat. Ebner ist kein Gast, sondern nennt sich selbst "Mädchen für alles": Unter der Woche ist er für die Finanzen zuständig, donnerstags und freitags soll er sich vor allem mit den Stammgästen unterhalten.

Im Autoradio hat er von der Schießerei gehört, auf der Stadtautobahn sind die ersten Einsatzwagen mit Blaulicht vorbeigerast. Sein Sohn hat angerufen und gefragt, ob es ihm gut gehe. Ja, natürlich.

Die acht Männer am Stammtisch reden über die Schießerei am OEZ. Angst hat niemand, das OEZ liegt acht Kilometer weit weg im Norden der Stadt.

Ein Gast liest laut von seinem Handy ab, am Karlsplatz, genannt Stachus, seien Schüsse gefallen. Im nächsten Moment stürmt ein Dutzend Leute von der Orlandostraße ins Hofbräuhaus, einer ruft: "Draußen wird geschossen!"

Attentäter Sonboly
Mohamed Aly Shebab

Attentäter Sonboly

1500 Gäste im Hofbräuhaus. Ebner springt auf, rennt in den Hauptraum und steht mitten im Chaos: Menschen schreien und hasten nach hinten in die Toiletten und die Lagerräume, nur weg vom Haupteingang. Einige springen auf Tische, schmeißen Maßkrüge um, zerschmettern Teller, ein Mann schürft sich den Arm am Türrahmen auf, weil alle gleichzeitig wegwollen und keiner Rücksicht nimmt. Bier tropft von den Tischen.

Es gibt ein Video, das eine Frau in der Bräuhausstraße gefilmt und ins Internet gestellt hat. Es zeigt das Hofbräuhaus von außen. Menschen rennen auf der Straße, immer wieder ertönen durchdringende, panische Schreie. Ein Knall, Glas zersplittert, ein Mann hat ein Buntglasfenster des Hofbräuhauses mit einem Maßkrug zerschmettert und klettert hinaus. Ein anderer hilft zwei weiteren Männern, dabei schreit er ununterbrochen: "Go away! Go away!" Haut ab! Das Video wurde inzwischen über 5000-mal bei Facebook geteilt.

Ebner schnappt sich seine Mitarbeiter und versucht, "Linie reinzubringen" ins Chaos. Sie dirigieren die verbliebenen Gäste zum Notausgang nach draußen. Polizisten führen die Menschen in umliegende Gebäude.

19.22 Uhr, Mathäser Filmpalast. Marketingleiter Schalk liest auf Bild.de: "++Mögliche zweite Schießerei am Stachus++". Das Mathäser-Kino liegt weit weg vom OEZ, aber in einer Seitenstraße vom Stachus, es gibt einen Durchgang von den unterirdischen Stachus Passagen bis zum Kino. Schalk springt auf und rennt zum Sicherheitsdienst. Einige Männer sitzen vor den Monitoren der Videoüberwachung, andere machen einen Rundgang durchs Haus und versichern Schalk, im Kino sei alles ruhig. Er eilt zum Foyer im ersten Stock. Hier werden Karten und Popcorn verkauft. Schalk hört draußen einen lauten Knall, vielleicht ein Schuss. Im gleichen Moment rennen von allen Seiten Passanten die Treppen hoch, mehr als 500, schätzt er. Sie weinen, sie schreien, einer ruft auf Englisch: "Shooting!", Schießerei.

In Kino 9 schaut Belhaj mit ihrer Tochter vergnügt dem freundlichen Riesen auf der Leinwand zu, als jemand in den dunklen Saal stürmt und schreit: "Draußen wird geschossen!" Panik. Die Menschen springen auf und rennen zum Notausgang. Belhaj irrt mit ihrer Tochter minutenlang hinter der Leinwand in kahlen Gängen umher. Erst hier haben sie wieder Handyempfang, erst hier erfahren sie von der Schießerei am OEZ. Belhaj denkt sofort an Terror. Verstohlen schaut sie sich um, ob jemand arabisch aussieht. Dann fällt ihr ein, dass sie ja selbst als Marokkanerin und Muslimin auf andere verdächtig wirken könnte.

