AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2017

Lobby-Trommelfeuer der Apotheker "Wir schießen aus allen Rohren"

Kaum eine Berufsgruppe tritt so aggressiv auf wie die Apotheker. Wie erfolgreich die kleine Lobby die Große Koalition einspannt, beweist sie im Kampf gegen den Onlineversandhandel - zum Schaden der Patienten.

DPA

Von


Als die FDP bei der vergangenen Bundestagswahl aus dem Parlament flog, war Friedemann Schmidt, Präsident des Apothekerverbands ABDA und selbst FDP-Mitglied, sehr beunruhigt. Man gehe dunklen Zeiten entgegen, orakelte er damals bei einer internen Strategiekonferenz. Ohne die liberalen Freunde werde es schwierig sein, eigene Forderungen in der Gesundheitspolitik durchzusetzen.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 4/2017
Die neue Weltordnung

Zur eigenen Überraschung hat sich Schmidt geirrt. Deutschlands Apothekern geht es im Durchschnitt heute nicht schlechter, sondern besser als je zuvor, der Großen Koalition sei Dank. Unter dem pharmafreundlichen Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) steigerten sie ihren Durchschnittsumsatz innerhalb von zwei Jahren um zwölf Prozent. Allein für das Anrühren bestimmter Rezepturen sowie die Dokumentation von Betäubungsmitteln gibt es ab diesem Jahr noch mal 100 Millionen Euro Umsatz obenauf.

Wie erfolgreich die kleine Apothekerlobby die Große Koalition für ihre Zwecke einspannt, beweist sie gerade im Kampf gegen den Onlinehandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln. Um zu verhindern, dass Patienten diese übers Internet im Ausland bestellen und dadurch bei der Zuzahlung etwa zwei Euro sparen, will ABDA-Chef Schmidt das Versandgeschäft verbieten lassen. Den Gesundheitsminister hat er dabei längst auf seiner Seite. Doch bislang sperrte sich die SPD.

Ein Versandhandelsverbot schade den Patienten, erklärte deren gesundheitspolitischer Sprecher Karl Lauterbach in der Annahme, die SPD möge sich besser für die täglich 3,6 Millionen Apothekenkunden einsetzen als für die etwa 20.000 Apotheken, zumal in Wahlkampfzeiten. Nicht nur die Oma auf dem Land sei doch froh über die Möglichkeit, sich ihre Arzneien nach Hause liefern zu lassen und dabei auch noch ein paar Euro zu sparen.

Umso spektakulärer ist die Wende, die Lauterbach und seine Kollegen jetzt vollziehen. Bei der Fraktionssitzung am vergangenen Dienstag orientierte sich die SPD um: Weg von der Oma, hin zum Apotheker.

Wenn Minister Gröhe bereit sei, an anderer Stelle Zugeständnisse zu machen, werde die SPD nun doch beim Versandhandelsverbot mitmachen.

Mit ihrem Strategiewechsel geben die Genossen einmal mehr dem massiven Druck der Lobby nach. Seit der Europäische Gerichtshof im vergangenen Oktober das Rabattverbot für verschreibungspflichtige Arzneien kippte, haben Deutschlands Apotheker die Abgeordneten mit Briefen zugeschüttet; vom Pamphlet ("Armes Deutschland") bis zum mehrseitigen Schicksalsbericht ("Mit den besten Grüßen aus Brakel") war alles dabei. ABDA-Chef Schmidt hatte seine Leute aufgerufen, nicht zimperlich zu sein: "Wir schießen aus allen Rohren."

Parallel setzte ein auf die Bürger gerichtetes PR-Trommelfeuer ein. Kunden, die eigentlich nur ein Rezept einlösen wollten, wurden vom Verkaufspersonal darüber belehrt, dass ein Apothekensterben bevorstehe, wenn es mit dem Versandhandel so weitergehe, zumal aus dem Ausland, wo keine oder niedrigere Steuern gezahlt würden.

Der Verlag der "Apotheken Umschau" schaltete in Absprache mit der ABDA einen einminütigen Werbespot ("Danke Apotheke") mehrmals zur besten Sendezeit vor der "Tagesschau"; die Kosten lagen nach Schätzungen bei über einer Million Euro.

Tatsächlich handelte es sich bei der Kampagne eher um Fake News als um Aufklärung. Die von den Apothekern gern vorgetragene Behauptung, die niederländischen Versandapotheken seien nur deshalb billiger, weil sie sich vor der deutschen Mehrwertsteuer drückten, ist falsch. Auch die ausländische Apotheke muss sich ans deutsche Steuerrecht halten und sogar die Umlage für Nacht- und Notdienste in Deutschland entrichten.

Auch die von der ABDA verbreitete Geschichte vom Apothekensterben ist kein starkes Argument. Zwar ist die Zahl der Apotheken in den vergangenen Jahren leicht gesunken, weil Inhaber in ländlichen Gegenden in den Ruhestand gehen, ohne an einen Nachfolger zu übergeben. Doch das wäre ja eigentlich ein Argument für den Versandhandel und nicht dagegen.

Umso verärgerter sind nun einige wenige Genossen darüber, dass ihre Partei einknickt. Bei der Fraktionssitzung am vergangenen Dienstag meldeten sich nach dem Wirtschaftspolitiker Johannes Kahrs auch die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt zu Wort. Normalerweise hält sie sich bei ihrem alten Thema zurück. Doch nun erinnerte sie daran, dass man doch eigentlich angetreten sei mit dem Versprechen, den Wettbewerb im Sinne der Patienten zu stärken, anstatt ihn zu verhindern.

