AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2017

AFD in der Krise Wieso nicht in die NPD, Herr Höcke?

Wer die Reden von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke sieht, die Gesten, Thesen und Wortwahl, wird unweigerlich an Hitler und Goebbels erinnert. Nun droht ihm wegen seiner radikalen Positionen der Parteiausschluss - was sagt er dazu?

AfD-Politiker Höcke: "Ich habe mich ein bisschen verloren"
Sven Doering / Agentur Focus / DER SPIEGEL

AfD-Politiker Höcke: "Ich habe mich ein bisschen verloren"

Ein SPIEGEL-Gespräch von und


SPIEGEL: Herr Höcke, der Bundesvorstand der AfD möchte Sie aus der Partei werfen. Wechseln Sie jetzt endlich zur NPD?

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Heft 8/2017
Welches Fleisch? Wie viel Fleisch? Künstliches Fleisch?

Höcke: Wenn das ein Scherz sein sollte, war es ein schlechter. Ich bleibe in der AfD. Der Beschluss des Bundesvorstands ist vollkommen überzogen. Er ist der Versuch, parteiinterne Machtpolitik zu betreiben. Ich bin da völlig gelassen. Die Juristen, die mich beraten, sagen mir: Der Versuch, mich auszuschließen, ist chancenlos.

SPIEGEL: Warum ist die NPD keine Option für Sie? Die Schnittmengen sind doch vorhanden: Rassismus, extremer Nationalismus, völkisches Denken ...

Höcke: Können Sie auch in anderen Kategorien denken? Ich bin AfD-Mann durch und durch. Ich identifiziere mich mit der Thematik der AfD wie kaum ein anderer.

SPIEGEL: Die AfD ist seit Ihrer Dresdner Rede zur angeblich verfehlten Erinnerungskultur der Deutschen in den Umfragen abgestürzt. Offenkundig schaden Sie Ihrer Partei.

Höcke: Im Gegenteil. Gerade nach meiner Rede und deren Skandalisierung ist die AfD in den Umfragen zunächst gestiegen. Was die Wähler allerdings gar nicht honorieren, ist parteiinterner Zwist. Das nun angestrengte Ausschlussverfahren gegen mich fügt uns großen Schaden zu.

SPIEGEL: Wo ist der Schaden, wenn die AfD sich von einem Mann trennt, dessen Parolen selbst Erzkonservativen zu weit gehen?

Höcke: Was die Führung macht, ist unverhältnismäßig und trägt das Potenzial der Spaltung. Das gefährdet die AfD existenziell. Die Thüringer AfD-Fraktion leitet täglich Hunderte Mails aus ganz Deutschland an die Bundesgeschäftsstelle weiter, in denen Mitglieder vor einer Spaltung der AfD durch das Vorgehen des Bundesvorstands warnen. Ich erhalte sehr viel Unterstützung aus der Partei.

SPIEGEL: Haben Sie keine Fehler gemacht?

Höcke: Sicher. Die Dresdner Rede war ein Fehler. Da habe ich das falsche Thema zum falschen Zeitpunkt mit dem falschen Pathos vorgetragen. Da ist etwas mit mir durchgegangen.

SPIEGEL: Was denken Sie, warum die Parteiführung Sie loswerden will?

Höcke: Der Konflikt dreht sich um die Frage: Wie schnell wollen wir im System ankommen? Leute wie Alexander Gauland und ich sagen: Ja, die AfD darf mal Koalitionspartner werden - aber sie sollte sich Zeit lassen. Sie muss sich entwickeln, Wurzeln in der Gesellschaft schlagen. Sie muss reifen, damit sie gefestigt in Koalitionen gehen kann. Und dann sollte sie möglichst nicht die Rolle des Juniorpartners anstreben. Wenn sie das nämlich tut, läuft sie Gefahr, am großen Reformauftrag zu scheitern. Das übersehen viele, auch im Bundesvorstand. Die wollen möglichst schnell koalitionsfähig werden. Das ist die eigentliche Konfliktlinie.

SPIEGEL: Hat Frau Petry Angst vor Ihnen?

Höcke: Das müssen Sie die Vorsitzende fragen und nicht mich.

SPIEGEL: Werden Sie im April zum Bundesparteitag fahren, obwohl das Kölner Maritim, wo dieser Parteitag stattfindet, speziell gegen Sie ein Hausverbot verhängt hat?

