14.12.2010

VERRATENE GEHEIMNISSE

Darf man das? Die Internetseite WikiLeaks veröffentlicht Dokumente, die Politiker und Militärs lieber geheim halten wollten. Jetzt kann jeder nachlesen, was amerikanische Politiker über ihre Kollegen in der ganzen Welt wirklich denken.
WWenn amerikanische und deutsche Politiker miteinander reden, dann sind das meistens sehr angenehme Gespräche. Die beiden Länder sind befreundet, es gibt keine großen Probleme zwischen Deutschland und den USA. Aber wenn der eine Politiker über den anderen redet, dann klingt das manchmal ganz anders. Dann wird schon mal heftig gelästert. Natürlich nur, wenn der Amerikaner sich sicher ist, dass der Deutsche von den Lästereien nie etwas erfahren wird.
Normalerweise kriegt davon auch tatsächlich niemand etwas mit. Überall auf der Welt berichten amerikanische Botschafter an ihre Zentrale in Washington, was sie über die Politiker in ihren Ländern denken.
Das ist völlig normal. Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton will ja wissen, welche Pläne andere Länder haben und mit welchen Leuten sie es zu tun hat, wenn sie dorthin reist.
Nicht normal ist, dass solche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. Doch genau das ist jetzt passiert. Auf der Internetseite WikiLeaks stehen Hunderttausende Notizen, die amerikanische Botschafter an ihre Chefin geschickt hatten.
Darin steht zum Beispiel, dass der deutsche Außenminister Guido Westerwelle manchmal "aggressiv" sei und dass er noch viel lernen müsse. Kanzlerin Angela Merkel wird in den Berichten als "wenig kreativ" beschrieben. Auch viele andere deutsche Politiker kommen nicht gut weg.
Das ist peinlich: für die deutsche Regierung, weil jetzt die ganze Welt weiß, dass die Amerikaner keine so gute Meinung von ihr haben. Vor allem aber für die USA: Die Läster-Botschaften waren als vertraulich eingestuft - und nun stehen sie im Internet.
Die Frage ist: Wer verrät solche Geheimnisse und warum?
Die Internetseite WikiLeaks ist berühmt dafür, geheime Dokumente zu veröffentlichen. Sie betrachtet das als ihre Aufgabe. Einmal hat sie zum Beispiel ein sehr brutales Video online gestellt. Darin konnte man sehen, wie US-Soldaten im Irak vom Hubschrauber aus Leute erschießen, darunter zwei harmlose Journalisten. Die Amerikaner hatten das Video geheim halten wollen - niemand sollte wissen, dass ihre Soldaten so etwas tun.
Wer nicht will, dass solche üblen Dinge verborgen bleiben, kann seine Unterlagen an WikiLeaks schicken. Seinen Namen muss er dabei nicht nennen. Ein Soldat sendete beispielsweise das Video, weil er meinte, dass die Welt davon erfahren muss. Und jemand anderes schickte die Berichte der Botschafter.
Darf man das?
Wer derartige Geheimnisse verrät, macht sich strafbar. Das ist in allen Ländern der Welt so. Aber es kann trotzdem richtig sein: wenn eine Regierung einen Fehler vertuschen will zum Beispiel.
WikiLeaks gab die Berichte an die berühmtesten Zeitungen der Welt weiter, unter anderem an den SPIEGEL. Dort wurde wochenlang geprüft - etwa, ob die Unterlagen überhaupt echt sind. Und ob darin etwas steht, was man besser nicht veröffentlichen sollte.
Bei den Lästereien über deutsche Politiker ist das kein Problem. Die sind zwar nicht nett, aber am Ende doch harmlos.
Aber wenn in einer Diktatur jemand den Amerikanern etwas Kritisches über seinen Staatschef erzählt, dann will er natürlich nicht, dass seine Sätze später im Internet stehen. Er könnte dafür mit dem Tod bestraft werden. In solchen Fällen haben die Zeitschriften und WikiLeaks dann auch nichts veröffentlicht.
Die US-Regierung will ihre geheimen Unterlagen jetzt strenger bewachen. Das wird allerdings schwer: Wer früher Geheimnisse ausplaudern wollte, musste massenweise Papier kopieren und aus dem Büro schmuggeln. Heute sind die Daten alle in Computern gespeichert.
Da reicht schon ein USB-Stick.

WikiLeaks …

… ist ein Kunstwort: "Wiki" bedeutet in der Sprache von Hawaii "schnell", bekannt wurde der Begriff durch das Online-Lexikon Wikipedia. "Leak" ist Englisch und heißt Leck. Die Seite WikiLeaks veröffentlicht Unterlagen, die durch ein Leck in der Geheimhaltung zu ihr gelangt sind.
Von Ansbert Kneip

Dein SPIEGEL 1/2011
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