AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2017

Brandanschlag auf Obdachlosen Gefährliche Freunde

Seine Mutter schickte ihn fort aus Syrien, in Deutschland sollte ihr Bashar Schutz suchen. Nun sitzt der 15-Jährige in Haft - er soll in Berlin mit Kumpels einen Obdachlosen angezündet haben. Wie konnte es dazu kommen?

U-Bahnhof Schönleinstraße
DPA

U-Bahnhof Schönleinstraße

Von Riham Alkousaa und


Als Emad K. am zweiten Weihnachtstag nachmittags aus Langeweile sein Handy einschaltete, traute er seinen Augen nicht. Auf Fahndungsfotos der Berliner Polizei im Internet erkannte er seinen jüngsten Bruder. "Die Mütze, die Nase, mir war klar, das ist Bashar." Emad K. erschrak. Die Polizei suche sieben junge Männer, las er, die in der U-Bahn einen Obdachlosen angezündet haben sollen.

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Heft 1/2017
Wut kann man sich erarbeiten

Sofort rief der syrische Flüchtling bei seinem 15-jährigen Bruder an. Der sei da schon voller Panik und Angst gewesen. "Ich habe nichts gemacht", soll er gesagt haben.

Kurz darauf trafen sich beide am Alexanderplatz. Emad K., so sagt er, habe Bashar überzeugt, nicht abzuhauen. Er solle lieber zur Polizei gehen und sich stellen. Gemeinsam fuhren die Brüder mit der S-Bahn zum Ostbahnhof und gingen auf die Wache der Bundespolizei - so erzählt es der Ältere.

Die Beamten glaubten zunächst offenbar, frisch eingetroffene Flüchtlinge wollten einen Asylantrag stellen. Bis ihnen Emad K. erklärte, sein Bruder sei einer der Männer von den Fahndungsfotos und wolle aussagen. Und Emad wollte wissen: "Was passiert jetzt mit ihm?"

Mit Bashar passierte dasselbe wie mit den anderen fünf Syrern, die ebenfalls am Montag zur Polizei gingen, und dem 21-jährigen Libyer, der noch in der folgenden Nacht verhaftet wurde: Gegen die fünf Minderjährigen und zwei Erwachsenen wurde am Dienstag Haftbefehl erlassen. Der Vorwurf: versuchter gemeinschaftlicher Mord. Sie sollen in der Weihnachtsnacht um zwei Uhr früh im U-Bahnhof Schönleinstraße die Kleidung eines dort auf einer Bank schlafenden 37-jährigen Obdachlosen angezündet haben.

Durch schnelles Eingreifen von Passanten und eines Zugführers, der mit einem Feuerlöscher half, konnte laut Polizei Schlimmeres verhindert werden.

Der Brandanschlag auf einen Schutzlosen durch Menschen, die in Deutschland Schutz suchen und bekommen, heizt die Debatte um Flüchtlingspolitik, innere Sicherheit und den wehrhaften Staat in einer freien Gesellschaft weiter an.

Erst der Terroranschlag auf einen Weihnachtsmarkt, dann der mutmaßliche Angriff auf einen Obdachlosen: Berlin steckt im Krisenmodus, Politik und Gesellschaft suchen nach Antworten, Auswegen. Vor allem die neu gewählte rot-rot-grüne Koalition gerät unter Druck - sie hatte sich gerade erst auf eine weiche Sicherheitspolitik verständigt: keine Abschiebehaft, keine zusätzliche Videoüberwachung.

Emad K. weiß nichts von Forderungen nach noch mehr jener Kameras, die in Berlin bereits dazu beigetragen haben, dass die Zahl der Gewaltdelikte im Öffentlichen Nahverkehr gesunken ist und Verbrechen aufgeklärt werden. Er weiß auch nichts von Kritikern, die eine strengere Abschiebepraxis verlangen. Er kennt nur dieses Fahndungsfoto, auf dem er seinen kleinen Bruder erblickte.

