Anti-Doping-Spezialeinheit Koksjäger und Urinsammler

Ein Spezialtrupp aus Ermittlern und Medizinern jagt Doping-Betrüger. Interne E-Mails, die der SPIEGEL ausgewertet hat, zeigen, wie engagiert die Fahnder arbeiten - und warum sie an ihrem Job verzweifeln.
400-Meter-Läuferin Miller (vorne) bei ihrem Olympiasieg 2016 in Rio de Janeiro

400-Meter-Läuferin Miller (vorne) bei ihrem Olympiasieg 2016 in Rio de Janeiro

Foto: LEONHARD FOEGER/ REUTERS

Neun Monate vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro deutet sich ein kleiner Sieg an im epischen Kampf gegen die dunkle Seite des Sports. Gegen das Heer der Betrüger, der Epo- und Testosteronspritzer, der Anabolikaschlucker.

"Der Sicherheitsdienst des Hilton-Hotels hat eine weitere Spritze im Zimmer zweier Athleten gefunden."

Mit diesem Satz beginnt eine E-Mail, die Victor Burgos, ein Ermittler der Usada, der Anti-Doping-Agentur der USA, am 22. November 2015, um 17.24 Uhr versendet. Burgos ist ein ehemaliger Polizist aus New York, er schreibt: "Ich habe die Namen der Athleten und die Zimmernummer an Bradley weitergeleitet, er sammelt die Beweise."

Das Hauptquartier der Usada liegt in einem Bürokomplex in Colorado Springs, am Rand der Rocky Mountains. Die Frauen und Männer, die hier arbeiten, gelten als die hartnäckigsten Dopingfahnder der Welt. In den vergangenen Jahren gingen ihnen große Fische ins Netz: der Radstar Lance Armstrong, die Weltklassesprinter Tyson Gay und Marion Jones.

US-Sprin­ter Gay

US-Sprin­ter Gay

Foto: Stu Forster/ Getty Images

Der Kampf gegen Doping ist vergleichbar mit dem Kampf gegen Drogen. Er ist eigentlich kaum zu gewinnen. Aber man muss ihn führen, weil sonst alles außer Kontrolle geraten würde.

An diesem 22. November löst die Nachricht von Ermittler Burgos in der Zentrale ein Jagdfieber aus. Usada-Chef Travis Tygart will wissen, wo die Sportler herkommen. Es seien zwei Frauen aus Ägypten, Gewichtheberinnen, antwortet Bradley Guye, der den Fall übernommen hat. Die Athletinnen sind in einem Hilton-Hotel in Houston abgestiegen, dort findet zurzeit die Weltmeisterschaft statt.

Guye will wissen, ob er eine Dopingkontrolle durchführen soll.

"Ja", antwortet die Usada-Zentrale. Man benötige neben der Urin- auch Blutproben der Sportlerinnen, so könne man anhand der DNA die Spritze zuordnen.

Jetzt meldet sich noch mal Ermittler Guye. Er berichtet vom Brief eines anonymen Augenzeugen, der gesehen haben will, wie sich ein Gewichtheber vor dem Wiegen für einen Wettkampf eine Injektion gesetzt habe.

Es scheint einiges los zu sein bei der WM in Houston. Usada-Chef Tygart ist fassungslos. "Wow. Das ist Wild Wild West", schreibt er in einer E-Mail.

Die Namen der beiden Gewichtheberinnen, in deren Zimmer die Spritze lag, spielen keine Rolle. Sie erschienen ganz kurz auf dem Radar der Ermittler, dann verschwanden sie wieder. Die Usada testete die Sportlerinnen in ihrem Hotelzimmer in Houston. Das Ergebnis: negativ. Die Fahnder waren umsonst ausgerückt.

In einem Report an den Weltverband der Gewichtheber schrieb die Usada, dass es nicht schlecht wäre, wenn die Organisation eine "Keine-Nadeln-Politik" im Gewichtheben einführen würde. Mehr blieb den Dopingjägern nicht übrig.

