AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2017

Familiendrama Ein unerfülltes Vermächtnis

Es ist die Geschichte einer großen Liebe - mit traurigem Ende: Die Hamburger Witwe des französischen Malers Jean Miotte kämpft um ihren Ruf, ihre Eigenständigkeit und um den Nachlass ihres Mannes.

Witwe Keeser in Hamburger Klinik im April: Mit der Urne umhergereist
Bruno Schrep

Witwe Keeser in Hamburger Klinik im April: Mit der Urne umhergereist

Von Bruno Schrep


Die expressionistischen Bilder des französischen Malers Jean Miotte lösen bei vielen Betrachtern heftige Emotionen aus. "In ihnen lodert ein Feuer, das kein Wasser je löschen kann", urteilt ein New Yorker Kunstkritiker, "das Feuer der Hoffnung."

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Heft 23/2017
 

Der 2016 verstorbene Künstler hat mehr als 2000 großflächige Gemälde und Grafiken hinterlassen, wertvolle Kunstwerke, von denen ein Großteil in Lagerhallen, fernab der Öffentlichkeit, notdürftig untergestellt ist.

Bilder von Jean Miotte hängen im New Yorker Museum of Modern Art, im Musée d'Art moderne de la Ville de Paris und im Kölner Museum Ludwig. Für einzelne Werke des Malers zahlten Kunstliebhaber in den vergangenen Jahren Preise zwischen 14.000 und 18.000 Euro, die Nachfrage ist groß.

Wann wieder Bilder auf den Markt gelangen, ist indes offen. Es geht um das Vermächtnis der Malers und ein angeblich verschwundenes Testament.

Vor allem geht es jedoch um das Schicksal von Dorothea Keeser, der Witwe des Malers. Die einst in Hamburg bekannte Galeristin und Ärztin kämpft um ihren Ruf und ihre Selbstbestimmung. Sie wehrt sich gegen den Verdacht, nicht voll geschäftsfähig zu sein. Ein Schweizer Gericht hat sie unter Betreuung gestellt. Seitdem kann sie nur noch eingeschränkt über ihr Vermögen verfügen.

Der Sohn des Malers, der Londoner Rechtsanwalt Luke Miotte, hat die Maßnahmen ins Rollen gebracht. Der Advokat, Mitglied der renommierten Wirtschaftskanzlei Pinsent Masons, ist ein Nachkomme aus Jean Miottes erster Ehe.

Agaplesion-Diakonieklinikum in Hamburg-Eimsbüttel. Dorothea Keeser liegt auf der Geriatriestation, Zimmer 18. Freunde haben sie zu dem Krankenhausaufenthalt gedrängt. Es geht unter anderem um ein aktuelles Urteil über den körperlichen und geistigen Zustand der Künstlerwitwe.

Die Patientin trägt die Haare kurz geschnitten, ihre Augen blicken wachsam. Sie hat zwar nach zwei Hüftoperationen große Mühe beim Aufstehen und beim Gehen. Geistig wirkt die 72-Jährige, die fließend Englisch und Französisch spricht, jedoch ausgesprochen fit. Mühelos tippt sie auf ihrem Smartphone, verschickt E-Mails, empfängt Nachrichten. Fragen beantwortet sie klar und schlagfertig.

"Das Zimmer ist zwar schön, die Situation nicht", sagt die Patientin. Dass sie in der Schweiz ihre Eigenständigkeit verloren hat, hält sie für großes Unrecht. Dagegen werde sie kämpfen, versichert sie. Nur deshalb habe sie den medizinischen Untersuchungen in Hamburg zugestimmt.

Besuchern im Krankenzimmer zählt sie die Stationen ihres Lebens auf: Pignans in Südfrankreich, Fribourg in der Schweiz, New York, Paris, Hamburg. Und immer wieder kommt sie auf die wichtigste Person ihres Lebens zu sprechen: Jean Miotte.

Es ist die Geschichte einer großen Liebe.