Am Dienstag nach Weihnachten sitzt Emad K. in einer Bäckerei in Berlin-Kreuzberg, mit weißem T-Shirt, Jeansjacke und nach oben gegelten Haaren. Den Tee vor sich rührt er kaum an. Er macht sich Vorwürfe, dass er sich als älterer Bruder nicht genug gekümmert habe. Und er macht sich Sorgen, denn er will glauben, was Bashar ihm über diese Nacht erzählt hat: dass er unschuldig sei. Für Emad K. ist der Gedanke unerträglich, dass der weite Weg, die Flucht vor Verfolgung aus einem Vorort von Damaskus für Bashar nun in einem deutschen Gefängnis enden soll.

In seinen Worten klingt diese Fluchtgeschichte so: Vor knapp eineinhalb Jahren kam er, der älteste von drei Brüdern, als Erster in Deutschland an. Die Mutter schickte ihn auf die Reise, nachdem ihr Mann in einem syrischen Gefängnis gestorben war. "Unser Vater war jahrzehntelang Lehrer und wurde plötzlich verhaftet. Wir wissen nicht, warum, und wir wissen nicht, woran er gestorben ist", sagt Emad. Aus Sorge, auch die Söhne würden verhaftet oder für die Armee der syrischen Regierung zwangsrekrutiert, sandte die Mutter sie fort: einen nach dem anderen, immer dann, wenn sie wieder genug Geld für den weiten Weg zusammenhatte.

Als Letzter kam Bashar, der Jüngste, vor 13 Monaten über die Balkanroute bis nach Mannheim. Emad holte ihn nach Berlin. Zunächst lebten sie, sagt der älteste Bruder, gemeinsam in einer Sammelunterkunft in der Nähe des Alexanderplatzes. Da Bashar minderjährig sei, habe man ihn unter Vormundschaft des Jugendamts gestellt.

Laut Emad sei in Bashars Asylverfahren in den 13 Monaten bis heute nichts passiert: keine Anhörung, geschweige denn eine Entscheidung über seinen Status. Bashar habe zwar seit einiger Zeit einen Deutschkurs besucht, aber richtig vorwärts ging es nicht, in der Unterkunft blieb es gedrängt, draußen lockte die Großstadt.

Aufnahmen aus Überwachungskameras des BVG
DPA/ Polizei Berlin

Aufnahmen aus Überwachungskameras des BVG

Das endlose Warten, Nichtstun habe für Stress in der Unterkunft gesorgt, so berichtet es Emad. Bashar habe mit anderen Flüchtlingen gestritten, verbale Auseinandersetzungen, aber doch genug, um ihn, "als Strafe", in eine andere Unterkunft umzusiedeln.

Dort, in einer Einrichtung für minderjährige Flüchtlinge in Berlin-Wedding, getrennt von den älteren Brüdern, habe Bashar wohl jene syrischen Jugendlichen kennengelernt, mit denen er sich in der Weihnachtsnacht in Berlin rumtrieb.

Die U-Bahn-Linie 8 verbindet die bei Migranten, Flüchtlingen, Arbeitern und Hipstern beliebten Viertel Wedding, Kreuzberg und Neukölln. Viele ihrer Stationen - Gesundbrunnen, Alexanderplatz, Kottbuser Tor, Schönleinstraße - gehören zu den gefährlichsten der Stadt.

Irgendwo hier, so vermutet es Emad, auf der verrufensten Strecke Berlins oder in den umliegenden Problemzonen, hätten Bashar und seine Kumpel jenen 21-jährigen Libyer kennengelernt, den die Polizei als Haupttäter verdächtigt.

Kurz vor Weihnachten wurden in Berlin mehrere Notunterkünfte für Flüchtlinge geräumt, meist die zweckentfremdeten Turnhallen. Die Menschen zogen in neu geschaffene sogenannte Tempohomes mit mehr Privatsphäre und besserer Infrastruktur. Der neue Senat drückte dabei aufs Tempo, man wollte ein Wahlversprechen einhalten.