Mitarbeiter des Kinos fordern die Leute in den Gängen auf, ins Foyer zu gehen. Einige Frauen weigern sich. Sie haben Angst, in einen Hinterhalt gelockt zu werden. Belhajs Tochter ist entspannt. Sie sagt, ihre Mutter solle sich keine Sorgen machen, in der Schule würden sie das auch manchmal üben. Niemand darf den Filmpalast verlassen. 2000 Menschen sind hier eingesperrt. Die meisten Gäste bekommen davon nichts mit, weil niemand panisch in ihren Kinosaal gestürmt ist.

19.25 Uhr, Stachus Passagen am Karlsplatz, Untergeschoss. Ein Mann, der für einen Absatz- und Schlüsseldienst arbeitet, beobachtet, wie sich Polizisten mit Maschinenpistolen an den Rolltreppen der U-Bahn aufstellen. Auf einigen Rücken steht "Polizei", auf anderen nichts. Ein Lautsprecher dröhnt, die Passanten sollen die Passage verlassen. Weil kaum einer reagiert, werden die Polizisten aggressiv und drängen die Menschen in Richtung des Eingangs von Galeria Kaufhof. Plötzlich reißt eine Frau ihr Baby aus dem Kinderwagen und rast los. Andere rennen auch, Regenschirme fliegen durch die Luft. Der Mann vom Schlüsseldienst schließt seinen Laden ab und versteckt sich hinter der Theke. Er hört einen Schuss. Er ist sich bis heute sicher, dass er einen Schuss gehört hat. Vier Jahre lang war er bei der Bundeswehr. Er linst hinter der Theke hervor und sieht, wie Polizisten die Diamantformation einnehmen: ein Mann in der Mitte, der die Gegend absucht, gedeckt von vier Mann, vorn, hinten, links, rechts. Gezogene Waffen, so tasten sie sich vor.

19.26 Uhr, Tweet von Thamina S. "Apparently, there was another shooting in the city center at #Stachus. People are being evacuated." (Offenbar gab es eine weitere Schießerei im Stadtzentrum am Stachus. Menschen werden evakuiert.) Retweets: 77. Gefällt: 13.

19.28 Uhr, Galeria Kaufhof am Stachus. Einige Dutzend Menschen stürmen in das Kaufhaus, einer schreit: "Schüsse!" Sie rennen nach hinten, in die Lagerräume, die Türen werden verrammelt. Eine Frau merkt, dass ihr Mann noch im Verkaufsraum ist. Sie weint, sie schreit, aber die Türen bleiben geschlossen. Ein Mädchen hyperventiliert, bis es in Ohnmacht fällt. Stille.

19.30 Uhr, Münchner Residenz. Die rund tausend Gäste, die ein Open-Air-Konzert der Gruppe "Blechschaden" sehen wollen, werden plötzlich in den Herkulessaal gebeten. Es regnet. Aber das ist nicht der Grund. Innerhalb von Minuten verbreiten sich auf Facebook Meldungen von weiteren Schießereien: Schüsse am Stachus (1000 Meter entfernt), Schüsse am Marienplatz (550 Meter entfernt), Schüsse am Hofbräuhaus (450 Meter entfernt), Schüsse am Odeonsplatz (150 Meter entfernt). Es klingt nach Krieg. Das OEZ allerdings ist weit weg.

Die Musiker, fast alles Blechbläser der Münchner Philharmoniker, setzen sich zusammen und überlegen: Darf man musizieren, wenn ringsum geschossen wird? "Ich hab' Angst", sagt einer der Musiker. Trotzdem wollen sie spielen.

19.34 Uhr. Das Nachrichtenportal Sueddeutsche.de bricht kurzzeitig zusammen.

19.35 Uhr, Tweet von Holger Schmidt, ARD-Terrorismusexperte. "Sicherheitskreise: Offenbar mehrere Tote im Zentrum #München am #Stachus und in einem Gebäude/Kaufhaus. Hintergrund weiterhin unklar".

Sat.1 Bayern twittert ein Foto von einem Studenten. Es zeigt ein Einkaufszentrum, auf dem Boden liegen Menschen, Blutlachen. Angeblich das OEZ, tatsächlich handelt es sich um ein altes Foto von einem Überfall auf ein Einkaufszentrum in Südafrika.

