AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2017

Interne Dokumente zu HSV-Finanzlage "...haben wir definitiv ein Riesenproblem"

Der HSV hat einen Milliardär als Mäzen - trotzdem steht er finanziell vor dem Abgrund. Interne Dokumente zeigen, wie ernst die Lage ist.

 HSV-Spieler (weißes Trikot) am vergangenen Dienstag im Spiel gegen Eintracht Frankfurt
Timgroothuis / Witters

HSV-Spieler (weißes Trikot) am vergangenen Dienstag im Spiel gegen Eintracht Frankfurt

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Zwei Monate vor Beginn der Bundesligasaison im Sommer 2016 ist die Stimmung in der Geschäftsstelle des Hamburger SV im Keller. Leitende Angestellte erhalten eine Mail vom Klubvorstand: "Liebe Kollegen", Sonderzahlungen bei "der Geburt des Kindes sowie einer Heirat" seien ab sofort gestrichen. Gratifikationen zu Dienstjubiläen würden "durch zusätzlichen Sonderurlaub ersetzt".

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Heft 51/2017
Wenn die Sehnsucht nach einem Baby zum Drama wird

Außerdem: Bei Geburtstagen werden künftig keine Blumen, sondern nur noch 20-Euro-Gutscheine für den Fanshop verschenkt.

"Vielen Dank und viele Grüße."

Nie wurde im Profifußball mehr Geld verdient als in den vergangenen Jahren. Die Stadien der Bundesligisten sind meist rappelvoll. Sponsoren und TV-Sender bezahlen Milliarden Euro für Werbe- und Übertragungsrechte. Selbst Provinzvereine wie der FC Augsburg melden regelmäßig neue Millionengewinne.

Beim HSV müssen Blumensträuße für Geburtstage eingespart werden.

Vor zwei Monaten verkündete der HSV-Finanzvorstand Frank Wettstein den aktuellen Stand der Verbindlichkeiten des Traditionsvereins: 105 Millionen Euro - so viel wie noch nie. Wie konnte es so weit kommen, was ist schiefgelaufen in Hamburg? Ist so ein Sanierungsfall noch zu retten?

Der SPIEGEL hat interne Mails und Verträge ausgewertet, die einen Blick in den Maschinenraum des Klubs erlauben. Die Dokumente stammen aus einem Datenpaket der Enthüllungsplattform Football Leaks. Sie erzählen die Geschichte eines Vereins, der selbst beim Porto sparen muss - und der trotzdem immer wieder an der eigenen Maßlosigkeit scheitert.

Die Geschäftsstelle des HSV liegt im Bauch des Volksparkstadions. Im Juli 2016, kurz nach Verkündung der Sparmaßnahmen für die HSV-Mitarbeiter, klebt Klubchef Dietmar Beiersdorfer am Telefon, er kauft Spieler für die neue Saison ein.

Das Geld dafür kommt von dem Unternehmer Klaus-Michael Kühne. Der Milliardär hat seit 2010 über 110 Millionen Euro in seinen Herzensverein gesteckt und den HSV so am Leben gehalten.

Im Juni 2016 hatten der Klub und der Mäzen eine weitere Vereinbarung getroffen, in der sich Kühne bereit erklärt, bis 2019 jährlich 25 bis 35 Millionen Euro für Spielertransfers zur Verfügung zu stellen. Sein HSV soll endlich wieder ein deutscher Topklub werden. Der Verein garantiert Kühne eine Sonderverzinsung, sollten die Finanzspritzen tatsächlich sportlichen Erfolg bringen: 125000 Euro, wenn der HSV einen einstelligen Tabellenplatz erreicht. Eine Million im Falle des Gewinns der deutschen Meisterschaft.

