Fremde Mein Monat mit den Menschen von Clausnitz

Der sächsische Ort gilt als Chiffre für das hässliche Deutschland, seitdem seine Bewohner Flüchtlinge in einem Bus bedrohten. Unser Autor verbrachte vier Wochen in dem Dorf mit schlechtem Ruf - und versuchte zu begreifen, wie es dazu kam.
Einwohner Ronny

Einwohner Ronny

Foto: Sven Döring/DER SPIEGEL

Der Bus nach Clausnitz fährt durch Rapsfelder, vorbei an Forellenteichen und über Asphalt, der glitschig ist vom Staub der Fichtenpollen. Von Dresden kommend erreicht der Bus eine gerade, ansteigende Straße, die auf eine Bergkuppe zuläuft, nach der es steil abwärtsgeht, und wer darauf fährt, könnte das Gefühl bekommen, als würde nach dieser Kuppe die Welt aufhören.

Unten im Tal duftet es nach Apfelblüten. Dort liegt Clausnitz.

Am 18. Februar dieses Jahres fuhr ein Bus dorthin, im Inneren saßen 20 Flüchtlinge. Sie sollten Wohnungen in drei Häusern beziehen.

Ein paar Straßen weiter saß der Bürgermeister von Clausnitz, Michael Funke, am Abendbrottisch. Später am Abend erfuhr er, dass sich Clausnitzer versammelten und bemalte Laken ausrollten. Auf einem stand: "Widerstand".

In seinem Büro in einem der Häuser wartete Thomas Hetze, der Heimleiter, darauf, dass die Flüchtlinge endlich kommen. Wer sind diese Clausnitzer wirklich? Alles Nazis? Ein großer Mob? Oder war alles nur ein riesiges Missverständnis?

Damals interessierte sich kaum jemand dafür, dass Hetze Mitglied der AfD ist. Später hörte er, wie die Clausnitzer "Wir sind das Volk" brüllten.

Unten im Dorf, in seiner Firma, öffnete sich Ronny gerade ein Radeberger Pilsner, als eine SMS kam: "Es geht los." Boah, dachte Ronny und fuhr nach oben ins Dorf. Später beobachtete er, wie ein Polizist einen Flüchtlingsjungen in den Würgegriff nahm und aus dem Bus zerrte.

An diesem Abend blockierte eine Frau den Bus mit einem blauen Kleinwagen, wenige Meter von den Unterkünften entfernt. Ein paar Clausnitzer hissten an einem Traktor ein Laken, auf dem stand: "Unser Land, unsere Religion, Heimat, Freiheit, Tradition". Laut Polizeibericht standen 100 Deutsche um den Bus herum. Die Flüchtlinge weigerten sich auszusteigen. Jemand filmte das. Das Video gelangte ins Internet. Clausnitz wurde berühmt. Es wurde zum Symbol dafür, wie manche Deutsche über Flüchtlinge denken und sie behandeln.

Im Gedächtnis bleibt das Wort "Reisegenuss", in gelber Leuchtschrift am Kopf des Busses, in dem Menschen sitzen, denen die Angst ins Gesicht geschrieben steht. "Reisegenuss" hieß das Busunternehmen zufälligerweise - das Bild wurde zum Inbegriff des Zynismus.

Im Kopf bleibt der Moment, in dem ein deutscher Polizist einen Flüchtlingsjungen am Hals packt und zum Aussteigen zwingt.

Im Kopf bleibt, wie Männer "Wir sind das Volk" brüllen, laut und aggressiv.

War das Hass? Ist Clausnitz ein Nazidorf? Ist es komplizierter? Und wenn ja, wie ist es? Was für Menschen leben in diesem Teil Deutschlands, in Sachsen, im Erzgebirge? Was denken sie? Was trieb sie vor den Bus?

Ich habe einen Monat in Clausnitz gewohnt. Für acht Euro die Nacht bezog ich ein Fremdenzimmer auf einem Bauernhof.

Einer der ersten Dorfbewohner, die mit mir sprachen, war ein Flüchtling. Er sitzt vor seiner Wohnung auf einer Bank und erzählt seine Geschichte. Seine Heimat war reich an Wald und Seen, sagt er. Vor dem Krieg arbeitete sein Vater in einer Papierfabrik, dann ging er an die Front und starb.

Seine Mutter floh mit ihm, dem Sohn, zu Fuß und auf einem Pferdewagen. Die Mutter hütete auf der Flucht eine Spitztüte aus Papier, in die sie ein Gemisch aus Haferflocken und Kakao gefüllt hatte, sie gab dem Jungen davon jeden Tag drei Löffel.

Die Mutter hatte kein Geld, das sie dem Schleuser hätte geben können, damit der sie in Sicherheit brächte, also gab sie ihm ihren Trauring.

Als der Junge schwach wurde, sagte sie: "Wir müssen es nach Clausnitz schaffen."

Der Junge ist heute 76 Jahre alt, seine Heimatstadt Hammermühle in Pommern hat er nicht wiedergesehen seit seiner Flucht vor 70 Jahren. Hans-Peter Neitzke ist ein großer, gerader Mann mit einem Fischerhütchen und einer blauen Latzhose. Er ist mein Vermieter.