Als sie den 22 Jahre älteren Maler kennenlernt, ist sie 25 Jahre alt und sofort fasziniert von dem charismatischen Mann, der so mitreißend von seiner Arbeit reden kann. Dabei hat sie von Kunst wenig Ahnung. Beim Anblick der abstrakten Gemälde denkt sie zunächst: "Was sind denn das für komische Bilder?" Doch schnell entwickelt sie Verständnis für die plakativen Farbkompositionen, dominiert von Schwarz, Blau und Rot. Für Bilder, über die der Maler selbst erklärt, sie seien "Ergebnis innerer Konflikte". Kaum jemand wird fortan seine Kunst leidenschaftlicher propagieren und gegen Kritiker verteidigen als Dorothea Keeser.

Maler Miotte vor einem seiner Werke 2012
Frank Muller/ PhotoPQR/ Nice Matin/ MaxPPP

Maler Miotte vor einem seiner Werke 2012

Sie ist selbst erfolgreich. Als sie Jean Miotte 1981 heiratet - das Paar lebte zuvor schon zwölf Jahre zusammen -, hat sie längst ihren Doktortitel in Medizin und führt in Hamburg ein von ihr gegründetes und florierendes medizinisches Labor.

Um das Werk ihres Mannes auch in Deutschland bekannter zu machen, gründet sie auch noch eine Gemäldegalerie, die bald als Geheimtipp für Liebhaber moderner Kunst gilt. "Frau Keeser hat sich total für ihre Künstler engagiert", erinnert sich Renate Kammer, die eine der ältesten Hamburger Galerien führt.

Um die Jahrtausendwende erfüllt die Ärztin ihrem Mann einen Herzenswunsch. Sie verkauft ihr Labor und ihre Galerie und finanziert dem Maler einen eigenen Tempel: das Chelsea Art Museum an der Ecke 11. Avenue und 22. Straße in New York.

Das Museum mitten im berühmten Galerienviertel entwickelt sich nach dem Urteil des New Yorker Kunstexperten Paul Anel zum "Juwel von Chelsea". "Künstler aus aller Welt ermöglichten einen kühnen Blick auf die zeitgenössische Kunst", schwärmt Anel. Es gibt nicht nur rund 60 Ausstellungen - in dem Backsteinbau feiern Brautpaare ihre Hochzeit, es gibt Jazzkonzerte und Modenschauen, Freunde aus Deutschland werden zu glanzvollen Festen eingeladen. Es ist eine erfüllte Zeit.

Miotte malt wie ein Besessener. "Manchmal schaffte er ein Bild in zwei Stunden", erzählt seine Witwe, "dann wieder brauchte er sechs Wochen." Die Zahl seiner Werke steigt auf mehr als 2000, die Preise für einzelne Gemälde klettern allmählich.

Um seinen Nachruhm zu sichern und ein Verramschen seines Erbes zu verhindern, gründete der Künstler eine Stiftung, die "Fondation Miotte". Stiftungszweck ist der Erhalt der Gemäldesammlung. Die Bilder sollen katalogisiert und weiter bekannt gemacht werden. Verkäufe sollen nur möglich sein, wenn sie zur Finanzierung des Stiftungszwecks notwendig sind. Im Stiftungsrat sitzt auch seine Ehefrau.

In einem Erbvertrag von 1999 vermacht Miotte dieser Stiftung die meisten seiner Bilder. Dem Sohn stehen unter anderem Immobilien sowie 20 Gemälde zu. Witwe Dorothea Keeser soll sich 200 Bilder aus dem Stiftungsbestand frei auswählen können.

2011 schließt das Chelsea Art Museum. Selbst das vermögende Paar kann die hohen Unterhaltskosten nicht mehr aufbringen. Die Eheleute ziehen nach Fribourg in der Schweiz, die Bilder werden in Depots untergestellt.

