Der SPIEGEL

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24. August 2017, 09:43 Uhr

Massentourismus an der Ostsee

Die Wanne ist voll

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Die Übernachtungszahlen an der Ostsee steigen und steigen. Doch nicht alle sind vom Boom begeistert.

Wenn es ums Geschäft geht, ruht der Lokalstolz. Dann darf's auch gern ein Bayer sein, mit Lederhose und Gamsbarthut. Er ziert Bierkrüge, auf denen "Ostseebad Warnemünde" steht. Ein porzellanener Clash der Kulturen, am Warnemünder Strandkiosk erhältlich in zwei Größen, spülmaschinenfest.

Der Kioskbesitzer, ein Mann mit drei Jahrzehnten Touristenerfahrung, erklärt, die Krüge habe er nur für die Amerikaner im Sortiment. Die kommen mit dem Schiff und sind an regionalen Feinheiten wenig interessiert. "Da hauste was mit Germany vorne drauf - scheißegal."

Rostock-Warnemünde ist Deutschlands bedeutendster Kreuzfahrthafen. Voriges Jahr liefen hier 181 Schiffe ein, 766.000 Passagiere gingen von oder an Bord. Die Kreuzfahrer bleiben meist nur auf einen kurzen Landgang, allenfalls für eine Nacht. Internationale Touristen machen an der mecklenburgischen Ostsee lediglich 3,5 Prozent der Übernachtungsgäste aus.

Für die Deutschen hingegen war Mecklenburg-Vorpommern 2016 das beliebteste Inlandsziel, auch wegen der Ostsee.

Im Vergleich zur Nordsee ist sie ein Softie, doch gerade für ihre sanften Wellen wird sie von Surfern und Seglern, Familien und Senioren geliebt. Badewanne der Nation, ein Spitzname, der Spott und Ehre zugleich ist.

Tunesien und die Türkei haben als Traumziele vorerst ausgedient, in Zeiten von Krisen und Terror gehen die Deutschen auf Nummer sicher. In Warnemünde müssen sie nicht um Leib und Leben fürchten, höchstens um ihr Brötchen von Backfisch-Udo im Hafen, das Möwen ihnen, wenn sie nicht achtgeben, im Sinkflug aus der Hand reißen. Passiere Fremden oft, trösten Ureinwohner dann.

Die Übernachtungszahlen an der Ostsee steigen seit Jahren. Damit das so bleibt, wird kräftig investiert. Bauboom und Touristenandrang befeuern einander.

664 Millionen Euro fließen im Zeitraum von 2015 bis 2018 in neue Hotels und Ferienwohnungen, fast doppelt so viel wie in den Jahren 2012 bis 2015. Und die Kieler Landesregierung hat seit 2011 mehr als 1,1 Milliarden Euro in Seebrücken, Promenaden und Hotelbauten an der See und in der Holsteinischen Schweiz gesteckt.

Mecklenburg-Vorpommern gab voriges Jahr 84 Millionen Euro für "wirtschaftsnahe Infrastruktur" aus. An der Küste profitierte davon der Alte Hafen von Wismar, der gerade auf Vordermann gebracht wird. Den Bau des Kaiserstrand-Beachhotels Bansin förderte das Land mit 7,9 Millionen Euro, das Steigenberger-Grandhotel in Heringsdorf mit 6 Millionen, beide eröffneten 2016.

Unterkünfte für Touristen entstehen sogar an Plätzen, die zunächst nicht sonderlich attraktiv erscheinen, wie dem Gelände des stillgelegten Güterbahnhofs von Warnemünde.

Die Fläche lag jahrelang brach. Mehrere Hotelketten hatten sich nach Prüfung gegen eine Ansiedlung entschieden, in Ermangelung jeglicher Idylle: Der Blick geht auf die ehemalige Werft und einen S-Bahnhof. Orte, an denen sich früher nach Einbruch der Dunkelheit niemand ohne Not aufhielt. So erzählt es Christoph Krause, der in Rostock seine Jugend verbracht hat. Inzwischen schwärmt er.

