CO2-Betrüger Sie nannten ihn Fledermaus

Jahrelang hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt, schließlich identifizierte sie den mutmaßlichen Drahtzieher eines Millionen-Steuerbetrugs in der besonders feinen Gesellschaft: Es ist ein illustrer Geschäftsmann aus London.
Beschuldigter Virdee (r.) bei der Queen

Beschuldigter Virdee (r.) bei der Queen

Foto: Sandra Rowse

Als die Etihad-Maschine aus Abu Dhabi, Flugnummer EY17, am Dienstagabend auf dem Londoner Flughafen Heathrow aufsetzte und zum Terminal 4 rollte, war die Welt für Peter Virdee noch in Ordnung. Der Brite pakistanischer Abstammung, der zum Maßanzug stets Turban trägt, verließ das Flugzeug und begab sich zur Passkontrolle. Doch dort wurde er zunächst einmal festgesetzt. Der Grund war ein Haftbefehl der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. Der Vorwurf: schwerer Steuerbetrug.

Durch betrügerischen Handel mit Umweltzertifikaten wurde der deutsche Fiskus um 850 Millionen Euro geprellt. Steuerfahndung und Bundeskriminalamt glauben, in Virdee den Drahtzieher eines solchen Umsatzsteuerkarussells identifiziert zu haben. Allein hier betrug der Schaden 125 Millionen Euro.

Virdee sei "Batman", die Fledermaus, sagten Zeugen im Ermittlungsverfahren aus, das die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft seit 2009 gegen zahlreiche Beschuldigte führt. 19 Angeklagte wurden im Prozess um den millionenschweren Steuerbetrug bereits verurteilt, darunter sechs Manager der Deutschen Bank, deren Urteile aber noch nicht rechtskräftig sind. Doch wer ist dieser "Batman"?

Der Mann mit dem Turban, ein religiöses Symbol der Sikhs, bezeichnet sich selbst als Entrepreneur und Philanthrop, er ist Gründer der Immobilienfirma B&S Property, die behauptet, ein Vermögen von rund vier Milliarden Pfund zu verwalten.

In London gehört er zum Jetset der Superreichen mit Luxuswohnung in einem der elegantesten und teuersten Stadtteile. Für Fotografen posiert er gern vor seinem Rolls-Royce Phantom und prahlt, im Bugatti Veyron die 400-Stundenkilometer-Marke durchbrochen zu haben.

Fotos zeigen ihn mit den Hollywoodschauspielern Al Pacino und Mickey Rourke, mit Popstar Rihanna und dem deutschen Profifußballer Mesut Özil. Der Queen dürfte nicht gefallen, dass es auch Bilder gibt, auf denen Virdee Ihrer Majestät die Hand reicht und mit Gemahl Prinz Philip plaudert. Die Manchester Metropolitan University ernannte Virdee zum Gastprofessor, die English National Opera nahm ihn angeblich in eines ihrer Gremien auf, ebenso die Coutts & Co Privatbank.

So funktioniert der Steuerbetrug

So funktioniert der Steuerbetrug

Foto: DER SPIEGEL

Über seine Herkunft ist wenig bekannt. Die deutschen Behörden wissen nicht einmal, ob er wirklich Peter Virdee heißt oder Hardip Singh, wie das Nummernschild seines Rolls-Royce nahelegt: 51NGH. Angeblich wuchs er in Birmingham auf, wo seine Eltern eine Baufirma betrieben.

"Ich wusste von Anfang an, dass es sich um Betrug handelte"

Die Frankfurter Ermittler haben den Engländer schon lange im Visier, doch für einen Haftbefehl reichte es erst, nachdem Mitbeschuldigte aussagten.

"Ich wusste von Anfang an, dass es sich um Betrug handelte", bekannte einer von ihnen, den sie "Prinz" nannten, Ende 2016 vor dem Frankfurter Landgericht. Wegen seines Geständnisses kam er mit einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten davon. "Ich hatte alles verloren und jede Menge Schulden", sagte er aus. Er sei dann gefragt worden, ob er beim Emissionshandel in Europa mitmachen wolle, und habe Ja gesagt.

Möglich waren diese Betrugsgeschäfte durch eine Lücke im Steuerrecht. Während der Handel innerhalb der EU von der Umsatzsteuer befreit war, wurden innerhalb Deutschlands 19 Prozent fällig. So führten die Betrüger Emissionsrechte steuerfrei nach Deutschland ein. Beim Weiterverkauf im Inland kam dann die Umsatzsteuer dazu - auf dem Papier. Die Ware schleusten sie durch nur zu diesem Zweck gegründete Firmen und führten sie dann wieder aus, wobei sich der Exporteur die nie entrichtete Steuer vom Finanzamt erstatten ließ.

