AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2017

Merkel im Wahljahr Im Kartenhaus

So lange ist Angela Merkel bereits Kanzlerin, dass sie fast hinter ihrem Amt verschwunden ist. Im Wahlkampf gegen Martin Schulz könnte das ihr größtes Problem werden.

Regierungschefin Merkel im Kanzleramt in Berlin
Christian Thiel

Regierungschefin Merkel im Kanzleramt in Berlin

Von und Britta Stuff


Irgendwann im Herbst vor zwölf Jahren bekam Angela Merkel Besuch von Handwerkern. Sie tauschten die Fensterscheiben in ihrer Wohnung aus, mit denen eigentlich alles in Ordnung war. Aber weil sie gerade Kanzlerin geworden war, brauchte sie neue, aus Panzerglas. Sie tarnten sie als normale Altbaufenster. Alles sollte aussehen wie immer.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 12/2017
Wissenschaft: Besser essen, einfach essen

Es ist seither etwas dunkler in ihrer Wohnung, sagen Fachleute, das ist der Preis für den höheren Sicherheitsstandard. Aber es könnte nun jemand mit einer Waffe auf dem Dach des nahe gelegenen Pergamonmuseums stehen, die Kanzlerin wäre sicher.

Man muss sich als Kanzler daran gewöhnen, hinter dickem Glas zu leben, nicht nur in der Wohnung.

"Ich denke an dichte Fenster", sagte Merkel vor ein paar Jahren, als sie gefragt wurde, was sie mit Deutschland verbinde. "Kein anderes Land kann so dichte und so schöne Fenster bauen."

Vielleicht, sagt einer, der sie kennt, habe das alles mal mit Fenstern angefangen. Aber zwischen ihr und der Welt sei längst mehr. Mindestens eine Wand.

Kontrolle

An einem Mittwoch Anfang März kommt sie gerade so rechtzeitig, dass es nicht unhöflich wirkt. Der Europaabgeordnete Werner Kuhn hat mit seiner Rede schon begonnen. Sie weiß, was sie erwartet, sie ist inzwischen zum 19. Mal in Demmin beim politischen Aschermittwoch, und Werner Kuhn hat bisher immer die Rede vor ihr gehalten.

Er sagt: "Der Tag erwacht, die Sonne lacht, das hat die CDU gemacht."

Kuhn trägt einen Zylinder, eine Fliege und einen etwas zu kurzen Frack. Achtung, lustig, soll das heißen. Als die Hauptperson endlich den Saal betritt, sagt er: "Angela, du bist so bescheiden, um deinen Job nicht zu beneiden."

Sie verzieht keine Miene. Sie setzt sich an ihren Platz, holt ihr Redemanuskript raus und kritzelt darin herum. Manchmal, wenn die Leute im Saal über Kuhn lachen, nickt sie mit dem Kopf und klatscht.

Merkel in Demmin
Maurice Weiss / Ostkreuz/ DER SPIEGEL

Merkel in Demmin

Um kurz nach sechs tritt sie ans Pult und hält eine Rede, die ohne jeden Scherz auskommt. Sie spricht über die Türkei, die Konjunktur und die Breitbandverkabelung auf dem Land. Nach 22 Minuten ist sie fertig, niemand hat gelacht, es gab auch nichts zu lachen. Kuhn sagt noch, dass sich Merkel natürlich ein bisschen Zeit nehmen werde für die Parteifreunde, aber da ist sie schon auf dem Weg zum Ausgang. Sie winkt noch einmal, dann verschwindet sie hinter der dunklen Wand ihrer Sicherheitsleute, und als sie weg ist, hat man das Gefühl, dass sie nicht wirklich da war.

Als hätte jemand aus der CDU einen dieser lebensgroßen Pappaufsteller geschickt, neben denen man sich im Wahlkampf fotografieren lassen kann, und gedacht: merkt keiner.

Im Laufe jeder Kanzlerschaft spürt man irgendwann eine Fremdheit zwischen Volk und Amtsinhaber. Es ist, als würden die Stärken des Kanzlers plötzlich zu Schwächen werden. Niemand regierte die Bundesrepublik länger als Helmut Kohl, aber am Ende seiner 16-jährigen Amtszeit wirkte er mit seiner Strickjacke wie aus der Zeit gefallen. Gerhard Schröder verstörte seine Wähler, weil er als Sozialdemokrat das Land reformierte wie kein Kanzler zuvor. Noch heute ist diese Distanz zu spüren, wenn die Rede auf die Agenda 2010 kommt.

