AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2016

Grünen-OB Und täglich poltert der Palmer

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer galt lange als künftiger Star der Grünen. Doch er kann sich einfach nicht zusammenreißen und provoziert einen Shitstorm nach dem anderen. Warum nur? Von Ann-Katrin Müller und Britta Stuff


Grünen-Rebell Palmer
Cira Moro

Grünen-Rebell Palmer

Es ist Montagvormittag, der erste grüne Oberbürgermeister der Stadt Tübingen sitzt vor seinem Rathaus auf dem Marktplatz und will erklären, was ihn mal wieder geritten hat. Warum er mal wieder seine Grünen verstört hat.

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Heft 33/2016
Warum der Mensch die Meere retten muss

Palmer hatte kurz zuvor der "Stuttgarter Zeitung" ein Interview gegeben. Darin sagte er, dass Flüchtlinge, die in Deutschland straffällig geworden seien, abgeschoben werden sollten, sogar Syrer. Schließlich gebe es "auch in Syrien Gebiete, die nicht im Krieg sind".

Jetzt sagt Palmer, er sei ein Missverstandener. Dass er mit dieser Art von Reaktion, dieser Empörung nicht gerechnet habe. In der Genfer Flüchtlingskonvention stehe genau das, was er gesagt habe. Es sei nur die Beschreibung der Realität gewesen. Man sei als Politiker nun mal nicht nur fürs Gute da, auch als Grüner nicht. Gerade als Boris Palmer genauer erklären will, warum er diese Art von Aufmerksamkeit auch eigentlich gar nicht wolle, mischt sich eine Dame vom Nachbartisch ein.

"Herr Palmer, das würde ich total unterschreiben, was Sie gesagt haben."

"Sie hören uns zu?"

"Ja. Ich würde das unterschreiben. Total."

"Danke. Danke schön."

Palmer dreht sich wieder um und lächelt. Es ist das Lächeln von jemandem, der genau richtig verstanden wurde.

Die Forderung, Flüchtlinge nach Syrien abzuschieben, würde selbst in der CDU für große Aufregung sorgen, bei den Grünen entfachte sie einen Tornado. Palmers Partei ist längst nicht mehr die verschworene linke Kampfgruppe, die sie einst war, als sich grüne Politiker noch an Schienen ketteten, um Castor-Transporte zu verhindern.

Aber wenn jemand das gute grüne Gewissen kitzelt, sind sie immer noch in der Lage, die Reihen zu schließen. Insofern liefert Palmer regelmäßig Anlässe, die das Gemeinschaftsgefühl der Partei stärken. Parteichefin Simone Peter sprach von "klassischem Palmer-Nonsens", ihr Kollege Cem Özdemir empfahl Palmer, "mal nach Syrien zu reisen oder sich mit Menschenrechtsorganisationen auszutauschen". Der Vorsitzende der Berliner Grünen Daniel Wesener nannte Palmer einen "narzisstisch gestörten Populisten", Parteiratsmitglied Erik Marquardt entschuldigte sich öffentlich für Palmer.

Seit einigen Monaten geht das nun schon so. Palmer hat zwar immer zum Realo-Flügel der Grünen gezählt, inzwischen ist er aber auch denen zu forsch. Er behauptet, dass Professoren mit blonden Töchtern Angst vor Asylbewerbern hätten. Oder er sagt: "Wir schaffen das nicht" - und kritisiert Angela Merkels Flüchtlingspolitik, wie es sonst nur Horst Seehofer tut.

Es folgt die Empörung seiner Partei. Sie fordert, dass er sich entschuldigt, und stellt klar, dass er nicht für die Grünen als Ganzes spreche. Manche legen ihm den Parteiaustritt nahe. Palmer sagt dann, dass er falsch verstanden worden sei oder dass zu viel hineininterpretiert werde. Wenn man das Spiel zwischen Boris Palmer und seiner Partei über einen längeren Zeitraum verfolgt, fühlt man sich wie in "Und täglich grüßt das Murmeltier", jenem Film, in dem Bill Murray jeden Morgen aufwacht und feststellt: Es ist wieder derselbe Tag, und er ist immer noch verflucht.

An diesem Morgen in Tübingen sieht man einen anderen Film: Palmer als der geschätzte, geachtete Oberbürgermeister, der er auch ist. Passanten schütteln seine Hand, immer wieder sagen sie ihm, wie richtig sie seine Positionen finden. Palmers Sekretärin merkt an, dass heute schon wieder 15 Leute angerufen hätten. Sie wollten nur mal sagen, wie recht er doch habe, gerade mit den Syrern.

