AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2018

Deutscher Biennale-Pavillon in Venedig Im Minenfeld

Deutschland widmet sich auf der Architekturbiennale in Venedig den Nachwirkungen der eigenen Teilung. Zuständig für den Auftritt: drei Freunde von Brad Pitt und Marianne Birthler.

Kuratoren Krückeberg, Willemeit, Birthler, Putz: Zwei Seiten der Geschichte
Pablo Castagnola

Kuratoren Krückeberg, Willemeit, Birthler, Putz: Zwei Seiten der Geschichte


Eigentlich sitzen sie zusammen, um über Deutschland zu reden, im Namen von Deutschland Außergewöhnliches zu planen. Jetzt sprechen sie erst einmal, ausgerechnet, über Bananen.

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Heft 16/2018
Berechtigte Sorge, übertriebene Angst - die Fakten zur Debatte um Islam und Heimat

Ein kleines, durchaus kontrastreiches Team trifft sich an diesem Nachmittag in Berlin, es besteht aus den drei Chefs des Architekturbüros Graft - Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit - und der Politikerin Marianne Birthler.

Graft steht für architektonische Coolness, made in Los Angeles, Berlin und Peking; Birthler für den kritischen Osten, denn sie wurde in den Jahren der DDR, in der Zeit der Wende zu einer Kämpferin, natürlich ist sie für viele auch die Frau, die lange die Stasiakten verwaltet hat und beinahe Bundespräsidentin geworden wäre.

Nun erst einmal diese kleinen Geschichten, Lars Krückeberg, einer der Architekten, fängt damit an: die Bananen und die anderen Südfrüchte, die an den Tagen nach dem Mauerfall verteilt wurden, in Berlin oder in grenznahen Städten, manchmal direkt vom Lastwagen hinab, wie beschämend es für die gewesen sein muss, die in der Schlange gestanden haben, ihm sei das damals sehr schnell klar geworden. Birthler sagt, und es klingt ein wenig ironisch, das wundere sie nicht, dass er das so empfunden habe.

Aber sie fand solche Szenen natürlich auch schrecklich, denn im Grunde sei das doch damals ein "Weltmoment" gewesen. Dieser Weltmoment ist jetzt der Ausgangspunkt eines gemeinsamen Projekts.

Die vier werden Deutschland auf der Architekturbiennale in Venedig vertreten. 63 Nationen nehmen daran teil, und ihr Beitrag - also der deutsche Beitrag - dürfte durch historische Schwerkraft und aktuelle Brisanz auffallen. Sie organisieren im nationalen Pavillon eine Ausstellung, die von Mauern erzählen wird, von solchen, wie Trump sie auf seinem Kontinent androht, aber auch und gerade von der innerdeutschen, die vor fast drei Jahrzehnten gefallen ist und noch lange nicht verschwunden sein wird. Man sieht sie nicht mehr, spürt sie aber noch.

Einst waren die Bananen das Symbol dafür, dass man sich gegenseitig nicht begreift. 2018 zeigt der Streit um die Äußerungen des Dresdner Schriftstellers Uwe Tellkamp zu AfD und Flüchtlingen, wie sich der Osten vom Westen gegängelt, zurückgesetzt fühlt, wie dünnhäutig und misstrauisch beide Teile aufeinander reagieren - dass also offenbar ein emotionales Minenfeld entstanden ist.

In Venedig darf, soll sich nun das internationale Publikum mit diesem Land beschäftigen, das seine Seltsamkeit noch nicht abgelegt hat.

Ehemaliger Checkpoint Charlie in Berlin: Geschenk oder gegenseitiges Misstrauen
Friedhelm Denkeler

Ehemaliger Checkpoint Charlie in Berlin: Geschenk oder gegenseitiges Misstrauen

Für den Ausstellungskatalog hat Birthler über ihr eigenes Leben hinter der Mauer geschrieben. Dieser persönliche Zugang wird denen helfen, die jünger sind, die nicht wissen können, wie sich das anfühlte, als es plötzlich Landesgrenzen innerhalb des eigenen Landes gab. Birthler, 1948 in Ost-Berlin zur Welt gekommen, war 13 Jahre alt, als die DDR quasi ganz zugesperrt wurde, vorher waren Ausflüge in den Westen möglich. "Im Sommer 1961 wurde unsere Welt von einem Tag auf den anderen sehr klein." Nicht jeden in ihrer Republik habe die Mauer gestört, denn: "Wer sich nicht bewegt, spürt keine Ketten."

