Check24, Verivox und Co. Wie Vergleichsportale die Verbraucher täuschen

Vergleichsportale wie Check24 oder Verivox sind längst nicht so "neutral" und "unabhängig", wie sie gerne behaupten. Sie kassieren hohe Provisionen und geben fragwürdige Empfehlungen. Greift die Regierung ein?
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Eigenwerbung kommt selten ohne vollmundige Versprechen aus. Doch Internetportale wie Verivox und Check24 treiben es zu dreist, finden zumindest Verbraucherschützer. "Erfahren, zuverlässig, transparent" will etwa Verivox sein, ein "unabhängiges Verbraucherportal für alle Verträge rund um Ihr Zuhause".

Check24 geriert sich als neutrales "Vergleichsportal". "Hier check ich alles", so lautet ein bekannter Slogan.

"Alle großen Portale geben sich betont objektiv", sagt Dorothea Mohn vom Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). "Sieht man genauer hin, ist das Verbrauchertäuschung." Denn die Portale verdienen ihr Geld nicht mit dem Preisvergleich, sondern wenn ein Produkt über ihre Seite verkauft wird. Ähnlich wie viele Finanzberater kassieren sie dafür Provisionen, die oft höher sind als im analogen Vertrieb. "Das sind reinste Verkaufsmaschinen", sagt Michael Heinz, Chef des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute.

In seltener Eintracht mit Verbraucherschützern attackiert die Lobby der Versicherungsvermittler die harmlos wirkende Onlinekonkurrenz seit geraumer Zeit als gefährliche Verbraucherfallen, "die lange von der Politik als Sandkastenversuche betätschelt wurden", wie Heinz es formuliert.

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Mittlerweile nehmen auch Justiz und Politik die Portale ins Visier: Der Bundesgerichtshof und das Oberlandesgericht München verpflichteten kürzlich zwei von ihnen zu mehr Transparenz, ein neues Vertriebsgesetz stellt zudem höhere Ansprüche an den Verkauf von Versicherungen.

Denn auch die Politik versteht zunehmend, dass die Portale längst dem Sandkasten entwachsen und mächtige Protagonisten in teils hochsensiblen Geschäftsbereichen geworden sind. Immer neue Seiten, etwa für Bestattungen oder Heizöl, eröffnen ihr Geschäft im Netz, und die bereits bestehenden Anbieter wachsen in erstaunlichem Tempo.

Der Umsatz von Marktführer Check24 etwa stieg im Geschäftsjahr 2014/15 um 60 Prozent auf 330 Millionen Euro. Im Folgejahr waren es schon 500 Millionen Euro.

Entsprechend selbstbewusst geben sich Vertreter des Portals gegenüber Firmen, die ihre Produkte über die Websites an den Kunden bringen wollen. "Die sind eine Art Monopolist geworden und nutzen das knallhart aus", heißt es bei einem Finanzdienstleister.

Check24 verlangt etwa für den Verkauf von Finanzprodukten von den Anbietern Summen, die so manchen traditionellen Makler vor Neid erblassen lassen. 80 Euro aufwärts für eine Kfz-Versicherung, bei Haftpflicht- oder Unfallversicherungen würden zuweilen sogar 30 Prozent der jährlichen Versicherungsprämie einkassiert - auf Dauer, sagen Kunden. Check24 selbst nennt 25 Prozent in diesem Bereich "marktüblich", etwaige höhere Vergütungen umfassten auch mehr Service.

Um dem harschen Geschäftsgebaren etwas entgegenzusetzen, haben kürzlich sogar mehrere Krankenversicherungen ein eigenes Vergleichsportal gegründet, das ohne Provisionen funktionieren soll.

Trotz der hohen Kosten überlegen es sich viele Versicherer genau, ob und wo sie es sich leisten können, in einem Onlineranking nicht aufzutauchen. Denn genau das passiert, wenn jemand die Provisionen verweigert.

Der Verbraucher allerdings merkt davon oft nichts. Wer sich etwa bei Check24 eine Liste möglicher Haftpflichtversicherungen anzeigen lässt, muss bis ans Ende der Seite scrollen, wo er auf einen winzigen Schriftzug stößt: "Teilnehmende Versicherungen". Erst nach einem weiteren Klick und einem erneuten Scrollen bis ans Seitenende erfährt man, wer alles "derzeit nicht am Vergleich teilnimmt". Darunter sind wichtige Marktgrößen wie Allianz und Ergo Direkt.

"Das mit dem Slogan zu bewerben ,Ich checke alles', ist bewusste Irreführung", findet Dirk Ulbricht vom Hamburger Institut für Finanzdienstleistungen. Das Forschungsinstitut hat die Rankings für Finanzprodukte von fünf Vergleichsportalen getestet. Die Ergebnisse werfen ein ernüchterndes Licht auf die Branche, die sich so transparent gibt, in Wahrheit aber an vielen Stellen für den Verbraucher fast undurchschaubar ist.