Doper gehen immer skrupelloser vor. Sie besorgen sich immer neue Mittel. Den Betrug organisieren Hintermänner: Dealer, Ärzte, Trainer und Funktionäre, die ihre Kunden mit Stoff versorgen - und sich für ihre Dienste gut bezahlen lassen.

Für die Jagd auf Doper gibt es in den meisten Ländern, die Sportler zu den Olympischen Spielen entsenden, spezielle Einrichtungen, die nationalen Anti-Doping-Agenturen. Es sind kleine Außenposten an einer kaum zu überblickenden Frontlinie. Manche nehmen ihren Job ernst, andere weniger.

Die Usada gehört zu den effektivsten Organisationen in der Dopingbekämpfung, bei ihr arbeiten Mediziner, Chemiker und Forensiker, die alles wissen über Verbotslisten und Wirkstoffkombinationen und über die Dopingpraktiken der Athleten. Die rund hundert Mitarbeiter organisieren die Tests, schicken Zielfahnder los, um verdächtige Sportler zu überprüfen.

Über die Arbeitsweise dieser Spezialeinheit war bislang wenig bekannt. Im Dezember wurden dem SPIEGEL von der Hackergruppe "Fancy Bears" mehrere Datensätze zugespielt (Lesen Sie mehr zur Hackergruppe am Ende des Textes) . Sie enthalten PDF- und Word-Dokumente sowie mehrere Hundert interne E-Mails der Usada und der Wada, der Welt-Anti-Doping-Agentur. Das Material zeigt den Alltag der Dopingermittler im Olympiajahr 2016: wie sie recherchieren, taktieren und zupacken, wenn sich ein Tatverdacht ergibt.

Und es lässt die Frustrationen erkennen, wenn die Fahnder Betrügern auf der Spur sind, aber dann doch nicht ans Ziel kommen - und deshalb der Sport schmutzig bleibt.

Die Ozon-Therapie

Die Wada ist die Dachorganisation aller Dopingfahnder. Jedes Jahr veröffentlicht sie die Liste der verbotenen Substanzen und Behandlungsmethoden. Zurzeit stehen rund 300 Stoffe auf dem Index, und jedes Jahr kommen neue hinzu. Ein Mittel, das vor ein paar Monaten noch erlaubt war, kann einem Sportler jetzt eine Dopingsperre einbrocken.

Es liegt in der Verantwortung der Athleten, den Überblick zu behalten. Doch viele sind damit offenbar überfordert, die Usada-Mitarbeiter wundern sich häufig, wie schlecht Sportler die Regeln kennen - oder kennen wollen.

Anfang Mai, drei Monate vor der Eröffnungsfeier in Rio, klingelt bei der Usada das Infotelefon. Ein Athlet ist dran und erwähnt während des Gesprächs, dass er die Ozon-Therapie angewendet habe. Die Usada-Mitarbeiter sind verdutzt.

Bei der Ozon-Therapie lässt man sich Blut entnehmen, das dann mit einem Ozon-Sauerstoff-Gemisch angereichert und später zurück in die Venen gespritzt wird. Die Methode gilt als Blutdoping, die Wada hat sie 2011 verboten. Davon hat der Sportler "keine Ahnung".

Auch der Arzt des Athleten, der mit der Usada Kontakt aufnimmt, ist "komplett überrascht", dass Blutbehandlungen bei Sportlern nicht erlaubt sind. Noch vor fünf Jahren standen 30 deutsche Sportler unter Dopingverdacht, weil sie ihr Blut von einem Mediziner hatten behandeln lassen.

Eine Usada-Mitarbeiterin verfasst einen netten Brief an die amerikanische Ozon-Therapie-Gesellschaft. "Wir haben leider festgestellt, dass Ärzte und Therapeuten unwissentlich das Startrecht von Sportlern aufs Spiel setzen, weil sie nicht mit der Tatsache vertraut sind, dass intravenöse Infusionen genauso wie Blut-Therapien und die Ozon-Therapie laut Welt-Anti-Doping-Agentur verbotene Methoden sind. Mitglieder Ihrer Organisation könnten sich dessen nicht bewusst sein."