Vor fast drei Jahrzehnten wurden diese Ketten abgenommen, denen, die sie wie Birthler spürten, und den anderen auch.

Birthler war nach der Wende Politikerin für das Bündnis 90, ihr Amt als Bildungsministerin in Brandenburg legte sie nieder, als über die Stasikontakte des SPD-Ministerpräsidenten Manfred Stolpe spekuliert wurde und sie keine sein wollte, die durch Stillschweigen etwas billigt. Zehn Jahre lang leitete sie die Behörde, die die Stasiakten verwaltet, war dort Nachfolgerin von Joachim Gauck. Viele - insbesondere die Kanzlerin - hätten sie eben auch gern als seine Nachfolgerin im Schloss Bellevue gesehen. Sie wollte nicht. Nun ist sie keine Bundespräsidentin von Deutschland, sondern Kuratorin für Deutschland.

Die Architekten von Graft, Jahrgang 1967 und 1968, wuchsen im Westen auf, studierten in Braunschweig. Die Mauer gehörte, als sie jung waren, ebenso zur Gegenwart ihres Landes - was ihnen vielleicht besonders klar wurde, als sie sich öffnete und sich dahinter ein fast fremdes Gebiet auftat, das man besichtigen konnte.

Ihre Firma Graft gründeten sie 1998 in Los Angeles. Dass Brad Pitt, schon damals der große Hollywoodstar, sofort ein Fan ihrer Baukunst wurde, dass er mit ihnen später eine wohltätige Stiftung gründete zugunsten der Menschen, die in New Orleans nach Hurrikan "Katrina" ihre Häuser verloren hatten, trug zu ihrer Bekanntheit bei. Heute beschäftigen sie an drei Standorten 150 Leute. In Berlin haben sie sich nahe der einstigen Mauer niedergelassen und damit in der Nähe dieser besonderen Geschichte. Aber ihnen fehlte, als sie auserkoren wurden, den deutschen Pavillon zu übernehmen, die Erfahrung von jemandem, der auf der anderen Seite der Mauer gelebt hatte. Deshalb fragten sie bei Marianne Birthler an. Nun sitzen sie zusammen, fallen sich gegenseitig ins Wort, verstehen sich offensichtlich bestens.

Was sie vorhaben: Vor gut 28 Jahren fiel die Mauer, nachdem sie 28 Jahre lang gestanden hatte, in der Schau sollen 28 Beispiele einen Eindruck davon geben, wie die Todeslinie heute aussieht. Aus ihr war nach dem Rückbau der Anlagen ein echter, in vielerlei Hinsicht kostbarer Freiraum geworden, 1378 Kilometer lang und auch von einer gewissen Breite; auf der Ostseite war der "Kontrollstreifen" 10 Meter, der "Schutzstreifen" 500 Meter breit. Die über viele Kilometer unberührte Natur wird in der Ausstellung eine Rolle spielen, auch der Iron Curtain Trail, ein Radweg entlang der früheren Grenzlinie. Ebenso vor Jahrzehnten aufgegebene Ansiedlungen, die sogenannten Wüstungen.

In Berlin selbst herrschte weitgehende Einigkeit darüber, dass dort der Mauerstreifen schnell verschwinden müsse und alles am besten so zugebaut werde, als wäre nie etwas gewesen - "alle wollten vergessen", sagt Graft-Architekt Willemeit. Der Senat der Stadt, die wieder Hauptstadt werden wollte, wünschte sich Traufhöhen, die denen des 19. Jahrhunderts entsprachen, er forderte Stein und Normalität (der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas sagte Berlin 1991 deshalb ein kleinbürgerliches, gar reaktionäres Stadtbild voraus).

Profitiert habe Berlin dann von improvisierter Architektur, von Gedenkstätten, von atemberaubenden Zwischennutzungen, von Klubs, von solchen Wohn-, Kultur- und Gewerbearealen wie dem Holzmarktgelände, finden die Kuratoren. Die Vielfalt, die sich einfach entwickelt habe, mache Mut, sie habe eine neue Form von Urbanität hervorgebracht, die Ausstrahlung sei enorm und wirke weltweit.

