14.12.2010

ANGELAS WELTREISEN

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel andere Länder besucht, dann reist sie nicht mit dem Touristenflugzeug. Sie fliegt im eigenen Jet, fährt im Auto über rote Ampeln - und hat stets einen Aufpasser dabei, der ihr sagt, vor welchem Mikrofon sie zu stehen hat.
ngela Merkel kommt nach hinten zu den Journalisten, nimmt das Mikrofon, und jetzt halten alle die Luft an. Die große Frage ist: Wird das Mikrofon funktionieren?
In den alten Flugzeugen der Bundeskanzlerin funktionierte es nämlich meistens nicht. Merkel möchte zu den Journalisten reden, aber nicht brüllen. Doch meistens musste sie das, weil das Mikro mal wieder streikte.
Aber jetzt hat sie ein neues Flugzeug, einen Airbus 319 CJ mit einem nagelneuen Mikrofon. Das ist natürlich nicht ihr eigenes Flugzeug, es gehört dem Staat, aber Merkel, 56, darf damit fliegen, wann immer sie es braucht.
Jetzt fliegt sie nach Bulgarien. Sie hält das Mikro in der Hand und klopft mit der anderen Hand dagegen. Nichts, das Mikro funktioniert nicht. Merkel verzieht das Gesicht, als würde sie das neue Flugzeug am liebsten wegschmeißen. Das geht natürlich nicht, weil das Flugzeug gerade fliegt, und sie ist an Bord.
Zum Glück merkt jemand, dass das Mikro nicht eingestöpselt war. Es wird eingesteckt, Merkel klopft wieder, und nun kommt ein schönes lautes Klopfen aus den Lautsprechern. Merkel kann den Journalisten erzählen, was sie von ihrer Reise nach Bulgarien erwartet.
Als sie fertig ist, fragt einer der Journalisten, warum sie ein Pflaster am linken Zeigefinger trägt. Merkel schaut auf das Pflaster und sagt, was ihr am Wochenende passiert ist. Aber sie sagt auch, dass die Journalisten nicht darüber schreiben sollen, wie bei einem Staatsgeheimnis.
So beginnt Angela Merkels Reise nach Bulgarien. So beginnt fast jede Auslandsreise der Bundeskanzlerin. Sie reist im Jahr 30- bis 40-mal ins Ausland. Sobald sie ankommt, wie jetzt in der bulgarischen Hauptstadt Sofia, wartet ein roter Teppich auf sie. Soldaten mit Fellmützen stehen Spalier. Der deutsche Botschafter in Bulgarien holt sie ab. Sie steigt in seine Limousine, und dann rast die Kolonne los.
Voraus fahren bulgarische Polizisten auf Motorrädern, dann folgen Polizeiwagen mit Blaulicht, danach kommt der Wagen, in dem die Bundeskanzlerin sitzt, dahinter die Wagen mit ihren Mitarbeitern und den Journalisten. Die ganze Kolonne besteht aus mehr als 20 Autos, die über jede rote Ampel hinwegrasen. Alle anderen Autos müssen warten.
Hinter dem Fenster sieht Merkel Sofia vorüberfliegen. Es ist das Einzige, was sie von dieser Stadt zu sehen bekommt. Sie reist nicht, wie andere Menschen, um sich etwas anzuschauen. Sie reist, um den Ministerpräsidenten und den Staatspräsidenten eines Landes zu treffen und mit ihnen politische Gespräche zu führen.
Die Kolonne stoppt vor dem Palast des Ministerpräsidenten, der Merkel abholt und in einen Konferenzraum führt. Sie reden eine Stunde miteinander. Danach geben sie eine kleine Pressekonferenz und sagen übereinander freundliche Dinge. Merkel sagt, die Beziehungen zwischen Deutschland und Bulgarien "sind sehr freundschaftlich und sehr eng". Dasselbe sagt der Ministerpräsident, nur auf Bulgarisch. Was sie wirklich miteinander besprochen haben, ist Staatsgeheimnis, so wie das Pflaster an Merkels Zeigefinger.
Man hört nur, dass es um die Grenzen ging. Bulgarien hat Probleme, seine Grenzen zu bewachen. Daher strömen viele Einwanderer unerlaubt ins Land und von dort weiter nach Deutschland. Deshalb ist dies auch ein deutsches Problem.
Merkel nimmt wieder Tempo auf. Die Bundeskanzlerin, obwohl recht klein, kann sehr schnell gehen. Das muss sie auch, weil das Programm auf einer solchen Reise vollgepackt ist. Sie hat daher immer einen Hüter der Zeit dabei. Das ist Claus Robert Krumrei, er ist der Protokollchef dieser Reise. Krumrei schaut dauernd auf die Uhr und sorgt dafür, dass die Bundeskanzlerin stets pünktlich kommt.
Er sorgt auch dafür, dass sie sich immer an den richtigen Ort stellt, zum Beispiel nicht an das rechte Rednerpult, sondern an das linke. Man könnte Herrn Krumrei mit einem Marionettenspieler vergleichen. An seinen Fäden hängt die Bundeskanzlerin, und Krumrei führt sie durch Sofia. Aber natürlich würde es Frau Merkel nicht gefallen, würde sie mit einer Marionette verglichen.
Herr Krumrei schaut wieder auf die Uhr und wird unruhig. Merkel muss weiterrasen, der Staatspräsident von Bulgarien wartet. Zwischendurch schaut sie noch auf das iPad, das ihr der Regierungssprecher Steffen Seibert nachträgt. Sie liest die Nachrichten aus Deutschland. Das ist auch eine Besonderheit einer Reise der Bundeskanzlerin. Sie denkt mehr an zu Hause als an das Land, in dem sie gerade ist. Denn in Deutschland passieren die Dinge, die Merkel die Macht kosten können, Kritik aus ihrer Partei zum Beispiel. Also will Merkel immer wissen, was in Deutschland los ist, damit sie schnell reagieren kann.
Sie trifft den Staatspräsidenten, bekommt einen bulgarischen Orden verliehen und hetzt dann weiter in ein Hotel. In einem großen Saal warten Männer und Frauen aus der bulgarischen Wirtschaft auf sie. Bei ihren Reisen setzt sich die Bundeskanzlerin auch für den Handel zwischen Deutschland und ihrem Gastland ein, damit deutsche Unternehmen Arbeit haben.
Am Abend steigt Merkel wieder in ihren neuen Airbus und fliegt weiter nach Rumänien. Ihr linker Zeigefinger, der mit dem Staatsgeheimnis, ist noch immer von einem Pflaster umwickelt. Aber den Lesern von "Dein SPIEGEL" kann man auch mal ein Staatsgeheimnis anvertrauen: Die Bundeskanzlerin hat sich beim Apfelsinenschälen in den Finger geschnitten.
Von Dirk Kurbjuweit

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