Das Schreiben enthält auch den lapidaren Hinweis, dass sich Ärzte strafbar machen können, wenn sie bei Sportlern unerlaubte Methoden anwenden.

Fischöl und Cortison

Die Dopingermittler wissen, wie verdorben der Hochleistungssport ist. Aber es gehört auch zu ihrem Job, den Athleten Hilfe anzubieten, ihnen zu sagen, wo die Grenzen des Erlaubten liegen.

Oft melden sich Sportler, die wissen wollen, ob sie diesen oder jenen Hustensaft bedenkenlos einnehmen können. Einmal schickt eine Weltklassetriathletin eine E-Mail, sie will die Blutwerte einsehen, die bei ihren Dopingtests ermittelt wurden. Man erklärt ihr höflich, dass die Usada nicht möchte, dass Sportler die Daten für eine "Selbstdiagnose" oder eine "Behandlung" missbrauchen, deshalb würden sie den Athleten nicht mitgeteilt. Schönen Tag noch.

Wann beginnt eigentlich Doping? Bei jedem Dopingtest müssen Athleten ein Formular ausfüllen, die "Declaration of Use", die DOU. Darin geben sie an, welche Medikamente und Substanzen sie in den vergangenen sieben Tagen eingenommen haben.

Dem SPIEGEL liegen die DOU-Protokolle Dutzender US-Athleten vor, darunter Radfahrer, Fußballer und Leichtathleten. Sie zeigen, dass sich die Sportler vor Rio so ziemlich alles reingezogen haben, was der legale Markt hergibt.

Es gibt Gewichtheber, die Molkenprotein nehmen, um ihre Muskeln aufzubauen. Tennisspieler, die Acetylcarnitin schlucken, um ihre Konzentration zu steigern, und Triathleten, die auf Fischöl schwören. Warum auch immer.

Manche DOU sind ziemlich bedenklich: Galen Rupp, der in Rio Bronze im Marathon gewann und als schnellster weißer Langstreckenläufer gilt, nimmt das Asthmamittel Advair. Gleichzeitig noch Combivent, ein Medikament, das die Atemwege erweitert. Und Cytomel, mit dem man an Gewicht verliert.

Er behandle damit lediglich Erkrankungen, teilt Rupp mit. Er leide seit Jahren an Asthma und Schilddrüsenunterfunktion: "Diese Medikamente sind nicht verboten."

Das stimmt, die meisten Mittel, die die Sportler in ihren DOU angeben, sind erlaubt. Trotzdem ist es ein Graubereich, weil der Konsum exzessiv geworden ist. Bei den meisten Athleten lautet das Motto: Viel hilft viel. Sie schaufeln Produkte in sich rein, in der Hoffnung, sich irgendeinen Nutzen zu verschaffen.

So wie Justin Gatlin. Der 100-Meter-Olympiasieger von 2004 futtert offenbar Nahrungsergänzungsmittel, als wären die Stoffe nichts weiter als Lutschbonbons oder Kakaopulver.

US-Sprin­ter Gat­lin

US-Sprin­ter Gat­lin

Foto: © Jean-Pierre Amet / Reuters/ REUTERS

In einer seiner DOU aus dem Frühjahr 2016 zählt er alle Produkte auf, die er zuletzt eingenommen hat:

  • Beta-Alanin, Aminosäure, ein Löffel
  • Calcium und Magnesium, ein Löffel
  • EPIQ 3xMuscle, ein Muskelaufbaupräparat, eine Tablette
  • EPIQ Heat GC, ein Mittel zur Gewichtsreduktion, eine Tablette
  • EPIQ Ripped, noch ein Mittel zur Gewichtsreduktion, eine Tablette
  • EPIQ Protein, ein Mittel zur Regeneration, ein Löffel
  • EPIQ Test, ein Testosteron-Verstärker, eine Tablette
  • MD Plus Test, noch ein Testosteron-Verstärker, eine Tablette
  • MD Plus G Boost, ein Muskelaufbaupräparat, eine Tablette
  • MD Plus Lipoflush, ein Mittel, das bei der Fettverbrennung hilft, eine Tablette
  • MD Plus Power Drink, ein Löffel
  • MD Plus Thermo Cell, ein weiteres Mittel zur Gewichtsreduktion, eine Tablette