Als es im vergangenen Jahr hieß, dass syrische Flüchtlinge in einen Nachbarort von Clausnitz kommen sollten, klingelte es bei ihm, und ein Mann sagte, er sammle Unterschriften gegen die Flüchtlinge, so erzählt es Herr Neitzke. Er antwortete dem Mann: "Ich bin selber einer."

In Clausnitz leben 844 Menschen. Das heißt, etwa 750 standen am 18. Februar nicht vor dem Bus. Hans-Peter Neitzke war einer von ihnen. Er erfuhr von der Blockade aus dem Fernsehen, und als er die Bilder sah, schämte er sich. Er sagt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmt die Hälfte der Bewohner von Clausnitz Flüchtlinge waren: Schlesier, Pommern, Preußen, Sudetendeutsche, Bewohner Dresdens, deren Häuser ausgebrannt waren.

An einem Tag Mitte Mai trägt Herr Neitzke ein feineres Hemd als gewöhnlich, es ist hellblau und frisch gebügelt. Er möchte mit seiner Frau zum Tanztee gehen. Er tanzt gern Quickstep. Zuvor schaut er bei einer Veranstaltung vorbei, die in Clausnitz hinter dem Heimatmuseum stattfindet. Es soll ein "Begegnungsfest" sein und den Clausnitzern die Gelegenheit geben, den Flüchtlingen näherzukommen. Das Fest findet im Ortskern statt, auf dem Gelände der Grundschule.

Das Dorf drum herum sieht aus, wie viele deutsche Dörfer aussehen: Die Hecken sind akkurat gestutzt, die Bürgersteige gefegt, hier stehen Fachwerkhäuser und Tulpen. Die Straßen heißen Dorfstraße, Geleitstraße oder Stollengasse, weil hier früher einmal Kupfererz gefördert wurde. Es gibt in Clausnitz noch einen Metzger und einen Bäcker, Frauen schieben Kinderwagen, es gibt einen Einbeinigen, und es gibt Menschen, die ein Begegnungsfest organisieren.

Auf dem Grill verbrennen drei Würste. Eine Frau hält eine Rede vor einem Bierzelt und sagt: "Herzlich willkommen zum Begegnungsfest. Ich hoffe, ihr fühlt euch wohl."

Sie steht ein wenig ungünstig, weil die paar Besucher mit ihren Kindern in einer Zwergenlandschaft spielen, einer Welt aus Plastik, in der alles klein und überschaubar und schön ist. Die Frau redet in das Bierzelt, darin sitzt niemand außer mir.

Ein wenig später kommen noch ein paar Erwachsene. Am Ende werden 45 Bratwürste verkauft sein. Es sind nicht viele Clausnitzer gekommen. Das heißt nicht, dass sie Fremdenfeinde sein müssen. Man kann aber wohl sagen, dass ihnen die Fremden nicht besonders wichtig sind. Dass sie kein großes Interesse daran haben, ihre Begegnungen mit den Flüchtlingen mit einem Fest zu feiern. Dass sie etwas Besseres zu tun hatten. Herr Neitzke blieb auch nur kurz auf dem Fest. Er wollte schnell weiter zum Quickstep.

Im Zwergenland steht ein Mann neben seinem Sohn und betrachtet ein Sieben-Zwerge-Puzzle. Er ist gelernter Schmied, hat einen Eckzahn aus Gold, einen Nacken wie ein Zugochse, und er heißt Thomas Hetze. Er sagt: "Können wir uns in Ruhe unterhalten?"

Thomas Hetze, 48, war für ein paar Tage im Frühjahr einer der gefragten Männer des Landes. Das war, als rauskam, dass er Leiter eines Flüchtlingsheims und Mitglied der AfD ist.

Er wohnt in einem Ort neben Clausnitz. Sein Haus ist an drei Seiten von Wald umgeben. Am Eingang steht ein Apfelbäumchen, daneben mäht seine Frau das Gras. Hetze hat zum Grillabend geladen. Er versucht, die Lebensfreude zu behalten, obwohl ihm das seit dem 18. Februar schwerfällt, wie er sagt. Manchmal wacht er nachts auf und hat das Gefühl, in einer geschlossenen Kiste zu liegen. An seinen Unterarmen hat er blutige Pusteln. Sein Arzt weiß nicht, was das ist, aber Hetze vermutet, dass sie durch Stress entstehen.

Nachdem der Bus angekommen war, berichtete so ziemlich jedes deutsche Medium über Clausnitz und Thomas Hetze. Er galt vielen als der Schuldige. Die Kombination Heimleiter und AfD-Mitglied war spektakulär, und dann heißt der Mann auch noch Hetze. Sein Bruder sagte in eine Kamera, dass er die Blockade des Busses organisiert habe, was sich später als Missverständnis herausstellte. Sein anderer Bruder baut Container für Flüchtlingsunterkünfte. In den Medien entstand der Eindruck, Thomas Hetze habe die Blockade seines eigenen Heims zu verantworten.

