Mysteriöser Serientäter Der Hackepeter von Pfinztal

Über Wochen hinweg deponierte ein Unbekannter einen Klumpen Fleisch an den Schienen der Pfinztalbahn. Was wissen die Anwohner?
Fund am Bahnsteig in Pfinztal

Fund am Bahnsteig in Pfinztal

Die Brühwurst "Pfinzi", ein Halbpfünder im Kunstdarm, wurde zum 40. Jahrestag der Gemeindegründung Pfinztal vorgestellt, eine Initiative der fünf örtlichen Fleischereifachbetriebe, die sich unter dem Slogan "Pfinztal ist uns nicht Wurst" zusammengetan hatten.

Damit sollte der Ortschaft im Kraichgau etwas Aufmerksamkeit verschafft werden, "über den Gaumen", wie es damals, am 19. Februar 2014, im Mitteilungsblatt hieß.

Und jetzt das.

Zuerst hatte die Zeitung "Badische Neueste Nachrichten" berichtet. Dann war zwei Tage lang bundesweit nur noch vom "Hack-Rätsel" die Rede, vom Pfinztaler "Serientäter" und von "Mystery Mett", von "mettwürdigen Vorfällen", dem "Hackfleisch-Phantom" und vom "mysteriösen Mett-Haufen". Witzbolde mutmaßten über "Mettwisser" und regten die Einrichtung einer Sonderkommission an: "Hacktenzeichen XY ungelöst".

Über Wochen hinweg, meistens montagnachts, hatte jemand einen Klumpen Hackfleisch an den Schienen der Pfinztalbahn deponiert. Ungeheurer Vorgang! Und es bleibt einem nichts anderes übrig, als selbst hinzufahren, nach Pfinztal-Berghausen bei Karlsruhe, um sich ein Bild zu machen, um Fragen zu stellen, um nach Spuren zu suchen.

"Unser Phantom", sagt Frau Wenz von der Dorfmetzgerei Wenz (in vierter Generation), wenn sie vom Täter spricht. Sie schätze den Wert des Mettklumpens auf zehn Euro, "außer, der hätte es beim Aldi gekauft. Vielleicht ein Tierfreund? Aber warum dann an die Schienen?" Im Übrigen, sagt sie, sei das eigentlich Erstaunliche an dem Ganzen das Interesse der Medien: "Alle wollen etwas wissen. Es ist wie beim 'Tatort'. Und jetzt sind Sie auch noch da."

Die "Irish Times" erwähnte in ihrer Berichterstattung die ungebrochene Liebe der Deutschen zum Fleisch (60 Kilogramm pro Kopf und Jahr) und brachte Shakespeares "Kaufmann von Venedig" in die Diskussion: "Seit Shylock hat kein Pfund Fleisch so viel Drama ausgelöst."

Rohes Fleisch an Schienen, das weckt ungute Assoziationen. Auch zeigten die Fotos der "Badischen Neuesten Nachrichten" den Klumpen in Form eines menschlichen Hirns und an das Gleis gelegt wie für einen Anschlag.

Der Tatort, so zeigt eine persönliche Inspektion, liegt am Streckenkilometer 2,283 der Pfinztalbahn, neben einem Erdungskabel. Unmittelbar hier liegt auch ein brauner Wollhandschuh (der rechte), möglicherweise ein Hinweis auf den oder die Täter, -innen, möglicherweise auch überhaupt nicht. Alles wird verdächtig. Auffällig ist ein unweit geparktes Kraftfahrzeug der Marke Ford mit dem Kennzeichenbeginn KA-UZ, auffällig, wenn auch vorschriftsmäßig geparkt gegenüber dem Sonnenstudio "Jamaika".

Ein Rentner, Hermann G., harkt Laub vor seinem Haus am Bahnhofsplatz gegenüber. Er erweist sich als schwerhörig, will auch nichts gesehen haben. Aber wieso, fragt man sich als Ermittler, klebt im Erdgeschoss eine Einladung zu einem Katzenfreunde-Treff? Es sind nur ein paar Schritte von hier zum Gleis.

Vom Schaufenster der Bäckerei Gröger aus hat man einen guten Blick auf Gleis und Bahnhof. An der Tür hängt die Titelseite der Zeitung vom Tage: "DHL liefert Sperma statt Schuhe!" Obwohl es auf Mittag zugeht, sind kaum Kunden zu sehen. Vor Kurzem starb der Seniorchef. Sein Bild hängt, mit einem Trauerflor, gegenüber der Kuchentheke. Auf dem Stehtisch flackert ein Teelicht, ein grinsender Kürbis, wohl übrig geblieben von Halloween.

"Der Klops soll ja gefroren gewesen sein", sagt Birgit Essig, die Bäckereiverkäuferin, und bongt den Cappuccino ein. "Was mir komisch vorkam, gleich von Anfang an..." - in diesem Moment nähert sich draußen, erst sirrend, dann rumpelnd, die S5 in Richtung Karlsruhe-Durlach - "...war, dass da so große Fettstücke drin waren, in dem Hack. Das war kein gewöhnliches Fleisch."

"Für die Igel soll das hingelegt worden sein oder für die Katzen", so Uschi Munk, Verkäuferin auch sie. Aber wieso direkt an die Geleise? "Da traut sich doch kein Igel hin."

"Was ich mich frage, und darüber hat noch niemand berichtet...", sagt Birgit Essig und fügt bei der Gelegenheit ein, dass RTL und auch das Baden TV schon in der Bäckerei Gröger gefilmt hätten, "...was ist das eigentlich für ein Fleisch?"

"Quarkplunder ist aus!", sagt Uschi Munk. Nur ein Kunde steht noch im Laden. Sie sagt: "Kirsch ist auch frisch."

Birgit Essig fährt fort: "Ich meine, wer sagt denn, dass es Schweinefleisch war? Oder, Uschi?" Die Männer von der Bahn hätten den Mettklumpen jedes Mal im blauen Sack weggeschafft. "Die Polizei läuft öfter Streife jetzt, das schon, aber ob das Schweinefleisch war ...", sagt Uschi.

"Wissen Sie, was mein erster Gedanke war?" Der Kürbis grinst flackernd. "Nein, ernsthaft. Da hat jemand ..."

Aus der Backstube kommt jetzt polternd und mit gerötetem Gesicht ein kräftiger Mann, der Bäcker, er sagt irgendetwas in starkem badischen Tonfall, unverständlich.

"Ja genau", sagt Birgit Essig, "genau das war mein erster Gedanke: Da hat jemand seine Frau entsorgt."

"Ach, Birgit", sagt Uschi.

Und alle Fragen sind weiterhin offen. Wer ist der "Mett-Mann", und was soll überhaupt die ganze Geschichte? Zurück bleibt, wie beim Krimi im öffentlich-rechtlichen Abendprogramm, ein Gefühl von Ratlosigkeit und Sinnverlust.