Angela Merkels wichtigstes politisches Instrument war immer Kontrolle, sagt jemand aus ihrem Kreis. Wie man im Labor die Raumtemperatur konstant halten und die exakte Dosierung beachten muss, so kontrolliert Merkel ihre Worte, ihre Emotionen, ihr Umfeld. Ihre Konstanz hatte immer etwas Klinisches, aber zugleich Beruhigendes.

Wenn man mit Merkel heute unterwegs ist, merkt man, dass sie es mit der Kontrolle womöglich übertrieben hat. Dass es fast unmöglich geworden ist, hinter der Kanzlerfassade noch den echten Menschen zu erkennen.

Es hat anders begonnen. Als sie 1990 nach Bonn kam, sah man Angela Merkel an, dass sie neu in der Politik war. Sie wollte sich nicht in diese Stadt fügen, in der die Damen betonierte Frisuren trugen und die Herren karierte Sakkos.

Einmal, so erzählt jemand, da war sie noch Frauen- und Jugendministerin, sollte sie mit Helmut Kohl nach New York fliegen. Sie kam in einem weiten Rock, Strickstrümpfen und Sandalen. Kohl soll gesagt haben: "So geht das nicht."

Merkels heutiges Aussehen entstand nach und nach, im Ausschlussprinzip. Alles, was Aufsehen erregte, ließ sie bleiben. Man muss sich diese Entwicklung als Kampf vorstellen: Will ich mir treu bleiben oder Erfolg haben?

Noch als Umweltministerin ließ sie sich vor Fernsehauftritten nicht abpudern, zum Leid ihrer Berater, die ihr sagten, sie sehe dann halt leider aus wie eine Leiche.

Als Merkel prominenter wurde, stapelten sich in der Parteizentrale Briefe von Imageberatern, die sich an ihr ausprobieren wollten. Sie hat keinem geantwortet, aber dass sie sich verändern muss, wenn sie nicht immer wieder Thema von Stilkolumnen sein will, hat sie verstanden.

Männer tragen ihren Anzug wie eine Uniform. Es gibt Manager, die sich von dem gleichen Modell gleich zehn Stück kaufen, damit die Kleiderfrage ein für alle Mal erledigt ist. Merkel hält das inzwischen ähnlich. Sie trägt meistens eine schwarze Hose und Blazer, die nur in der Farbe variieren. Ihr erster Weg am Morgen im Kanzleramt führt zu ihrer persönlichen Visagistin. "Sie legt ihre Maske auf", heißt das bei ihren Leuten.

Danach fühle sie sich für den Tag gerüstet.

Merkel ist die meistfotografierte Frau Deutschlands und hat in den vergangenen zwölf Jahren etwas geschafft, was sonst nur der Queen gelang: Sie sieht auf allen Bildern gleich aus. Nichts löst mehr Irritation aus. Nicht ihr Aussehen, nicht ihre Grußworte, nicht ihre Neujahrsansprachen, die man sich am Stück ansehen kann, ohne eine Ahnung davon zu bekommen, welches Jahr gerade ist. Merkel wurde über die Jahre so selbstverständlich wie die Wohnung, in der man lebt, und das Auto, mit dem man morgens zur Arbeit fährt. Als sie sich im Jahr 2013 zum dritten Mal um das Kanzleramt bewarb, bestand ihre Kampagne im Grunde aus einem Satz: "Sie kennen mich."

Im Sommer 2015, als mehr und mehr Flüchtlinge kamen, überraschte Merkel die Deutschen zum ersten Mal seit Langem, manche im Guten, manche im Schlechten. Danach sah man genauer hin, und man fragte sich, ob hinter den tausend Bildern und Statements vielleicht jemand ist, den man gar nicht kennt.

Anfang September 2016 fliegt sie nach China zum G-20-Gipfel. Merkel wäre lieber zu Hause geblieben, weil an diesem Wochenende Wahl in Mecklenburg-Vorpommern ist und die Umfragen in den Keller gerutscht sind. Aber der Gastgeber des Gipfels ist der chinesische Präsident Xi Jinping, und der hat vermutlich noch nie was von Mecklenburg-Vorpommern gehört.

Am Abend, nach Terminen mit Recep Tayyip Erdoan und Wladimir Putin, wählt sie eine Nummer in Deutschland. Dort ist es kurz nach fünf Uhr nachmittags, und alle Umfragen für Mecklenburg-Vorpommern sagen, dass die CDU und die AfD nahezu gleichauf liegen. Sie telefoniert mit Horst Seehofer, der sie wegen ihrer Flüchtlingspolitik angegriffen hat wie sonst nur die Leute von der AfD.