Alle Präparate lassen sich mit wenigen Klicks im Internet bestellen. Gatlin gibt an, alle Mittel am 18. April konsumiert zu haben. Acht Tabletten, vier Pulver, alles an einem Tag.

Der Übergang von solch einem legalen Leistungstuning zum Doping ist manchmal fließend. Spitzenathleten nehmen sich viel Zeit, um nach neuen Präparaten und Methoden zu suchen, die noch nicht auf der Verbotsliste stehen und von denen sie sich irgendeinen Effekt versprechen.

Aus den Fancy-Bears-Dokumenten geht hervor, dass die US-Sprinterinnen Allyson Felix und Sanya Richard-Ross, beide mehrfache Olympiasiegerinnen, Dexamethason, kurz Dex genannt, eingenommen haben. Es ist ein Cortisonpräparat, das Bergsteiger verwenden, weil es gegen die Höhenkrankheit hilft, die Aufmerksamkeit steigert und die Erholung beschleunigt.

Unter US-Leichtathleten scheint Dex ein echter Renner zu sein. Am 2. Juli, einen Monat vor Beginn der Spiele in Rio, meldet sich ein renommierter Arzt bei der Usada. Er betreut die Olympiamannschaft und hat zuvor für ein Team aus der amerikanischen Basketball-Liga NBA gearbeitet. Er fragt in einer E-Mail, ob Dexamethason mittels Iontophorese verboten sei. Bei der Iontophorese wird dem Körper ein Arzneimittel über Strom zugeführt, dafür werden Elektroden auf die Haut geklebt.

Die Usada-Mitarbeiter stehen vor einem Rätsel. Iontophorese? Damit haben sie noch keine Erfahrungen gemacht. Manchmal ist es kompliziert, dann haben sogar die Experten Schwierigkeiten zu sagen, was Doping ist und was nicht.

Schließlich nimmt sich der Usada-Wissenschaftsdirektor Matthew Fedoruk des Problems an. Er antwortet: "Dexamethason ist am Wettkampftag verboten, wenn es geschluckt wird, in den Muskel oder die Vene gespritzt oder rektal eingeführt wird. Die Verabreichung mittels Iontophorese ist aber nicht verboten. Viele Grüße!"

Eine gute Nachricht für den Arzt der Leichtathleten. Er hat damit eine neue Art der Verabreichung gefunden, einen legalen Weg, um Sportler auch am Tag des Wettkampfs mit einem dort grundsätzlich verbotenen Mittel zu behandeln.

Spritzen in der Umkleidekabine

Die Usada gibt es seit 17 Jahren. Ihr größter Geldgeber ist der Staat, rund neun Millionen Dollar pumpt die US-Regierung jedes Jahr in den Kampf gegen Doping. Vom Nationalen Olympischen Komitee der USA gibt es knapp vier Millionen.

Im vergangenen Jahr ordnete die Usada über 10.000 Dopingtests an. Schwimmstar Michael Phelps wurde 13-mal kontrolliert, die Wunderschwimmerin Katie Ledecky, vierfache Olympiasiegerin in Rio, 19-mal, Justin Gatlin 14-mal, Allyson Felix 12-mal. Einen positiven Fall gab es nicht unter den US-Stars.

Die Usada hat 2016 gegen 60 Athleten Sanktionen erlassen, darunter sind Kampfsportler, zweit- und drittklassige Radfahrer und Gewichtheber, ein Rollhockeyspieler, eine Reiterin. Die Dopingjäger nehmen jeden Verdacht ernst, gehen jeder Auffälligkeit nach, auch wenn der betreffende Sportler ein noch so kleines Licht ist.