19.45 Uhr, Tweet von BR24. "Die Münchner Polizei hat klargestellt, dass es am Stachus in der Innenstadt einen Fehlalarm und keine Schießerei gegeben hat."

19.45 Uhr, Galeria Kaufhof am Stachus. Die Außentüren sind verschlossen, alle dürfen raus aus den Lagerräumen. Einige Kunden in den oberen Etagen haben von der Panik nichts mitbekommen und wundern sich, dass sie das Haus nicht verlassen dürfen. Rund 350 Menschen sind im Kaufhaus, sie werden im Restaurant im sechsten Stock versorgt.

Auch in anderen Kaufhäusern suchen Menschen Zuflucht. Bei Sportscheck gibt es kein Restaurant, die Mitarbeiter bringen die Leute in die Fitnessabteilung, wo alle vorhandenen Müsli-Riegel verteilt und aufgegessen werden. Später bietet der benachbarte Klosterwirt Essen an.

19.48 Uhr, Tweet von Thamina S. "Third shooting at #Isartor according to local media. Close to city center." (Dritte Schießerei am Isartor, laut lokalen Medienberichten. In der Nähe des Stadtzentrums.) Retweets: 48. Gefällt: 20.

Evakuierte Bürger am OEZ
Jörg Koch / Getty Images

Evakuierte Bürger am OEZ

20.00 Uhr, Saturn beim OEZ. Faruk Sazil, der Obstverkäufer, sitzt fest. Rund hundert Menschen haben sich in das Elektrofachgeschäft geflüchtet. Sie hocken in den Gängen zwischen den Regalen, telefonieren mit ihren Familien. Die verletzte Frau ist vom Notarzt abtransportiert worden. Es herrscht Unsicherheit. Ist der Schütze noch unterwegs? Gibt es weitere Täter? Alarm: Jemand will den Schützen hinter dem Saturn gesehen haben. Fehlalarm.

In einer Tankstelle nahe dem Tatort haben 250 Menschen Zuflucht gesucht. Als ein weißer Lastwagen vorfährt und stoppt, bricht Panik aus. Ein Selbstmordattentäter? Die Feuerwehr evakuiert die Tankstelle.Derzeit sind 2300 Polizisten in München unterwegs. Manche tragen zivile Kleidung, da sie von zu Hause direkt zum Einsatz gefahren sind. Zivil plus Waffe - viele denken, dass die Polizisten Attentäter sind.

Gerüchte, die umlaufen: Geiselnahme in einem Fitnessstudio am Stachus. Ein Toter am Isartor. Der Attentäter ist als Weihnachtsmann verkleidet. Schießerei im Kilians Irish Pub neben der Frauenkirche.

20.10 Uhr, Hofbräuhaus. Ebner kontrolliert die Säle und traut seinen Augen nicht: Im "Salettl" und sogar im Hauptraum sitzen vereinzelt Männer "tiefenentspannt" vor ihrem Bier, er zählt zehn. Er ruft: "Freunde, jetzt mach' ma zu, jetzt geh' ma alle hoam." Die Männer stehen auf, ohne zu murren, und gehen. In aller Ruhe.

20.15 Uhr, Münchner Residenz. Arnold Riedhammer, 69, betritt im Frack die Bühne und sucht mit den Augen sofort den Zuschauersaal ab: Macht irgendjemand auffällige Bewegungen? Sieht irgendjemand so aus, als könnte er in den nächsten 90 Minuten ein Massaker anrichten? Er denkt an den Konzertsaal Bataclan in Paris, in dem islamistische Terroristen 89 Menschen ermordeten. Riedhammer setzt sich hinter sein Schlagzeug, es steht auf einem Podest. Ich bin ein leichtes Ziel, denkt er.

Dirigent Bob Ross hält eine Ansprache: "Wir wollen uns nicht von denen unterdrücken lassen. Und nach Hause kann im Moment eh keiner. Deshalb spielen wir jetzt das Konzert." Das Publikum applaudiert lange. Riedhammer scannt mit Blicken noch einmal den Rang ihm gegenüber ab, sieht nichts Verdächtiges. Ross hebt den Taktstock, und "Blechschaden" spielt das erste Stück, ein Orgelkonzert von Bach, ohne Orgel.

