Der SPIEGEL

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25. August 2017, 04:48 Uhr

Lahmes Internet

Deutschland offline

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Überall schnelles Internet? Gibt es demnächst in Ruanda, aber nicht in Deutschland. Wer auf dem Land lebt, ist oft abgehängt. Und der Ausbau der Netze kommt nicht voran.

Man kann die Frage, wie gut Deutschlands Internet ist, auf zweierlei Weise beantworten.

So wie Manager bei der Deutschen Telekom: Deutschland liege beim Breitbandinternet in führender Position in Europa, heißt es beim größten Telekommunikationsanbieter der Republik. Die Mobilfunknetze zählten gar "zu den schnellsten der Welt".

Oder so wie Familie Bücking, die in Oechlitz zwischen Erfurt und Halle lebt. Das Abspielen von YouTube-Videos ist dort ein Problem. Will Steffen Bücking etwas bei Amazon bestellen, muss er Geduld mitbringen, so langsam ist sein Internetanschluss. "Abends haben wir manchmal eine Chance", sagt Bücking. Reisen buchen sei "eine Katastrophe". Große Mail-Anhänge kann er zu Hause nicht herunterladen.

Deutschland ist, was das Internet angeht, ein Land der zwei Geschwindigkeiten. In Großstädten luchsen sich die Anbieter gegenseitig die Kunden ab, sie locken mit Highspeed-Tarifen, manche zahlen beim Abschluss eines neuen Vertrags sogar ein Begrüßungsgeld. Doch je ländlicher Deutschland wird, desto mehr befindet man sich auch digital in der Provinz.

Für den Wirtschaftsstandort Deutschland sind das schlechte Aussichten. Schon bald wird das mobile Internet noch wichtiger werden, es muss überall verfügbar sein.

Selbstfahrende Autos müssen in Echtzeit Informationen empfangen und senden können; Roboterarme brauchen Befehle; Herzschrittmacher oder Parkplatzsensoren verschicken Daten.

Schon heute ist der TV-Anbieter Netflix abends für 35 Prozent des Datenverkehrs in den USA verantwortlich - und die meisten Menschen nutzen Streamingdienste auch mobil. Was ist, wenn Datenbrillen an jedem Ort Zusatzinformationen für Handwerker einblenden sollen? Wenn überall Joggingschuhe, Paketdrohnen und Herzschrittmacher Informationen funken? Verkraften die Netze solche Datenmengen?

Nein, sagt Christoph Bornschein von der Digitalberatung TLGG in Berlin. "Wir sind hoffnungslos abgeschlagen und verspielen unsere Zukunft", meint er. Der Erfolg Deutschlands habe immer darin gelegen, dass es in Infrastruktur investiert habe und deshalb exzellente Bedingungen für Unternehmen herrschten. Was jetzt geschehe, sei "nur noch absurd".

Das politische Bemühen um den Breitbandausbau findet Bornschein "halbherzig und butterweich". Er zieht einen bitteren Vergleich mit - Ruanda. Das afrikanische Land, das vor 15 Jahren noch in der Demokratischen Republik Kongo Krieg führte, hat eine Mobilfunkagenda ausgerufen. Nationales Ziel ist es, bald in praktisch jedem Winkel auf das LTE-Netz zugreifen zu können. Das Industrieland Deutschland hat kein solch ehrgeiziges Ziel.

Schon jetzt kann das Netz nicht leisten, was die digitale Industrie dem Kunden verspricht. Wenn dieser sein Taxi mit dem Smartphone bezahlen will, muss der Fahrer am Zielort oft erst einmal einen Fleck suchen, an dem er eine Netzverbindung hat. Der von der Bahn versprochene Internetzugang in ICEs findet manchmal nur in Kriechgeschwindigkeit statt, und wenn der Zug durch spärlich bewohnte Landschaften rauscht, ist der Netzzugang tot.

Selbst an Flughäfen sind die Netze schnell überlastet, wenn ein Flug gestrichen wird und 150 Reisende auf einmal ihr Mobiltelefon zücken. Stellensuchende auf dem Land haben bei potenziellen Arbeitgebern schon deshalb schlechte Chancen, weil das Netz für eine immer häufiger gewünschte Videobewerbung zu langsam ist.

Welche Gefahr ein lahmes Internet volkswirtschaftlich bedeutet, hat auch die Politik erkannt. Union und SPD setzten sich 2013 ein Ziel, das damals vielleicht ambitioniert klang, heute aber hoffnungslos überholt ist. Jeder deutsche Haushalt solle bis zum Jahr 2018 über eine Internetgeschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde verfügen können. "Ein Witz", sagt Digitalexperte Bornschein. "Auf einer 50- Megabit-Leitung kann man mitunter nicht einmal anspruchsvollere Computerspiele spielen - und schon gar keine Firma betreiben."

Das Problem mit Deutschlands langer Leitung steckt in den verlegten Kabeln selbst. Deutschland ist Kupfer-Land, in fast jedem Dorf liegt ein Netz aus dem teuren Metall.

Als das Kabel vor allem dem Telefonieren diente, reichte das, im Zeitalter des Internets reicht es aber nicht. "Die relativ gute Kupferverkabelung ist ein vergiftetes Geschenk", sagt Kirsten Witte von der Bertelsmann Stiftung, die eine Studie zum Breitbandausbau vorgestellt hat. "Die Ziele der Bundesregierung wurden exakt so hoch gesteckt, dass sie mit Kupferkabelvectoring gerade noch zu erreichen sind."