Ende März debattieren die Ermittler über die Probe einer 55 Jahre alten Senioren-Leichtathletin. Im Urin der Frau hatten sie Metaboliten gefunden, die auf einen Missbrauch mit Metandienon hinweisen. Das anabole Steroid ist seit Jahrzehnten beliebt bei Sportlern und trägt den Spitznamen "Frühstück der Champions". Der Vorgang landet bei einem Usada-Wissenschaftler. Ihm fehlen aber weitere Metaboliten des Steroids, damit ein Verfahren eröffnet werden kann. Man benötige "mehr Nägel im Sarg". Fall vertagt.

Es ist wichtig für Dopingfahnder, immer mal wieder auch einen namhaften Athleten zu überführen, einen Star. Ein aufwendiges Kontrollsystem lässt sich nur rechtfertigen, wenn es gelingt, auch unter den Topathleten die Betrüger zu überführen.

Der nationalen Anti-Doping-Agentur in Deutschland ist das in den vergangenen Jahren nicht gelungen. Sie kämpft mit dem Ruf, nichts weiter zu sein als eine Urinsammelstation, die dem deutschen Sport ein reines Gewissen bereiten soll.

Die Usada verdankt ihren Ruf als Special Force vor allem dem Sieg gegen Lance Armstrong. Der Kampf gegen den ehemaligen Radprofi war lang und zäh, 2012 wurde er lebenslang gesperrt und verlor seine sieben Tour-de-France-Titel.

Die Ermittler der Usada verlassen sich nicht nur auf Dopingkontrollen. Aus den E-Mails geht hervor, dass die Agentur intensiv mit Insidern und anonymen Informanten arbeitet.

Einer dieser Whistleblower meldet sich am 13. Juli, drei Wochen vor der Eröffnungsfeier in Rio. Die Usada bekommt eine E-Mail, in der Betreff-Zeile heißt es: "Ermittlung". Priorität: "Hoch".

Die Nachricht enthält den Bericht eines Mitarbeiters des US-Schwimmverbands. Der Mann erzählt von einem Vorfall, der sich an der Lynbrook High School in San Jose, Kalifornien, zugetragen haben soll, in einem Trainingslager der chinesischen Olympiamannschaft. Chinas Topschwimmer bereiten sich im Juli 2016 in den USA auf Rio vor.

Der Informant schreibt, der Vater eines Athleten des lokalen Schwimmvereins habe am 7. Juli in der Umkleidekabine der Lynbrook High School beobachtet, "wie sich dort Schwimmer des chinesischen Nationalteams Spritzen setzten und Pillen schluckten. Da der Mann Mandarin spricht, fragte er die Sportler, was sie da täten. Sie sagten, sie würden Nährstoffe und Vitamine zu sich nehmen".

Bei der Usada setzt ein reger E-Mail-Austausch ein. Molly Tomlonovic, die Koordinatorin für die Dopingtests, verteilt Aufgaben an ihr Ermittlerteam wie eine Hauptkommissarin auf dem Polizeirevier: "Könnt ihr unsere Kontrolleure zu der Trainingsgruppe schicken? Könnt ihr herausfinden, wann die Sportler im Pool sind oder wo sie wohnen?"

Mithilfe der Wada bekommt Tomlonovic eine Liste mit den Namen von chinesischen Schwimmern zugeschickt, viele davon sind Medaillengewinner bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Die Sportler seien bislang nur selten oder nie auf Wachstumshormon und Epo getestet worden, heißt es in einer Zusatzinformation. In China würden die erforderlichen Bluttests kaum gemacht.

Aus den E-Mails, die der SPIEGEL einsehen konnte, geht nicht hervor, wie es mit den Chinesen weiterging. Die Usada erklärt auf Anfrage, dass sie am 16. und 17. Juli von 22 chinesischen Schwimmern Urintests genommen habe. Ob es darunter positive Fälle gab, teilt die Usada nicht mit. Die Fahnder planten noch einen zweiten Test fünf Tage später, doch da waren die Chinesen schon abgereist.