61,7 Prozent der Tübinger Wähler haben bei der letzten Wahl für Palmer gestimmt. Viele von ihnen interessiert nicht, was die Grünen in Berlin über ihren Bürgermeister sagen. Sie haben einen, der sich was traut und seine Meinung sagt. Der aus dem kleinen Tübingen heraus große Politik macht.

Dabei könnte Boris Palmer längst noch viel größere Politik machen. Vor wenigen Jahren galt er als große Hoffnung seiner Partei, als einer, der "als Mittvierziger groß rauskommen wird" (Daniel Cohn-Bendit), als einer der "Besten, die wir haben" (Reinhard Bütikofer). Einmal hätte er beinahe Winfried Kretschmann beerbt, lange bevor dieser Ministerpräsident von Baden-Württemberg wurde. Kretschmann erwog damals, Palmer zu seinem Nachfolger als Fraktionschef im Landtag zu machen.

Winfried Kretschmann gratuliert Palmer im Oktober 2014 zum erneuten Gewinn der Oberbürgermeisterwahl
DPA

Winfried Kretschmann gratuliert Palmer im Oktober 2014 zum erneuten Gewinn der Oberbürgermeisterwahl

Mit seinen 44 Jahren könnte Palmer heute auch eine Karriere in der Bundespolitik haben. Doch davon ist er weiter entfernt denn je. Weil er sich selbst so im Wege steht, weil er es einfach nicht schafft, sich jene Eigenschaften anzueignen, die unerlässlich sind, um in der großen Politik etwas zu werden: Disziplin und Kompromissbereitschaft.

Was ist sein Problem?

Vermutlich gibt es kaum einen Politiker in Deutschland, der im Angesicht von Kritik derart aufblüht. An einem Wochenende im November 2015 lässt sich das gut beobachten. In Halle treffen sich die Grünen zum Parteitag. Palmer hält an diesem Tag keine Rede und ist trotzdem sehr präsent. Von der Bühne aus hört man immer wieder seinen Namen, "der Boris", fast immer folgt Kritik. Palmer hatte kurz zuvor gefordert, die EU-Außengrenzen zu schließen, notfalls bewaffnet, er klang nicht viel anders als die AfD.

Palmer wird bei diesem Parteitag von seinen Kollegen gemieden, er läuft fast immer allein durch die Halle, er sitzt nicht bei den Delegierten, sondern meist an den Tischen der Journalisten. Dennoch wirkt er an diesem trüben Tag besonders fröhlich. Er lacht viel, und wenn man ihn fragt, wie es ihm gehe, dann sagt er, halb im Spaß: "Andere brauchen in der Midlife-Krise teure Autos, ich hab meine Partei."

Für die meisten Menschen wäre es unangenehm, an einem Ort zu sein, an dem beinah jeder denkt, dass man ein Verräter an der Sache ist. Für Palmer nicht. Er ist mit diesem Gefühl aufgewachsen.

Boris Palmer ist der Sohn des in Baden-Württemberg bekannten "Remstal-Rebells". Helmut Palmer bekam diesen Namen, weil er Dutzende Male vor Gericht stand und mehrfach wegen Beamtenbeleidigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt im Gefängnis saß. Die Familie lebte in einem Fachwerkhaus, der Vater füllte die weißen Kästchen zwischen den braunen Holzbalken für alle sichtbar mit Sprüchen:

"Unruhe ist erste Bürgerpflicht."

"Ein kleiner Spatz wies Amtsleuten den Weg."

"Dommheit dui isch so: selbr merkt mr nex drvo" - Dummheit, die ist so: Man merkt selbst nichts davon.

Helmut Palmer trat über 250-mal in verschiedenen Städten zur Wahl des Bürgermeisters an - und gewann kein einziges Mal. Den Erfolg seines Sohnes bekam er nicht mehr mit, der wurde erst zwei Jahre nach dem Tod des Vaters Oberbürgermeister.

Früh hat er seinem Sohn die angenehmen Seiten der Prominenz vermittelt. Er hat ihm gezeigt, wie viel Gehör man als Rebell bekommt. Oft stellte er seinen Sohn vor Hunderten Leuten auf die Bühne und ließ ihn einen Spruch aufsagen. Das Publikum jubelte. Das hat dem Sohn gefallen. Der Spruch war: "Politik ist wie Bäumeschneiden, man muss die Oberen stutzen, damit die Unteren mehr Licht bekommen."