20.15 Uhr, Polizeipräsidium, Büro des Münchner Polizeipräsidenten. Es sitzen zusammen: Oberbürgermeister Reiter, Ministerpräsident Horst Seehofer, Polizeipräsident Hubertus Andrä, dazu Minister und Spitzenbeamte. Andräs Funkgerät schnarrt. Er hat es auf den Tisch gestellt und alle Kanäle freigeschaltet, sodass die Runde mitbekommt, welche Informationen die Einsatzkräfte austauschen. Zudem haben die Politiker und Beamten ihre Handys in der Hand, verfolgen die Nachrichten und die sozialen Medien. "Es war niederschmetternd", sagt Reiter, "weil an so vielen Orten in München Schüsse gemeldet wurden. Natürlich hatte man die Bilder des Pariser Terroranschlags im Kopf."

20.30 Uhr. Eine Streife der Münchner Polizei trifft in der Henckystraße nördlich des OEZ auf den mutmaßlichen Täter und spricht ihn an. David Sonboly hebt seine Pistole, eine Glock 17, und schießt sich in den Kopf. Die Polizei ist sich nicht sicher, ob es sich um den Täter handelt: Er trägt ein anderes T-Shirt als auf dem Handyvideo, das ihn bei seinen Schüssen vor dem McDonald's zeigt. Keine Entwarnung.

20.42 Uhr, Alter Hof. "Ausnahmezustand, Polizei bestätigt 5 Tote", liest Gastwirt Müller auf seinem Handy. Er verschließt die Türen.Manche Gäste fühlen sich eingesperrt und werden wütend, andere fragen, ob die Türen aus Panzerglas seien. Ja, sind sie, sagt Müller. Die nächste Lüge. Die Gäste beruhigen sich.

Auf Twitter ist zu lesen: Schüsse am Postpalast an der Hackerbrücke und Schüsse im Modehaus Konen. Die Damen aus Österreich, die das Weinfest managen, sitzen am Tisch und weinen. Müller fällt ein, dass draußen an der Burgstraße ein rumänischer Geigenspieler steht, der jahrein, jahraus drei Lieder fiedelt. Der Mann versteht kein Deutsch, er weiß nicht, warum die Menschen alle weggelaufen sind. Müller holt ihn in die Gaststube, sagt zu den Leuten, die Münchner Philharmoniker würden jetzt kommen, der erste sei schon da.

Der Geiger spielt seine drei Lieder vor den verstörten Gästen. Gelächter, bessere Laune. Wenig später wollen die ersten gehen, andere wollen, dass die Türen versperrt bleiben. Streit, Gerangel. Ein panischer Gast schlägt Müller ein halb volles Rotweinglas auf den Kopf, eine blutende Schramme, Müllers weißes Hemd färbt sich rot.

21.00 Uhr, Mathäser Filmpalast. Ein Trupp vom SEK rückt mit sechs Mann an. Man habe einen Anruf erhalten, jemand habe Schüsse gehört.

Bei der Polizei meldet sich ein Anrufer und sagt, am Bahnhof von Fürstenfeldbruck sei ein schwarz gekleideter Mann mit einem langen Gegenstand aus einem Auto gestiegen und in Richtung Innenstadt gegangen. Polizeistreifen fahren das Gebiet ab, finden nichts. Später stellt sich heraus, dass der Mann wahrscheinlich einen Regenschirm dabeihatte.

Hauptbahnhof: Nina hockt noch immer im Keller, eine Zeit lang hinter Mülltonnen. Es stinkt, fahles Licht. Eine Frau kümmert sich um das Mädchen, nimmt sie in dem Arm. Schweigen. Stunde um Stunde sitzen sie dort. Sie haben Angst, den Keller zu verlassen. Sie wissen nicht, was draußen los ist.

21.06 Uhr, Tweet von Christian Lüth, AfD-Pressesprecher. "AfD wählen! Schüsse am Olympia Einkaufszentrum: Tote in München - Polizei spricht von akuter Terrorlage."

21.10 Uhr. Barack Obama, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, verspricht Deutschland Unterstützung.

21.30 Uhr. Stefan, der Vater von Nina, fährt noch einmal los, über Nebenstraßen bis zum Hauptbahnhof. München ist jetzt eine stille Stadt, kein Zug, kein Bus, kein Taxi unterwegs. Manchmal huscht ein Polizeiwagen mit Blaulicht über eine leere Straße.