Der chinesische Schwimmverband dementiert, dass es Doping im US-Trainingscamp gegeben habe. Ein Funktionär teilt mit: "Jeder, der gesunden Menschenverstand hat, sollte begreifen, dass diese Anschuldigungen unverschämt und bösartig sind." Bei Doping habe man eine "Null Toleranz"-Haltung.

Fest steht: Bei den Olympischen Spielen in Rio wurde die chinesische Schwimmerin Chen Xinyi positiv auf Hydrochlorothiazid getestet, ein Mittel, mit dem Dopingsubstanzen verschleiert werden können. Sie wurde für zwei Jahre gesperrt.

Do­ping­sün­de­rin Chen

Do­ping­sün­de­rin Chen

Foto: Lars Baron/ Getty Images

Blutdoping und Kokain

Jahre mit Olympischen Spielen sind immer Hochphasen des Dopings. Um eine Medaille zu gewinnen, schlucken und spritzen viele Athleten, was das Zeug hält. Deshalb sind auch die Jäger im Dauereinsatz. Es geht darum, möglichst viele Betrüger noch vor Beginn des Großereignisses auffliegen zu lassen.

Es ist jedes Mal ein Wettlauf gegen die Zeit, den - das ist die traurige Realität im Anti-Doping-Kampf - eher selten die Fahnder gewinnen.

Am 14. Juli wird die Usada von der Wada um Amtshilfe gebeten. Es gebe da neun internationale Sportler, schreibt der Wada-Vizedirektor Stuart Kemp, die sich in den USA auf Rio vorbereiten würden und für die Fahnder "hohe Priorität" hätten. Es seien von ihnen "bislang keine Tests aufgenommen worden".

Es gibt eine Art Generalverdacht gegen Verbände, die sich bisher wenig im Anti-Doping-Kampf ausgezeichnet haben. Wada-Mann Kemp zählt die Athleten auf, darunter sind auch Veronica Campbell-Brown aus Jamaika, eine dreifache Olympiasiegerin im Sprint, und die Spitzenläuferin Shaunae Miller von den Bahamas, die bei den Spielen in Rio zu den Favoriten über 400 Meter gehört. Die Anti-Doping-Organisationen in der Karibik stehen schon lange in der Kritik: kein Geld, kaum Personal, zu wenig Kontrollen.

Kemp bittet die Usada, diese "Olympiateilnehmer mit erhöhtem Risiko" so schnell wie möglich zu testen. "Geht das?"

"Gern", schreibt Molly Tomlonovic. Allerdings habe es bei einigen dieser Sportler bereits "erfolglose Versuche" gegeben. Und sie habe im Moment keine Informationen über deren Aufenthaltsort.

Mit anderen Worten: Zwei der schnellsten Läuferinnen der Welt sind offenbar vor den Spielen wenig oder gar nicht getestet worden und waren für die Kontrolleure zwischenzeitlich auch nicht mehr auffindbar.

Die Fahnder blieben dran. Die Usada teilt mit, dass man bis zum Beginn der Spiele doch noch acht von neun Athleten aufspüren und testen konnte. So waren die Sportler vor Rio wenigstens nicht gänzlich unüberwacht.

Die Dokumente, die der SPIEGEL einsehen konnte, sind oft verstörend. Es ist erstaunlich, wie viele Ansatzpunkte die Dopingfahnder haben, was die Ermittler alles wissen, was sie alles sehen. Und wie wenig sie dann doch gegen die Täter unternehmen können.

Der Dopingermittler Reid Aikin kümmert sich bei der Wada um die biologischen Pässe der Athleten. Darin werden die Ergebnisse der Urin- und Blutproben aufgelistet und verglichen. Aikin weiß, wie die Profile zu bewerten sind. Sie erzählen viel über die Sportler, wie sie trainieren, was sie konsumieren.

