Deutsche Spionage in Italien "Typisch teutonisch"

Der BND hat während des Kalten Krieges in Italien spioniert - und sich ordentlich blamiert. Die römischen Kollegen bekamen alles mit. Es galt die Devise: fette Gehälter, üppige Spesen, wenig Erträge.
Brüder Reinhard und Johannes Gehlen 1949: Lästern über Italiener

Brüder Reinhard und Johannes Gehlen 1949: Lästern über Italiener

Foto: BND

Das Wartezimmer beim Arzt ist ein guter Ort, um einen potenziellen Spion zu ködern. Man kann sich vertraulich dem Sitznachbarn zuwenden, die Stimme senken und über Prostataprobleme oder Kniebeschwerden plaudern. So etwas schafft Vertrauen. Der Weg zum Verrat ist dann nicht mehr ganz so weit.

Am 2. Juli 1970 lernten sich so zwei Männer in der Praxis eines deutschen Mediziners in Rom kennen: Adolf Lensky, österreichischer Dolmetscher, und Georg Stiberc vom Bundesnachrichtendienst (BND), der sich allerdings als Mitarbeiter des Bundespresseamts vorstellte. Drei Wochen später outete er sich dem neuen Bekannten als Geheimdienstler und bot diesem an, für den BND zu arbeiten. 50.000 Lire sollte er monatlich erhalten, damals ein Facharbeitergehalt.

Pech für Pullach: Der Linke Lensky, einst vehementer Nazigegner, war schon vergeben - an den Geheimdienst des Verteidigungsministeriums in Rom, den SID. Lensky sagte den Deutschen trotzdem zu und arbeitete bis 1979 als Doppelagent.

Er informierte den SID über die Aufklärungswünsche der deutschen Konkurrenz ("Welches Farbfernsehsystem wird in Italien eingeführt?"), über andere BND-Agenten und Kuriere, die Geheimakten aus Pullach nach Rom brachten. Sie waren leicht zu identifizieren: Sie flogen am selben Tag zurück, um Übernachtungskosten zu sparen. Die Kollegen vom "angeblich befreundeten Dienst", wie der BND intern firmierte, seien eben "typisch teutonisch", spottete ein italienischer Nachrichtendienstler.

Die Operation Lensky lief beim SID unter dem Decknamen "Greta" - es war die größte Pleite des BND in Italien während des Kalten Krieges. Der Geheimdienstexperte Christoph Franceschini hat sie nun enthüllt. Er ist Mitglied eines Teams, das die Geschichte der Westspionage des BND aufarbeitet.

Die Experten stützen sich auf italienische Gerichtsakten, CIA-Dokumente und BND-Unterlagen. Den Papieren zufolge waren Ende der Sechzigerjahre über 500 westdeutsche Nachrichtendienstler ausschließlich damit beschäftigt, die USA, Frankreich, Italien und andere Verbündete auszuspähen. Dazu kamen jene BND-Leute, die das Treiben der Ostblock-Geheimdienste in Griechenland verfolgten, aber nebenbei über die Verhältnisse im Gastland berichteten.

Anzeige
Franceschini, Christoph, Friis, Thomas Wegener, Schmidt-Eenboom, Erich

Spionage unter Freunden: Partnerdienstbeziehungen und Westaufklärung der Organisation Gehlen und des BND

Verlag: Ch. Links Verlag
Seitenzahl: 384
Für 8,70 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Schon der erste BND-Chef Reinhard Gehlen hatte 1956 dem Kanzleramt versichert, er werde sämtliche Staaten ausspionieren, "an deren Verhältnissen die Bundesrepublik interessiert ist, gleich, ob es sich um Gegner, Verbündete oder um Neutrale handelt". Das Schreiben hat der SPIEGEL jetzt im BND-Archiv gefunden.

Für Italien interessierte sich Pullach besonders. Rom nutzte der BND als Sprungbrett für Spione nach Nordafrika und in den Nahen Osten. Zudem hielt der Vatikan von der heiligen Stadt aus Kontakte zu Katholiken in aller Welt. Ideal, um Nachrichten zu gewinnen.

Zur Tarnung gründete der BND 1958 in Rom eine GmbH: das "Archiv für Studien zur angewandten Physik und meereskundlichen Forschungen" (Asfaro). Die BND-Dienstfahrzeuge liefen auf die Firma, BND-Leute standen auf der Asfaro-Gehaltsliste, auch die Residentur in der stillen Via Oddone di Cluny 8 gehörte dem Unternehmen. Bis zur Pensionierung 1969 leitete es der Physiker Johannes Gehlen, der ältere Bruder von BND-Präsident Reinhard. Die Italiener nannten ihn "Giovannino" ("Hänschen").

Unter den europäischen Verbündeten ging Italien am aggressivsten gegen den BND vor, urteilt Experte Erich Schmidt-Eenboom aus dem Autorenteam. Die Italiener hörten Hänschens Telefon ab, beschatteten seine Besucher, lasen seine Post. Etwa den Briefwechsel mit Bruder Reinhard, der darin ausgiebig über die Italiener lästerte. Deren führende Kreise seien "opportunistisch", das Volk lebe "in den Tag hinein". Sie sollten sich lieber ein Beispiel an den Deutschen nehmen.

Dabei zweifelten viele BND-Kollegen an Johannes Gehlens Fähigkeiten. Die Italiener hielten ihn sogar für einen Trinker. Um die Haushaltskasse aufzubessern, verkaufte er einen Teil seiner Erkenntnisse an Roms Inlandsgeheimdienst.

Das nun aufgerollte Netz des BND bestand fast durchweg aus abenteuerlichen Figuren: abgehalfterte Adlige, ehemalige Agenten von SS oder Wehrmacht, Kirchenleute. Es galt die Devise: fette Gehälter, üppige Spesen, wenig Erträge.

Auch der Prälat Aristide Brunello ließ sich anwerben. Der BND beglich seine Spielschulden, zudem bekam der vergnügungsfreudige Gottesmann das Gehalt eines Oberstudienrats, weil er angeblich 15 Unterquellen führte, die aus aller Welt berichteten.

Ein großer politischer Skandal blieb dem BND indes erspart. Fanatische Südtiroler hatten seit 1957 die Loslösung der Provinz Bozen von Italien gefordert und Anschläge auf Strommasten, Polizisten und Soldaten verübt; Rom reagierte darauf mit großer Härte. Die Bundesrepublik stand bei den Italienern im Verdacht, klammheimlich mit den Südtiroler Gewalttätern zu sympathisieren.

Da explodierte am 9. September 1961 ein Molotowcocktail in der Gepäckaufbewahrung des Hauptbahnhofs in Rom. Die vier Attentäter flogen auf. Einer war ein rechtsradikaler Student und Informant des BND. Er wurde noch am gleichen Tag verhaftet.

Wochenlang rechnete der BND damit, dass der Mann plaudern würde und es deshalb zum Eklat käme. Doch er schwieg, die Verbindung zum BND blieb geheim. Bis jetzt.

Mehr lesen über