AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2017

Rückholung aus IS-Gebiet Lauras tragische Rettung

Laura H., ihre Kinder und ihr Mann saßen monatelang im vom IS-kontrollierten Mossul fest. Dann organisierte ein Mitarbeiter des Stuttgarter Innenministeriums eine Rettungsaktion. Doch diese misslang gehörig.

Gefechte in der Altstadt von Mossul (20. März 2017)
DPA

Gefechte in der Altstadt von Mossul (20. März 2017)

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Sie machen es genau wie abgesprochen. Am Morgen des 12. Juli 2016 schleichen Laura H. und ihr Mann Ibrahim I. gemeinsam mit den beiden Kindern in Mossul aus dem Haus. Seit Monaten sitzt die Familie in der irakischen Hochburg des "Islamischen Staates" (IS) fest.

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Heft 21/2017
Wie Hacker die Welt attackieren. Wie wir uns schützen können.

Die Flucht ist bis ins Detail geplant, so scheint es. Um vier Uhr morgens brechen sie auf. Er fährt das Auto, sie sitzt auf dem Beifahrersitz, die Kinder auf dem Schoß. Sie haben eine weiße Fahne dabei, die sie aus dem Fenster hängen sollen, sobald sie das IS-Territorium verlassen haben. An einem Treffpunkt sollen Schleuser auf sie warten und nach Arbil ins niederländische Generalkonsulat bringen. Doch weit kommen sie nicht.

Die Reise in die Freiheit endet in einem Straßenloch, das Auto bleibt stecken - eine Straßenblockade des IS. So wird es Laura H. später ihrem Vater erzählen. Sie und ihr Mann laufen mit den Kindern zu Fuß weiter, als plötzlich Schüsse fallen und Mörsergranaten durch die Luft jagen. "Nicht schießen, ich bin einer von euch", soll ihr Mann den IS-Kämpfern zugerufen haben. Die Familie gerät in ein Feuergefecht zwischen kurdischen Peschmerga-Milizen und IS-Kämpfern. Ihr Mann sei schwer verletzt worden, er sei voller Blut gewesen, erzählt Laura H. Sie habe sich mit den Kindern in die Büsche gelegt und sei dann weitergelaufen, bis auf die kurdische Seite der Front. In Sicherheit. Wo ihr Mann sei, wisse sie nicht, sagt sie später.

Lauras Flucht aus Mossul ist eine Geschichte, in der so ziemlich alles aus dem Ruder lief. Es gab mehrere Versuche, Fehlschläge und ein nur scheinbares Happy End.

Ihr Mann wurde schwer verletzt, Kontaktleute in Mossul sollen vom IS enttarnt worden sein. Mindestens einer der beiden soll hingerichtet worden sein. Eine Schlüsselrolle in dieser blutigen Rettungsaktion spielt ein deutscher Spezialist für "Deradikalisierung".

Daniel Köhler, 32, arbeitet im Innenministerium von Baden-Württemberg als wissenschaftlicher Referent, zuständig für Präventionsprojekte gegen islamistischen Extremismus. Auf sein Geheiß überwies der Vater von Laura H. 10.000 Euro auf ein Konto bei einer britischen Bank. Das war der Startschuss für die Operation.

Daniel Köhler in Minneapolis (April 2016)
Ackerman + Gruber

Daniel Köhler in Minneapolis (April 2016)

Der SPIEGEL traf den Vater der 21-jährigen Salafistin am Donnerstag in Den Haag. In einem Straßencafé erzählt Eugene H., ein Niederländer, die Details einer tragischen Rettung.

Laura H. hatte keine leichte Kindheit - mit einem schwerkranken Bruder und Eltern, die sich trennten, als sie etwa elf war. Schon als Jugendliche suchte sie Kontakt in die maghrebinisch geprägte muslimische Gemeinde ihrer Heimatstadt Zoetermeer. Sie konvertierte zum Islam, bald darauf trug sie ihren ersten Hidschab, der ihren Körper vollständig verhüllte.

Über die Datingseite Moslima.com lernte sie den in Deutschland geborenen Ibrahim I. kennen. Die beiden heirateten und zogen zusammen. Im Sommer 2015 brachte sie ihr zweites Kind zur Welt. Kurz darauf war die junge Familie plötzlich verschwunden.