Seehofers Laune schwankt zwischen Genugtuung und Entsetzen. "Du, ich kann jetzt erst einmal gar nichts sagen. Ich bin geplättet", sagt er.

Wenn es einen Moment gab, in dem alles ins Rutschen kam, dann dieser. Alles so lange unter Kontrolle - und nun das.

Der Abend

Von außen sieht das Kanzleramt aus wie eine Burg und von innen wie ein Kartenhaus, sagt einer, der viele Jahre dort gearbeitet hat. Die Büros sind übereinandergeschachtelt, in jedem kleinen Schächtelchen sitzt jemand. Es ist meist still, nur manchmal weht der Wind "Tochter Zion" in die Schächtelchen, gespielt von einer Blaskapelle. Dann weiß man, bald ist Weihnachten und wieder ein Jahr vorbei.

Oben, im siebten Stock, ist Merkels Büro. Als sie dort einzog, hat sie ein Bild von Konrad Adenauer aufhängen lassen, Schröders Schreibtisch durfte bleiben. Gewöhnen konnte sie sich an ihn nie. Er ist knapp vier Meter lang, leicht geschwungen und mit blaugrauem Lack überzogen. Schröder empfing seine Besucher gern so, dass der Schreibtisch zwischen ihnen stand. Manchmal lehnte er sich zurück und zündete sich eine Zigarre an.

Merkel hat den Besprechungstisch als ihren Arbeitsplatz gewählt. Im ersten Kabinett spotteten manche SPD-Minister: "Merkel sitzt am Katzentisch." Es kam ihnen vor, als traute sie sich nicht, Schröders Schreibtisch zu übernehmen. Als wollte sie sich sicherheitshalber lieber nicht so breitmachen, oben im Kartenhaus.

Merkel mag Sicherheit. Vielleicht hat sie auch deshalb ihren Alltag so lange unter Kontrolle gehabt. Der Tag eines Kanzlers ist ein Korsett, das so lange weiter zugeschnürt wird, bis man Stopp sagt. Zu den Gremiensitzungen der Partei und den Besuchen bei den Ortsverbänden kommen die Rücksprachen mit den Ministern, die Treffen mit dem Kabinett und die unzähligen Anfragen für Reden und Grußworte, die man nur dosiert absagen kann. Von Sigmar Gabriel weiß man, dass er auch mal Termine sausen lässt, wenn ihm alles zu viel wird. Merkel führt ihren Kalender wie ihre Politik: Sie zögert lange, bevor sie etwas zusagt. Aber die Zusage steht.

Kabinettstisch mit der Kanzlerglocke
Maurice Weiss / Ostkreuz / DER SPIEGEL

Kabinettstisch mit der Kanzlerglocke

Als Merkel noch neu im Amt war, klingelte an einem Sonntag das Handy von Ulrich Wilhelm, dem damaligen Regierungssprecher. "Sie sind jetzt mein 35. Telefonat an diesem Wochenende", sagte Merkel. Es war keine Klage, eher eine verwunderte Feststellung.

Freude, sagt ein ehemaliger Minister, bereite die Macht erst am Abend, wenn der Druck des Tages weiche.

Am Abend, wenn die mit Akten bewaffnete Armee aus fast 600 Mitarbeitern nach Hause gegangen ist, zeigt sich die wahre Größe des Kanzleramts. Der Wind rüttelt wie einst Schröder am Haus, als wollte er rein. Man geht allein durch lange Flure, und es würde einen nicht wundern, wenn die alten Kanzler aus ihren Bildern im ersten Stock sprängen, um kettenrasselnd durch die Gänge zu ziehen.

Gegen so ein Gefühl hilft Gesellschaft.

Im Frühjahr 2006 bittet Merkel Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff und Franz Beckenbauer ins Kanzleramt. Es sind Freunde von Schröder und Fremde für Merkel. Bald steht die Weltmeisterschaft an.

Ob ein Essen im Kanzleramt gelingt, erkennt man nach dem Dessert. An diesem Abend, so erzählt einer, der dabei war, beginnen die Männer nach dem Nachtisch, unruhig zu werden.

Merkel sagt: "Herr Beckenbauer, was würden Sie jetzt machen, wenn Schröder noch hier wäre?"

Beckenbauer: "Dann würden wir jetzt eine Zigarre kommen lassen."

Merkel: "Könnten wir Herrn Beckenbauer eine Zigarre kommen lassen? Was würden Sie noch machen?"

Beckenbauer: "Wir würden eine schöne Flasche Rotwein vom Chirac öffnen."

Merkel: "Könnten Sie uns den Rotwein bringen?"

