AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2016

Beate Zschäpe im NSU-Prozess Sie hat geredet, doch fast nichts gesagt

Beate Zschäpe hat sich im NSU-Prozess persönlich zu Wort gemeldet. Die Aussage der Angeklagten war bedrückend leer - und eine taktische Anpassung an den Verfahrensstand. Von Gisela Friedrichsen

Mutmaßliche Täterin Zschäpe
Joerg Koch

Mutmaßliche Täterin Zschäpe


Sie hat geredet! Mehr als drei Jahre und vier Monate nach dem Beginn des NSU-Prozesses! Am 313. Verhandlungstag im Schwurgerichtssaal 101 in München! Eine Sensation?

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Heft 40/2016
Von den Nürnberger Prozessen bis heute: Die Suche nach der gerechten Strafe

Tatsächlich hat Beate Zschäpe nur vom Blatt abgelesen. Kein Dialekt, die Stimme heller, als man sie sich vorgestellt hatte, fast mädchenhaft, etwas gepresst, was der Anspannung geschuldet sein mochte. Worte von bedrückender Leere angesichts des Leids der Opfer, empathielos im Ton, eine taktisch bestimmte, förmliche Geste der Beate Zschäpe, für das Gericht bestimmt, nicht für die Opfer. Offenbar mit dem Hintergedanken, niemand solle behaupten können, sie habe ja nicht einen einzigen Ton gesagt.

Der Zeitpunkt war kein Zufall, das geben ihre Verteidiger Hermann Borchert und Mathias Grasel zu. Es verwundert nicht, dass viele Nebenklageanwälte dies als weitere Provokation der Hauptangeklagten im NSU-Prozess gegenüber den Opfern und deren Hinterbliebenen deuten. Denn keinem der Leidtragenden war der Tag signalisiert worden, an dem Zschäpe erstmals im Gerichtssaal reden würde. Nicht einmal jenen unter den Nebenklägern, die Worte aus ihrem Mund hätten hören wollen; manche sind durch die Prozessdauer nicht mehr daran interessiert. Welch ein Fehler von Zschäpes Vertrauensanwälten!

Die Opferanwälte wurden dadurch in ihrem Eindruck bestärkt, dass Zschäpe sich weiterhin weigert, mit ihnen oder den Nebenklägern zu kommunizieren. Solange sie dies nicht tut, sind Worte des Bedauerns hölzerne Formeln.

Man kann die überraschende Inszenierung aber auch anders deuten. An den letzten Prozesstagen war über einen Brief Zschäpes an einen inhaftierten Gesinnungsgenossen vehement gestritten worden. Die Verteidiger Wolfgang Stahl, Wolfgang Heer und Anja Sturm versuchten, die Beschlagnahme und Verwertung dieses Schreibens vor Gericht zu verhindern. Denn nach Auffassung mancher Opferanwälte ließ sich der Rückschluss daraus ziehen, dass Zschäpe bis heute Neonazi sei.

Nun erklärte die Angeklagte explizit, sie habe sich zwar damals, als sie Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos kennenlernte, "durchaus mit Teilen des nationalistischen Gedankenguts identifiziert", aber heute nicht mehr. Sie beurteile nun Menschen "nicht mehr nach ihrer Herkunft oder ihrer politischen Einstellung, sondern nach ihrem Benehmen".

Wie es zu dieser Wandlung in ihrem Denken gekommen sein soll, erklärte Zschäpe nicht. Ob es wirklich daran lag, dass in der Zeit des Untertauchens, wie sie vortrug, Themen wie "Angst vor Überfremdung" für sie unwichtiger wurden? Wurde es dafür wichtiger, die Mord- und Raubtaten zu tarnen? Solche Dinge hätten vermutlich den psychiatrischen Sachverständigen Henning Saß interessiert, der in der dritten Oktoberwoche ein vorläufiges Gutachten zu Zschäpes Schuldfähigkeit vorlegen will.

Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: "Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie"

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Bisher hatte sich Saß mit der Beobachtung der Angeklagten und mit Zeugenaussagen über sie begnügen müssen, denn explorieren lassen wollte sich Zschäpe nicht. Im Dezember ließ sie erstmals eine über weite Strecken lückenhafte Stellungnahme zur Anklage von ihren Vertrauensanwälten verlesen. Seitdem stehen Saß etwas mehr Äußerungen von Zschäpe zur Verfügung. Doch wie viel davon stammt überhaupt von ihr?

Am Ende ihres kleinen Vortrags sagte Zschäpe, sie "verurteile, was die beiden Uwes den Opfern angetan haben, und mein eigenes Fehlverhalten, wie ich es bisher zum Ausdruck gebracht habe". Erneut verzog sie keine Miene, zeigte keine Geste einer inneren Beteiligung. Sie schob das Blatt weg und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.

Wieder blieb Zschäpe den letzten Schritt schuldig. Es war nur eine taktische Anpassung an den Verfahrensstand. Diese jähe Aktion wirkt jetzt, da das Ende der Beweisaufnahme in Sicht ist, panisch: Die Vertrauensverteidiger merken offenbar, dass ihnen die Felle davonschwimmen.

Vorausgegangen war eine Verlesung ihrer Antworten auf weitere Fragen der Nebenklage, die sich der Senat zu eigen gemacht hatte. An einer einzigen Stelle unternahm sie den Versuch, ein wenig Entsetzen über die Taten des NSU einfließen zu lassen, indem sie sagte: "Es war unfassbar für mich, das Töten von Menschen. Das war wichtig für mich, nicht, ob es sich um Deutsche oder Ausländer handelte."

Andererseits ließ sie auf die Frage, welche Konflikte es zwischen ihr, Böhnhardt und Mundlos gegeben habe, mitteilen: die Mordtaten, das Rauchen und Trinken, der Streit um die Nutzung des Internets, das Herumliegenlassen der Waffen in der Wohnung. Die gleichrangige Aufzählung ließ den Atem stocken.

In ihrer Stellungnahme von Dezember 2015 hatte Zschäpe vortragen lassen: "Mit dem Umstand konfrontiert, dass ich nun auch in einen Mord verwickelt war ..." Auf die Frage, was damit gemeint sei, ließ sie nun antworten, sie habe schließlich Kenntnis von den Taten gehabt und mit den beiden Uwes auf engstem Raum zusammengelebt. Treffender hätte es die Bundesanwaltschaft nicht sagen können.

Schon seit Längerem ist die Angeklagte nicht mehr die Sphinx, die sie in den ersten Prozessmonaten abgab. Das Rätsel des Ungewissen ist gelöst: Beate Zschäpe wusste von den Morden - und blieb bei den Mördern.

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