Höcke: Wenn die Parteispitze es zulässt, dass ein Hotel einem AfD-Landes- und Fraktionsvorsitzenden ein Hausverbot erteilt, dann sendet sie damit ein gefährliches Signal an den politischen Gegner und vor allem in die eigene Partei. Die Parteimitglieder wissen nun: Künftig können Außenstehende bestimmen, wer an einem AfD-Bundesparteitag teilnehmen darf und wer nicht. Ich persönlich möchte den Bundesparteitag nicht platzen lassen und werde meine Teilnahme wohl nicht erzwingen. Aber die Botschaft an die Partei ist angekommen: Wer die Gunst der Vorsitzenden verspielt hat, wird fallen gelassen. Das ist nicht einmal in der CDU unter Angela Merkel so.

AfD-Chefin Petry "Parteiinterne Machtpolitik"
Getty Images

AfD-Chefin Petry "Parteiinterne Machtpolitik"

SPIEGEL: Wer das Video Ihrer Dresdner Rede sieht, Ihre Gesten, Ihre Thesen, Ihre Wortwahl, die aufgepeitschte Masse, der muss unweigerlich an Hitlers Reden im Bürgerbräukeller denken. Gefallen Ihnen solche Analogien?

Höcke: Das sind Analogien, die Sie ziehen. Ich denke ganz anders. Ich war 15 Jahre lang Geschichtslehrer. Meine Perspektive ist eine andere. Als Historiker habe ich die Weite eines historischen Blicks. Für mich zählt einzig und allein die politische Botschaft.

SPIEGEL: Warum beschwören Sie einen "vollständigen Sieg" der AfD, statt von der "absoluten Mehrheit" zu reden?

Höcke: Wonach strebt man denn bitte sonst in einer parlamentarischen Demokratie, wenn nicht danach, mit alleiniger Mehrheit zu regieren? Die CSU hat es in Bayern jahrzehntelang vorgemacht.

SPIEGEL: Als Geschichtslehrer wissen Sie genau, dass beim "vollständigen Sieg" Goebbels Ausruf vom "totalen Krieg" mitschwingt.

Höcke: Es tut mir leid, dass Sie nur in nationalsozialistischen Assoziationskontexten denken. Mag sein, dass ich in solchen Reden dazu neige, die Dinge stark zu überzeichnen. Allerdings unterstellen Sie mir zu Unrecht bewusste rhetorische und sprachliche Anleihen beim Nationalsozialismus.

SPIEGEL: Sie nennen die AfD eine "Tat-Elite" - so verstand sich auch die Waffen-SS. Die AfD sei eine "Bewegungspartei" - als Bewegung bezeichneten sich auch die Nationalsozialisten. Sie fordern, das deutsche Volk solle "erwachen", und Sie sprechen von "entarteten" Parteien. Das sind zu viele Nazi-Analogien, um an Missverständnisse zu glauben.

Höcke: Die Beispiele, die Sie anführen, greifen nicht. Aber Ihr Misstrauen gibt mir zu denken. Und es ist mir eine Mahnung, meine Wortwahl zu überprüfen. Andererseits gab es die Begriffe, die Sie anführen, schon lange vor der NS-Zeit. Vielleicht sollten auch Sie sich nicht allein auf diese zwölf Jahre Diktatur fixieren.

SPIEGEL: Wir blenden sie jedenfalls nicht aus. Noch ein Beispiel: Sie erklären, ein "tausendjähriges Deutschland" verteidigen zu wollen. Die Nazis sprachen gern vom "tausendjährigen Reich", das sollten Sie in Ihrem Geschichtsstudium am Rande mitbekommen haben.

Höcke: Die deutsche Geschichte reicht nun mal etwa 1000 Jahre zurück. Manche lassen sie mit der Krönung Ottos I. 936 beginnen. Also sind es rund 1000 Jahre deutscher Geschichte. Man trachtet ja immer nach runden Zahlen.

SPIEGEL: Sie könnten ja einfach mal Ihre Worte wägen, wenn Sie Missverständnisse vermeiden wollten.