Als die Zigarre angesteckt und die Flasche geöffnet war, entspannte sich die Runde. Es wurde ein Abend, an dem Merkel Schröders Freunde für sich einnehmen konnte.

Anfangs füllten sich die Abende von selbst mit Leben. Als Schröder abgewählt war, besetzte die Union den Regierungssitz wie einst verlorenes Land. Jeder CDU-Abgeordnete wollte einer Delegation aus dem Wahlkreis endlich das eroberte Gebäude präsentieren. Als Kanzler kann man einladen, wen man will, er wird kommen. Merkel richtete Abendessen für Schauspieler und Künstler aus, für Kardinal Walter Kasper, für "Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort.

Schriebe ein Soziologe eine Arbeit mit dem Titel "Was für Menschen waren Deutschlands Kanzler?", würde er in der Nacht fündig werden.

Willy Brandt versuchte, seine Depression zu verscheuchen. Einmal sagte er einem Parteifreund über eine besonders schwere Nacht: "Wenn ich einen Revolver gehabt hätte, hätte ich mich erschossen!" Kurt Georg Kiesinger stieg um vier Uhr nachts aus seinem Bett, um die Beschwernisse des Tages in Gedichte zu gießen.

Helmut Kohl verachtete den Bonner Kanzlerbungalow. Die 3600 Mark Miete im Monat seien "sehr teuer", die Räume zu klein. Er ließ eine bombastische Lichtanlage installieren, in deren Schein er abends seine Berater versammelte, damit sie ihm Stichworte geben konnten für Geschichten, die alle schon auswendig kannten.

Gerhard Schröder, der erste Kanzler im neuen Berliner Kanzlerbau, mietete die Kanzlerwohnung im achten Stock für etwa 500 Euro. Die Wohnung hat einen großen Repräsentationsbereich und ein kleines Schlafzimmer. Vier bis fünf Nächte pro Woche verbrachte Schröder dort.

Schröder hatte morgens schlechte Laune und lief abends zur Höchstform auf. Er lud gern Leute ein, um die Einsamkeit zu verscheuchen. Die Rothschilds kamen zum Essen, und manchmal hörte man aus dem obersten Stockwerk Männer laut fluchen: Schröder, der Maler Markus Lüpertz, der Manager Jürgen Großmann und Innenminister Otto Schily saßen im Dämmerlicht mit gelockerter Krawatte und kloppten Skat.

In Merkels Amtszeit wurden die Abende zum ersten Mal für einen Kanzler ein öffentliches Problem.

Treppenaufgang im Kanzleramt
Maurice Weiss / Ostkreuz / DER SPIEGEL

Treppenaufgang im Kanzleramt

Am 22. April 2008 feiert Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, im Kanzleramt seinen 60. Geburtstag nach. Merkel lässt ihn Teile der Gästeliste bestimmen. Das macht sie manchmal, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, die sie sonst nicht treffen würde. Ackermann lässt den Bankier Friedrich von Metzler, "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und den Moderator Frank Elstner auf die Liste setzen. Ackermann ist zu dieser Zeit einer der wichtigsten Manager des Landes und ein Freund der Kanzlerin.

Es war ein ruhiger Abend im Kanzleramt. Kein Vergleich zu Ackermanns eigener Party, bei der Udo Jürgens sang und bis zum Morgen gefeiert wurde. Bei dem Essen gab es nur einen kleinen Aufreger: Ein Gast hatte kurz zuvor geheiratet und soll Merkel leicht beleidigt gefragt haben, warum seine Frau nicht eingeladen worden sei. "Mein Mann ist ja auch nicht da", habe Merkel erwidert, erinnert sich ein Teilnehmer der Runde.

Gut ein Jahr später, am 11. August 2009, lief im ZDF die Dokumentation "Kanzlerin Merkel". Sie sprach dort über sich, was sie sonst nur dosiert tut, aber es war gerade Wahlkampf. In dem Beitrag tauchte auch Ackermann auf.

Er sagte, stolz lächelnd: "Sie hat mir damals gesagt, sie würde gern etwas für mich tun. Ich solle doch einmal etwa 30 Freunde und Freundinnen einladen, aus Deutschland und der Welt, mit denen ich gerne einen Abend zusammen sein würde, im Kanzleramt. Und ich muss Ihnen sagen, es war ein wunderschöner Abend."

