14.12.2010

ABRAHAM DER URVATER DER RELIGION

Juden, Christen und Muslime beten zum selben Gott. Sie alle berufen sich auf Abraham als Stammvater. Doch wer war der Mann, den Gott zu seinem ersten Jünger erkor?
Auf Bildern schaut Abraham immer wie ein alter Mann aus. Mal trägt er sein weißes Haar offen, mal hat er einen Gebetsschal über den Kopf gelegt, manchmal bedeckt er sein Haupt auch mit einem Turban.
Der Grund für die unterschiedlichen Darstellungen ist, dass alle drei großen Religionen Abraham als ihren Stammvater sehen. Für die Anhänger von Judentum, Christentum und Islam ist Abraham der erste Mensch, der an einen einzigen Gott glaubte. An den Gott, den etwa 3,7 Milliarden Menschen verehren.
Drei große Religionen, aber nur ein Gott. Die Juden nennen ihn Jahwe, im Islam heißt er Allah, bei den Christen Gott. Jede Religion hat eigene Regeln, wie man ihn verehren soll und wie die Menschen sich auf der Erde benehmen sollen - trotzdem haben sie sehr viel gemeinsam.
Dieser Gott verspricht ewiges Leben nach dem Tod, er duldet keine anderen Götter neben sich, er hat Propheten auf die Erde gesandt, die den Menschen von ihm erzählten. Und alle drei Religionen berufen sich auf einen gemeinsamen Urvater: Abraham.
Die Geschichte Abrahams kann man daher auch in den heiligen Büchern dieser Religionen nachlesen: in der jüdischen Tora, in der christlichen Bibel und im islamischen Koran. Abraham gilt dort als Vorfahr der drei großen Propheten: Bei den Juden ist das Mose; für die Christen ist das Jesus; im Islam, der jüngsten Religion, heißt der Prophet Mohammed.
In der Bibel steht, dass Abraham schon 75 Jahre alt ist, als Gott ihm befiehlt: "Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde." Gott meint das Heilige Land, dort, wo heute Israelis und Palästinenser leben.
Abraham tut, was ihm Gott gesagt hat. Er hofft, dass seine Frau dann endlich ein Kind bekommt, wenn er Gott gehorcht. Doch Sara wird und wird nicht schwanger. Weil Abraham unbedingt Vater werden will, zeugt er mit Saras Magd Hagar einen Sohn. Er nennt ihn Ismael ("Gott hört") - und der Ärger geht los.
Denn Gott verspricht dem Kleinen eine gro-ße Karriere: "Ich mache ihn zu einem großen Volk." Dann wird Sara doch noch schwanger. Sie nennt das Kind Isaak (verwandt mit dem hebräischen Wort "lachen"). Auch ihm verspricht Gott, dass er mal ein Volksgründer werde.
Die Juden berufen sich auf die Abstammung von Isaak. Die Muslime sehen in Ismael den wahren Erben Abrahams.
Aber hat es Abraham überhaupt gegeben? Oder ist er eine Erfindung wie der Weihnachtsmann? Was kann man wirklich wissen über einen Menschen, der vor fast 4000 Jahren gelebt haben soll? Beweise dafür gibt es nicht.
Immerhin: Es gibt einen Ort, der schon sehr lange als das Grab von Abraham bezeichnet wird. Er liegt in der palästinensischen Stadt Hebron, 30 Kilometer südlich von Jerusalem. Über dem angeblichen Grab baute König Herodes vor gut 2000 Jahren sogar ein prachtvolles Gebäude.
In Hebron sind laut der Bibel wichtige Figuren begraben: Abraham und Sara, sein Sohn Isaak mit dessen Frau Rebekka und sein Enkel Jakob mit dessen Frau Lea. In der Bibel steht, sie wurden in einer Höhle begraben. Sie hatte zwei Räume, das heißt auf Hebräisch "Machpela". Nach so einer Höhle kann man suchen.
Das ist aber schwierig: In Israel streiten Juden und Araber, wem das Land gehört - und damit auch um die heiligen Stätten.
1967 eroberten die Israelis im Krieg mit den arabischen Nachbarländern die Stadt Hebron. Danach begannen die ersten Forschungen am Grab. Die Hauptrolle dabei spielte ein Mädchen, es hieß Michal und war damals 13 Jahre alt. Heute wohnt Michal in Tel Aviv und bekommt noch immer eine Gänsehaut, wenn sie an die Nacht vom 9. zum 10. Oktober 1968 denkt.
In dem Steinboden des Gebäudes befand sich ein Loch von 28 Zentimeter Durchmesser. Nur ein Kind passte da hinein. Michal wurde mit einem dünnen Seil um den Bauch in die Tiefe hinabgelassen. "Es war sehr eng, selbst für mich, ich hatte Angst zu ersticken", erinnert sie sich. Ausgerüstet mit einem Block, Bleistift und einem Fotoapparat, schwebte Michal etwa fünf Meter nach unten, dann stand sie auf dem Boden einer Kammer.
Sie entdeckte eine kleine viereckige Öffnung, kroch hindurch und fand einen niedrigen Gang, der zu einer Steintreppe führte. 15 Stufen zählte sie, dann versperrten ihr Steine den Weg. Es gab also tatsächlich etwas unter dem alten Gebäude. Aber war das auch ein Grab?
Gefunden hatte Michal nur ein paar Zettel und Münzen. Erst 1981 entdeckten israelische Siedler die Doppelhöhle "Machpela", die in der Bibel beschrieben wird. Beweise, dass Abraham dort begraben worden ist, fanden aber auch sie nicht.
Trotzdem beten Juden und Muslime am Grabmal. Auf der einen Seite steht heute eine Synagoge, auf der anderen eine Moschee. Christen kommen als Besucher zur stillen Andacht.
Viele Gläubige aller drei Religionen beten dafür, dass die Menschen in Abraham wieder zueinanderfinden, friedlich, so wie die beiden Söhne des Urvaters. Auch Isaak und Ismael waren zerstritten, kamen aber am Grab Abrahams in Hebron wieder zusammen. Sie begruben ihren Vater gemeinsam.
Von Dieter Bednarz und Christoph Schult

Dein SPIEGEL 1/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


Dein SPIEGEL 1/2011
Titelbild
Abo-Angebote

Dein SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Dokumentarfilm "Warsaw - A City Divided": Bisher unbekannte Filmaufnahmen aus dem Warschauer Ghetto
  • Weltraumschrott: Aufräumen in der Umlaufbahn
  • Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Webvideos der Woche: Einfach umgedreht