Eine Woche vor Beginn der Spiele in Rio blickt der Fahnder in einen Abgrund. Auf seinem Schreibtisch hat er das Blutprofil einer Langstreckenläuferin aus Europa, die mehrere Medaillen bei internationalen Meisterschaften gewonnen hat. Die Daten alarmieren ihn.

"Neuer Fall", schreibt Aikin in die Betreffzeile einer E-Mail, die er am 28. Juli an einige Wada-Kollegen versendet. "Sie wurde in den vergangenen Wochen sehr viel getestet", schreibt er, "aufgrund des hämatologischen Profils in ihrem Pass ist es klar, dass sie Blutdoping betreibt. Sie wird bei den Spielen starten."

Was also tun?

Sportler, die auffällige Werte in ihrem biologischen Pass haben, können nicht sofort gesperrt werden. Zuerst müssen mehrere Experten die Fälle analysieren und aus den Profilen ein Dopingvergehen ableiten. Ein Prozess, der Zeit kostet. "Es scheint kompliziert, das noch vor Rio hinzubekommen", antwortet der Wada-Rechtsexperte Julien Sieveking.

Die Wada bestätigt dem SPIEGEL, dass sie bei der Läuferin anfangs von "wahrscheinlichem Doping" ausgegangen sei. Später habe sich aber herausgestellt, dass es "einen Verfahrensfehler" gegeben habe. "Das Profil wurde korrigiert, danach beurteilten die Experten den Fall nicht mehr als Dopingvergehen." Akte geschlossen.

Es war wohl falscher Alarm.

Es ist der Fluch der Ermittler, dass die Fälle selten eindeutig sind. Sie kämpfen immer wieder mit dem Zeitdruck, mit einem komplizierten Regelwerk und Laboren, die manchmal schlampig arbeiten. Deswegen bleibt es am Ende so oft nur beim Verdacht.

Die Hilflosigkeit der Fahnder ist mitunter nur schwer zu ertragen. Je näher die Eröffnungsfeier in Rio rückt, desto verzweifelter wird ihr Kampf.

Am 2. August, drei Tage bevor im Maracanã-Stadion das olympische Feuer entzündet wird, klingelt das Telefon von Usada-Rechtsanwalt William Bock. Am anderen Ende der Leitung spricht der Vater eines US-Ringers. Er erzählt, dass im Olympiazentrum der amerikanischen Ringer, das ebenfalls in Colorado Springs liegt, gedopt werde.

Zwei Dutzend Sportler sollen in den Wochen vor Olympia Kokain konsumiert haben, sagt der Anrufer, vor allem, um vor Rio an Gewicht zu verlieren. Der Mann nennt auch die Namen der Ringer. Die Informationen habe er von seinem Sohn. Alles sei unter der Aufsicht eines Assistenztrainers geschehen.

Bock informiert seine Usada-Kollegen per E-Mail über das Telefongespräch mit dem Whistleblower. "Ich hatte das Gefühl, dass der Mann ziemlich glaubwürdig ist", schreibt er. Und: "Die männlichen Ringer am Olympiazentrum werden heute noch getestet. Die Frauen sind heute Morgen schon nach Rio abgereist."

Der US-Ringerverband bezeichnet die Vorwürfe des Whistleblowers als "lächerlich und absolut falsch".

Aus den Fancy-Bears-Dokumenten geht nicht hervor, ob die Ringer wirklich noch getestet wurden und was dabei rausgekommen ist. Dem SPIEGEL teilt die Usada mit, dass sie bei den Sportlern unverzüglich zielgerichtete Dopingkontrollen durchgeführt habe. Es gebe außerdem Ermittlungen gegen den Assistenztrainer, mehr könne man zurzeit leider nicht sagen.

Von den fünf Sportlern, die der Whistleblower der Usada nannte, kämpften später zwei in Rio.

Die Zweifel der Ermittler

Travis Tygart, der Usada-Chef, sagt, er sei ein großer Sportfan - trotz allem. Er verfolgte im Sommer viele Olympiawettkämpfe zu Hause am Fernsehgerät. Manchmal fiel ihm das nicht leicht.

