Bildungsmisere Letzte Rettung: Internat

Nach Jahren der Krise gehen wieder mehr Kinder auf Internate. Die spezialisieren sich - als Eliteschmieden oder Notanker für Schüler mit Lernschwierigkeiten.
Von Susan Djahangard
Internat Birklehof im Schwarzwald

Internat Birklehof im Schwarzwald

Foto: www.christopheberle.de

Mit jedem Besucher, der durch das Metallportal läuft, steigt Wolfgang Tumulkas Laune. In der alten Markthalle beim Hamburger Hauptbahnhof will er Schüler und Eltern für Internate begeistern. An Ständen hinter ihm präsentieren Schulen ihre Angebote. Tumulka, Anzug, weißes Hemd, gegelte Haare, begrüßt jeden Neuankömmling mit Handschlag.

Vor fast 40 Jahren gründete er die Euro-Internatsberatung in München, an einem Samstag im April hilft er Familien in Hamburg, das passende Internat zu finden: der Mutter eines talentierten Fußballers, der 13-Jährigen, die unbedingt aufs Internat möchte. Und der Familie, die eine Schule mit Sprachprofil und Reitkursen sucht. Häufig sind Probleme mit den Kindern in der Pubertät oder auch eine Trennung der Eltern Gründe dafür, dass Väter und Mütter sich an Internate wenden.

Sind diese Schulen beliebt, läuft Tumulkas Geschäft. Auf einem Banner hinter ihm steht: "Das richtige Internat ist der Aufbruch in eine erfolgreiche Zukunft". Mittlerweile fällt es ihm wieder leichter, Eltern davon zu überzeugen.

In den vergangenen Jahren sah es für deutsche Internate nicht gut aus: Von Salem bis Louisenlund schwanden die Schüler. Der Verband Katholischer Internate und Tagesinternate verzeichnete von 2009 bis 2015 einen Rückgang um fast ein Drittel, an den Schulen der Internate Vereinigung, eines nicht konfessionellen Verbands, sanken die Schülerzahlen um ein Fünftel. Im Verband Evangelische Internate in Deutschland schlossen sieben Einrichtungen, rund 600 von etwa 3000 Plätzen fielen weg.

Ein Grund: Fälle sexuellen Missbrauchs, die 2010 unter anderem an der Odenwaldschule bekannt wurden, zerstörten Vertrauen. Doch die miesen Zeiten sind offenbar vorbei. Bei der Internate Vereinigung heißt es, einige Schulen seien wieder voll belegt, im katholischen Verband stieg die Schülerzahl im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 2009. "Viele Schulen haben sich neu definiert und spezialisiert", sagt Bildungswissenschaftler Volker Ladenthin von der Universität Bonn.

Im Kurort Hinterzarten im Schwarzwald liegt der Birklehof, gegründet 1932; vor vier Jahren lebten hier nur noch 105 Schüler, heute sind es wieder 130. "In jedem Kind steckt Potenzial, wir schaffen ein Umfeld, in dem es sich entfalten kann, und bringen es zur Leistung", sagt Schulleiter Henrik Fass. Seine Schule helfe auch Kindern mit holpriger Bildungsbiografie, "aber wir sind kein Bootcamp, das alle zum Abitur bringt". Für ein Jahr im Birklehof zahlen die Eltern mehr als 33.000 Euro, ein Viertel der Schüler bezieht Teilstipendien. Zum Schutz vor Missbrauch gibt es eine Ombudsfrau, deren Telefonnummer jeder bekommt.

Mit dem Versprechen der individuellen Förderung hat Schulleiter Fass auch Andreas Bardelang überzeugt. Seit anderthalb Jahren lebt dessen Sohn hier. "Die Lehrer gehen auf jeden ein, im Unterricht und außerhalb", sagt er. Sein Sohn schreibe bessere Noten, spiele jetzt Theater und sei ehrgeiziger. "Am staatlichen Gymnasium konnte er sich nur wenig entfalten", sagt Bardelang. Die Lehrer dort seien unmotiviert gewesen, Unterricht sei häufig ausgefallen.

Bildungsforscher Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance erklärt das Interesse an Internaten mit gestiegenen Ansprüchen der Väter und Mütter: "Eltern haben heute sehr hohe Erwartungen an ihre Kinder. Damit die sich erfüllen, möchten sie eine individuelle Behandlung, ganz persönlich soll auf Lernstärken und -schwächen eingegangen werden."

Der Birklehof bekommt auch viele Anfragen aus dem Ausland, vor allem aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und aus China, wie zahlreiche andere deutsche Internate auch.

Es gibt aber auch Internate, die nicht auf dem Weg an die Spitze helfen wollen, sondern dabei, überhaupt anzukommen, Schülern, die sonst kaum einen Abschluss schaffen würden.

An den Schulen der Königin-Luise-Stiftung im Berliner Stadtteil Dahlem, einer Grundschule, einer Sekundarschule und einem Gymnasium, lernen rund 800 Schüler. 56 von ihnen leben hier, wenn das Internat voll belegt ist. Früher zogen Kinder der Berliner Politiker oder Schauspieler ein, heute sind fast alle Plätze für die Jugendhilfe reserviert. Nur für sieben Schüler bezahlen aktuell ihre Eltern. Oft haben diese Kinder ähnliche Probleme wie jene, die das Jugendamt schickt.

Die Stiftung hat sich auf Kinder spezialisiert, die sich weigern, zur Schule zu gehen, oder Schulangst haben. "Manche haben Lernschwierigkeiten, andere sind depressiv oder leiden unter Konflikten in ihrer Familie", sagt Internatsleiterin Eileen Leopold: "Wir entlasten vom Konfliktthema Schule. Kinder und Eltern können dann am Wochenende ausschließlich die freie Zeit zusammen genießen."

Kinder, die das Jugendamt schickt, waren früher in der Minderheit. Als die Selbstzahler von Jahr zu Jahr schwanden, stellte die Schule sich auf die neue Klientel ein. Eine Psychologin wurde engagiert, dazu eine Krankenschwester, die auch Sozialpädagogin ist. Auf einen Erzieher kommen tagsüber nur zwei oder drei Kinder. In Wohnzimmern mit Fernseher, Bücherregal und Sofa sollen sie das Zuhause bekommen, das viele nicht hatten.

Auch andere Internate haben auf Kinder aus dem Jugendhilfesystem umgestellt. "Einige haben dafür die psychologische Betreuung ausgebaut. Das ist eine Strategie, um weiterzubestehen", sagt Heidi Kong, Vorsitzende des Verbands Evangelische Internate. Ohne diese Schüler könnte das Internat der Königin-Luise-Stiftung kaum bestehen, sagt der Vorstandsvorsitzende Claas Theesfeld. Für jeden dieser Schüler erhält die gemeinnützige Stiftung eine etwa doppelt so hohe Gebühr wie von den Selbstzahlern.

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