Höcke: Sehen Sie, ich bin mit einem großen Leidensdruck in die Politik gegangen. Da hatte sich was angestaut, das rausmusste. Das war sehr impulsiv. So sehr, dass ich mich dabei ein bisschen verloren habe, denn eigentlich war ich immer ein introvertierter und auf Ausgleich bedachter Mensch. Zu diesem Menschen will ich nun zurückfinden.

SPIEGEL: Warum fordern Sie wie in Ihrer Dresdner Rede eine 180-Grad-Wende der Erinnerungskultur? Sollen die Deutschen die Nazidiktatur vergessen - oder besser noch als positiven Teil unserer Geschichte betrachten?

Höcke: Weder noch. Aber nicht nur ich habe das Gefühl, dass alle anderen Länder in dieser Welt die positiven Seiten ihrer Geschichte in den Mittelpunkt ihrer Erinnerungskultur stellen, während es bei den Deutschen die dunkle Seite der Judenvernichtung im Dritten Reich ist. Mir ist es wichtig klarzustellen, dass diese Verbrechen unentschuldbar sind, ein Schandfleck in der deutschen Geschichte. Aber warum stellen wir ausgerechnet diesen Schandfleck in den Mittelpunkt unserer Erinnerungskultur? Warum gehen wir nicht den Weg aller anderen Länder?

SPIEGEL: Weil der Holocaust ein einzigartiges Verbrechen war. Deshalb können wir nicht wie die Briten oder Franzosen mit unserer Geschichte umgehen.

Höcke: Das singuläre Verbrechen einer Generation darf nicht die Entfaltungsmöglichkeiten der gegenwärtigen oder künftigen Generationen einengen. Eine Bürgergesellschaft braucht Patriotismus, sie braucht eine positive Identifizierung mit dem eigenen Land und der eigenen Kultur.

SPIEGEL: Würden Sie, wenn Sie es könnten, das Holocaustmahnmal, welches Sie "Denkmal der Schande" nannten, abreißen oder umsetzen?

Höcke: Darum geht es doch gar nicht. Der Holocaust ist die Schande, nicht das Mahnmal oder gar das Holocaustgedenken an sich. Hier wird meine Dresdner Rede bewusst falsch interpretiert. Sie kennen ja die Diskussion Ende der Neunzigerjahre, als das Mahnmal gebaut wurde. Ich muss Ihnen nicht in Erinnerung rufen, dass der frühere Herausgeber und Gründer des SPIEGEL, Rudolf Augstein, damals von einem "Schandmal" schrieb?

SPIEGEL: Viele Mitarbeiter des SPIEGEL halten Augsteins Aussage für problematisch, damals wie heute. Augstein wurde übrigens auch damals hart kritisiert. Allerdings macht es einen Unterschied, ob man sich in eine offene Debatte einbringt oder ob man das Mahnmal elf Jahre nach dessen Errichtung infrage stellt.

Höcke : Ich habe das Mahnmal nicht infrage gestellt. Aber es sollte ein Ort des würdigen Gedenkens sein. Wenn es stimmt, was ich höre, verrichten heute Leute ihre Notdurft zwischen den Stelen.

SPIEGEL: Das sind von drei Millionen Besuchern im Jahr höchstens Einzelfälle. In Ihrer Rede kritisierten Sie Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der den 8. Mai als "Tag der Befreiung" bezeichnet hatte. Wäre es Ihnen lieber gewesen, die Naziherrschaft hätte angedauert?

Höcke: Dass die Nazidiktatur überwunden werden musste, das ist doch selbstverständlich. Aber ebenso selbstverständlich war der 8. Mai 1945 für die Menschen, die in diesem vollkommen ausgebombten Land dahinvegetierten, nicht nur eine Befreiung, sondern eben auch eine totale Niederlage. Die Deutschen erlebten den 8. Mai 1945 nun mal ambivalent. Die einen hatten Glück und wurden von Soldaten befreit, die ihnen Kaugummis und Schokolade gaben. Andere trafen auf Soldaten und wurden vergewaltigt. Für viele Deutsche begann auch eine neue Diktatur. In Ostdeutschland war erst der 9. November 1989 der Tag der Befreiung. Als Geschichtslehrer muss ich diese Ambivalenz berücksichtigen.

SPIEGEL: Der Historiker Höcke sagt trotzdem pauschal, dass Bundespräsidenten wie Weizsäcker und Roman Herzog sich "gegen das Volk" gestellt haben. Da kann es Sie nicht überraschen, dass Ihr Publikum mit "Volksverräter"-Rufen reagierte.