Krause, 34, und seine Geschäftspartnerin Anne Christin Mählitz, 30, haben im April auf dem alten Bahngelände ein Hostel eröffnet, das Dock Inn. Heute sieht er die Werft als grandiose Kulisse und den Bahnhof als Segen, denn seine Gäste reisen gern mit dem Zug an - oder im Fernbus, der vor der Tür hält. Von den 50 Parkplätzen des Dock Inn steht die Hälfte leer.

Ähnlich brachialromantisch wie die Nachbarschaft ist die Bauweise des Hostels. Es besteht aus Überseecontainern, die zuvor im Hamburger Hafen auf ihre Verschrottung gewartet hatten. Sie türmen sich auf einem Stahlbetonsockel. 64 von ihnen dienen als Zimmer, mit zwei bis acht Betten. Architektur gewordene Globalisierung, zwölf auf zweieinhalb Meter. Weitere Container sind Kino, Waschsalon und eine Bar, in der Gäste Schallplatten auflegen können.

Krauses Zielgruppe sind sogenannte Flashpacker, in die Jahre gekommene Backpacker, also Rucksackreisende, die sich ein Sterne-Hotel leisten könnten, es aber nicht tun. Es ist eine Klientel, die Nachhaltigkeit und Toleranz tendenziell hochhält.

Deshalb kommt die Cola im Dock Inn nicht aus den USA, sondern vom Hamburger Anbieter Fritz. Das Eis, vegan und glutenfrei, besteht aus echten Beeren und Zitronen. Die T-Shirts der eigenen Kleidermarke sind aus Biobaumwollabfall und recycelten PET-Flaschen. Auf den Toilettentüren steht: "Inter(*)Trans(*)Women(*)" und "Inter(*)Trans(*)Men(*)". Eine Kletterhalle gibt es auch.

Mancher allerdings fremdelt noch mit dem Dock Inn. So wie der 80-Jährige mit der Jeansjacke, der hier mit seiner gleichaltrigen Freundin logiert. Beide sind 1944 als Kinder aus Ostpreußen geflüchtet, haben sich aber erst vor ein paar Jahren im Skiurlaub kennengelernt. Seither reisen sie gemeinsam. Den rohen Stahlbeton und die freiliegenden Röhren im Foyer empfindet er, "als säßen wir im Keller". Zudem mache die Matratze "nachts Bewegungsgeräusche". Ein nicht zu unterschätzendes Problem einer nicht zu unterschätzenden Zielgruppe.

Ältere Urlauber seien wesentlich verantwortlich für den Ostseeboom, sagt Tourismusforscher Edgar Kreilkamp. Die Ostsee, ein Profiteur der Demografie.

Senioren zieht es zwar noch an den Strand, aber eher nicht mehr bei 40 Grad in der Sonne. Rügen statt Rimini.

Wer lebenslang den Viersternestandard vom Mittelmeer gewohnt war, erwartet ihn auch an deutschen Stränden. Mecklenburg-Vorpommern, sagt Kreilkamp, biete ihn schon länger. "Die Hotels sind durchweg auf einem guten Niveau, nach dem Mauerfall hat sich der Tourismus hier total erneuert."

Die Westler entdeckten damals die neuen Länder, in den Osten floss ordentlich Geld. Es gab viel zu reparieren und zu bauen. Und reichlich Fördermittel. Investoren kamen zuhauf.

Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, die beiden Anrainer der Ostsee, verhalten sich wie Mieter zweier Doppelhaushälften, die den Nachbarn grüßen, einander ansonsten aber meiden: Jedes Land vermarktet seinen Zipfel Küste im Alleingang. Ein Fehler, sagt Kreilkamp. "Gemeinsam wäre man schlagkräftiger."

Das Verhältnis habe sich jedoch gedreht. Nachdem die EU-Fördermittel für Mecklenburg-Vorpommern seit 2013 zurückgefahren wurden, schielen Kapitalgeber wieder eher nach Schleswig-Holstein. "Dort wurde 20 Jahre lang kaum investiert", sagt Kreilkamp. "Jetzt wird aufgeholt." Nach Warnemünde, Ost, ist nun Travemünde, West, dran.