Nachdem er den Grill an den richtigen Ort gestellt hat, gibt Hetze eine Führung durch sein Haus. Es gleicht einem Museum, das die Reisen des Thomas Hetze dokumentiert. Im Wohnzimmer liegt ein Flaschenkürbis aus Papua-Neuguinea. An der Wand hängen eine tibetische Gebetsfahne und ein goldenes Schwert aus Indien. Hetze erzählt, wie er nach der Wende die Côte d'Azur entlangradelte und dass er nie wieder so saftige Pfirsiche geklaut habe. Er fuhr in einem Gummiboot den Nil runter, schlief in Nepal im Kloster und verliebte sich in Kalifornien in eine Pariserin, Sandrine, sie wurden ein Paar für einige Jahre. Im Amazonasgebiet aß er gegrillte Wasserratte und ließ sich von einem Indio mit einem Blasrohr die zermörserte Innenfaser eines Dschungelbaums in die Nase pusten, um high zu werden.

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Clausnitz: Eine sonderbare Idylle

Foto: Sven Döring/Agentur Focus/DER SPIEGEL

Man könnte diesem Mann ein paar Tage lang zuhören, aber da liegt eine Frage im Raum wie eine Handgranate: Warum ist Thomas Hetze, der Kosmopolit, Mitglied der Alternative für Deutschland?

"Als Einzelperson hast du keine Chance", beginnt Hetze. Er habe sich alle Parteien angeschaut. Er saß nacheinander für die CDU, die Freien Wähler und die FDP im Gemeinderat.

Im vergangenen Jahr fuhr er zum Büro der AfD nach Freiberg. Was er hörte, gefiel ihm: die Kritik an den USA, die Kritik an TTIP, die Kritik an grenzenloser Einwanderung, Frauke Petry als Gesamtkonzept.

Das alles hätte nie jemanden interessiert, wenn Hetze nicht auf die Idee gekommen wäre, sich für eine Arbeit in der Flüchtlingshilfe zu bewerben. Er dachte: "Ich mit meiner Erfahrung mit anderen Kulturen, das kann ich einsetzen."

Im Dezember vergangenen Jahres begann er als anzulernender Heimleiter in einer Flüchtlingsunterkunft in Freiberg.

Er findet nicht, dass diese Arbeit im Widerspruch zu seinem Engagement bei der AfD steht.

"Ich habe nichts gegen Einwanderung", sagt Hetze, "ich kann verstehen, dass die kommen. Wenn ich finanziell schlecht dastehe oder kaum was zu fressen hab, dann zieh ich los. Ich finde, jeder, der Hilfe braucht und aus dem Kriegsgebiet kommt, der soll Hilfe bekommen."

In Clausnitz begann er seine Arbeit als Heimleiter, zwei Tage bevor die Flüchtlinge kamen, und half dabei, deren Wohnungen einzurichten.

Als der Bus anrollte, kannte er ein paar Leute, die davorstanden, viele hatte er noch nie gesehen, sagt er. Er ging in den Bus und hörte, wie eine der arabischen Frauen etwas sagte, das der Dolmetscher übersetzte mit: "Hier im Dschungel bleiben wir nicht."

Spätabends waren alle Flüchtlinge im Haus. Eine Frau bekam einen Nervenzusammenbruch und schlug sich immer wieder auf die Beine. Die meisten anderen waren nur müde und hungrig. Hetze holte Cornflakes aus seinem Büro und teilte sie auf. Dann rief er, abends um 22 Uhr, beim Marktleiter des Edeka im Nachbarort an und bat ihn, den Laden aufzuschließen. Von dort ließ er Brötchen und Käse holen.

Drei Tage später verlor Hetze seinen Posten. "Zu seinem eigenen Schutz", sagte ihm sein Arbeitgeber, werde er eine andere Aufgabe übernehmen. Er kam in die Abteilung für Bauen und Grünpflege.

"Tja", sagt Hetze.

Er trinkt ein paar Gläser dunkles Pilsener und isst mithilfe eines Taschenmessers mehrere Stücke Schweinenacken. Mit dem Messer hat er schon mal ein Auto repariert, das er geschrottet hatte, als er auf dem Weg zu einem Missionar in Kenia war, aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn man mit Hetze auf seiner Terrasse sitzt, Schweinenacken grillt und ihm zuhört, wie er über die Not von Flüchtenden redet, könnte man denken: Hammertyp, kein Fremdenhasser, ein guter Deutscher.

Wer Hetzes Namen googelt, findet eine Rede, die er in Freiberg ein paar Monate vor der Busnacht hielt. Darin redet er von einem amerikanischen Masterplan, der Europa schwäche: "Dass daraus ein ungezügelter 100.000-facher Einmarsch von Wirtschaftsflüchtlingen wird, ist völlig unverständlich und stellt in meinen Augen ein Verbrechen an der deutschen Nation dar." Thomas Hetze ist ein widersprüchlicher Mensch. Er ist in der AfD und nett. Er will Heimleiter sein, aber dann erzählt er, so nebenbei, wie er in einem Nachbarort von Clausnitz die Eröffnung eines Flüchtlingsheims verhindert habe.

Bitte was?

Hetze sagt, dort habe man versucht, aus einem kleinen Hotel mit 53 Betten eine Asylunterkunft mit 88 Betten zu machen. Das habe er nicht in Ordnung gefunden.

