14.12.2010

DER EWIGE HASS IM HEILIGEN LAND

In Israel bekämpfen sich Juden und Palästinenser. Warum gibt es im Land der Heiligen Schrift keinen Frieden?
Ahmed hat Angst. Er ist elf Jahre alt, er wäre so gern mutig, aber es gelingt ihm nicht immer. Vor ein paar Tagen liefen ein paar Männer vor dem Haus seiner Eltern herum, sie trugen Waffen bei sich.
Ahmed kennt diese Leute. Sie wohnen in der Nachbarschaft und hatten schon einmal seinen Bruder mit Steinen beworfen, bis er blutete. Also traut sich Ahmed erst einmal nicht hinaus. "Da bin ich lieber vorsichtig", sagt er.
Die Männer, vor denen Ahmed Angst hat, kommen aus Israel. Sie haben sich in der Stadt Hebron niedergelassen. Sie glauben, dass diese Stadt eigentlich ihrem Volk gehöre und dass sie das Recht hätten, hier Häuser zu bauen.
Ahmed und seine Familie finden das nicht. Sie sagen, Hebron gehöre ihrem Volk, den Palästinensern. Und dass die Israelis hier nichts zu suchen hätten. Aber wer hat recht?
40 Kilometer von Hebron entfernt liegt die Stadt Jerusalem. Dort wohnt das Mädchen Einav, es ist neun Jahre alt. Und wenn Einav Israelis mit Waffen sieht, dann geht es ihr ganz anders als Ahmed. Sie fühlt sich dann nicht bedroht, für sie ist das völlig normal.
Von den Gebieten, in denen die Palästinenser leben, fliegen manchmal Raketen auf israelische Orte. In den vergangenen Jahren gab es in Jerusalem und anderen israelischen Städten immer wieder Anschläge. Die Attentäter waren meistens Palästinenser.
Deswegen hat auch Einavs Schule extra einen "Guard". Einen Mann, der Menschen, die er nicht kennt, bittet, ihre Tasche zu öffnen, damit er sicher sein kann, dass sie keine Waffe bei sich tragen. Und wenn in der Stadt an einer Bushaltestelle irgendwo ein Rucksack rumsteht, kommt die Polizei: In dem Rucksack könnte vielleicht eine Bombe ticken.
Einav und Ahmed werden sich wahrscheinlich nie begegnen. Obwohl sie gar nicht so weit voneinander entfernt wohnen, liegen Welten zwischen ihnen. Einav ist Jüdin, so wie die meisten Israelis. Ahmed ist Muslim, so wie fast alle Palästinenser, nur wenige von ihnen sind Christen. Beide Völker trauen sich nicht über den Weg.
Das Gebiet, in dem die beiden Kinder wohnen, nennt man das "Heilige Land". Hier spielen die Geschichten aus der Bibel, hier stehen die großen Heiligtümer der Religionen. Israel ist das "Gelobte Land", das Gott einst den Juden gegeben hat. So steht es in der Heiligen Schrift. Aber das ist auch schon rund 4000 Jahre her.
Vor etwa 2000 Jahren zerstörten die Römer den jüdischen Tempel in Jerusalem. Das Israel von damals gab es danach nicht mehr, die Juden zerstreuten sich in fast alle Länder der Welt.
1948, nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde der Staat Israel neu gegründet, viele Juden zogen in ihre neue Heimat. Allerdings lebten dort längst andere Menschen, die Palästinenser zum Beispiel. Und die arabischen Staaten nebenan wollten ebenfalls keinen jüdischen Staat als Nachbarn.
Ein paarmal gab es Krieg zwischen Israel und seinen Nachbarn. Israel ist sehr klein, 17-mal kleiner als Deutschland. Aber es hat eine sehr starke Armee. Es gehört zu den wenigen Ländern, in denen auch Frauen Soldat werden müssen. Wenn Einav erwachsen ist, wird auch sie eine Waffe tragen.
In den Kriegen hat Israel immer wieder Land von den Nachbarn eingenommen, zum Beispiel die Stadt Hebron. Die Palästinenser sind dort zwar in der Mehrheit, aber sie dürfen nicht über alles bestimmen. Um alle Palästinenser-Gebiete gibt es Mauern und Zäune.
Die Israelis sagen, dass sie sich dadurch vor Terroristen schützten. Die Palästinenser fühlen sich unterdrückt. Es gibt in ihren Gebieten nur wenig Arbeit, deshalb ist Ahmeds Familie auch ziemlich arm.
Viele Politiker arbeiten daran, dass endlich Frieden im Heiligen Land einkehrt. Aber wie könnte der aussehen?
Ein Vorschlag ist, das Land in zwei Staaten zu teilen. Dann gäbe es Palästina und Israel. Das klingt einfach, ist aber schwierig: Israel verlangt eine Garantie, dass es nicht von Palästina angegriffen wird. Und die Palästinenser möchten, dass keine jüdischen Siedlungen mehr auf ihrem Land gebaut werden. Aber keiner von beiden will den ersten Schritt machen.
Vielleicht liegt da ja die Lösung: Einav, das israelische Mädchen, besucht in Jerusalem eine besondere Schule. Hier lernen auch palästinensische Kinder Mathematik, Biologie und Geschichte. Und die Israelis lernen Arabisch, die Sprache der Palästinenser, und die Palästinenser die Sprache der Israelis: Hebräisch. So lernt die eine Seite die andere besser kennen.
Einav hofft, dass bald keine Waffen mehr nötig sind und sie nicht Soldat zu werden braucht: "Denn eines will ich einfach niemals tun müssen: gegen meine Freunde kämpfen."
Von Felix Rettberg

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