Es waren nur drei Sätze, aber sie bestimmten die folgenden Wochen. Merkel habe Ackermann eine "Geburtstagsfeier auf Staatskosten" spendiert, titelte eine Zeitung. Wochenlang schrieben Medien über den Steuerzahler, der Ackermann und seine Freunde durchfüttern müsse. Die Finanzkrise war gerade erst durchgestanden und der Ruf der Banker angeschlagen. Merkel verteidigte sich. Es habe sich nicht um eine Geburtstagsparty gehandelt, sondern um ein "Abendessen im Umfeld des Geburtstags". Es half ihr nichts. Der Foodwatch-Gründer Thilo Bode und eine Rechtsanwältin klagten erfolgreich, das Kanzleramt musste später die Gästeliste und die Tischordnung des Abends herausgeben, darüber hinaus die Rede der Kanzlerin und die Rechnung über den Kauf der Zutaten: Kalbsrücken für 138,27 Euro, Spargel für 303,20 Euro, Erdbeeren für 20,96 Euro.

Wenn man mit Vertrauten Merkels spricht, wird einem klar, dass dieses Essen ein Wendepunkt war. Ackermanns Plauderei hat die Unschuld aus den Abenden vertrieben. Merkel musste beginnen, die Abende zu kontrollieren wie die Tage. Sie wurden stiller.

Das Misstrauen

Das Vier Jahreszeiten in Hamburg ist ein Ort, der zu Klaus von Dohnanyi passt. Der Holzboden ist schwarz-weiß gemustert, die Wände sind vertäfelt, man sitzt an Tischen mit gestärkten Decken und blickt auf die Alster.

Dohnanyi war Staatssekretär, Bundesminister, Erster Bürgermeister von Hamburg. Er ist einer der engsten Freunde Merkels, sie feiern zusammen Silvester. Er und seine Frau, die Schriftstellerin Ulla Hahn, sind wie Merkel und ihr Mann Joachim Sauer Opernliebhaber. Dohnanyi ist 88 Jahre alt und immer noch scharfsinnig. Er spricht gern über Politik, man kann mit ihm über Trump reden, über den Zustand der SPD, über Putin. Er kann sehr ungnädig werden, wenn man nicht bereit ist, seinen Argumenten zu folgen.

Es ist nicht ganz leicht, einen Mann, der so hanseatisch auftritt wie Dohnanyi, nach seiner Freundschaft mit der Kanzlerin zu fragen. Er rede mit Merkel selten über Politik, er habe mit ihr auch nicht darüber diskutiert, ob sie weitermachen solle. Er gibt einem das Gefühl, dass jede Frage die Aufforderung zum Verrat sei. Am Ende, als er sich schon zum Gehen wendet, sagt er, einen Satz über Merkel dürfe man doch zitieren: "Angela Merkel ist eine Frau mit einem großen Pflichtbewusstsein."

Wenn man zehn Menschen fragt, die Angela Merkel kennen, ob sie über sie reden möchten, sagen sieben sofort Nein, ohne überhaupt die Fragen zu kennen. Sie sagen, dass sie in den nächsten Monaten keinen einzigen freien Termin hätten. Manche behaupten, sie nie persönlich getroffen zu haben. Andere sagen, dass sie Angst vor ihr hätten.

Angst?

Ist Angst nicht ein etwas großes Wort?

Im Gegenteil, sagt einer der zahlreichen Namenlosen. Bei Merkel sei es wie von Hugo von Hofmannsthal beschrieben: "Sie kann töten, ohne zu berühren."

Merkel kaufte ihre Blazer lange bei der Berliner Designerin Anna von Griesheim. Nachdem sie Kanzlerin wurde, tauchten immer mehr Artikel auf, für die Griesheim harmlose Zitate geliefert hatte. Merkel ärgerte sich darüber. "Griesheim flog, weil sie zu viel gequatscht hat", heißt es in Merkels Umfeld. Heute kauft sie lieber bei der Hamburger Designerin Bettina Schoenbach.

Josef Ackermann war nicht mehr zu Gast bei Merkel, nachdem er mit seiner Nähe zur Kanzlerin geprahlt hatte.

Als der Journalist Mainhardt Graf von Nayhauß 2006 zum ersten Mal über Merkels Visagistin berichtete, war bei der nächsten Auslandsreise kein Platz mehr für ihn im Kanzlerjet frei.

Manche versuchen, sich die Erlaubnis zu holen, mehr zu sagen. Wenn sie im Kanzleramt nachfragen, ob sie eine private Anekdote preisgeben dürfen, bekommen sie eine Mail: "Das schätzt sie nicht."

Wer doch plaudert, kommt nicht wieder an Merkel ran. Man darf sie in der Flüchtlingskrise kritisieren, man darf ihre Europolitik angreifen, das sieht sie zwar nicht gern, aber es rechtfertigt noch keinen Ausschluss aus ihrem Kreis. Wer aber aus vertraulicher Runde spricht, wird es bereuen. Sie wird sich einfach zurückziehen.