Anfang 2015 wird der Maler, inzwischen Ende achtzig, schwer krank. Er sitzt fast nur noch im Rollstuhl, ist auf die Hilfe seiner Ehefrau angewiesen, die damit überfordert ist. Im September 2015 kommt Jean Miotte ins Krankenhaus, er muss dreimal pro Woche zur Dialyse, wird bettlägerig.

Auf seinem Krankenlager, behauptet Dorothea Keeser, habe der Schwerkranke einen neuen Letzten Willen verfasst. In diesem Testament sei sie als Alleinerbin eingesetzt worden. Der Sohn, der den Vater tief enttäuscht habe, gehe danach leer aus. Das Papier soll jedoch unter mysteriösen Umständen verschwunden sein.

Dorothea Keeser verdächtigt den Sohn, es aus dem Tresor ihres Hauses gestohlen zu haben. Dies ist allerdings ihre bloße Vermutung. Außer ihr kann niemand die Existenz dieses Testaments bezeugen.

Weil die Eheleute immer hinfälliger werden und ihr Leben kaum noch allein meistern können, helfen Freunde und Bekannte bei der Pflege und der Haushaltsführung. Das Ehepaar soll manche dieser Helfer jedoch unverhältnismäßig hoch entlohnt haben, mit großen Bargeldbeträgen und mit Gemälden. Auf Initiative des Sohnes schaltet sich die Schweizer Justiz ein.

Im November trifft das Friedensgericht in Fribourg eine für die Eheleute schwerwiegende Entscheidung. Nach Paragraf 394 und 395 des Schweizer Zivilgesetzbuches wird für sie eine Vertretungsbeistandschaft mit Vermögensverwaltung errichtet, eine Art Betreuung. Beide können nicht mehr frei über ihr Vermögen verfügen.

"Herr Miotte war zeitweise sehr verwirrt", begründet Richterin Wanda Suter aus Fribourg ihre Entscheidung. "Er konnte nicht mehr beurteilen, was gut und schlecht für ihn war." Und Ehefrau Dorothea Keeser, laut Richterin Suter "eine großartige Frau, geistreich, gebildet, kultiviert", habe zwar phasenweise völlig klar gewirkt, dann aber erhebliche Gedächtnislücken gezeigt. "Sie konnte sich manchmal nicht erinnern, was sie zwei Tage zuvor gesagt hatte." Sie sei, gezeichnet von der Sorge um den Ehemann, sogar kurzfristig in einer Psychiatrie untergebracht worden.

Als Richterin Suter sie dort besuchte, hätten die Ärzte Zweifel an Keesers Urteilsvermögen geäußert und zur Verhängung der Beistandschaft geraten, berichtet die Juristin. Diesem Rat sei sie gefolgt. Ein ausführliches medizinisches Gutachten habe sie dazu nicht gebraucht.

Dorothea Keeser ist sich sicher, dass die Zwangsmaßnahme auf Initiative von Jean Miottes Sohn erfolgte. Auf eine entsprechende Nachfrage reagiert Luke Miotte zurückhaltend. Die Beistandschaft, schreibt der Londoner Anwalt, sei auf Anregung von Ärzten und Finanzberatern in enger Absprache mit Freunden und Helfern zustande gekommen. Ob er selbst eine Rolle spielte, ließ er offen. Und was das angebliche Sterbebett-Testament betreffe: Das Schweizer Gericht habe danach gesucht und nichts gefunden.

Richterin Suter berichtet, dass der Sohn die Behördenmaschinerie in Gang gesetzt habe, aus Sorge darüber, ob der schwer kranke Vater ausreichend gepflegt werde. Er gab damit den Startschuss zu allen folgenden gerichtlichen Maßnahmen.

Jean Miotte starb kurz nach dem Gerichtsbeschluss, fast neunzig Jahre alt, am 1. März 2016. "Diese Kränkung vergällte ihm seine letzten Tage", berichtet seine Witwe, "er hat vor Kummer kaum noch gesprochen."