Das also ist das eine Deutschland, das in Venedig auftritt, das Land, das einen Todesstreifen zum Leben erweckt. Dann ist da das andere Deutschland, das immer noch keine Einheit zu bilden scheint.

Ob und wie das Zusammenwachsen funktioniert - auf die Frage soll in der Schau mit Statistiken geantwortet werden. Birthler sagt, zum Ende der DDR-Zeit habe die Lebenserwartung der Frauen im Osten um drei Jahre unter der von Frauen im Westen gelegen, heute sei diese Zahl gleich: "Mir werden einige Jahre geschenkt, wenn Sie so wollen."

Doch da sind eben auch die Ungleichheiten, man erkennt sie, wenn es um Besitzverhältnisse geht, um Machtpositionen. Im Pavillon werden auch die Berliner Regierungsbauten thematisiert, diese große architektonische Geste namens "Band des Bundes". Und an dieser Stelle der Schau werden die Besucher darauf hingewiesen, wie viele - genauer gesagt: wenige - Minister und Staatssekretäre heutzutage aus dem Osten des Landes stammen.

Axel-Springer-Verlagshaus an der Berliner Mauer 1966: Deutsche Seltsamkeiten
Axel Springer SE

Axel-Springer-Verlagshaus an der Berliner Mauer 1966: Deutsche Seltsamkeiten

Die Ost-West-Frage sei vergleichbar mit der Geschlechterfrage, sagt Birthler. Immer heiße es, die Frauen seien verschieden, man könne nicht von der Frau sprechen. Man könne auch nicht von dem Ostdeutschen sprechen. Dennoch behandle die Gesellschaft - bei allen Fortschritten - Frauen anders als Männer, Westdeutsche anders als Ostdeutsche. "Es gibt immer noch Unterschiede zwischen Ost und West, nur darf man die nicht überstrapazieren, denn sonst werden sie leicht instrumentalisiert."

Denn, daran erinnert sie, 1989 sei es nicht um einen Konflikt zwischen Ost und West gegangen, sondern um einen zwischen Ost und Ost. Und auch nach dieser Revolution seien alle wichtigen Konfliktlinien nicht zwischen Ost und West verlaufen, sondern innerhalb des Ostens, innerhalb des Westens. Da war die Frage, ob man die Einheit wolle, da waren die Diskussionen um die Aufarbeitung der Diktatur, insbesondere der Stasi. Viele Risse hätten sich "quer zur Ost-West-Grenze" durchs Land gezogen, sagt Birthler.

"Als Chefin der Stasiunterlagenbehörde hatte ich Verbündete ebenso wie Gegner- und das im Westen wie im Osten." Anzunehmen, diese Debatten hätten sich erledigt, sei albern, sagt sie, wie solle das gehen? "Die nächsten Generationen werden ihre eigenen Fragen dazu stellen." Wer heute eine Mauer bauen wolle, solle das alles berücksichtigen, finden die vier. "Unsere Ausstellung", sagt Architekt Putz, "ist auch der wackelnde Zeigefinger in Richtung Trump, eine Aufforderung zum Nachdenken."

Sie haben sich viel vorgenommen für eine Architekturausstellung, und sie haben recht damit.

Grenzsperren besitzen keine Ästhetik, über die es zu sprechen lohnt, aber sie sind natürlich Architektur, sie markieren irgendwo in der Geografie Räume, sie tun das mit Beton, Stahl, Stacheldraht, womöglich auch mit Minen und elektrischer Spannung, und wie jede Architektur sind sie Ausdruck einer bestimmten gesellschaftlichen, politischen Umwelt; bei ihnen wird dieser Zusammenhang sogar besonders deutlich. Je nach Sicht der Dinge schützen sie Menschen oder sind Ausdruck der Unmenschlichkeit - und anderes mehr.