Zunächst sei das Geschäft stockend angelaufen, berichtete "Prinz". Doch dann sei "Batman" ins Spiel gekommen, der offenbar über die richtigen Kontakte verfügte. Laut Aussage eines Zeugen hatte "Batman" 2009 über seine Kontakte zur Deutschen Bank dafür gesorgt, dass den betrügerischen Emissionshändlern ein direkter Ansprechpartner in deren Londoner Filiale zur Verfügung stand.

Ob die Bank schon zu diesem Zeitpunkt wusste, dass es sich bei dem Geschäftsmodell um Steuerbetrug handelt, ist unklar. Als die Londoner Regierung den Emissionshandel von der Umsatzsteuer befreite, verlagerte die Deutsche Bank den Zertifikatehandel nach Frankfurt am Main. Das mit geringen Risiken behaftete Geschäft könne ein sehr guter Ertragsbringer sein, hieß es aus der Londoner Filiale. Die Bank bekam die Zertifikate unter Börsenpreis - von dubiosen Firmen, die zuvor noch nie damit gehandelt hatten, plötzlich aber Millionenumsätze machten.

Oft war es die Deutsche Bank, die Emissionsrechte kaufte, aus Deutschland ausführte und sich die Umsatzsteuer erstatten ließ. Mitunter wurden die Zertifikate dabei gleich wieder an ihren Ursprungshändler zurückverkauft, von wo sie erneut nach Deutschland eingeführt wurden; so funktionierte das Karussell.

Während andere Geldhäuser solche Geschäfte nach kurzer Prüfung abgelehnt hatten, weil ihnen schon die Firmennamen suspekt erschienen, die Websites schnell zusammengeschustert aussahen und die Geschäftsführer ihr Geschäftsmodell nicht schlüssig erklären konnten, wurden sie bei der Deutschen Bank mit offenen Armen empfangen - Firmen, die "Lösungen 360", oder "Everstar" hießen, "First Europe Trading" und "Ripa Enterprise".

Ein weiterer Komplize mit dem Spitznamen "Banker" sorgte in der Schweiz dafür, dass die illegalen Gewinne in überseeische Steueroasen abflossen.

Geschäftsführer in Flipflops holten ihre Geschäftsunterlagen aus Plastiktüten

Der auf sein Äußeres stets bedachte Virdee habe sich darüber beschwert, so ein Zeuge, dass Geschäftsführer der Strohmann-Firmen, die ja Millionen umsetzten, mitunter in Flipflops zur Kontoeröffnung erschienen und ihre Geschäftsunterlagen aus Plastiktüten hervorkramten. Die Kontovollmachten indes nahm der "Banker" in Empfang, Mohamed F., der im Sommer zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Die enormen Steuererstattungen im Emissionshandel fielen auch der deutschen Steuerfahndung auf. Am 28. April 2010 ließ die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt Hunderte Standorte von CO²-Händlern und deren Wohnsitze in mehreren Ländern durchsuchen. Die Deutsche Bank zahlte 220 Millionen Euro zu Unrecht erstattete Steuern zurück.

Virdee sorgte dagegen bisher nur einmal für Schlagzeilen. Es ging um den Kauf des Einkaufszentrums Oriental City in der Londoner Innenstadt für 68 Millionen Pfund. Er zahlte 16 Millionen Pfund an, konnte dann aber die restliche Kaufsumme nicht mehr aufbringen.

Es war das Jahr 2008, und der Verdacht lag nahe, dass Virdee damals in finanziellen Schwierigkeiten war. Womöglich war es ihm ebenso ergangen wie seinen Komplizen, die viel Geld in den Sand gesetzt hatten, als in der boomenden Wüstenstadt Dubai eine gewaltige Immobilienblase platzte.

Heute befindet sich Virdees Geschäftssitz in einer der nobelsten Straßen Londons nahe dem Hyde Park. Einen Termin gibt es dort nur nach Absprache. Angesichts der Dringlichkeit war Mella, die Rezeptionistin, trotzdem zu einem Statement bereit: Mr Virdee sei nicht verhaftet worden. Sein deutscher Rechtsbeistand, die Kanzlei Prinz, erklärte darüber hinaus, ihr Mandant wisse nichts von einem internationalen Haftbefehl und weise alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück.

Immerhin zahlte der Brite in London eine Kaution von 150.000 Pfund, um den Flughafen wieder freien Fußes verlassen zu können. Jetzt fragen sich die deutschen Ermittler, ob es der Fledermaus gelingt, die Auslieferung nach Deutschland zu verhindern.