Am Hauptbahnhof trifft Stefan auf einen Polizeibeamten, der keine Ahnung hat, wo Nina sein könnte, aber von Passagieren des ICE berichtet, die in umliegende Hotels und Restaurants gebracht wurden. Er sucht, findet jedoch seine Tochter nicht, kehrt nach Hause zurück. Dann erfährt er von Ninas Mutter, dass ihre Tochter in Sicherheit ist. Sie hat eine SMS bekommen, die sie an den Vater weiterleitet.

21.30 Uhr, Saturn beim OEZ. Faruk Sazil kann den Laden verlassen. Im Gänsemarsch laufen die hundert Menschen in Richtung Pelkovenstraße, begleitet von schwer bewaffneten Polizisten. Ein Polizist fragt, wer etwas beobachtet hat. Sazil meldet sich und macht eine Aussage.

Hofbräuhaus: Ebner und seine Kollegen räumen auf. "Wir haben nicht beziffert, wie viel zu Bruch ging", sagt er. "Aber es war einiges." Rund vierzig Handys wurden zurückgelassen, zig Handtaschen, und Hunderte Rechnungen blieben unbezahlt. Blut auf dem Boden, jemand muss sich bei der Flucht verletzt haben.

21.33 Uhr. dpa meldet, dass sich die Bundesregierung auf eine Krisenlage einstellt.

21.58 Uhr, Tweet von André Poggenburg, Bundesvorstand der AfD. "Merkel-Einheitspartei: danke für den Terror in Deutschland und Europa!"

Thomas Dashuber / Agentur Focus

22.00 Uhr, Flughafen München. Polizeiwagen fahren vor. Ein ehemaliger Mitarbeiter einer Servicefirma hat seinen früheren Arbeitgeber mit einer Schreckschusspistole aufgesucht. Ein Schuss löst sich, doch niemand wird verletzt. Der Mann wird in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht.

22.02 Uhr. Eine Frau namens Lauretta, die zur Tatzeit im McDonald's war, berichtet auf CNN: "Mein Sohn hat in der Toilette den Mann gesehen, wie er seine Waffe lädt. Es war eine Pistole. Ich höre so etwas wie einen Alarm, Boom, Boom, Boom - und er tötet immer noch diese Kinder. Die machen nichts, saßen, um zu essen. Die können gar nicht rennen. Ich höre Allahu akbar. Allahu akbar. Ich habe das erkannt, weil ich selbst Muslimin bin. Ich höre das und weine nur noch."

22.12 Uhr. Trust Promotion, eine Personalagentur für Werbeaktionen, schreibt auf Facebook: "Der Weihnachtsmann, der heute im OEZ gesehen wurde, war ein Promoter unserer Agentur, der im Rahmen einer Marketingkampagne den Kunden einer Einzelhandelskette eine vorweihnachtliche Freude mit Lollies etc. gemacht hat. Diese Kampagne fand heute bundesweit statt - also auch in anderen Städten - in denen jetzt angeblich verdächtige Weihnachtsmänner gesehen wurden."

22.15 Uhr, Mathäser Filmpalast. Entwarnung, die Leute dürfen nach Hause gehen. Zhor Belhaj und ihre Tochter werden von ihrem Schwager abgeholt. Als sie draußen an Polizisten mit Maschinenpistolen vorbeigehen, schreit ihre Tochter auf, weil Belhaj ihre Hand so fest drückt.

22.56 Uhr, Tweet von Michael Schilling, Chefredakteur der "Abendzeitung". "Vor 20 Minuten drei Schüsse nahe der @Abendzeitung-Redaktion, Landaubogen. Polizei soeben eingetroffen. Wir machen's Licht aus."

Das SEK ist mit 25 Polizisten angerückt. Die Redakteure müssen die Lichter löschen. Die Zeitung wird im Dunkeln fertig produziert.

23.00 Uhr, Alter Hof. Die Türen stehen offen. Die ersten Gäste haben sich zu Fuß auf den Heimweg gemacht. Die anderen sind müde und erschöpft und verzweifelt. Müller lässt Tischdecken und Stoffservietten aus dem Keller holen und bastelt daraus Kopfkissen. Die Leute schlafen auf den Bänken, eng nebeneinander. Manche halten sich im Arm, freunden sich an.