Geblieben sind ein paar wenige, die sich an die Regeln halten. Fraktionschef Volker Kauder, Kanzleramtsminister Peter Altmaier, die Medienberaterin Eva Christiansen, ihre Büroleiterin Beate Baumann, Klaus von Dohnanyi, der Sänger Wolf Biermann.

Wenn Wolfgang Schäuble über Merkel redet, zuckt er mit den Schultern und sagt: Sie ist halt so. Er hat sich immer eine kritische Distanz zu ihr bewahrt, auch wenn er die Dinge nie auf die Spitze getrieben hat. Bevor sie erklärte, dass sie noch einmal antreten werde, besprach sie sich auch mit ihm. "Ich habe ihr gesagt, Sie müssen das machen." Aber er hatte nicht den Eindruck, dass das noch wichtig war. Sie war ohnehin schon entschieden.

"Ich bin kein enger Vertrauter", sagt Schäuble. Sie kennen sich jetzt seit über 25 Jahren und siezen sich noch immer. Schäuble sagt, er duze sich nur noch mit Leuten aus seiner Generation, und Merkel sei eben über zehn Jahre jünger als er.

Schäuble hat schon dem späten Kohl die Meinung gesagt. Er ist jetzt 74 Jahre alt und will sich nicht mehr ändern. "Ich bin eher kritisch, und im engeren Umfeld erfährt sie ja wenig Widerstand", sagt er. Wie es eben oft so ist, wenn man schon lange an der Macht ist.

"Das ist immer das Dilemma", sagt er noch. "Wie hört man auf?"

Die Nacht

Es gibt Menschen, die sie nicht loswird, mit denen sie sich arrangieren muss. Horst Seehofer sitzt an einem Tisch mit Blick auf das Regierungsviertel. Er sagt: "Sie will natürlich nicht, dass ich über Dinge spreche, die wir untereinander besprochen haben." Einmal habe sie ihm gesagt: "Muss das sein, immer mit den Medien reden?"

Angela Merkel und Horst Seehofer brauchen einander, der eine würde ohne den anderen untergehen. Seehofer ist nach langen Verhandlungsnächten im Kanzleramt oft der letzte Gast. Er fährt dann mit Merkel im Fahrstuhl nach unten, manchmal lästern sie noch ein bisschen, dann verabschieden sie sich, per Handschlag. Nur einmal habe sie ihn umarmt, nach der gewonnenen Wahl 2013. Ob sie Freunde sind? Seehofer überlegt.

Es gibt eine Geschichte, die ihr Verhältnis besser beschreibt als das Wort Freunde. Vor anderthalb Jahren, die Flüchtlingskrise fand gerade ihren Höhepunkt, schickte er ihr nachts um drei eine SMS. Da stand, dass er nicht schlafen könne angesichts dieser Krise, dass er sich große Sorgen mache. Die Kanzlerin antwortete morgens um sechs. Sie mache sich auch große Sorgen. Im Übrigen habe sie seine SMS schon um drei gesehen, aber erst am Morgen antworten wollen.

Bei Shakespeare können die Könige nicht schlafen, aus Sorge, dass das Reich zerfällt oder die Feinde sie stürzen. Stalin ließ sein Büro nicht dunkel werden. "Im Kreml brennt noch Licht" bedeutete: Stalin arbeitet immer, er braucht keinen Schlaf, er ist nicht von dieser Welt. Die Konkurrenz der Mächtigen darum, wer weniger Schlaf braucht, gibt es seit Ewigkeiten.

Tony Blair sagte Merkel einmal, Politiker stürzten manchmal, weil ihnen in der Krise die entscheidenden zwei Stunden Schlaf fehlten.

Viele Politiker geben in Interviews damit an, dass sie mit wenig Schlaf auskämen. In Amerika hat der Präsident so gut wie keine Abendtermine, dennoch sagte Obama immer, dass er nur fünf Stunden schlafe. Es scheint, als wäre Schlaflosigkeit ein anderes Wort für Disziplin.

Merkel sei ein "Nachttier", sagt jemand, der oft bei langen Verhandlungsnächten im Kanzleramt dabei ist. Er sagt: "Sie gibt nie als Erste auf." Bei Koalitionsverhandlungen wolle Gabriel meist früh zurück nach Goslar. Ein wenig später sage Volker Kauder manchmal: "Das war ein harter Tag, wollen wir Schluss machen?" Von Merkel ist so etwas nicht überliefert.

