AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2017

Verräterische Autobiografie Wie Christian Lindner durch sein Leben hetzt

Was brachte den FDP-Chef dazu, die Verhandlungen über eine Jamaikakoalition auf diese Weise scheitern zu lassen? Wer seine Autobiografie liest, erkennt ein Muster.

FDP-Chef Lindner
Getty Images

FDP-Chef Lindner

Von


Dieser Beitrag gehört zu den meistgelesenen SPIEGEL-Plus-Texten 2017


Christian Lindners Buch "Schattenjahre" ist ein zeitgenössischer Bildungsroman: Protagonist ist der Autor selbst. Er schreibt ausgehend von einer persönlichen und politischen Katastrophenerfahrung, dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag am 22. September 2013. Lindner schildert die Ratlosigkeit der Mitarbeiter, die Leere in den Gesichtern seiner Kollegen, die Tristesse der Niederlage.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 48/2017
Land ohne ...Richtung, ...Einigkeit, ...Kanzlerin?

Lindner gesteht, dass er oft an den hämischen Jubel auf den Wahlpartys von Grünen und Sozialdemokraten dachte, als die Zeit der außerparlamentarischen Opposition hart war. Das motivierte ihn. Er wollte es ihnen zeigen. Ein schlichter Plot, aber warum nicht? Viele Motivations- und Ratgeberbücher funktionieren so.

Es gibt zu jenem Abend noch eine weitere Passage. Sie handelt von Guido Westerwelle, dem langjährigen Vorsitzenden der Partei. Lindner und er standen sich nicht nahe, weil Westerwelle in Lindner immer den jungen Konkurrenten gesehen hat. Lindner sucht ihn dennoch an jenem Abend auf. Westerwelle sitzt mit Freunden in einem griechischen Lokal in Berlin-Charlottenburg. Lindner beschreibt die schadenfrohen Blicke der anderen Gäste und die "gespenstische" Atmosphäre. Über den Tisch Westerwelles schreibt er: "Es wurde geweint und getrauert, gefeiert und gelacht."

Nun erwartet der Leser an dieser Stelle des Buches eine Reflexion, mindestens eine Geschichte zu Westerwelle an jenem Abend. Westerwelle ist gestorben, seine Krankheit und sein Umgang damit haben viele ergriffen und beschäftigt. Aber es kommt nichts. Lindner hat nur mitzuteilen, dass er nicht lange blieb, sondern in eine andere Bar fuhr, um dort später Wolfgang Kubicki zu treffen. Er muss also aus den Erinnerungen Westerwelles zitieren, in denen der den weiteren Verlauf des Abends so beschrieb: "Ich weinte um das, was ich in so vielen langen Jahren aufgebaut hatte und was nun unwiederbringlich vorbei zu sein schien." Es ist ein Moment der Wahrheit und eben ein Zitat. In "Schattenjahre" kommt man solchen Wahrheiten nicht nahe.

Die FDP ist eine bundesrepublikanische Institution, ihre Akteure sind längst Household Names und Legenden der politischen Geschichte. Jeder Leser kennt Genscher und Westerwelle, Baum und Kubicki. Aber in diesem Buch sind sie Statisten. Sie interessieren den Autor gar nicht, tauchen nur ab und an auf, um dem Protagonisten ein Stichwort zu liefern. Lindner schafft es sogar, über Jürgen Möllemann nichts Interessantes zu schreiben. Warum schreibt man dann überhaupt ein Buch? Möllemann ist eine Romanfigur der alten Bundesrepublik, war der Landeschef in Nordrhein-Westfalen, als Lindner dort seine Karriere begann. Aber die Interaktionen werden lieblos protokolliert, Lindners Einschätzungen und Gedanken zu ihm sind schlichter als jene des entsprechenden Wikipedia-Eintrags.

Der Leser steht vor einem Rätsel: Hier wird die Geschichte eines Mannes erzählt, ohne sie wirklich zu erzählen. Es fehlen die bunten Charaktere, die unerwarteten politischen Entwicklungen, die Rätsel unserer Zeit, obwohl er mittendrin war. Lindner zieht an allem vorbei. Aber wohin? Man versteht, dass Christian Lindner diese Partei retten, also wieder in den Bundestag führen möchte. Aber ebenso wenig, wie er über seine Wegbegleiter etwas zu sagen hat, kann er begründen, wozu er das möchte.