Also lieber keine Flüchtlinge?

"Die Flüchtlinge hätten da einen Heimkoller bekommen", sagt er.

Man hat bei diesem Teil des Gesprächs das Gefühl, nicht mehr auf festem Grund zu stehen. Das ist mit Thomas Hetze am Grill so und auch bei vielen anderen Gesprächen mit Menschen aus Clausnitz. Gewissheiten, die man gerade gewonnen zu haben glaubt, können jederzeit kippen.

Aber hassen die Clausnitzer deshalb Fremde? Ich habe nirgends in Deutschland eine Hilfsbereitschaft erlebt wie hier. Als ich erkältet bin, sagt die Frau, die unter mir wohnt: "Ich hab noch einen Broiler im Eis", und eineinhalb Stunden später bringt sie einen Topf dampfender Suppe. Meine Vermieterin schenkt mir am Ende meiner Reise die geblümten DDR-Vorhänge, die mir so gut gefallen. Als einmal die Tochter meiner Vermieter zu Besuch kommt, bietet eine andere Familie an, dass ich bei ihr schlafen kann, umsonst, sie geben mir einen Haustürschlüssel und stellen morgens einen Korb mit Brötchen auf den Frühstückstisch.

In Clausnitz gibt es aber auch ein Restaurant, das "Raststübel", es ist eher ein Imbiss, mittags bekommt man dort Klopse mit Kartoffeln und Gulasch für 3,60 Euro. An der Wand hängt, zur Dekoration, eine Sense.

Als ich den Imbiss das erste Mal betrete, schauen mich etwa 15 Männer an. Die Gespräche verstummen.

Ich gehe immer wieder hin, setze mich mittags an einen Tisch und esse Klopse. Manchmal bleibe ich drei Stunden dort in einer Ecke. Niemand spricht mit mir. An einem Tag setzen sich die Rentner in eine Reihe, sechs nebeneinander, an einen langen Tisch, und schauen mich an.

Clausnitzer Neitzke

Clausnitzer Neitzke

Foto: Sven Döring/DER SPIEGEL

Auf einem Fest flüstert mir ein Mann zu: "Wir wissen, wo du wohnst." Und ein anderer brüllt mir ins Gesicht: "Hau ab."

Der Bürgermeister dieses Ortes, Michael Funke, ist ein hagerer Kerl, dem man ansieht, dass er sein Leben lang Sport gemacht hat, und dem man nicht ansieht, dass er eine Leidenschaft für die Metal-Band Iron Maiden hegt.

Als ein Clausnitzer spät am Abend droht, mich zu schlagen, weil ich "nur Brühe" rede, legt Funke mir einen Arm um die Schulter und sagt: "Komm lieber, wir trinken noch ein Bier bei mir."

Funke war da, als der Bus kam, er half den Flüchtlingen dabei, ihr Gepäck ins Haus zu tragen, und versuchte, die Deutschen nach Hause zu schicken. Funke sagt, die Clausnitzer seien nicht gekommen, um den Flüchtlingen Angst zu machen, sondern weil sie neugierig waren und weil sie gegen die Einwanderungspolitik von Angela Merkel demonstrieren wollten.

Funke hat so viel mit Journalisten über den Abend gesprochen, dass er darüber redet wie ein Automat. Das Thema nervt ihn. Er will, dass über seine Gemeinde berichtet wird, weil es dort lange Loipen gibt: "Es wäre schön, wenn du ein bisschen Werbung für uns machen könntest."

Deshalb mal zehn Zeilen Werbung: Clausnitz hat lange Loipen, tolle Wanderwege, ein Heimatmuseum der Extraklasse, eine Tankstelle, ein Blumengeschäft, einen (nur an besonderen Festtagen begehbaren) Bergwerksstollen und einen Rewe-Markt.

Es gibt einen Fußballverein und einen Klöppelverein, eine Gruppe, die sich zum gemeinsamen Akkordeonspielen trifft, und eine Wandergruppe, die sich "Flinke Knechte" nennt.

Bei der vergangenen Bundestagswahl haben 276 Clausnitzer die CDU gewählt, 53 die SPD, 44 die Linken, 30 AfD, 27 FDP, 23 NPD, 9 die Piraten, 7 die Freien Wähler und 6 die Grünen.

Der Junge, der im Februar von dem Polizisten aus dem Bus gezerrt wurde, geht in Funkes Haus ein und aus, unter anderem weil er wohl in eine seiner Töchter verliebt ist. Funkes Frau Ina hilft dabei, den Flüchtlingen Kleiderspenden zu organisieren.

Michael Funke, so viel scheint klar, ist ein Guter. Dann erzählt er von einem Abend im Frühjahr, kurz vor der Busnacht, als sich das halbe Dorf in der Turnhalle versammelt hatte, weil er die Bewohner darüber informieren wollte, wer kommt.

Funke las jedes Wort von vier Seiten bedrucktem Papier. Er las: "Man kann grundsätzlich davon ausgehen, dass die Flüchtlinge keine gefährlichen Krankheiten haben, eine hundertprozentige Sicherheit gibt es dafür jedoch nie."