Tygart sah Shaunae Miller, die 400-Meter-Läuferin von den Bahamas, die für Dopingtests zwischenzeitlich nicht mehr aufzufinden war. Sie hechtete sich im Finale mit letzter Kraft ins Ziel und wurde Olympiasiegerin.

Tygart sah die amerikanischen Ringer, sie gewannen in Rio zwei Goldmedaillen und einmal Bronze. Und Tygart sah Chinas Schwimmer, auch ihre Olympiabilanz war nicht schlecht: sechs Medaillen.

Tygart sah auch viele russische Athleten, die in Rio auf die Siegerpodeste stiegen. Vor Olympia war durch eine Untersuchung der Wada, den sogenannten McLaren-Report, herausgekommen, dass in Russland jahrelang Sportler systematisch mit Dopingmitteln versorgt wurden. Funktionäre, Mitarbeiter des Moskauer Anti-Doping-Labors und sogar der Geheimdienst waren in den Komplott verstrickt.

Das IOC weigerte sich trotz der Enthüllungen, das russische Team von den Spielen in Rio auszuschließen. Die Usada wollte gegen diesen Beschluss vor dem Internationalen Sportgerichtshof klagen. Aber es fanden sich außerhalb der USA zu wenig Unterstützer für einen juristischen Feldzug gegen das IOC.

Ein paar Wochen nach Olympia tauschte sich Tygart noch einmal mit Kollegen über die Spiele aus. Bei den Usada-Ermittlern hatte sich viel Ärger angestaut. Einer schrieb: "Das Problem mit dem Anti-Doping-Kampf ist, dass es einfach zu wenig Unterstützung von höchster Stelle gibt."

Larry Bowers, Chefmediziner der Usada, versendete am 6. September mitten in der Nacht einen Satz, der wie ein Schlusswort klang:

"Es geht immer nur um Macht und um Geld und um Korruption."

Im Video: SPIEGEL-Redakteur Lukas Eberle erklärt, wie die geleakten Dokumente ausgewertet wurden und warum die Anti-Doping-Fahnder im Rennen gegen gedopte Athleten stets im Nachteil sind.

DER SPIEGEL


Wer steckt hinter "Fancy Bears"?

"Fancy Bears" ist eine Hackergruppe, die im vergangenen Jahr mehrere Cyberattacken auf Sportinstitutionen unternommen hat. Zu den Zielen gehörte auch eine Datenbank der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Im September veröffentlichten die Hacker auf ihrer Website Daten von mehr als hundert Sportlern. Es wurde bekannt, dass sich die Tennisspielerin Serena Williams, der Tour-de-France-Sieger Chris Froome und die Turn-Olympiasiegerin Simone Biles Ausnahmegenehmigungen besorgt hatten, mit denen sie Medikamente einnehmen durften, die auf der Dopingliste stehen. Ein Verfahren, das die Wada erlaubt. Es ist bisher nicht bekannt, wer hinter Fancy Bears steckt. US-Nachrichtendienste berichten, die Gruppe gehöre dem russischen Militärgeheimdienst an. "Das Ziel der Cyberverbrechen ist es, von der Realität abzulenken, dass in Russland ein staatlich gefördertes Dopingsystem existiert", sagt ein Usada-Sprecher. Dem SPIEGEL teilt Fancy Bears mit: "Wir sind ein internationales Hackerteam, unser Projekt hat Aktivisten zusammengebracht, die für sauberen Sport und Fair Play eintreten. Wir arbeiten für keine Regierung, wir stehen über der Politik. Wir wollen, dass das bestehende Anti-Doping-System der Wada reformiert wird. Es fördert Korruption, ist unwirksam und ermöglicht Topathleten, verbotene Substanzen zu nehmen." Der SPIEGEL steht mit Fancy Bears seit einigen Monaten in Kontakt. Er befand die zur Verfügung gestellten Datensätze nach eingehender Prüfung für echt und entschloss sich nun aufgrund der Relevanz der Inhalte zur Veröffentlichung.

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