Travemünde ist ein Stadtteil von Lübeck, und wie sehr die Ostsee das Leben der Menschen bestimmt, aber auch die Zeit darüber hinaus, bekommen Reisende vorgeführt, wenn sie auf dem Weg zum Hafen am Bestattungsunternehmen Wilhelm Schmidt vorbeikommen, das mit dem Slogan "Deine Heimat ist das Meer" für Seebestattungen wirbt.

Beinahe hätte die Ostsee das kleine Warnemünde sogar zum Olympiastädtchen gemacht. Wenn Hamburg die Spiele 2012 ausgerichtet hätte, dann hätten die Segler ihre Regatten auch in Travemünde ausgetragen, vor der Halbinsel Priwall.

Aber Hamburg war dann gar nicht im Rennen, sondern Leipzig. Olympia ging nach London. Und nach Travemünde kam der Däne Sven Hollesen.

Hollesen, Mitinhaber von Planet-Haus, einem der größten Anbieter von Ferienhäusern, zählt zu den eifrigsten Investoren in Norddeutschland. Nach der gescheiterten Olympiabewerbung legte er einen Plan für ein Ferienresort am Priwall vor, genannt Waterfront.

Dort entstehen nun 499 Apartments, von denen einige schon vermietet sind. Des Weiteren 15 Geschäfte, zehn Restaurants, auch eigenes Priwall-Bier soll gebraut werden. Wenn Hollesen fertig ist, wird er in Travemünde 155 Millionen Euro verbaut haben. Es ist Teil eines großen Plans der Stadtverwaltung. Er heißt "Lübeck 2020 plus" und stammt von 2013.

Damals lag die Zahl der Übernachtungen in Lübeck einschließlich Travemünde bei jährlich 1,4 Millionen. Sieben Jahre später, so das Ziel, sollen es 2 Millionen sein. 300.000 davon will Hollesen besorgen. "Es ist mein größtes Projekt", sagt er stolz.

Wo er baut, standen bis vor Kurzem Campingplätze und Backsteinhallen aus den Dreißigerjahren, die letzte fiel vor wenigen Wochen. Auch ein Stück Wald musste dran glauben, zugunsten eines Parkhauses. "Es schmerzt, ein Stück Heimat zu verlieren", sagt Siegbert Bruders.

Bruders, 58, ist Lehrer, ein Mann mit weißem Rainer-Langhans-Wallehaar. Am Ufer der Trave wird er wehmütig. Das hier, das ist seine Kindheit. Die Lagerfeuer unter der Brücke. Die Schlachten, die er mit seiner Priwaller Bande gegen die Festland-Travemünder schlug. Zwei Kilometer weiter östlich war die Zonengrenze.

Mag sein, dass Bruders das aus der Ferne verklärt. Als 17-Jähriger hat er den Priwall verlassen, seither wohnt er in Berlin. Von dort aus setzt er sich umso vehementer für die alte Heimat ein.

Als Hollesen am Priwall aufgeschlagen war, gründete Bruders eine Bürgerinitiative, der er bis heute vorsteht. Die Aktivisten nahmen sich einen Rechtsanwalt zum Berater, dessen Honorar sie von Spenden für Baumpatenschaften und Priwall-Puzzles bezahlten. Sie ließen ein Modell des Resorts bauen, um den Bürgern zu zeigen, wie schrecklich es würde, und stellten geheime Verträge ins Netz. Gebracht hat es wenig. Eine Sichtachse durch den Wald haben sie verhindert. Und die Häuser werden nicht ganz so hoch wie geplant. Im Wesentlichen aber genehmigte die Lübecker Bürgerschaft Hollesens Pläne.

Als Bruders an der Baustelle steht, kommt ein Ehepaar auf Fahrrädern vorbei. Schlimm sehe das aus. Ob man da nichts mehr machen könne?

Hier nicht, sagt Bruders, aber vielleicht noch bei Teil zwei. Denn Hollesen will weiterbauen. Sein nächstes Vorhaben auf dem Priwall sind ein Hotel und Wohnhäuser. Die Eheleute auf ihren Rädern sagen, sie wünschen ihm die baldige Insolvenz.