Für Dorothea Keeser gilt die eingeschränkte Handlungsfähigkeit nach wie vor. Die Genfer Rechtsanwältin Laurence Bory wurde als ihr Beistand eingesetzt. Die 72-Jährige darf seitdem noch nicht einmal wissen, wie viel Geld sie besitzt.

"Dorothea Keeser hat kein Recht, ihre Bankkonten einzusehen", heißt es in einem Gerichtsbeschluss vom 29. April 2016. Dieser ermächtigt die Anwältin Bory auch, die Witwe "in allen finanziellen Angelegenheiten" zu vertreten und ihre Post zu kontrollieren.

Weil sich die Beistandschaft nicht auf die Bestimmung des Aufenthaltsortes erstreckt, verließ die Witwe nach dem Tod des Ehemanns die Schweiz, sie lebte seitdem abwechselnd im leer stehenden Atelier ihres Mannes im südfranzösischen Pignans und bei Freunden in Hamburg. Die Urne mit den sterblichen Überresten von Jean Miotte, verpackt in einen Pappkarton, nahm sie auf ihren Reisen überall mit, sie kann sich lange nicht davon trennen. Erst im Januar dieses Jahres wurde die Urne auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf beigesetzt.

Fast das gesamte Vermögen der Witwe befindet sich in der Schweiz. Zwar muss ihr Anwältin Bory laut Gerichtsbeschluss wöchentlich eine "angemessene Summe" zum Lebensunterhalt überweisen. Die Juristin soll jedoch auf dem Standpunkt stehen, dass diese Verpflichtung nur für die Schweiz gelte. Ob das stimmt, ließ sie auf eine Anfrage des SPIEGEL unbeantwortet.

"Für die Verweigerung des Unterhalts gibt es keinerlei Rechtsgrundlage", empört sich Klaus Zippel, der Hamburger Rechtsbeistand von Dorothea Keeser. Der Jurist forderte die Anwältin mehrmals vergebens auf, seiner Mandantin monatlich mindestens 2000 Euro zu überweisen, solange sie in Hamburg lebe.

Zippel argumentiert, die in der Schweiz verhängte Einschränkung der Geschäftsfähigkeit gelte in Deutschland nicht - was Richterin Suter bestreitet. "Solange Frau Keeser ihren ersten Wohnsitz in der Schweiz hat", sagt Suter, "gilt die Beistandschaft überall auf der Welt."

Anfang Mai ließ sich die Malerwitwe von Anwältin Bory überreden, zurück in die Schweiz zu reisen - gegen den Rat von Freunden und ihres Hamburger Anwalts. Sie wolle helfen, die Bilder ihres Mannes wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, erklärte sie.

Diese Bilder lagern noch immer unsortiert in verschiedenen Depots. Eine sinnvolle Einordnung nach Entstehungsdatum und künstlerischer Absicht der jeweiligen Schaffensperiode kann nur mithilfe der Witwe zustande kommen, die jedes Werk ihres Mannes genau kennt.

Anwältin Bory quartierte sie in einer Seniorenresidenz nahe Fribourg ein. Doch richtig wohl fühlt sie sich nicht. "Ich weiß nicht, was die noch mit mir vorhaben", sagt sie am Telefon. Sie fühle sich einsam und fürchte, in eine psychiatrische Klinik eingewiesen zu werden.

Ihre Hamburger Ärzte im Diakonieklinikum können nicht nachvollziehen, warum die Schweizer Justiz am Urteilsvermögen der Malerwitwe zweifelt. "Wir haben alle gängigen Tests durchgeführt", versichert einer der behandelnden Ärzte. Zwar habe man während des zweiwöchigen Aufenthalts altersbedingte Einschränkungen festgestellt, mangelnde Beweglichkeit und eine gewisse Herzschwäche.

Abgesehen von leichten Problemen mit dem Kurzzeitgedächtnis und der Orientierung sei die 72-Jährige jedoch klar im Kopf. Im Entlassungsbrief des Krankenhauses vom April 2017 heißt es deshalb: "Nach aktuellem klinischen Eindruck ist keine gesetzliche Betreuung notwendig."



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