Er hatte das bestimmt gut gemeint, aber er gab damit einen Ton vor, der von den Fremdenhassern gern gehört wurde.

Ein Clausnitzer, über den das Gerücht kursiert, dass seine Katze "Hitler" heißt, soll gesagt haben: "Die scheißen uns auf die Bürgersteige." Andere riefen, dass sie die Kanaken nicht haben wollen.

Funke erzählt das alles sachlich und kühl, und dann, von einer Sekunde zur nächsten, fängt dieser stolze, große Mann an zu weinen, und man bekommt eine Idee davon, was auf ihm lastet als Bürgermeister dieses Ortes.

"'Wir sind das Volk'", sagt er; "dass man diese Parole missbraucht. Wie bekloppt sind die denn?"

Er erzählt davon, wie nach dem Abend in der Turnhalle seine 14-jährige Tochter Lisa zu ihm kam, in seinen Armen lag und weinte. Sie sagte: "Ich hätte nie gedacht, wie viel Hass in manchen Menschen steckt."

Michael Funke antwortete: "Das ist das Leben."

Seine große Tochter, die gerade Abitur macht, wird im Sommer Clausnitz verlassen und als Au-pair in die USA gehen.

Kaum einer, der jung und gebildet ist, bleibt im Erzgebirge. Der wichtigste Arbeitgeber in Clausnitz ist eine Agrargenossenschaft, es gibt auch ein paar Tischler. Wer kann, haut ab. Manche nach Dresden, viele weiter weg. Im Jahr 1980 lebten in Sachsen 5,2 Millionen Menschen, heute sind es 4 Millionen, eine Prognose lautet, dass es im Jahr 2050 noch 2,6 Millionen sein werden. Es bleiben vor allem die Alten und die Dummen, vor allem die Männer.

Vor dem Bus standen fast nur Männer. Der Bürgermeister, der Heimleiter, die meisten Blockierer waren Männer. Manchmal war die Stimmung ein bisschen wie in einer Männer-WG, in der jeden Abend Bier getrunken wird.

In Clausnitz gibt es wenig, was diesen Männern Neues bieten könnte, man kommt da nicht raus. Es gibt einen Fußballverein, einen Karnevalsverein, einen Rewe und einen Maibaum, der aufgestellt wird. Es gibt ein paar Garagen, in denen man sich zum Trinken trifft, aber das Bier schmeckt überall gleich. Wer in Clausnitz wohnt, hat keine Alternative. Man kann dort nicht auf eine Anhöhe klettern und eine andere Wirklichkeit entdecken. Ein Clausnitzer, der auf die Anhöhe klettert, sieht von oben Clausnitz.

Oft sprechen die Menschen hier von "drüben" und meinen den Westen, oft ist die Wende ein Thema, und Dorfbewohner berichten von dem Gefühl, vom Staat schon einmal verraten worden zu sein.

Wer nicht mit den Folgen der Wiedervereinigung zurechtgekommen ist, mit den Ordnungen von Demokratie, Kapitalismus und Globalisierung, hat sich zurückgezogen in das Nest des Nationalen.

Clausnitz kann ein finsterer Ort sein, um 23 Uhr schaltet sich die Straßenbeleuchtung ab. Die Vögel verstummen. Die Nacht in Clausnitz ist ein großes Nichts.

Ehemaliger Heimleiter Hetze

Ehemaliger Heimleiter Hetze

Foto: Sven Döring /DER SPIEGEL

Nach zwei Wochen im Dorf klingelt mein Telefon.

"Glück auf", sagt ein Mann, "wenn Sie den Arsch in der Hose haben, die Wahrheit zu schreiben, dann treffe ich mich mit Ihnen." In zwei Tagen, am Kriegerdenkmal.

Er sagt, er sei dabei gewesen, als der Bus nach Clausnitz kam, er habe davorgestanden.

Zwei Tage später. Das Denkmal besteht aus verschiedenen Steinquadern, auf einem steht: "Den Lebenden zur Mahnung".

Nach ein paar Augenblicken biegt ein kleiner Mann um die Ecke und gibt mir fest die Hand. Er trägt gut gefettete Wanderstiefel und hat ein offenes Gesicht und schöne blaue Augen.

Wir wandern bergauf, bis wir eine Lichtung am Waldrand erreichen. Der Mann geht zu einem Baum und wühlt an dessen Wurzeln. "Nur Zigeuner haben keine Vorräte", ruft er und zieht zwei Flaschen Pilsener aus einem Erdloch.

Wir setzen uns auf die Bank, er öffnet die Flaschen mit der Kante seines stählernen Benzinfeuerzeugs. Er bittet darum, seinen richtigen Namen nicht zu erwähnen, weil er fürchtet, dass er Aufträge verlieren könnte oder dass ihm "Zecken", wie er sagt, die Firma abbrennen, wenn sie lesen, was er denkt über Menschen, die nicht aus Deutschland kommen.

Er hat einen Namen, den man häufiger hört in Sachsen. Sagen wir: Ronny.

Er sagt: "Das ist unsere Heimat. Wir leben seit Generationen hier. Wir wollen auch so weiterleben."