Höcke: Was mich überrascht, ist, dass aus meiner Rede ein Skandal gemacht wird, während niemand skandalisiert, dass wir seit dem 4. September 2015 in diesem Land im Zustand des permanenten Rechtsbruchs durch die Regierung leben.

SPIEGEL: Ihre Kritik an der Bundeskanzlerin ist maßlos. Um sie als "Diktatorin" zu bezeichnen, muss man schon ein arg gestörtes Verhältnis zur Realität haben.

Höcke: In diesem Fall habe ich bewusst überzeichnet und stehe dazu: Angela Merkel macht keine demokratische Politik. Eine Politik, wie sie sie zu verantworten hat, haben wir in diesem Land noch nicht erlebt. Das ist meine Analyse. Scharf, aber legitim.

SPIEGEL: Ist es etwa auch legitim, "eine Zwangsjacke" für Merkel zu fordern? Sie werfen der Kanzlerin vor, sie betreibe einen "Bevölkerungsaustausch", ihre Flüchtlingspolitik grenze an "Völkermord" an den Deutschen. Wann genau sind Ihnen die Maßstäbe verrutscht?

Höcke: Das Bild von der Zwangsjacke war ohne Frage eine Provokation. Aber warum auch nicht? Immerhin kommt der bekannte Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz per Ferndiagnose zu dem Schluss, dass Frau Merkel "seelisch verpanzert" ist.

SPIEGEL: Solche Diagnosen könnte man auch über Sie anstellen.

Höcke: Mag sein, aber das heißt ja nicht, dass die Deutung von Professor Maaz falsch ist. Artikel 20 des Grundgesetzes schreibt vor, dass alle exekutive Gewalt an Recht und Gesetz gebunden sein muss. Angela Merkel hat nicht nur europäische Verträge gebrochen, sondern mit der Grenzöffnung vom 4. September 2015 unsere Verfassung und alle erdenklichen Gesetze. Das haben namhafte Verfassungsrechtler bestätigt.

Höcke beim SPIEGEL-Gespräch (mit den Redakteuren Markus Feldenkirchen und Melanie Amann im Landtag in Erfurt) "Scharf, aber legitim"
Sven Doering / Agentur Focus / DER SPIEGEL

Höcke beim SPIEGEL-Gespräch (mit den Redakteuren Markus Feldenkirchen und Melanie Amann im Landtag in Erfurt) "Scharf, aber legitim"

SPIEGEL: Andere Verfassungsrechtler bestreiten einen Rechtsbruch. Sie erklären Meinungen zur Tatsache.

Höcke: Falsch, ich verweise auf die Analyse von Verfassungsrechtlern, unter anderem auf die des früheren Verfassungsrichters Hans-Jürgen Papier. Es ist Ihre Sache, wenn Sie deren Expertise nicht gelten lassen wollen. Aber auch Sie können doch nicht im Ernst bestreiten wollen, dass sich unser Land dank der Politik von Angela Merkel katastrophal verändert hat. Aktuelle Umfragen zeigen, dass sich das Sicherheitsgefühl der Menschen, besonders der Frauen, massiv verschlechtert. Unser Sozialstaat droht unter der Bürde der Masseneinwanderung zu kollabieren.

SPIEGEL: Vor einem Jahr sagten Sie in einer Rede, dass die Evolution Afrikanern und Europäern "zwei unterschiedliche Reproduktionsstrategien beschert" habe. Der "lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp" treffe nun auf den "europäischen Platzhaltertyp". Halten Sie es für angebracht, 70 Jahre nach Josef Mengele an die sogenannte Rassentheorie anzuknüpfen?

Höcke: Ich bitte Sie! Ich wollte nur auf das Problem des großen Bevölkerungsdrucks aus Afrika aufmerksam machen. Die Bevölkerung wächst dort rapide - und viele Millionen Afrikaner sind in den nächsten Jahren wanderungswillig.

SPIEGEL: Sie haben aber nicht mit soziologischen oder wirtschaftlichen Daten argumentiert, sondern biologisch. Afrikaner wurden so mit niederen Tieren wie Blattläusen verglichen.