Auch in den Kaufhäusern übernachten Mitarbeiter, Konzertgäste bleiben in der Residenz. München schläft auswärts in München.

23.30 Uhr, Klinik für Unfallchirurgie des Städtischen Klinikums Schwabing. Chefarzt Eduard Höcherl will große Teile des Personals nach Hause schicken. Das Krankenhaus hatte sich auf bis zu 50 Schwerverletzte vorbereitet, doch die kamen nicht. Ein Wachmann eilt herbei und sagt, man habe in der Nähe des Krankenhauses einen Schuss gehört. Alle müssen bleiben. Kommt jetzt der Ansturm? Fehlalarm.

23.51 Uhr, Tweet von Michael Schilling. "Inoffizielle Vermutung: Schüsse ab der @Abendzeitung stammen von Punkerparty in der Nähe, die sich einen 'Scherz' erlaubt habe."

0.30 Uhr, Hauptbahnhof. Die Polizei durchsucht den Bahnhof und findet die fünf Menschen, die immer noch verängstigt im Keller hocken. Eine halbe Stunde später kann Stefan seine Tochter endlich in die Arme schließen. Nina ist völlig verstört und weint.

1.00 Uhr, Polizeipräsidium. Reiter und die Verwaltung geben in Absprache mit den Sicherheitsbehörden die öffentlichen Verkehrsmittel frei. Bis die Bahnen ihren normalen Betrieb am Morgen wieder aufnehmen, fahren Nachtbusse. Die Runde überlegt zunächst, ob sie die Busse durch Polizeieskorten begleiten lassen will, ent- scheidet sich aber dagegen: Solche Konvois hätten wohl nur die Angst verstärkt.

1.26 Uhr, Tweet der Polizei. "Vorsichtige Entwarnung #München: Wir haben im Rahmen der Fahndung eine Person gefunden, die sich selbst getötet hat. Dabei handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um den Täter, der nach jetzigem Ermittlungsstand allein agiert hat."

2.00 Uhr, Polizeipräsidium. Der Polizeipräsident schildert auf einer Pressekonferenz den Stand der Ermittlungen.

3.05 Uhr, Tweet der Polizei. "Die traurige Bilanz des Abends 10 Tote, darunter der mutmaßliche Täter. 21 Verletzte."

Thomas Dashuber / Agentur Focus

Der Täter war kein Islamist. Er war ein verstörter Außenseiter, der sich an Amokläufern wie denen von Columbine orientiert hatte. Seine Taten waren ein Horror, keine Frage. Rund um das OEZ haben viele Menschen enorm gelitten. Auch die Ängste, die in der Innenstadt ausgestanden wurden, waren real, waren kaum erträglich. Niemand kann etwas für seine Panik. Man packt nicht die Angst, die Angst packt einen.

Und doch muss man über diese Nacht nachdenken. Sie zeigt, wie sich die Welt verändert hat und was das mit uns macht.

München gilt eher als coole Stadt, bayerisches Gemüt, Schickeria, Schumann's Bar, Bayern Münchens beherrschter Dominanzfußball. Aber München, 310,7 Quadratkilometer groß, verfiel in Panik, als sich ein Amokläufer auf geschätzt einem viertel Quadratkilometer aufhielt. Bei der Polizei gingen von kurz vor sechs Uhr abends bis Mitternacht 4360 Notrufe ein, viermal so viele wie an einem durchschnittlichen Abend. Die Statistik zählt 66 Einsatzorte, weil Schüsse gemeldet wurden. 65 Fehlalarme.

Irgendwann wird man die Kulturgeschichte des Knalls schreiben. Es gibt da bestimmt mehrere Brüche, einer ereignet sich in unserer Zeit. Vor dem Hintergrund des Terrors verengen sich die Assoziationen beim Knall auf den Schuss, die Explosion. Das war einer der Hauptgründe für die Münchner Panik, für das Münchner Syndrom.15 Jahre islamistischer Terror seit 9/11 haben die Menschen empfindlicher gemacht, dünnhäutiger. München ist ein Blick in Deutschlands Unterbewusstsein. Doch wahrscheinlich wäre es in anderen Städten des Westens nicht anders gewesen. Ein wunderbarer Satz aus Don DeLillos neuem Roman "Null K" passt dazu: "Wie dünn das Leben geworden ist. Da kann ich mit einem Finger durchstechen."