Er wird sieben Stunden reden, viele Biere trinken und eine Menge Themen streifen: die Blockade des Busses, die Gefahren des Islam, die Gefahr der Steinböcke, die Lehren Thilo Sarrazins, die lokale Vogelpopulation, Angela Merkel und die FDJ, die Gefahren der Autoschieber, Araber und des Zigeunervolks.

Ronny hat ein paar Jahre im Westen gearbeitet, sagt er, zusammen mit Türken, Russen, Italienern und Bayern, das sei ein super Team gewesen. In seinem Haus habe auch ein Kosovo-Albaner gewohnt, ein Muslim, mit dem er Lagerfeuer gemacht und Wein getrunken habe. Ronny ist gereist, nach Norwegen, Bulgarien, Slowenien und Rumänien. Er sagt: "Je weiter südlich du kommst, umso schlimmer wird das. Je weiter nördlich du kommst, die haben da mehr Ordnung drinne. Die müssen im Sommer ihren Arsch an die Wand bekommen, sonst haben die im Winter nichts zu fressen und nichts zu heizen. Das haben die im Süden nicht, da ist immer warm. Die nordischen Völker müssen den ganzen Sommer fleißig sein. Die im Erzgebirge, das waren alles ordentliche Leute, die haben zu tun gehabt."

Ronny trinkt einen Schluck, dann redet er weiter: "Leuten, die von da unten kommen, klarzumachen, dass es früh um sieben losgeht, das begreifen die gar nicht. Bei denen gehen die Frauen arbeiten, und die Männer sitzen mit der Shisha im Kabuff."

Ronny sagt, er sei kein Rechtsradikaler. Die NPD finde er zum Kotzen mit ihren Wahlplakaten, auf denen "Gas geben!" steht.

Er sagt über Einwanderer diesen Satz: "Wenn die sich benehmen und hier arbeiten, hat keiner Stress damit."

Er sagt auch diesen Satz: "Unsere Gesellschaft ist über Jahrhunderte geprägt, da passt der Islam mit dem ganzen Gefahrenpotenzial nicht rein, das wollen wir nicht, das brauchen wir nicht."

Gefahrenpotenzial?

"Wenn du dir jetzt mal die Zehn Gebote anguckst, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht morden, du sollst nicht ehebrechen - das sind doch Werte, die in unsere Gesellschaft eingegangen sind. Was im Islam anders ist. Die wollen ihre Scharia haben, die können ihre Frauen unterdrücken. Es gibt nur den Allah, und alles andere ist Rotz. Wenn der Muslim einen Christen trifft, dann schlägt er ihm ins Genicke, bis er auf der Schnauze liegt. Das brauchen wir nicht, das wollen wir nicht. Und die Erzgebirgler sind dann auch so, die wehren sich."

Während er erzählt, baumelt er mit den Füßen unter der Bank. Ronny hat sich heiß geredet, er sitzt dort seit einer Stunde mit offener Jacke.

Ronny wohnt mit Frau und Kindern in einem Haus am Hang. Ein Fachwerkhaus, das von ihm renoviert wurde. Seine Familie lebe dort seit sechs Generationen, sagt er. Vor dem Eingang schwingt eine Schaukel im Wind, im Garten steht ein Bienenstock. Wir setzen uns in ein Zimmer an einen Kachelofen. Ronny sitzt unter dem Schädel eines toten Hirsches. Er stellt mehr Bier auf den Tisch.

"Was hier gelaufen kommt, nur junge Kerle, brutal, hoch kriminell", sagt er. Er hat ein gutes Gedächtnis für Verbrechen, die Ausländer begangen haben, und spricht von Irakern, die in Chemnitz ein Mädchen vergewaltigt haben sollen, und von einem Asylbewerber, der in Freiberg mit einer Machete bewaffnet einen Netto-Markt überfiel.

Wenn man das überprüft, stellt man fest: Die Verbrechen hat es gegeben.

In diesem Jahr veröffentlichte das sächsische Innenministerium eine Statistik, die Auskunft über die Straftaten von Flüchtlingen gibt. Danach sind 6,7 Prozent der Zuwanderer straffällig, 93,3 Prozent nicht. Es stecken erstaunliche Erkenntnisse in dieser Statistik: So wurden 81,9 Prozent der Algerier in Sachsen straffällig und nur 1,4 Prozent der Syrer.

Als der sächsische Innenminister die Zahlen vorstellte, warnte er davor, Flüchtlinge unter "Generalverdacht" zu stellen. Er sagte: "Es kommen überproportional viele Männer zwischen 20 und 30 Jahren zu uns. In dieser Altersgruppe werden weltweit überdurchschnittlich viele Straftaten verübt."

Ronny redet jetzt schneller, man merkt, dass ihm die Straftaten wichtig sind.

Bürgermeister Funke, Kutscher

Bürgermeister Funke, Kutscher

Foto: Sven Döring/DER SPIEGEL

"Wir wollen nicht, dass die sich hier breitmachen mit ihrem Glauben und mit ihrer Lebenseinstellung. Wir haben eine andere Lebenseinstellung. Zu unserer Lebenseinstellung gehört: Pünktlichkeit, Arbeit, Ehrlichkeit, Fleiß, das ganze Drumrum, das ganze Miteinander der Menschen untereinander, das Vertrauen. Wir haben bis vor ein paar Jahren das Auto nicht abgeschlossen. Wo kannst du das noch? Das hat sich in den letzten Jahren so gewandelt, dass du das einfach nicht mehr machen kannst."