Da gibt es kein Schicksal, keinen verzweifelten Bürger, den er getroffen hätte und dem die FDP hätte helfen können. Es findet sich auch keine bewegend entwickelte historische Reflexion über die Lage der bürgerlichen Demokratie zwischen Putin, Trump und Erdogan. Kein Argument für einen selbstbewussten Liberalismus in Zeiten des digitalen Kapitalismus und schlicht kein Grund, weshalb das Land die FDP braucht. Das alles ist nicht Thema dieses Buches. Er will die FDP retten, weil er es sich vorgenommen hat. Das ist freilich ein Punkt, an dem viele anknüpfen können, denn immer wieder mal gerät so eine Säule der alten Bundesrepublik in die Krise: Karstadt, Suhrkamp, die SPD. Dann finden sich jüngere Menschen, die die retten wollen. Und auch sie müssen sich mit der Frage herumschlagen, ob es nicht klüger wäre, etwas ganz Neues zu machen. Wie Macron in Frankreich. Doch Lindner formuliert solche Fragen nicht. Sie liegen irgendwie abseits.

Man kann auch nicht sagen, dass das Buch von Christian Lindner handelt, jedenfalls nicht auf eine interessante Art. Er erzählt einmal, dass seine Großeltern eine Bäckerei hatten, was insofern erhellend ist, als er in seinen Reden gern konditorische Bilder wählt, etwa wenn er fordert, die Europäische Union dürfe kein Marmorkuchen sein, sondern müsse eine Schichttorte werden. Lindner schreibt über die Bäckerei seines Großvaters: "Ich nahm früh wahr, wie anstrengend Handwerk sein kann - und wie köstlich Puddingteilchen schmecken." Das teilt er nicht mit, um die Puddingteilchen des Großvaters oder gar den Großvater selbst zu beschreiben und zu rühmen, sondern um zu erklären, warum er in seinen Teenagerjahren zugenommen hat. Und auch das beschreibt er nur, um zu beschreiben, dass er wieder abnahm: "In einem Gewaltakt - Knäckebrot und Joggen - verlor ich binnen weniger Monate dreißig Kilo." Diesen diätetischen Wahnsinn relativiert er aber nicht als historische Verirrung, sondern lobt sich: "Die Erfahrung, was unbedingter Wille ermöglichen kann, hat mich geprägt." Sein Körper und sein Aussehen sind wichtige Themen im Buch. Er registriert genau, wie andere ihn sehen. Wenn irgendwo steht, dass seine Anzüge anders sitzen als früher, dann bemerkt er es nicht nur, sondern liefert gleich eine entsprechende Erklärung dazu: Er habe wieder mehr Sport getrieben.

Zunehmen, abnehmen. Anreisen, Termin, abreisen. Das wahre Thema des Buches ist die Bewegung: Aufstieg und Rücktritt, Termine und mehr Termine. Hätte Lindner den "Moby-Dick" schreiben wollen, hätte er Ebbe und Flut protokolliert. Lindner bereist die Bundesrepublik und nimmt viele Termine wahr. Er freut sich, wenn er in der Zeitung steht. Am meisten freut er sich, wenn in der Zeitung steht, dass er so viele Termine wahrnimmt. Erneut das Rätsel: Er wird die Termine doch nicht solo absolviert haben? Wen trifft er? Lindner verweilt nicht, denn er will ja voran, und zwar schnell.

Der zweite Held in diesem Buch ist eine Werbeagentur. Sie vermag Lindners Aufmerksamkeit zu fesseln, denn sie verspricht flotte Modernität von außerhalb der Politik. Von der Werbeagentur lernt Lindner, auf Beifall bei internen Besprechungen zu verzichten. Der würde nur Zeit kosten. Von solchen Minitipps ist das Buch voll.

Warum schreibt man das alles auf? Es gibt herrliche Tagebücher von Politikern, jene von Peter Glotz und Bruno Le Maire wären zu nennen. Aber so ein Buch, in dem Land und Leute mit halb poetischem, halb ethnografischem Blick beschrieben werden, liegt hier nicht vor. Lindner schreibt das Buch, um sich zu rühmen, eine Partei, die aus dem Parlament herausflog, wieder hineingeführt zu haben.

Man kann sich vorstellen, dass Lindner mit diesem Buch und seiner Erfolgsgeschichte nun von Vortragssaal zu Vortragssaal reist, bedrängten Mittelständlern Mut macht und vor Start-ups philosophiert. Nun, da er die Jamaika-Verhandlungen hat platzen lassen, kann man sich noch weniger vorstellen, dass er wirklich dieses Land regieren will.



© DER SPIEGEL 48/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.