Glasfaser ist Kupfer technisch überlegen. Es würde jedoch Milliarden Euro kosten, das Kupfer durch Glasfaser zu ersetzen. Stattdessen will die Telekom das alte Netz, das sie mit viel Aufwand unter die Erde gebracht hat, mithilfe einer Technik namens Vectoring aufrüsten. Die erhöht die Geschwindigkeit in den betagten Leitungen. Schon heute seien 100 Megabit pro Sekunde mit Vectoring möglich, sagt der Technikverantwortliche der Telekom, Bruno Jacobfeuerborn, das ab Mitte 2018 geplante "Super-Vectoring" erreiche sogar 250 Megabit. Aus den Leitungen ließen sich Geschwindigkeiten "bis in den Gigabit-Bereich" herausholen, behauptet Jacobfeuerborn.

Nutzer berichten dagegen von einer erhöhten Störanfälligkeit der getunten Drähte und schwankenden Geschwindigkeiten. Tatsächlich gebe es Probleme, sagen Techniker, vor allem dann, wenn Stromleitungen in der Nähe lägen.

Das schnellere Vectoring ist ohnehin nur für die letzten Meter der Kupferleitung, hinein in die Haushalte, geeignet. Auf den großen Strecken werden Glasfaserkabel benötigt. Und deren Ausbau verläuft schleppend - laut der Telekom auch wegen der Bauvorschriften. Während in Südkorea oder den USA die Lichtleiter oft oberirdisch verlegt werden, kostet hierzulande das Verbuddeln 60.000 Euro pro Kilometer - und damit viermal so viel. Auch fehlten Tiefbaukapazitäten, weil die Baufirmen so gut ausgelastet seien.

Wer dringend auf schnelle Leitungen angewiesen ist, hilft sich dann lieber selbst, wie die Spedition Dischinger im idyllisch gelegenen Ehrenkirchen am Fuße des Schwarzwalds. "Wir könnten hier nicht arbeiten, wenn wir nicht selbst in Glasfaserkabel investiert hätten", sagt Geschäftsführer Karlkristian Dischinger, der rund tausend Mitarbeiter beschäftigt. "Wir arbeiten komplett papierlos. Sobald eine Palette bewegt oder ein Anhänger geöffnet wird, geht ein Signal ein." Die Datenmenge hätte sich in den vergangenen fünf Jahren verzehnfacht, allein intern würde man fünf Terabyte Daten jeden Monat senden.

Was Dischinger nicht so einfach beheben kann: Schwächen im Mobilfunknetz. "In der Logistikbranche haben wir lieber ein Schlagloch als ein Funkloch." Lücken in der Netzabdeckung beobachten Dischingers Fahrer "eigentlich nur noch in Deutschland". Fahre man über die Berge des Schwarzwalds, habe man französisches oder Schweizer Netz, "aber oft keinen Empfang beim deutschen Anbieter", sagt er.

Die Geschwindigkeit ist nicht das einzige Problem. "LTE-Geschwindigkeit reicht für die meisten Anwendungen in der Wirtschaft aus", sagt Gerhard Giese vom Netzdienstleister Akamai. Wichtiger sei die Reaktionsgeschwindigkeit des Netzes, in der Fachsprache Latenz genannt. "Eine Verzögerung von 100 Millisekunden wird beim Abruf eines Dokuments aus der Cloud kaum wahrgenommen. Bekommt aber ein autonom fahrendes Auto einen Bremsbefehl mit Verzögerung gesendet, besteht Lebensgefahr", sagt Giese.

Beim neuen Mobilfunkstandard 5G werden Signale nahezu in Echtzeit übertragen. Auch wird es möglich sein, in mehreren virtuellen Netzwerken parallel Daten zu übertragen.

Derzeit teilen sich alle Geräte ein LTE-Signal. Künftig sind Teilbereiche möglich, etwa ein Kanal nur für sicherheitsrelevante Informationen. Die Kinder auf der Rückbank eines selbstfahrenden Autos laden also Videospiele über einen anderen Bereich des Netzes herunter als Sensoren Daten zur Verkehrslage empfangen.

Der neue Netzstandard wird allein in Europa bis zu 500 Milliarden Euro kosten. Obwohl unstrittig ist, dass der 5G-Ausbau kommen muss, ringen die Europäer noch um einen gemeinsamen Standard, während in Südkorea, Japan oder den USA Fakten geschaffen werden. Kritiker werfen Telekommunikationsunternehmen wie Politik vor, den Standard zu langsam zu etablieren. Die wehren sich mit der Aussage, dass es ja noch gar keine Anwendungen gebe, die auf ein flächendeckendes 5G-Netz angewiesen seien.

Dieses Phänomen hält Digitalberater Bornschein für ein "Henne-Ei-Problem". Man könne kein Geschäftsmodell entwickeln, wenn die Netze nicht da seien. "Vielleicht sind ja Sensoren auf Mülltonnen super, weil die Müllabfuhr nur dann kommt, wenn die Tonne meldet, dass sie voll ist. Aber das muss man ausprobieren können."

Steffen Bücking kann auf eine vernetzte Mülltonne verzichten. Ihm würde es genügen, mit seinem Finanzamt digital korrespondieren zu können. "Politiker wundern sich, warum die jungen Menschen bei uns auf dem Land verschwinden. Dabei ist das Internet das A und O." Er hat einen Weg gefunden, doch irgendwie ans Netz angeschlossen zu sein: Wichtige Dinge erledigt er vom Arbeitsplatz aus.

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