Wegen Ausländern?

"Zum großen Teil. Wir haben auch im Dorf Hartzer, aber mit denen haben wir ja genug Probleme." Mit "Hartzer" meint er Menschen, die Hartz IV beziehen.

In Clausnitz gibt es, bis auf die Flüchtlinge, kaum Ausländer. Eine Frau lebt dort, die in Rumänien in der Gemeinde der deutschsprachigen Minderheit aufgewachsen ist, und ein paar Russlanddeutsche gibt es auch. Muslime gab es bisher keine.

Ronny sagt: "Du kommst alleine, und die kommen im Rudel. Das erzählen mir ganz viele. Deswegen bin ich froh, dass ich hier wohne. Das ist in Freiberg auch so, dass du als Deutscher die Straßenseite wechseln musst, weil dir zehne von denen entgegenkommen. Gerade als Frau. Das wollen wir hier auf dem Dorf nicht."

"Wenn hier auf dem Dorf was passiert", sagt Ronny, "was Richtiges, wie in Chemnitz, wo sie das Mädel sexuell belästigt haben. Wenn das hier in Clausnitz passiert, möchte ich nicht wissen, was dann passiert. Wird wohl nicht unblutig abgehen."

Seine Stirn zuckt, während er spricht, jetzt immer wieder nach vorn, als würde sich in ihm eine große Energie stauen, die rausmuss.

"Wenn hier so einer von irgendwem in Clausnitz ein Kind vergewaltigt und das Kind einen Schaden davonträgt, das könnte böse werden."

Er hält inne, dann nimmt er seine rechte Hand vom Tisch, lässt sie an seinem Bein nach unten gleiten, und als er sie wieder hochzieht, hält er ein Messer in der Hand. Ein Messer mit einer vielleicht 20 Zentimeter langen Klinge aus Stahl, beidseitig geschliffen. "Selber geschmiedet. Alles selber gemacht. Das ist eine Klinge aus der amerikanischen Zeit, wo die damals noch Büffel gejagt haben", sagt Ronny.

Er steht auf. "Komm, wir gehen in die Heizung, wir rauchen jetzt eine, weil, jetzt wird's heiß", sagt er.

Ich folge ihm in den Raum, wo sein Vater gerade Holz in einen Ofen stopft. Ronny redet über die Nacht, als der Bus kam. "Organisierter Protest? Totaler Käse. Bei uns war ein Kunde, kriegt eine SMS, in der stand, da steht ein Polizeiwagen. Boah, geht los. Wir hatten uns gerade ein Feierabendbier aufgemacht und gesagt, los, jetzt fahren wir hoch und gucken, was da los ist. Das Spannband war vorbereitet. Das lag schon irgendwo in der Ecke. Das waren Clausnitzer, ganz normale Anwohner, die aus Neugierde da oben waren. Was da gekommen ist, ist ja nicht schlimm, wo wir zumindest sicherheitstechnisch auf dem Dorf mit leben können. Der Bus war komplett abgeriegelt mit Polizei. Da kamen auch Leute aus anderen Dörfern, die haben auch Bier mitgebracht. Die haben gerufen: 'Haut ab, ihr Kanaken', so sinngemäß. Aber nichts Brutales. Da gab's keinen Hitlergruß oder Ähnliches."

Wieso hat er gebrüllt?

Clausnitzer Funke

Clausnitzer Funke

Foto: Sven Döring/DER SPIEGEL

"Dass es so gekippt ist, war erst, als sie die Leute mit Gewalt aus dem Bus gezerrt haben."

Was?

"Ich weiß nicht, ob du die Situation nachvollziehen kannst. Die verarschte, neugierige Dorfbevölkerung steht um den Bus drum rum und kriegt von Anfang an mit, dass die nicht aussteigen wollen. Und dann fangen ein paar Gutmenschen an, die Menschen aus dem Bus zu zerren."

Ich frage mehrmals nach, warum er gebrüllt hat, und wenn ich Ronnys Erklärung richtig verstehe, begründet er es damit, dass freiwillige Helfer aus der Kirchengemeinde und ein Übersetzer die Flüchtlinge aus dem Bus gezerrt haben.

Es wird Abend, Ronny fährt in einen Gasthof, er isst einen Wurstsalat und trinkt diverse Biere. Irgendwann spricht er nicht mehr über "Gäste" oder "Ausländer", sondern von "Kanaken" und "Viehzeug".

Bevor er nach Hause fährt, zeigt er mir ein paar Kabelbinder, die er in seinem Auto versteckt, sie sollen dazu dienen, Menschen zu fesseln. Ronny sagt: "Ich habe die immer dabei. Was ist denn, wenn ich mal nachts ausrücken muss, und dann stehen die vor meiner Firma?"

Er fährt mit seinem Auto eine Abkürzung durch den Wald. In Clausnitz biegt er in die Cämmerswalder Straße, vor den Häusern der Flüchtlinge bremst er und schaut sich die dunklen Fenster an. "Ah, alles schick", sagt er. Von den Flüchtlingen ist nichts zu sehen.