Die Apotheker sind dennoch optimistisch. Sowohl SPD-Chef Sigmar Gabriel als auch der Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann haben durchblicken lassen: An ihnen wird es nicht scheitern.



insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
max-mustermann 26.01.2017
1. Nichts neues in der Bananenrepublik
Union und SPD agieren zum wohle der Lobby und die Bürger sind die Dummen die mal wieder drauf zahlen dürfen. Und dann wundert mann sich über das erstarken von Protestparteien wie der AFD.
schrammmartin@web.de 26.01.2017
2. Fadenscheinige Argumente
Selbst kein Apotheker geht mir das Apotheken-Bashing gegen den Strich. Ein wesentlicher Punkt fehlt in der Berichterstattung: Deutsche Apotheken dürfen überhaupt keinen Rabatt geben. Das ist gesetzlich verboten. Statt dessen werden gerade die Landapotheken von DocMorris und Co kauptt gemacht. Die sparen sich Personal, machen keinen Notdienst (bei uns ist eine Landapo alle 8 Tage dran) und greifen die lohnenswerten Rezepte ab. Apotheker werden für schlechte Beratung angegangen - hier findet das überhaupt nicht statt. Wo bitte ist das kundenfreundlich, vor allem, wenn die Landapotheken eingegangen sind??
Torbo 26.01.2017
3. Das genaue Gegenteil ist der Fall,
wenn man die Apotheker zu ihrer Lobby fragt, würden sie sagen, dass diese viel zu zahm sind. Die Gründe: - Innerhalb von über 10 Jahren lediglich Honororerhöhung um 25 cent pro Packung, das deckt bei weitem nicht einmal die Inflation ab - lächerlich niedrige Tarifgehälter für Apothekenangestellte, hochqualifiziert PTA mit Staatsexamen verdient nach 30 Jahren Berufserfahrung 2500 € brutto, Apotheker mit 5 Jahren Studium 3900 brutto - ständige Gängelung durch die Krankenkassen mithilfe von Nullretaxationen, bei denen die Krankenkassen bei Nichteinhaltung von Rabatverträgen 0, in Worten "NUll" Euro zahlen, auch bei Medikamenten, die mehrer tausend Euro kosten, und mit denen der Patient ordnungsgemäß versorgt wurde und, und, und... Bitte lieber Spiegel, ein paar Interviews mit Apothekeninhabern und Angestellten, denn diese einseitige Schwarz-Weiß-Malerei ist als ein sich für die Patienten aufopfernden in der Apotheke Angestellten schwer zu ertragen.
pj-hh1 26.01.2017
4.
Zitat von schrammmartin@web.deSelbst kein Apotheker geht mir das Apotheken-Bashing gegen den Strich. Ein wesentlicher Punkt fehlt in der Berichterstattung: Deutsche Apotheken dürfen überhaupt keinen Rabatt geben. Das ist gesetzlich verboten. Statt dessen werden gerade die Landapotheken von DocMorris und Co kauptt gemacht. Die sparen sich Personal, machen keinen Notdienst (bei uns ist eine Landapo alle 8 Tage dran) und greifen die lohnenswerten Rezepte ab. Apotheker werden für schlechte Beratung angegangen - hier findet das überhaupt nicht statt. Wo bitte ist das kundenfreundlich, vor allem, wenn die Landapotheken eingegangen sind??
Gerade das mit der Beratung stimmt eben nicht. Habe jahrelang Medikamente bei der Apotheke direkt neben dem Hausarzt oder bei einer der geschätzten 10 im Zentrum unseres Stadtteils geholt. Häufig mit zweimaliger Anfahrt, weil beim ersten Mal irgendwas nicht vorrätig war. Jedesmal gab es absolut KEINE Beratung und kein Hinweis auf Nebenwirkungen. Gut, man kann den Beipackzettel lesen, da steht auch alles drin. Dann habe ich das erste Mal bei DocMorris bestellt und staunte nicht schlecht. Nicht nur, daß auf Probleme bei gleichzeitiger Einnahme anderer Medikamente hingewiesen wurde, nein, es gab sogar einen Hinweis, daß sich das Medikament nicht mit Grapefruitsaft vertragen würde. Eine Information, auf die kein Apotheker/PTA vorher jemals hingewiesen hat. Und der angenehme Nebeneffekt: Ich muß gar nicht mehr zur Apotheke gehen (und erst recht nicht mehrfach). Das Paket kommt und alles ist drin. Bei rezeptpflichtigen Medikamenten gibt es einen Bonus, rezeptfreie sind i.d.R. deutlich billiger zu haben. Freut mich, freut meine Krankenkasse. Also nicht den Versandhandel verbieten, sondern, wenn überhaupt, Rabattfreigabe. Mal an den Bürger und nicht an die Lobby denken.
westfalica88 26.01.2017
5.
Also ich kann auf die Apotheke um die Ecke gut verzichten. Wirklich gute Beratung in einer Apotheke habe ich bisher erst einmal erlebt, und der Herr ist leider in Rente. Natürlich geben auch die Onlineapotheken Beratung, kostenlos. Die Aufklärung über Wechselwirkung funktioniert sogar besser als in der normalen Apotheke, weil vergangene Einkäufe mit berücksichtigt werden. Anrufen und fragen kann ich dort auch rund um die Uhr, dort sitzen ja auch echte Apotheker und machen Beratung. Die Notversorgung mit Medikamenten können auch die Krankenhausapotheken leisten... Die Apotheke vor Ort beschränkte sich in meinem Fall meist auf "Probierense mal das, vielleicht hilfts", dusselige argwöhnische Fragen "Glycerin, wozu brauchen sie denn das...?" - und kostet dabei noch das Doppelte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 4/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.