14.12.2010

„EINE WELT OHNE AUTOS KANN ICH MIR NICHT VORSTELLEN

Dieter Zetsche, 57, ist der Vorstandschef von Daimler. Hier spricht er mit den Kinderreportern Malte, 12, und Elena, 10, über Umweltschutz, Radfahren und die Frage, warum Elektroautos immer noch so teuer sind.
Dein SPIEGEL: Herr Zetsche, warum hat Mercedes als Markenzeichen den Stern?
Dieter Zetsche: Gottlieb Daimler hat 1886 einen Motor in einen Kutschenwagen eingebaut, das gilt als das erste Auto mit vier Rädern. Er hat seiner Mutter eine Postkarte geschickt und geschrieben: "Guck mal auf der anderen Seite, da habe ich eingezeichnet, wo meine Werkstatt ist." Daimler hatte einen Stern in die Luft gemalt mit einem Pfeil nach unten auf seine Werkstatt. Deshalb haben wir noch heute den Stern.
Daimler ist ein Riesen-Unternehmen und Sie sind der Chef. Was tun Sie den ganzen Tag?
Ich schraube natürlich nicht direkt an den Autos herum. Meistens muss ich reden und telefonieren. Viele Menschen wollen etwas von unserem Unternehmen. Die Mitarbeiter wollen wissen, welche Autos wir entwickeln. Die Vertreter der Mitarbeiter, die Betriebsräte, wollen diskutieren, mit wie vielen Leuten und für welchen Lohn man die Autos baut. Die Aktionäre interessiert, wie sich das Unternehmen wirtschaftlich entwickelt. Vor allem aber kümmere ich mich ums Auto. Ich bin stark am Entstehen neuer Modelle beteiligt, von den ersten Ideen und Zeichnungen über die Entwicklung bis zum Verkauf.
Wenn man auf der Autobahn fährt, sieht man oft Unfälle und denkt: Leute, wieso fahrt ihr nicht langsamer? Muss man das Rasen auf der Autobahn nicht verbieten?
Unfälle sind etwas Schlimmes. In Deutschland gab es vor 40 Jahren noch mehr als 21 000 Tote jedes Jahr im Straßenverkehr, im vergangenen Jahr waren es ungefähr 4000. Das sind natürlich immer noch zu viel. Wir wollen das Auto so entwickeln, dass möglichst keine Unfälle mehr passieren. Ein Auto kann den Fahrer schon jetzt warnen, wenn er auf die Überholspur lenken will und ein Sensor merkt, dass dort schon ein anderer fährt.
Aber noch besser wäre doch, wenn alle langsamer fahren würden?
Neun von zehn Unfällen passieren bei niedrigeren Geschwindigkeiten. Auf einer nassen Fahrbahn können 80 Stundenkilometer schon zu schnell sein. Wenn es trocken ist und die Sicht frei, kann man auf der Autobahn mit 160 oder 180 absolut sicher fahren. Deshalb kommt es stärker darauf an, dass die Geschwindigkeit angepasst ist, als ein generelles Tempolimit vorzugeben.
Sie leben davon, möglichst viele Autos zu verkaufen. Für die Umwelt wäre es aber besser, wenn weniger Autos fahren würden.
Natürlich wollen wir so viele Autos verkaufen wie möglich. Aber nicht um jeden Preis. Wir sehen auch, dass es in Städten oft Staus gibt. Deshalb bieten wir in Ulm Smarts an, die man sich leihen kann. Man muss dann kein Auto besitzen, kann aber eines fahren, wenn man es braucht. In anderen Städten gibt es das bald auch. Hier in Europa wird die Zahl der Autos nicht mehr stark steigen. Aber in vielen Ländern fahren insgesamt gesehen noch relativ wenige Autos, beispielsweise in China. Dort werden die Menschen sicher in Zukunft immer mehr Autos kaufen.
Können Sie sich eine Welt ohne Autos vorstellen?
Vor 150 Jahren gab es eine autofreie Welt. Die meisten Menschen bewegten sich damals höchstens 20 Kilometer um ihren Heimatort herum. Das heißt: Du kannst dann nur in diesem Umkreis Freunde finden. Du kannst auch nur dort arbeiten. Das Leben ist sehr viel langweiliger. Das Problem des Autos ist nicht, dass es schlecht ist, sondern, dass es so gut ist. Deshalb wollen es so viele haben. Daraus können Probleme entstehen, Staus beispielsweise. Diese Probleme müssen wir lösen. Aber eine autofreie Welt kann ich mir nicht vorstellen.
Elektroautos gelten als umweltfreundlich, aber sie sind sehr teuer - warum eigentlich?
Das Teuerste am Elektroauto ist die Batterie. In ihr sind seltene Rohstoffe enthalten. Die Nachfrage nach diesen Rohstoffen wächst weltweit. Deshalb wird der Preis für die Batterie nicht so stark sinken, wie wir uns das wünschen.
Werden wir in der Zukunft trotzdem alle nur noch mit Elektroautos fahren?
Auf absehbare Zeit sehe ich das nicht. Zum einen haben wir bei den Benzin- und Dieselmotoren den Verbrauch stark gesenkt und werden ihn weiter verringern. Zum anderen haben Elektroautos auch Nachteile. Es dauert eine ganze Weile, bis die Batterie wieder geladen ist. Wie bei euren Handys, die brauchen dafür auch einige Stunden. Und dann kann man mit einem Elektroauto zwar in die Stadt und zurück fahren, aber noch nicht von Stuttgart nach Hamburg.
Warum hat Mercedes das Elektroauto nicht erfunden?
Wir haben sehr viel erfunden, das Automobil mit Verbrennungsmotor, den Airbag und vieles mehr. Das Elektroauto gibt es schon ewig. Im Jahr 1900 fuhren in New York 2000 Autos, und davon bereits 1000 Elektroautos. Weil das Benzin aber mehr als ein Jahrhundert so billig war, hatten Elektroautos keine Chance. Jetzt entwickeln alle Hersteller moderne Elektroautos, und Mercedes-Benz ist dabei mit vorn dran.
Fahren Sie auch mal Fahrrad?
Früher bin ich häufiger gefahren, als meine Kinder noch jünger waren. Wenn ich heute auf dem Fahrrad sitze, dann meistens auf einem Rad bei mir im Keller. Mit dem kommt man nicht vorwärts, aber man strampelt sich fit.
Malte: Ich finde Porsche besser als Mercedes.
Elena: Und ich den Land Rover. Welche Marke finden Sie denn toll - jetzt mal abgesehen von Mercedes?
Ich habe kürzlich in England eine Firma besucht, die auch sehr schöne und sportliche Autos baut: Aston Martin.

Dein SPIEGEL 1/2011
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