Höcke: Sie wissen so gut wie ich, dass ich auf die Bevölkerungsexplosion in Afrika aufmerksam machen wollte. Und darauf, dass wir Afrika helfen müssen, sich selbst zu helfen. Das habe ich übrigens in einer Demo-Rede in Erfurt ausführlich dargelegt. Unsere Weltwirtschaft ist vollständig falsch angelegt. Die Wertschöpfung in Afrika darf nicht abgeschöpft werden, wir müssen dort eine eigene tragfähige Wirtschaft etablieren.

SPIEGEL: Glauben Sie, wie viele Unterstützer von Donald Trump, an die Überlegenheit der weißen Rasse?

Höcke: Überhaupt nicht, das ist grober Unfug. Was mir wichtig ist: Ich finde die Vielfalt in der Welt wunderbar. Warten Sie, ich zeige Ihnen etwas.

Höcke steht auf, läuft hinter seinen Schreibtisch und nimmt einen Kalender von der Wand.

Diesen Kalender hat mir schon früher immer mein Vater geschenkt. Er fand ihn wunderbar, und ich auch. Es wurde irgendwann zur Tradition, dass wir ihn uns gegenseitig geschenkt haben.

Er blättert durch den Kalender der Hilfsorganisationen Misereor und Brot für die Welt. Die Fotos zeigen ein lächelndes Mädchen aus Südostasien, eine Gruppe verschleierter afrikanischer Frauen auf Fischerbooten, einen südamerikanischen Bauern auf dem Feld.

Höcke: Natürlich geht es da um die Dritte Welt, es geht um Elend. Aber es geht in diesen Bildern auch um etwas anderes: Es geht um Menschen, die in einer Tradition leben, die über viele Hundert und Tausend Jahre gewachsen ist. Es geht um Menschen, die wirtschaftliche und soziale Hilfe brauchen. Und es geht darum, ihnen diese Hilfe zuteilwerden zu lassen, ohne ihre großartige Kultur zu zerstören, sondern so weit wie möglich zu erhalten und zu bewahren. Ich bin konservativ.

Höcke blättert ergriffen weiter.

SPIEGEL: Verzeihen Sie, aber gerade das Klischee des edlen Wilden, der mit primitiven Mitteln, aber guter Laune sein Feld bestellt, ist doch zutiefst rassistisch.

Höcke: Das gilt allenfalls für Ihr Weltbild! Ich will Ihnen doch nur verdeutlichen, dass ich Menschen anderer Kulturen und Herkunft sehr offen gegenübertrete.

SPIEGEL: Sie wollen sie nur nicht in Deutschland haben.

Höcke: Das stimmt nicht! Ich bin nicht gegen Zuwanderung, aber sie muss geregelt sein. Was ich nicht möchte, ist Multikulturalismus. Kulturen, die uns als schön gegenübertreten, wie in diesem Kalender, brauchen viele Jahrhunderte, um zu wachsen, und sie brauchen dafür einen Raum und eine Heimat. Wenn Sie Multikultur zu Ende denken, dann haben Sie irgendwann keine Kulturen mehr.

SPIEGEL: Verraten Sie uns doch bitte noch, für welches Jahr genau Sie den "vollständigen Sieg" der AfD für realistisch halten?

Höcke: Ich kann nicht hellsehen. Wir leben in einer turbulenten Zeit. Der Erfolg von Trump wird auch in Europa Spuren hinterlassen. Sein Sieg gegen das Establishment zeigt, dass in der ganzen Welt Kräfte stark werden, die den bisherigen Weg der Altparteien grundsätzlich hinterfragen und die grundsätzliche Änderungen in der Politik wollen.

SPIEGEL: Herr Höcke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Im Video: Höckes rechte Reden