Gesprächspartner Gabriel
Stefan Boness / Ipon

Gesprächspartner Gabriel

Kein anderer Kanzler hat so viele Nächte durchverhandelt. Es gibt Fotos aus der Nacht der Opel-Rettung im Mai 2009: Fiat-Chef Sergio Marchionne, der müde abwinkt, der rauchende Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Merkel mit einem Glas Rotwein.

In Minsk suchten die Verhandler 2015 einen Ausweg aus der Ukrainekrise. Es dauerte 17 Stunden, bis Merkel, Putin, Poroschenko und Hollande eine Waffenruhe vereinbaren konnten. Nächte sind Wettkämpfe. Wer zu Bett geht, kann sich auch gleich mitten auf einem Schlachtfeld hinlegen.

Merkel hat in den vergangenen Jahren nur einmal den Fehler gemacht, zu früh ins Bett zu gehen. Am 28. Juni 2012 treffen sich im Brüsseler Ratsgebäude die Staats- und Regierungschefs Europas. An diesem Abend wird der Zugang zum Eurorettungsfonds verhandelt. Italiens und Spaniens Ministerpräsidenten Mario Monti und Mariano Rajoy wollen leichter an das Geld kommen, Merkel möchte das verhindern. Nach 15 Stunden Verhandlung geht Merkel mit der Überzeugung aus dem Raum, sie habe einen guten Kompromiss gefunden. Sie fährt in ihr Hotel in der Brüsseler Altstadt und legt sich hin.

Monti dagegen stellt sich vor die Presse. Er habe Großes für Italien erreicht.

Als Merkel am nächsten Morgen aufwacht, hat sich bereits die Deutung durchgesetzt, dass Deutschland über den Tisch gezogen worden sei.

Danach ist Merkel in Brüssel nie mehr zu Bett gegangen, ohne vorher noch einmal vor die Presse getreten zu sein.

Die Fluchten

Wo immer Merkel war, bleibt ein Teil von ihr zurück, wie ein Fingerabdruck. Jedes Restaurant, in dem sie mal war, hat eine neue Zeitrechnung: T.n.M., Tage nach Merkel.

Der Wirt des Cassambalis nahe dem Ku'damm sagt, sie sei vor zehn Tagen da gewesen. Er glaubt, mit Kauder. Im Borchardt sah man sie vor ein paar Wochen mit dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau.

Merkels Lieblingsplatz im Restaurant Cassambalis
Maurice Weiss / Ostkreuz / DER SPIEGEL

Merkels Lieblingsplatz im Restaurant Cassambalis

"Sie verlässt das Kanzleramt gern, sie will auch mal ein normales Leben", sagt eine Mitarbeiterin.

Was heißt das, normal?

An einem Tag im Frühsommer 2013 will Angela Merkel nur im Publikum sitzen. Im Deutschen Theater in Berlin liest der Schauspieler Ulrich Matthes am Abend Schiller-Balladen. An diesem Abend ist der Saal beinahe voll besetzt, als in letzter Minute die Kanzlerin mit Joachim Sauer reinschlüpft. Menschen, die dabei waren, erzählen später, wie nach und nach die Nachricht durch die Reihen geht, wie immer, wenn ein Star den Raum betritt.

Ist sie das? Das ist sie doch. Ist das ihr Mann?

Matthes bittet bei solchen Abenden gern Leute nach vorn, um ein paar Zeilen vorzutragen:

Und nimmt aus einem schwarzen Becken
Noch blutig, zu der Beiden Schrecken
Ein wohlbekanntes Haupt empor.

An diesem Abend findet er nur mit Not jemanden, der auf die Bühne will. Die Anwesenheit Merkels lässt das Publikum verzagen.

Sie mag es nicht, wenn Menschen in ihrer Gegenwart befangen sind. Das ist nur einer der vielen Ansprüche an ihre Vertrauten.

Die wenigen, die sie noch um sich hat, die nichts falsch gemacht haben, die nicht unbedacht plaudern, die ihr nicht die Macht streitig machen wollen und von ihr nicht verlangen, dass sie ihnen einen Gefallen tut, diese Ausnahmeerscheinungen kennen eine andere Merkel.

Eine Merkel, die über Politik lachen kann. Die mit russischem Akzent Putin nachmacht: "Angela, ich werfe meine Raketen auf dich!" Oder Sarkozy: "Angela, I love you, but I love my beautiful wife more." Sie erzählen, wie sie sich darüber amüsiert, dass ihr Dekolleté in Oslo so ein Thema war - und auch über die Gerüchte, die es über sie gibt. Einmal verstaute Joachim Sauer ein Bügelbrett in seinem alten Auto, was sofort als Hinweis dafür galt, er ziehe aus. Merkel könne darüber lachen, was das wohl für ein Mann sein muss, der mit seinem Bügelbrett von zu Hause ausziehe.