Ihr Vater schaltete die niederländische Polizei ein. Die machte ihm wenig Hoffnung, die Sicherheitsbehörden könnten nichts für ihn tun. Eugene schrieb WhatsApp-Nachrichten an seine Tochter, die zunächst nicht reagierte. Im November 2015 dann das erste Lebenszeichen. Über einen Zwischenstopp in der syrischen Hauptstadt des Kalifats Rakka war die Familie weiter nach Mossul gereist. "Alles gut", schrieb sie, "Allah ist der Beschützer."

Manchmal konnte der Vater kurz mit seiner Tochter über WhatsApp telefonieren. Ihr gehe es nicht gut. Hygiene und Verpflegung in Mossul seien schlecht, die Kinder hätten Läuse. Schon in den Niederlanden habe ihr Mann sie geschlagen. Im IS-Gebiet seien die Übergriffe noch heftiger geworden. Vergebens habe sie versucht, sich von ihm zu trennen.

Als Weihnachten 2015 eine Bekannte die Erlaubnis erhielt, nach Arbil zu fahren, entschloss sich Laura spontan, mit den Kindern zu fliehen. Das war der erste Versuch. Der erste Fehlschlag. Sie wurden an einem Checkpoint aufgehalten und nach Mossul zurückgeschickt. Nun wurde das Leben in der IS-Enklave mit einem wütenden Mann, der nichts von ihren Plänen gewusst hatte, erst recht zur "Hölle", sagt sie später. Sie habe nur noch geweint. "Sie geriet in Panik", sagt ihr Vater, wollte unbedingt zurück in die Niederlande.

Das war der Moment, in dem der Deradikalisierer Daniel Köhler ins Spiel kam. Den Kontakt stellte eine Beratungsstelle für die Familien von niederländischen Salafisten her, bei deren Gründung Köhler mitgewirkt hatte. Für Eugene H. war er so etwas wie der letzte Strohhalm. Er würde Leute mit guten Kontakten im Irak kennen, erzählte Köhler dem Vater. Profis, die bei der Flucht helfen könnten. Für einen verzweifelten Vater, der seine Tochter und seine Enkelkinder zurückhaben will, klang das überzeugend.

Die Operation begann. Nachdem das Geld überwiesen war, landete ein Engländer auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol, von dem Eugene H. nur den Vornamen erfuhr. Er beriet den Vater bei Telefonaten mit der Tochter. Es gab nun Codewörter wie "Porkel", den Namen ihres Stoffhasen. Dann wusste der Vater, sie war allein und konnte sprechen. Er gab ihr dann Anweisungen, wie sie sich verhalten solle. Im April begannen die konkreten Vorbereitungen, Laura aus dem IS-Gebiet herauszuholen.

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Laut Eugene H. seien Kontaktleute in Mossul gewesen. Die Absprache: Eine Stunde vor der Aktion würde sie erfahren, dass es losgeht. "Das ist zu kurz und wird niemals klappen", habe sie geantwortet.

Dann habe es eine dramatische Wendung gegeben. "Zwei Kontaktleute in Mossul wurden enttarnt", sagt Eugene H. Ihm sei gesagt worden, dass mindestens einer von ihnen vom IS exekutiert worden sei. Der andere wahrscheinlich auch.

Als der SPIEGEL Daniel Köhler mit den Aussagen des Vaters konfrontiert, bestreitet er die Verbindungen nach Mossul und die möglichen Exekutionen. "Der Plan war, dass Laura H. und ihre Familie Mossul auf eigene Faust verlassen", sagt Köhler. Seine Kontaktleute seien dafür zuständig gewesen, die Niederländer von einem Treffpunkt aus in das Generalkonsulat nach Arbil zu bringen. Ein Fluchtversuch sei daran gescheitert, dass Helfer kurzfristig abgesprungen seien. Das sei alles.

"Es gab keine Verbindungsleute in Mossul", sagt Köhler. Überhaupt sei dies seine erste Erfahrung in einem solchen Fall gewesen. Mit der konkreten Operation habe er kaum zu tun gehabt: "Mein Einsatz war ehrenamtlich." Er habe lediglich Kontakte vermittelt.

In der renommierten niederländischen Tageszeitung "NRC Handelsblad", die im April über den Fall berichtete und den Deutschen "Herrn K." anonymisiert zitiert, klang das anders. K. beschreibe sich als Makler, der zwischen Familienangehörigen und ehemaligen Militärs vermittelt, die in Konfliktregionen "ihr Brot verdienen", heißt es da. Den Fall Laura H. habe Herr K. als eine der schwierigsten Operationen bezeichnet, "die wir je gemacht haben". Auch von enttarnten Leuten in Mossul und der Exekution habe Köhler gesprochen.

