14.12.2010

DIE YOUTUBE- SÄNGER

Ein Schulchor aus New York stellte Videos von seinen Proben ins Internet und wurde berühmt. Die Stars sind begeistert, wenn die Jungen und Mädchen ihre Hits aufführen. Mittlerweile ist der Chor schon vor Lady Gaga und Beyoncé aufgetreten - und hat sogar für Präsident Barack Obama gesungen.
Gregg Breinberg steht in einer Ecke des Lehrerzimmers und sucht irgendwas. "Hat irgendwer meine hellgrüne Jacke gesehen?" Seine Kollegen rollen belustigt mit den Augen: Das ist mal wieder typisch für "Mr. B.", wie sie ihn alle nennen. Er ist ein bisschen durcheinander, ständig verliert er etwas. Ein echter Musiklehrer eben: sehr kreativ, aber oft auch ganz schön verwirrt.
Mr. B. leitet den Schulchor der PS-22-Grundschule im New Yorker Stadtteil Staten Island. Dieser Chor ist derzeit der bekannteste Schulchor der USA, vielleicht sogar der Welt. Und schuld daran ist Mr. B. selbst.
Vor vier Jahren hatte er ein paar Videos von Chorproben ins Internet gestellt. Eigentlich waren die nur für die Kids und deren Eltern gedacht, doch sie wurden schnell von anderen entdeckt: Die Clips liefen in Nachrichtensendungen, die Fernsehmoderatorin Oprah Winfrey stellte die jungen Sänger vor, und selbst die Band Tokio Hotel lobte den Chor in ihrem Blog. Inzwischen haben sich 25 Millionen Menschen die Videos vom PS22 Chorus auf YouTube angesehen.
Das ist ein Grund für den Erfolg: Mr. B. lässt seine Schulkinder keinen alten Kram singen, sondern moderne Hits. Das macht den Kindern sehr viel Spaß. Und ein zweiter Grund: Die Kinder sind richtig gut.
Mittlerweile bekommt Mr. B. fast täglich Anfragen. "Es ist der Wahnsinn!", sagt er. Vor ein paar Wochen bat der Schauspieler Matt Damon den Chor um einen Auftritt. Er unterstützt eine Kinderhilfsorganisation und fand, dass singende Kinder dafür am besten Reklame machen könnten. "Anschließend redete Damon noch lange mit uns und ließ sich fotografieren", erzählt Brianah, 10: "Der war gar nicht eingebildet, sondern richtig nett."
Im vergangenen Jahr trat der Chor bei einer Ehrung vor Lady Gaga und Beyoncé auf und an Weihnachten sogar für Präsident Obama und seine Familie.
"Dieses Weihnachten wird es noch hektischer", erzählt der Chorleiter: "Am Montag dürfen wir vor Olympia-Sieger Michael Phelps und dem US-Schwimmteam auftreten, dann machen wir eine Weihnachtssendung fürs Fernsehen, und zwischendurch will Kylie Minogue zwei ihrer Songs mit uns singen. Deshalb müssen wir nun proben, proben, proben."
Und das tun sie. Mindestens zweimal die Woche treffen sich die 65 Mitglieder nach Schulschluss im Musiksaal der Schule. Die eine Hälfte, die mit den ganz hohen Stimmen, in grünen T-Shirts, die etwas tiefer singenden in blauen T-Shirts, und in der Mitte, mit Pferdeschwanz, Mr. B. am Klavier oder an der Gitarre.
Aus voller Kehle johlen die Kinder "Living on a Prayer" von Bon Jovi, flüstern "Snow Angel" von Tori Amos und tanzen ausgelassen zu Katrina & The Waves' "Walking On Sunshine" - die Songs haben sie zusammen mit ihrem Lehrer ausgesucht.
Jedes Jahr bewerben sich fast alle der über 200 Fünftklässler der Schule um einen der 65 Plätze. "Wir nehmen aber nicht unbedingt die, die am besten singen können", erklärt Mr. B. das Auswahlverfahren. "Stattdessen nehmen wir viele Kinder auf, die Probleme mit dem Lernen oder ihren Mitschülern haben. Viele unserer Schüler kommen aus schwierigen Familienverhältnissen. Im Chor lernen sie, wie wichtig es ist, Gefühle zu zeigen - oder eben auch einmal zurückzuhalten. Der Chor stärkt ihr soziales Verhalten und ihr Selbstbewusstsein."
"Das stimmt!", bestätigt Ashley, 10, eines der Mädchen in Grün. "Ich war früher sehr, sehr schüchtern. Das Singen im Chor hat mich stärker gemacht. Ich bin seitdem in vielen Fächern besser geworden, und ich glaube, das geht den meisten von uns so. Früher haben sich viele gestritten, heute sind wir 65 Freunde. Selbst wenn es an meiner nächsten Schule keinen Musikunterricht mehr geben sollte, so werde ich weiter singen."
Saleem, 10, von der blauen Seite, sieht das ähnlich: "Ich konnte mir nie vorstellen, mal Musiker zu werden. Ich wollte Lastwagenfahrer werden, am liebsten am Steuer eines Eiswagens. Aber jetzt, da ich im Chor singe, möchte ich nur noch singen und Lieder schreiben. So wie Elvis."
Mr. B. ist stolz, als er das hört. "Natürlich ist es toll, Stars wie Rihanna oder Kylie zu treffen. Aber noch glücklicher bin ich, wenn die Kinder aus sich herauskommen und aufblühen."
Wenn er jetzt noch seine Jacke finden könnte, wäre sein Glück perfekt.
Von Severin Mevissen

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