Dazu kommen die Gerüchte, die sich über das Internet so schnell verbreiten können wie niemals zuvor. München war in dieser Nacht der Hashtags und Ausrufezeichen eine Sternstunde für den Gott des Gerüchts.

Thamina S., die so rege Warnungen hinausgetwittert hat, vielleicht in bester Absicht, antwortet auf Anfragen nicht.

Es antwortet der Pressesprecher der AfD, Lüth. Er schreibt in einer Mail, sein Tweet sei dazu gedacht gewesen, die Aufmerksamkeit auf die miserable Sicherheitslage in Deutschland zu lenken. "Ich denke, er hat seine Wirkung getan." Allerdings hat er den Tweet inzwischen gelöscht. Warum, will er nicht sagen.

Auch das verstärkt die Angst in diesen Zeiten. Es gibt zu viele Leute, die davon profitieren wollen, die deshalb Angst schüren und Lügen nicht scheuen.

Das zusammen hat dem IS in München einen kleinen Sieg beschert. In den Köpfen war er dabei und hat aus einer lebendigen Stadt für ein paar Stunden eine tote Stadt gemacht. Das ist ein Ziel dieser Leute.

Gibt es Lehren von München? Bewaffnete Polizisten in Zivil sollen bei solchen Anlässen Polizeiwesten tragen, damit sie nicht wie Attentäter wirken. Skepsis gegenüber schnellen Sätzen aus dem Internet. Dem Knall verschiedene Ursachen zutrauen, auch in diesen Zeiten.

Und vielleicht mal an jene zehn Männer denken, die im Hofbräuhaus einfach sitzen geblieben sind. Bierruhe. Das ist so ein schönes deutsches Wort.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 38/2016
Hillary Clintons Schwäche wird zur Gefahr für die Welt


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chico 76 18.09.2016
1. Den Angstzustand
in D. gut beschrieben, auch die Untersuchungen an Flughäfen, ein Störfaktor, alles zu verdanken religiösen Fanatikern, mit einigen verwirrten Trittbrettfahrern, begleitet von Gewalttaten der äussersten Rechten und Linken. Keine angenehmen Aussichten.
gis 18.09.2016
2. Der Attentäter
von München hieß nicht David Sonboly sondern Ali Daud Sonboly. Warum wird hier ständig der falsche Name verwendet?
io_gbg 18.09.2016
3.
Zitat von gisvon München hieß nicht David Sonboly sondern Ali Daud Sonboly. Warum wird hier ständig der falsche Name verwendet?
Da ist nichts "ständig falsch". David ist der richtige Name.
Turbo 21.09.2016
4. Enttäuschend
So präzise und schnell die Kollegen von Spiegel TV Stunden nach der Tat das Geschehen rekonstruierten, so enttäuschend ist dieser aufgewärmte Bericht. Die Aneinanderreihung des Tagegeschehens von Privatpersonen vermittelt eigentlich genau 3 Dinge: Alle Menschen waren fürchterlich geschockt. AfD ist doof. Macht es am besten wie echte Bayern: trinkt ein Bier und entspannt Euch wenn es mal brenzlig wird. Was der Autor vermutlich eigentlich sagen wollte: in einer hochentwickelten, zivilisierten Stadt ist Gewalt und Terror etwas, mit denen Menschen nur schwer umgehen können. Ein Grund mehr, nach Lösungen zu suchen, wie so etwas in Zukunft verhindert werden kann. Zum Besipiel wie in genau SO einer Stadt Viertel entstehen können, in denen Menschen leben, die sich ausgegrenzt fühlen und eine ethnische und ethische Eigendynamik entwickeln, die am Ende in Hass und Terror endet. Bier trinken und abwarten wird da sicherlich nicht die Lösung sein.
lequick 22.09.2016
5.
Danke für den Bericht. Was ich nicht verstehe: warum wird "Thamina S" nicht angeklagt? In einer für die Gesellschaft kritischen Situation Lügen zu streuen ist äußerst schädigend. Sowas muss bestraft werden. Zu den Idioten von der AfD fällt mir auch nichts mehr ein.
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