Als Thomas Hetze, der Heimleiter, am Grill stand, war da noch ein Freund von ihm, ein Anwalt, der in einem Ort neben Clausnitz wohnt. Er sagte: "Das ist eine entsiedelte Gegend, und es gibt viel Dummheit, und Dummheit gebiert Angst."

Aber in Clausnitz hat sich etwas anderes als Angst gezeigt, als der Bus kam, etwas, das dunkler war. Die Menschen haben nicht nur dagestanden, sie haben gebrüllt. Und ihr Gebrüll war voller Hass.

Bevor ich abreise, treffe ich mich noch einmal mit Ronny, er plaudert, spendiert Bier und sagt beim Abschied: "Fährst du gern Ski? Wenn sich das anbietet, können wir auch mal Langlauf fahren."

Was also bleibt an Erkenntnis nach einem Monat im Erzgebirge? Es gibt kein Nazidorf. Es gibt nicht den Clausnitzer, der für alle steht. Das Einzige, was alle, die ich traf, gemeinsam haben, ist, dass sie Wurst mögen.

Als Westdeutscher aus einer Großstadt denkt man gern, Fremdenhass sei ein ostdeutsches Problem. Tatsächlich registriert der neueste Jahresbericht der Bundesregierung zur Deutschen Einheit dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr als viermal so viele rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten wie im Westen. Ein Achtel aller fremdenfeindlichen Straftaten in Deutschland geschieht in Sachsen.

Dafür gibt es ein paar Gründe, die allein betrachtet nichts erklären, aber zusammen ein wenig: In Sachsen leben viele Arme auf dem Land, und die kriegen schlechte Laune, wenn sie sehen, dass ein Flüchtling 143 Euro Taschengeld im Monat bekommt. Es gibt wenige religiöse Menschen. Auch im Westen ist kaum mehr jemand religiös, aber dort existiert noch eine Vorstellung davon, wie Religion in eine Gesellschaft hineinwirken kann. Jemand, der Religion nicht begreift, fürchtet sich wahrscheinlich vor einem Muslim, der fünfmal am Tag betet. In Sachsen auf dem Land gibt es kaum Ausländer, und Menschen fürchten sich vor Dingen, die sie nicht kennen.

Clausnitz ist ein Teil Deutschlands, der verschwindet. Landwirtschaft ist hier wichtig, das Internet ist langsam, viele Bewohner kennen sich seit Generationen, man trinkt gern täglich Bier und isst gern Jagdwurst. Clausnitz ist kein typisch deutscher Ort. Er ist typisch für Deutschland, wie es einmal war, vor ziemlich langer Zeit. Und die Menschen, die hier leben, spüren das.

Die Flüchtlinge haben Clausnitz, ohne dass sie es wollten, in eine Krise gestürzt. Sie haben es in zwei Lager gespalten; das eine ist Flüchtlingen zugetan, das andere will Flüchtlinge los sein. Insofern ist Clausnitz auch sehr repräsentativ für das aktuelle Deutschland.

Michael Funke, der Bürgermeister, sagt, nach der Busnacht seien viele seiner Bürger zu ihm gekommen. "Das haben wir nicht gewollt", sollen sie gesagt haben, "was sollen wir tun?"

"Entschuldigt euch", sagte Funke, "bei euren Nachbarn und bei den Flüchtlingen."

Bisher hat das keiner getan.

In Clausnitz leben am Tag meiner Abreise in neun Wohnungen Menschen, die im Februar mit einem Bus angereist sind, auf dem "Reisegenuss" stand. Aus den Fenstern ihrer Wohnungen schauen sie auf einen Kartoffelacker.

In Clausnitz leben, zum Beispiel, drei Schwestern aus Syrien, deren Häuser in ihrer Heimat in Asche liegen.

In Clausnitz leben ein Ehepaar und seine zwei Söhne aus dem Libanon. Majdi, der Vater, ist kleinwüchsig und schwerbehindert. Sein Sohn Luai ist der Junge, den ein deutscher Polizeibeamter mithilfe eines Würgegriffs aus dem Bus holte. Luai spielt nun Fußball beim SV Clausnitz.

In Clausnitz lebt ein junges Paar aus Kandahar, Afghanistan. Die beiden sind nicht verheiratet, aber Sadia ist im sechsten Monat schwanger. In ihrer Heimat droht darauf die Steinigung durch die Taliban. Das Paar hat gerade einen Abschiebebescheid bekommen. Wenn alles nach dem Plan der Ausländerbehörde läuft, rollt bald ein Bus nach Clausnitz, um das Paar abzuholen.

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Foto: Bernhard Riedmann/ DER SPIEGEL

Takis Würger, Jahrgang 1985, studierte Ideengeschichte in Cambridge, volontierte bei der "Abendzeitung" und lernte an der Henri-Nannen-Journalistenschule. Er erlebte in den vier Wochen in Clausnitz viel Hass, aber auch viel Liebe. Die Dorfbewohner schmorten ihm Kaninchen und luden ihn zum Grillen ein. Trotzdem war der beste Tag der Recherche der Tag der Abreise.