Für die meisten Flüchtlinge war der Umzug eine Verbesserung, vor allem für Familien. Bashar sollte auch umziehen, so sagt es Emad, aber die neue Unterkunft hätte ihn noch weiter weggeführt von seinen Brüdern - und wohl auch von den neuen Freunden. Bashar habe sich geweigert und stattdessen immer bei verschiedenen Freunden geschlafen.

Die Clique mit dem Libyer sei seine Bezugsgruppe geworden. Offenbar war es keine gute Gesellschaft, der Libyer soll laut Polizei zuvor bereits als Drogendealer aufgefallen sein. "Ich hätte besser auf ihn aufpassen müssen", sagt Emad K. Bashar habe weder geraucht noch getrunken, auch in jener unglückseligen Nacht sei Bashar nicht alkoholisiert gewesen, wohl aber der Libyer. Emad hat sich noch nicht getraut, die Mutter daheim in Syrien zu informieren, zu groß ist die Scham.

Er weiß nicht genau, was die Clique in den Stunden vor der Tat trieb, aber so wie Bashar ihm die Minuten unten in der U-Bahn beschrieben hat, lassen sie ihn behaupten: "Mein Bruder ist unschuldig".

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Sie hätten, so will es Emad K. von seinem Bruder am Tag danach gehört haben, den Mann nicht gezielt und gemeinsam angezündet. Der betrunkene Libyer habe ein Papiertaschentuch entflammt und auf eine neben dem Mann liegende Plastiktüte oder Tasche geworfen. Warum? Das weiß er nicht. Imponiergehabe, besoffener Unsinn, Aggression?

Ein Cousin der beiden Brüder, Mohammed, 21, lebt seit einem Jahr ebenfalls in Deutschland und ist eng mit Bashar befreundet. Er kenne, so erzählt er, drei weitere Jungs aus dessen Clique: Nouri, Iyad und Khaled. Zwei von ihnen stammten aus demselben Vorort von Damaskus wie Bashar, erzählt Mohammed. In Berlin hätten sie alle eine Zeit lang im selben Hostel gewohnt, "so wurden sie Freunde", sagt er. Einer dieser Freunde sei schon mal mit Marihuana erwischt worden und in Schlägereien mit anderen Jugendlichen verwickelt gewesen, sagt der Cousin.

Von seinem Freund und Vetter Bashar will Mohammed eine Version der Tatnacht gehört haben, die mit den bisher bekannten Polizeierkenntnissen nicht übereinstimmt. Der Obdachlose habe demnach nicht geschlafen, er sei vielmehr auf dem Bahnsteig herumgelaufen und habe sich neben sie auf die Bank gesetzt. Dann habe der Libyer oder ein anderer aus der Gruppe die Plastiktasche des Obdachlosen mit einem brennenden Taschentuch angezündet. So soll es Bashar seinem Cousin erzählt haben.

Anwälte der Tatverdächtigen waren bis Redaktionsschluss nicht erreichbar. In ihrer ersten Meldung nach dem Vorfall sprach die Polizei davon, dass der Obdachlose geschlafen habe und mit Papier bedeckt gewesen sei. Die Männer hätten ihn angezündet, Passanten das brennende Papier gelöscht. In einer zweiten Mitteilung der Polizei hieß es vorsichtiger, der Obdachlose sei durch das Feuer gefährdet gewesen. Die Ermittler bewerteten das Vorgehen als "versuchten Mord", ein Richter erließ Haftbefehle gegen alle sieben.

Von Bashar habe Emad gehört, in der Nacht seien sie einfach in den nächsten Zug der U8 gestiegen, erst von dort aus hätten sie Rauch registriert.

Die Bilder der Überwachungskamera zeigen gut gelaunte, feixende junge Männer.



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