AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Architektur Diese Häuser halten ewig

Ein Historiker hat untersucht, was Fachwerk so robust und ökologisch macht. Nun will er der mittelalterlichen Bautechnik zu einem Comeback verhelfen. Zu Recht?

Fachwerkhäuser in Freudenberg (Siegerland): "Murks der Deutschtümelei"
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Fachwerkhäuser in Freudenberg (Siegerland): "Murks der Deutschtümelei"


Der 8. Februar 1989 verändert alles im Leben von Heinrich Stiewe: Auf dem Weg zur Universität Münster legt der Student einen Zwischenstopp ein, um ein altes, verlassenes Bauernhaus zu inspizieren. Der angehende Bauhistoriker gilt unter Fachleuten damals bereits als passionierter Kenner historischer Baukunst.

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Heft 46/2017
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Doch an diesem Tag begeht er einen verhängnisvollen Fehler.

Auf dem Dachboden des westfälischen Hallenhauses lässt er für kurze Zeit alle Vorsicht außer Acht; der morsche Boden unter ihm gibt nach. Stiewe fällt knapp drei Meter tief und schlägt mit den Füßen zuerst auf. Dann spürt er seine Beine nicht mehr.

Seit diesem Tag ist Stiewe querschnittgelähmt. Aus eigener Kraft kann der Forscher, der heute im Freilichtmuseum Detmold arbeitet, die Treppen eines Fachwerkhauses nicht mehr erklimmen. Dieses Handicap hat den Mann indes nicht davon abgehalten, etliche historische Bauten in Europa persönlich zu untersuchen. Für seine Inspektionen muss er Helfer organisieren, die ihn in die oberen Etagen schleppen.

Inzwischen trage die Plackerei von Jahrzehnten Früchte, meint der Forscher. Das Fachwerk sei so gut erforscht wie nie zuvor - und erhalte unter Experten endlich die gebührende Anerkennung. "Diese Bauweise ist genial - und genial einfach", sagt Stiewe. Die Lebensqualität sei in den Domizilen aus Gebälk, Bruchstein und Lehm oft deutlich höher als in modernen Wohnsilos; die Ökobilanz der verwendeten Baustoffe falle für herkömmliche Neubauten im Vergleich verheerend aus. Zudem trotzen die elastischen Holzkonstruktionen sogar Erdbeben und Orkanen.

Auch vom "Murks der Deutschtümelei" sei die urtümliche Baukunst inzwischen befreit, meint Stiewe. Bis in die Gegenwart behaupteten Gelehrte von zweifelhafter Gesinnung, die Zimmerleute von einst hätten in der nach außen sichtbaren Ornamentik germanische Geheimbotschaften versteckt, etwa in Form von Runen. "Das ist Blödsinn", sagt Stiewe, "dafür gibt es überhaupt keinen Beleg."

Warum nur, wundert sich der Bauforscher, stehen in Deutschland Tausende von Fachwerkhäusern leer und gammeln ihrem Abriss entgegen?

Der Bauhistoriker gehört zu einer Bewegung von Heimatforschern, Geschichtskundlern und Denkmalpflegern, die der Bauweise aus dem Mittelalter zu einem zweiten Comeback verhelfen will; die erste Welle zeitgenössischer Fachwerkbegeisterung endete nach Meinung der Traditionalisten vielerorts im Desaster.

In den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts begannen neubaumüde Städter, sich für die alten Bauern- und Bürgerhäuser zu interessieren. Gemeinden und Städte hübschten die Fassaden ihrer geschichtsträchtigen Siedlungen auf und verschönerten dadurch das Erscheinungsbild ihrer Ortschaften. Ein Scheinerfolg aus Sicht jener Puristen der Gegenwart, deren Ansichten etwa in der Zeitschrift "Der Holznagel" Ausdruck finden.

Im Zuge von "katastrophalen Totalsanierungen" sei vom alten Fachwerk mitunter wenig mehr übrig geblieben als die Fassade und das stützende Holzgerippe, sagt Stiewe. "Viele Häuser, die im Originalzustand erhalten waren, wurden ihrer historischen Bausubstanz beraubt", klagt er - durch Haustüren aus Aluminium, Fenster aus Kunststoff und einem modernen Innenausbau aus Beton.

Selbst da, wo gutwillige Stadtväter die Renaissance des Fachwerks nach Kräften gefördert hätten, sei die Entwicklung von deren Nachfolgern torpediert worden. So wird die von restaurierten Fachwerkbauten dominierte Altstadt der niedersächsischen Rattenfängerstadt Hameln seit 2008 durch ein Einkaufszentrum verunstaltet, das wie ein Ufo in die Mittelalterkulisse geplumpst ist.

Im mittelfränkischen Ansbach war vor gut 30 Jahren der reichlich vorhandene Bestand an Fachwerk zur Freude der Anwohner saniert worden. Seit Ende der Neunzigerjahre lockt allerdings ein in der Nachbarschaft gelegenes Shopping-Quartier die Kundschaft, sodass die liebreizende Altstadt selbst zur Hauptgeschäftszeit einer Ödnis gleicht.

Vorbei die Zeit, als deutsche Städte in einer grassierenden Mittelaltereuphorie darum zankten, welcher Ort das älteste Fachwerkhaus beherbergt. Dabei können die Bauhistoriker inzwischen anhand der Jahresringe im verbauten Holz häufig punktgenau bestimmen, in welchem Jahr die zum Bau eines Hauses benötigten Bäume gefällt wurden. Das älteste Fachwerkhaus Deutschlands steht nach dem aktuellen Stand der Forschung in Esslingen am Neckar und wurde 1266 hochgezogen.

Gelegentlich müssen Gemeinden nun sogar peinliche Umdatierungen hinnehmen. In Göttingen etwa taxierten die Fachwerkforensiker in jüngster Zeit einen historischen Bau auf die Jahre 1425/1426, der zuvor auf das rekordverdächtige Jahr 1276 geschätzt worden war. Untersuchungen brachten ans Licht, dass in dem Haus lediglich einige Balken aus früherer Zeit erneut verbaut worden waren.

Verblüfft notieren die Historiker, dass die Technik des Fachwerkbaus offenbar bereits im Mittelalter ausgereift war. "Es gab keine Evolution hin zum Besseren. Die handwerkliche Holzbautechnik war schon am Anfang vollendet", schwärmt Stiewe.

Der Hausforscher bewohnt in seiner westfälischen Heimatgemeinde natürlich Fachwerk - ein starkes Bekenntnis angesichts der Tatsache, dass Stiewe sich in einem solchen Haus beinahe das Genick gebrochen hätte.

Im Video: Comeback des Fachwerks - Sie wurden vor mehreren Hundert Jahren gebaut - und stehen noch immer. Bauhistoriker Heinrich Stiewe erklärt, was Fachwerkhäuser so besonders - und ökologisch - macht.

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