Ein Leben mit Tourismus mag schwer sein. Das als Tourist nicht minder. Auch Erholungsuchende haben Sorgen. Ihre größte: Wie gestalte ich den optimalen Urlaub?

Bei einer Studie der Stiftung für Zukunftsfragen gaben 78 Prozent der Befragten an, die Sicherheit der Reiseziele sei ihnen wichtig. Bei der gleichen Umfrage zehn Jahre zuvor hatten das nur 69 Prozent gesagt.

War damals "Sparen" ein Anreiz, gilt heute verstärkt die Maßgabe "Luxus pur". Der Studie zufolge verzichtet mancher lieber auf einen Urlaub, um es beim nächsten Trip richtig krachen zu lassen.

Mitunter bestimmen simple Faktoren die Ortswahl. "Wenn Urlauber dieses Jahr bei Regen an der Ostsee sitzen, fahren sie nächstes Jahr eher woanders hin", sagt Wissenschaftler Kreilkamp.

Befindlichkeiten, Neigungen. Das alles war dem NS-Regime egal, als es in den Dreißigerjahren einen architektonischen Albtraum in den Sand des Örtchens Prora setzte: den Koloss von Rügen.

Über 4,5 Kilometer erstreckt sich die Anlage, geplant als größtes Ferienheim der Welt. Das Volk sollte sich erholen, Kraft durch Freude, selbst das war von oben verordnet, doch der Zweite Weltkrieg verhinderte die Eröffnung.

Die Gebäude wurden später als Kaserne der Nationalen Volksarmee (NVA) genutzt. Seit 1992 stand alles leer. Heute gibt es in einem Teil der Anlage tatsächlich Tourismus, wenn auch nicht für 20.000 Urlauber, wie ursprünglich vorgesehen.

Vergangenen Sommer eröffnete das Hotel Prora Solitaire mit 120 Apartments und Suiten. Das Restaurant serviert Steaks aus einem 800-Grad-Infrarotgrill, der Barchef hält aus dem Stand einen Vortrag darüber, "das ist das Nonplusultra, da geht nix drüber". Es gibt einen beheizbaren Außenpool und Zugang zum Strand. Der Sand ist hell und samtig. Keine Scherben, kein Müll. Dafür Nackte jeder Form und jeden Alters, entgegen der vom Linken Gregor Gysi im Wahlkampf geäußerten Klage über das Aussterben der alten DDR-Tradition FKK.

Alles picobello. Die Anmutung von Prora ist trotzdem beklemmend. Wer vor der Anlage steht, fühlt sich klein und verloren. Dem noch nicht renovierten, ockerfarbenen Gebäudeteil entströmt der Mief der Vergangenheit. Ein Museum zeigt die Historie, von NS bis NVA.

Anfangs seien vereinzelt Passanten aufgetaucht mit Kraft-durch-Freude-Sprüchen, sagt der Makler Manfred Hartwig, der hier Ferienwohnungen verkauft. "Leute, die vermutlich auch ihrem Schäferhund den Hitlergruß beibringen."

Die befürchteten Hakenkreuz-Schmierereien seien jedoch ausgeblieben, Hitler-Pilger gebe es keine. Im Ausland allerdings ruft Hartwig noch Irritationen hervor. Bei einem Besuch in den USA wurde er gefragt, was er eigentlich mit den "bodies" gemacht habe, den Leichen. Er klärte auf, dass Prora zwar eine Naziidee, aber doch kein Konzentrationslager war.

Dass die deutsche Ostsee international noch PR-Arbeit nötig hat, musste auch Christoph Krause lernen, der Mann mit dem Container-Hostel.

Bei einem Vortrag in Finnland schaute er Anfang des Jahres in verblüffte Gesichter von Tourismusstudenten, als er von den deutschen Stränden erzählte. Ein Meer? In Deutschland? Davon hatten die Jungakademiker noch nie gehört.

Auf seine Einladung hin kamen sie an die Ostsee. Fortan sprachen sie nur noch von der "German Riviera". Krause beteuert, es sei nicht ironisch gemeint gewesen.

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