Sie erzählen von Merkels Verlust der Privatsphäre. Ihr Terminkalender habe nur einen halben Tag Trauer für ihren Vater zugelassen.

Ihre Wohnung sei neben ihrer Datsche in der Uckermark der "einzige Ort, an dem Frau Merkel Frau Merkel sein kann", sagt eine Freundin. Es gibt nur wenige Menschen, die mal bei ihr zu Hause eingeladen waren. Wolfgang Schäuble war nie da, auch nicht ihr ehemaliger Generalsekretär Hermann Gröhe, nicht mal ihr Sprecher Steffen Seibert.

Uckermark-Landschaft
Maurice Weiss / Ostkreuz / DER SPIEGEL

Uckermark-Landschaft

Wer da war, sagt, sie und ihr Mann lebten ganz und gar unprätentiös, wie Studenten.

Die Geschichten, die die Freunde von Merkel erzählen, sind Geschichten, die nicht nach der Kanzlerin klingen. Wenn die Person ganz hinter dem Politiker verschwindet, hat er es vielleicht mit der Kontrolle übertrieben?

Von Martin Schulz weiß man, dass er zweimal sitzengeblieben ist, Alkoholiker war und sich mal das Leben nehmen wollte.

Merkel wird schon ungehalten, wenn man sie fragt, ob sie das Gefühl habe, dass die Kanzlerjahre im Vergleich zu ihrer Zeit als Wissenschaftlerin in der DDR an ihr vorbeigerast sind.

Am 3. März sitzt Merkel im Flieger zurück nach Berlin. Sie war in Ägypten und Tunesien, um über Lösungen in der Flüchtlingsfrage zu sprechen. Im Flugzeug ist es dunkel geworden. Sie lässt Dienstreisen so planen, dass sie am Abend zu Hause sein kann. Merkel schläft gern in ihrem eigenem Bett, wie die meisten Mächtigen, und weil das Flugzeug immer wartet, seit sie Kanzlerin ist, lässt sich das meist einrichten.

Angela Merkel war darüber erstaunt, dass Martin Schulz plötzlich einen solchen Erfolg hat. Wenn man sie nach seinem Talent fragt, die Menschen anzusprechen, antwortet sie nicht direkt.

Sie habe in ihrer Jugend viel darüber nachgedacht, wer sie eigentlich sein wolle. Sie habe davon geträumt, Balletttänzerin zu werden oder Turnerin. Aber irgendwann habe sie erkannt, wo ihre Talente lägen und wo nicht.

Ich bin, wie ich bin, soll das wohl heißen.

Ihre Leute warnen, sie möge es nicht, wenn allzu viel in sie reininterpretiert werde.

"Sie will sich einfach schützen", sagt eine Bekannte. Wenn man mit Menschen über Merkel spricht, hat man irgendwann das Bild eines Ritters im Kopf, der immer mehr Rüstung angelegt hat und dem Brustpanzer, Beinschutz, Armschutz, Helm und Visier am Leib festgerostet sind. Er kann sich kaum mehr bewegen. Man kann ihn nicht mehr erkennen. Er wirkt nicht bereit für einen Krieg. Oder einen Wahlkampf.

Aber vielleicht ist das auch zu viel reininterpretiert.

Neulich, im NSA-Untersuchungsausschuss, setzte sich Merkel in einem orangefarbenen Blazer hinter das Schild "Dr. Angela Merkel - Zeugin". Als sie nach ihrem Namen gefragt wurde, rutschte ihr aus Versehen ihr Mädchenname raus, Angela Dorothea Kasner. Als sei auch ihr kurz entfallen, wer sie ist.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Desobediencia_Civil 19.03.2017
1.
Um die unbeschwerte, private Merkel mal eine Stunde erleben zu dürfen, würde ich in der Tat eine Menge geben. Ich finde es sehr schade, dass sie sich so hinter ihrem Panzer versteckt.
citizen01 19.03.2017
2. Diese Kanzlerin hat etwas fertiggebracht, was keiner der Amtskollegen zuvor ...
... geschafft hat: Es gibt im BT und in der publizierten Öffentlichkeit keine (wenige Ausnahmen) relevante Opposition mehr. Stattdessen reagierten sich alle an der AfD ab. Das ist einer Demokratie nicht zuträglich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 12/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.