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nordlys, 17.02.2017
1. Schade, Björn
Als AFD-Wähler und Mitglied hätte ich mir von Björn Höcke Aufrichtigkeit gewünscht. Sein Anflug von Selbstkritik in diesem Gespräch überzeugt mich nicht, es ist auch schnell vorbei damit. Denn an zwei entscheidenden Stellen mauert Höcke: Bei den Formulierungen, die sich an Nazi-Duktus anlehnen ("vollständiger Sieg der AFD", "brutal besiegtes Volk", "entartete Parteien" etc.) und bei seinem Ausflug in die Evolutionstheorie mit der Gegenüberstellung von "Reproduktionsstrategien". Hier ist Höcke nicht ehrlich. Er spielt nun einmal bewusst mit Tabus (Nazi-Rhetorik) und Ressentiments ("afrikanischer Ausbreitungstyp"), anstatt die Themen, um die es ihm geht, sachlich vorzutragen. Ich kann ihm ja grundsätzlich folgen, wenn er positive Aspekte in den Mittelpunkt der Erinnerungskultur stellen will. Ich kann ihm aber nicht folgen, wenn er dies im Stile von Goebbels vorträgt. Schade, Björn. Bisher hielt ich dich für einen leidenschaftlichen Patrioten und war für deinen Verbleib in der AFD. Leider zeigt sich aber, dass deine Selbstverliebtheit und deine Lust an der Provokation (es war ja nun wirklich nicht der erste derartige Vorfall) der Partei (und auch deinen eigentlichen Anliegen!) schaden. Kannst du dir vorstellen, wie viel Kraft und Nerven es die Wahlkämpfer an den Straßenständen kostet, sich in Diskussionen ständig mit deiner Person beschäftigen zu müssen, anstatt mit den wirklich wichtigen Themen in diesem Land? Nein, Björn, meine Unterstützung hast du nicht mehr.
Mister Stone 17.02.2017
2. Die Geister, die sie rief
Es ist offensichtlich, dass sich die AfD selbst zerlegt. Man muss diesem Höcke fast dankbar sein, dass er seine Partei entlarvt. Diese "Alternative" wird sich im Zwist zwischen Petry und Höcke aufreiben. Petry hat damals gegen Lucke nur gewinnen können, weil sie Leute wie Höcke und sein Gefolge hofiert hat. Nun tanzen sie auf dem Tisch...
Stefan_G 17.02.2017
3. Tja, der Mann ist wirklich völlig merkbefreit
Selbst in der AfD gab es niemand, der seine Rede vom 17. Januar inhaltlich unterstützt hätte. Und dann sollen dadurch mehr potentielle Wähler gewonnen als abgeschreckt worden sein? Völliger Unsinn. Aber wenn sowohl Leute durch Höcke und als auch Leute durch die Querelen in der AfD abgeschreckt werden, dann ist das ein doppelter Gewinn für die anderen Partien. Auch hat er noch nicht kapiert, dass man in einer Partei schon auf verlorenem Posten steht, wenn man über den Verbleib darin vor Gericht streiten muss. Egal wie es ausgeht, man kann nicht gewinnen.
philosoph123 17.02.2017
4. Interview besser als sonst diesmal hart aber einigermaßen fair..
Nur an folgender Stelle beginnt das linke PC wieder zu nerven: "Verzeihen Sie, aber gerade das Klischee des edlen Wilden, der mit primitiven Mitteln, aber guter Laune sein Feld bestellt, ist doch zutiefst rassistisch." Das sagt SPON wenn ihm die Bilder aus einem Miseor-Kalender zeigt? Mich würde mal interessieren was die Foristen darüber denken. Also ich reise um die Welt, gehe in den brasilianischen Dschungel, treffe dort einen alten Indianerstamm, der noch nie Kontakt mit der Zivilisation hatte und halte dann später einen Vortrag darüber. In diesem Vortrag sage ich dann: "Die Wilden haben es geschafft, mit Gewürzen ein Verfahren zu entwickeln mit dem sie Fleisch so konservieren können dass es 3 Monate hält" Und "trotz ihrer einfachen, primitiven Kultur ohne Gerichtssystem, ist ihr Miteinander von Achtung - auch den Frauen gegenüber - geprägt. So gibt es z. B. kaum Vergewaltigungen dort". Was solll daran rassistisch sein?
h.hass 17.02.2017
5.
Hoffen wir, dass Höcke die Alternative für Doofe endgültig in den Abgrund zieht. Politiker wie Petry oder Höcke, die mit rechtsradikalem Vokabular am tiefbraunen Rand Stimmen fangen wollen, brauchen wir ebensowenig wie ihre Partei. Die Vergangenheit hat gottseidank gezeigt, dass rechtspopulistische Parteien langfristig immer tiefer in den braunen Sumpf rutschen und sich damit selbst pulverisieren. Insofern kann man Herrn H. und seinen Gesinnungsgenossen nur wünschen, dass sie noch möglichst lange Einfluss auf die Geschicke der AfD ausüben.
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