Wendy Brown, eine amerikanische Politologin, schreibt, dass Mauern wie einst die innerdeutsche genau die demokratische Gesellschaft verhinderten, die sie doch angeblich verteidigen wollten. Heute gebe es effektivere Methoden, Grenzen zu kontrollieren, als Befestigungen. Das gelinge besser mit moderner Überwachungstechnik, mit Patrouillen. Monumentale Anlagen, wie sie Donald Trump und andere Staatsmänner favorisierten, hätten einen anderen Zweck: Sie dienten der bloßen Inszenierung von Macht, von angeblicher politischer Souveränität. Brown hält sie für Kulissen, vergleichbar mit denen im Theater.

Polizisten vor Prototyp der geplanten USA-Mexiko-Mauer: "Wackelnder Zeigefinger"
DPA

Polizisten vor Prototyp der geplanten USA-Mexiko-Mauer: "Wackelnder Zeigefinger"

Für Birthler und die Architekten von Graft sind Mauern vor allem Symbole des Scheiterns, sie zeigten "die Unfähigkeit oder den Unwillen zum Dialog, zur echten Politik".

Ein Teil ihrer Schau wird sich anderen Spaltungen widmen, der Situation auf Zypern, in Nordirland mit seinen Friedensmauern, dem Nahostkonflikt, Korea; dazu die Abschottungspolitik Trumps und ebenso der EU an ihren Außengrenzen. In Videoclips, die eine "Mauer der Meinungen" ergeben sollen, kommen Leute zu Wort, die in der Nähe solcher Mauern leben, die einen führen Argumente für diese Grenzbauten an, andere welche dagegen.

Vieles kommt zur Sprache an diesem Nachmittag. Die Architekten nennen sich "Profiteure der Globalisierung". Hat aber die Globalisierung mit dem Fall der deutschen Mauer erst so richtig begonnen, ist sie nun, angesichts immer neuer Abgrenzungen, am Ende? Wie offen steht einem diese Welt wirklich noch?

Was für eine Bestandsaufnahme von Deutschland, von allem! Ihr sei noch deutlicher geworden, wie eng die Verknüpfung von innerer und gebauter Welt sei, sagt Birthler.

Die Graft-Architekten haben auch Projekte in Berlin, die aber auf der Biennale nicht erwähnt werden, weil sie das für unanständig halten würden. Interessant wäre es aber schon. Sie haben die Architektur für Charlie Living entworfen, einen Wohnkomplex nahe dem ehemaligen Checkpoint Charlie, längst ist die Gegend gentrifiziert, der Boden teuer. Auch das passiert, wenn aus früherem Niemandsland riesige "Zukunftsgebiete" werden. Und als solche vermarktet die Stadt Gegenden in ehemaliger Mauernähe.

"Unbuilding Walls" heißt der Beitrag für Venedig. Der Rückbau der Mauern als Traum, der wenigstens in Deutschland in Erfüllung gegangen ist. Und dass das ein Geschenk war, sollte eben niemand vergessen.

Andere, durchaus auch heikle Mauern tasten die Kuratoren jetzt doch nicht an. Der historische deutsche Pavillon auf dem Biennale-Gelände in Venedig wurde einst von den Nazis kantig umgebaut. Jeder Künstler oder Architekt, der das Gebäude für die Kunst- oder für die Architekturbiennale nutzt, muss mit dem Erbe umgehen. Viele machen ihre Haltung zu dem strammen Gebilde deutlich, oft durch kurzfristige Umbauten.

Putz, einer der Graft-Chefs, sagt, 20 Jahre lang hätten sie fantasiert, was sie alles mit dieser Architektur anstellen würden, sollten sie einmal die Ausschreibung für die Biennale gewinnen. Als der Berliner Werkbund 2014 um Visionen für eine (rein hypothetische) Umgestaltung bat, schlugen sie den Abriss vor.

So bleibt auch noch etwas für die Aufrührer von morgen zu tun.


Über die Autorin

Ulrike Knöfel arbeitet seit Ende der Neunzigerjahre beim SPIEGEL und hat im Laufe der Zeit immer wieder über Architektur geschrieben und Architekten zu Interviews getroffen. Mit den Chefs von Graft und der Politikerin Marianne Birthler kam bei einem Treffen in Berlin ein besonders lebendiges Gespräch zustande. Das Thema der Mauern, der gespaltenen Nation ist eines, zu dem es auch viele Jahre nach der Wende noch viel zu sagen gibt.



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