Wenn man Boris Palmer so sieht, an diesem Montag in Tübingen, wie er den Pressespiegel durchblättert, den seine Sekretärin ihm auf Umweltpapier ausgedruckt hat, erahnt man, wie wichtig ihm die Aufmerksamkeit ist, die ihm das Syrer-Zitat gebracht hat. Die Shitstorms sind für Palmer auch eine Möglichkeit, die kleine Bühne Tübingen zu verlassen - und auf Tournee zu gehen. Dann berichten auch "FAZ", "Süddeutsche Zeitung" und die "Welt", die sonst nicht über einen Oberbürgermeister berichten.

Zeitgleich zimmert er sich mit dieser Strategie einen Käfig. Denn mit jeder Grenzüberschreitung werden seine Möglichkeiten in der Partei kleiner.

Palmer während einer Rede im Juni 2016
DPA

Palmer während einer Rede im Juni 2016

Wenn man Grüne fragt, was sie von Boris Palmer halten, gibt es zwei Gruppen. Die größere sagt, dass er irre sei. "Der Palmer ist inzwischen wie ein Süchtiger, der es einfach nicht lassen kann, obwohl er weiß, dass es ihm schadet", sagt ein hochrangiger Parteikollege. Diese Gruppe will dafür sorgen, dass Palmer weiter in seinem Tübinger Käfig bleibt. Zumal er ihnen oftmals die Show stiehlt.

Es gibt aber auch jene, die sagen, dass Palmer viel zu klug sei für blinde Geltungssucht. Die ihm eine Strategie unterstellen. Sie verweisen auf Ministerpräsident Kretschmann, der sich ebenfalls oft gegen seine Partei gestellt habe. Palmer gilt als Kretschmanns politischer Ziehsohn. Der Unterschied zwischen ihnen ist nur: Kretschmann hat es nie so weit getrieben wie Palmer. Und die Grünen brauchen ihren Ministerpräsidenten inzwischen mehr als er sie.

Sollte Palmers Handeln einer Strategie folgen, geht sie nicht auf. Er hat inzwischen fast alle Brücken zu seinen Parteikollegen abgerissen. Die Grünen werben gern für Toleranz, können aber selbst nur schwer verzeihen. Kretschmann würde Palmer in ferner Zukunft angeblich gern zu seinem Nachfolger in Baden-Württemberg machen. Doch wenn Palmer so weitermacht, sind selbst Kretschmann die Hände gebunden. Schon jetzt soll er Palmer angeblich nach jedem Interview, das die Leute aufregt, anrufen. Dann seufzt er: "Warum hast du das gemacht?"

Fragt man Boris Palmer auf dem Marktplatz, was er noch so vorhat mit seiner Karriere, dann sagt er, Tübingen sei eine sehr schöne Stadt. Er könne sich seine Zukunft dort gut vorstellen.

Er ist für weitere acht Jahre gewählt. Dann wäre er so lange Oberbürgermeister von Tübingen, wie Helmut Kohl Kanzler war.

Soll es das gewesen sein?

Offensichtlich nicht. Palmer sagt, er habe sich etwas vorgenommen. In Zukunft wolle er auf Reizwörter verzichten. "Ponyhof-Politik" zum Beispiel oder "blonde Professorentöchter". Es wäre auch ein Bruch mit der Familientradition. Aber einen Versuch wäre es wert.

Die Shitstorms sind für Palmer auch eine Möglichkeit, die kleine Bühne Tübingen zu verlassen.

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Warum der Mensch die Meere retten muss


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kaisergarten 16.08.2016
1. Kluger Kopf!
Kluger Kopf, pragmatisch und ideologisch. Das er ein Quer- und Sturkopf ist hat vorher ja auch niemanden gestört. Jetzt hat er halt gegen den (Partei-) Wind gepinkelt. Tss, tss.
acitapple 16.08.2016
2.
Da hat man jemanden gefördert, und leider versämt ihn "auf Linie" zu bringen. Da sagt der doch glatt Sachen, die er nicht sagen darf, gem. Parteipolitik. Da muss man was tun. Nicht wahr ? Am Ende sagt jeder noch was er denkt. So weit darf es nicht kommen !
kaisergarten 16.08.2016
3. Korrektur...
sollte eigentlich un-ideologisch heißen. Aber als Gründer kann man ja auch pragmatisch und ideologisch sein ;-)
Irene56 16.08.2016
4. Das verstört die Traumtänzer
in unserem Land. Tatsächlich gibt es noch viele Menschen, die den von der Natur mitgegebenen Verstand auch einsetzen. Man kann noch hoffen.
Frau, Mitte 30 16.08.2016
5.
Allein die Tatsache, dass ein Politiker, welcher die Meinung seiner Wähler vertritt, keine Karriere machen kann, weil er dem politischen Mainstream entgegensteht, sagt doch schon alles über den Zustand unseres Landes aus. Grüße aus Stuttgart!
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