Viele Kunden dürften beispielsweise keine Ahnung davon haben, dass verschiedene Portale eng miteinander verflochten sind. Wer etwa auf Billiger-telefonieren.de klickt, auf Billigstrom.de, Energievergleich.de oder Toptarif.de, landet immer bei der gleichen Firmengruppe: der Verivox. Noch dazu greifen viele Seiten bei der Berechnung ihrer Rankings auf dieselben Dienstleister zurück - oder sie bedienen sich gleich bei einem vermeintlichen Konkurrenten.

Versicherungsmakler Heinz allerdings stört noch ein ganz anderer Punkt: "Auf Vergleichsportalen wie Check24 kann man Versicherungen in fünf Minuten kaufen, manchmal anhand einiger weniger Angaben zur Person und zum Familienstand", sagt er, "das ist schlicht nicht seriös, weil es einfach kein Versicherungsprodukt gibt, für das man keine Beratung braucht."

Als Beispiel nennt Heinz einen Studenten, der eine Hausratversicherung kauft, weil es sein neuer Mietvertrag so vorschreibt. "Wenn er den Hauptwohnsitz noch bei seinen Eltern hat, ist er womöglich über deren Police schon mitversichert und muss keinen neuen Vertrag abschließen. Bei einem Vergleichsportal wird so etwas aber gar nicht abgefragt", so Heinz.

Man könnte einwenden, dass auch so mancher Versicherungsmakler in so einem Fall diese wichtige Information unterschlagen würde, weil er sonst kein Geld verdient. Schließlich leben auch die meisten Makler von Verkaufsprovisionen, was schon seit Jahren für heftige Debatten sorgt.

Doch auch die Analysefirma Morgen&Morgen fand kürzlich im Auftrag des VZBV heraus: Sobald ein Musterkunde kein Standardfall ist, ist die Gefahr groß, dass er auf einem Vergleichsportal ein unpassendes Produkt angeboten bekommt. Zwar können Kunden mit besonderen Wünschen bei den Portalen auch eine Telefonberatung in Anspruch nehmen, Verbrauchern sei aber "der eigene Bedarf oftmals gar nicht bewusst", heißt es in der Studie.

Statt die Kunden darauf aufmerksam zu machen, hat so manches Portal in den Voreinstellungen sogar den Verzicht auf Beratung eingestellt. Wer bei Check24 in fünf Schritten eine Haftpflichtversicherung abschließt, ohne vor dem letzten Klick auf einen winzigen Reiter mit "wichtigen Hinweisen" zu klicken, dürfte von dem Beratungsprotokoll deshalb ziemlich überrascht sein, das er anschließend per E-Mail bekommt. "Es wurde keine Basisberatung gewünscht", heißt es darin ausdrücklich - ein verhängnisvoller Satz, wie Rechtsanwalt Sascha Borowski von der Münchner Kanzlei Mattil & Kollegen erklärt. "Der Kunde kann Check24 nun kaum noch zur Rechenschaft ziehen, wenn er nach Jahren merkt, dass sein Produkt überhaupt nicht für ihn passt."

Immerhin: In diese Falle kann der Kunde demnächst nicht mehr so leicht tappen. Ende Juni verabschiedete der Bundestag ein neues Gesetz für den Versicherungsvertrieb, das auch für Vergleichsportale gilt und von Februar kommenden Jahres an gelten soll. Den Verzicht auf Beratung muss der Kunde demnach in Textform, beispielsweise per E-Mail, erklären.

Insgesamt sei die neue Rechtslage aber "für uns nicht dramatisch", sagt Check24-Geschäftsführer Christoph Röttele. "Die Mitteilungspflichten werden etwas verschärft, auch die Schulung von Servicemitarbeitern muss standardisierter dokumentiert werden." Nichts, was das Geschäftsmodell grundsätzlich infrage stellt, findet er.

Verbraucherschützern aber reicht das nicht. Der VZBV fordert ein komplettes Provisionsverbot für Portale, die komplexe Produkte wie etwa Immobilienkredite vermitteln. Bei anderen Produkten sollten diese Zahlungen "sehr viel deutlicher kommuniziert und offengelegt werden als bisher", sagt VZBV-Teamleiterin Mohn.

Grundsätzlich nämlich, so fügt die Finanzfachfrau noch hinzu, "können Vergleichs- und Maklerportale sehr wohl eine nützliche Sache sein. Sie müssen nur eben wirklich objektive Vergleiche bieten und sich an bestimmte Regeln halten".