Colonia Dignidad Dokumente des Terrors

In der chilenischen "Colonia Dignidad" wurden jahrzehntelang Menschen gefoltert und missbraucht. Akten des Auswärtigen Amts dokumentieren das Schreckensregime - und wie deutsche Diplomaten es ignorierten.
Colonia Dignidad: Das "Heim" war in Wahrheit eine Sekte

Colonia Dignidad: Das "Heim" war in Wahrheit eine Sekte

Foto: Mario Ruiz/ dpa

Dieser Artikel stammt aus dem Archiv von SPIEGEL+. Er erschien zuerst im Juli 2016.

Der Teufel trägt Strickjacke. Eine Strickjacke mit Zopfmuster, darunter ein weißes Hemd mit langem, spitzem Kragen, so wie es in den Siebzigerjahren Mode war. Mit einem Auge blickt er in die Kamera, das andere Auge starrt seltsam abwesend, es ist aus Glas.

Das Passfoto ist mit zwei Heftklammern befestigt, der Antrag auf Ausstellung eines deutschen Reisepasses wurde handschriftlich ausgefüllt. Name: Schäfer, Vorname: Paul, geboren am 4. Dezember 1921 in Bonn, wohnhaft in Parral, Chile. Als Beruf hat Schäfer bei der deutschen Botschaft in Santiago "Heimleiter" angegeben.

Das "Heim", das Schäfer südlich von Santiago de Chile leitet, heißt "Colonia Dignidad" und ist in Wahrheit eine Sekte. Schäfer gründete sie im Jahre 1961, nachdem er aus Deutschland geflüchtet war, um sich einem Haftbefehl zu entziehen. Er hatte in Siegburg als Leiter eines Erziehungsheims minderjährige Jungen vergewaltigt.

Botschaft und Auswärtiges Amt decken Schäfers Aktivitäten

Auch in Chile dauert es nicht lange, bis erste Hinweise auftauchen, dass Schäfer sich in seiner "Kolonie der Würde" ein religiös verbrämtes Arbeitslager eingerichtet hat. Es dient vor allem der Befriedigung seiner pädophilen Neigungen. Den "leibhaftigen Teufel" nannte ihn Wolfgang Kneese. Kneese entkam 1966, damals 20 Jahre alt, als einer der Ersten der Kolonie und berichtete der deutschen Botschaft, wie er von Schäfer nach Chile entführt und jahrelang missbraucht worden war. Die Diplomaten hörten ihm zu und unternahmen - nichts.

So kann Schäfer fast 25 Jahre unbehelligt sein Unwesen treiben. Er baut die Kolonie der Würde zu einem Folterzentrum aus. Er kreiert ein System der Angst und der totalen Kontrolle, er unterhält Kontakte zum chilenischen Geheimdienst und zu den Generälen der Junta. Doch statt den erdrückenden Hinweisen auf Schäfers Terrorregime nachzugehen und sich um den Schutz deutscher Staatsbürger zu kümmern, decken die Botschaft in Santiago und das Auswärtige Amt in Bonn über Jahre die Aktivitäten der Colonia Dignidad.

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