Das deckt sich mit den Ausführungen des Vaters, der von den Kontaktleuten des Teams in Mossul berichtet.

Hat der 32-jährige Referent aus dem baden-württembergischen Innenministerium mit einer Expertise und Kontakten geprahlt, die gar nicht existierten? Oder lief in Mossul eine Operation aus dem Ruder und kostete deshalb womöglich Menschen das Leben? Beide Interpretationen der Geschichte sind nicht nur für Köhler problematisch - sondern auch für Innenminister Thomas Strobl (CDU), dessen Staatssekretär den Referenten gewähren ließ.

Köhler habe bei der "Operation zur Rettung von Frau H." nicht im Auftrag des Innenministeriums gehandelt, stellte Strobls Pressestelle klar. Er sei ausschließlich als Privatperson tätig gewesen. Aber: Seinem Vorgesetzten, dem Landespolizeipräsidenten, und dem Staatssekretär Martin Jäger sei das Vorhaben bekannt gewesen. "Eine Kollision mit seinem Hauptamt wurde nicht gesehen." Auch der Bundesnachrichtendienst war nicht in die brisante Operation eingeweiht. Köhler handelte auf eigene Faust.

Wer seine Website aufruft, bekommt den Eindruck, es mit einer wissenschaftlichen Kapazität in Deutschland zu tun zu haben. Der 32-Jährige präsentiert sich als "Gründer und Direktor" des "German Institute on Radicalization and Deradicalization Studies". Daniel Köhler habe verschiedene Deradikalisierungsprogramme und Methoden entwickelt und "weltweit Regierungen beraten", heißt es, unter anderem in den Vereinigten Staaten von Amerika, den Niederlanden, Italien, Kanada oder England.

Aufgrund "seiner herausragenden Leistungen" sei er zum ersten Gerichtsgutachter für Deradikalisierung und Radikalisierungsevaluation von terroristischen Häftlingen in den USA ernannt worden. Ein Job, für den in Deutschland in der Regel erfahrene Psychiater zuständig sind.

Köhler hat einen Abschluss in Religionswissenschaften von der FU Berlin und einen "Master of Peace and Security Studies" der Universität Hamburg. Sechs Somalier und einen Amerikaner habe er bereits begutachtet, sagt er. Sein Institut befindet sich in einem Wohngebiet. Sein einziger Angestellter sei er selbst.

Nun also Fluchthilfe aus dem Irak. In einer WhatsApp-Nachricht wies Köhler den Vater darauf hin, dass die 10000 Euro auf jeden Fall verloren sind. Es gebe keine Garantien. "Wenn unsere Leute raus müssen und Laura/Ibr folgen nicht dem Plan oder irgendetwas geht schief, ist das Geld trotzdem ausgegeben", schreibt er.

Nach etlichen gescheiterten Versuchen sollte Eugene H. den Mann seiner Tochter überzeugen, Mossul zusammen mit seiner Familie zu verlassen. Es dauerte Wochen, bis Ibrahim I., inzwischen offenbar ebenfalls in Angst um seine Sicherheit, einwilligte. "Wir haben noch eine Chance", schrieb Köhler an den Vater.

Am 12. Juli war es so weit. Das Team stand bereit. Aber schon bald erhielt Eugene H. eine Rückmeldung: wieder nichts. Die Familie sei nicht am Treffpunkt angekommen. Die Operation wurde abgebrochen. Er machte sich darauf gefasst, dass seine Tochter den Tag nicht überleben würde. "Ich hatte große Angst, was würden die IS-Leute mit ihr und den Kindern tun, wenn sie erwischt werden?", sagt er. Doch kurz danach meldete sich RTL Nieuws bei ihm: Laura sei zusammen mit ihren Kindern bei den Peschmerga angekommen.

Dort trat die junge Mutter im schwarzen Hidschab vor eine Kamera des Senders Kurdistan24. Sie sieht etwas müde aus, als sie sich bei den Peschmerga bedankt. Ihr gehe es gut. Sie lächelt wie ein schüchterner Teenager. Ihre Fingernägel hat sie in einem fröhlichen Pink lackiert. Von den dramatischen Umständen ihrer Flucht erzählt sie nicht.

Nach ihrer Rückkehr wurde Laura H. am Flughafen unter Terrorverdacht verhaftet. Ihr Vater ist trotzdem froh. Die Tochter und die Enkelkinder sind in Sicherheit.



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