HSV-Idol Seeler 2016: Dem Jubilar den Geburtstag verdorben
Valeria Witters / Witters

HSV-Idol Seeler 2016: Dem Jubilar den Geburtstag verdorben

Beiersdorfer verhandelt mit Mittelfeldspieler Filip Kostic vom VfB Stuttgart. Die Ablöse, 14,2 Millionen Euro, wird Mäzen Kühne übernehmen. Allerdings warnt Finanzvorstand Wettstein vor den Nebenkosten. In einer Aufsichtsratssitzung merkt er an, "dass der Spieler den Gehaltsempfängern der höchsten Kategorie zuzurechnen ist".

Egal. Kostic kommt zum HSV.

Beiersdorfer hat auch den Stürmer Bobby Wood von Union Berlin auf der Liste. Bereits im April 2016 war der Spieler in der HSV-Geschäftsstelle ein Thema. "Ich weiß nur, dass der komplett zerballerte Knie haben soll", schreibt ein Mitarbeiter. Eine Kollegin antwortet: "Was?! Bitte nicht! Dachte aber das wir inzwischen gesagt haben, der sei zu teuer."

Beiersdorfer nicht. Union bekommt vier Millionen Euro für Wood. 2017 wird der Spieler mehrfach mit Knieproblemen ausfallen.

In einer Aufsichtsratssitzung im Mai sprechen die Bosse über den Problemspieler Emir Spahic: Der Bosnier, der in Leverkusen schon einen Ordner verprügelt hatte, habe auch in Hamburg kritische "Vorfälle" ausgelöst, die "in die Mannschaft ausstrahlen". Aber: Ein Ersatz für den Innenverteidiger sei zu teuer. Deswegen wird Spahics Vertrag verlängert. Sieben Monate später geht es doch nicht mehr: Der HSV suspendiert Spahic und löst seinen Vertrag für eine Abfindung von 750000 Euro auf.

Die Profis sind für Bundesligavereine wie Maschinen für ein Industrieunternehmen: Investitionen. Und von den Besten, die auf dem Markt sind, verspricht man sich das beste Ergebnis - sportlich und wirtschaftlich.

Beiersdorfer kauft weiter ein, den brasilianischen Verteidiger Douglas Santos von Atlético Mineiro für 7,65 Millionen, den Mittelfeldspieler Alen Halilovi vom FC Barcelona für 5 Millionen Euro. Im Fall Halilovi ändert sich die Summe kurz vor Vollzug noch: Das Honorar für den Spielerberater Volker Struth "kommt noch dazu", heißt es in einer Mail.

Struth, Chef der Spieleragentur Sportstotal, ist beim HSV bereits seit Monaten ein heißes Thema. Kühne lässt sich von dem Agenten aus Köln beraten. Struth soll "mit seinem Netzwerk und seiner Marktexpertise bei der Suche und Bewertung von Profifußballspielern" helfen und Bedarfsanalysen erstellen. Offenbar vertraut Kühne nicht der Kompetenz der sportlichen Leitung des HSV.

Der Verein nimmt die Personalie Struth hin. Man will es sich nicht mit dem Gönner verscherzen.

In einer Vereinbarung mit Kühne wird festgelegt, dass der Klub "die Vorschläge des Beraters gewissenhaft prüfen" werde. Die finalen Entscheidungen über Spielerkäufe würden jedoch "allein dem HSV" obliegen.

Trotzdem ist man in der Klubzentrale genervt: einerseits über "sehr undifferenzierte" Kommentare zum HSV von Reiner Calmund, einem weiteren Kühne-Vertrauten. Andererseits über die bissige Berichterstattung der Medien. Sich über den HSV "lustig zu machen" sei inzwischen sogar "beim 'Hamburger Abendblatt' angesagt", heißt es in einer internen Notiz.

An einem Donnerstag Anfang Dezember 2017 hat es sich Frank Wettstein an einem langen Holztisch in einer Loge des Volksparkstadions bequem gemacht. Im Rücken des Finanzchefs strahlt die Vergangenheit des HSV auf einem Foto, das von einer Lichtleiste in Szene gesetzt wird: "Der größte Moment der Vereinsgeschichte. Das 1:0 von Felix Magath im Europacup-Endspiel 1983 in Athen" steht darüber. Vor Wettstein spielt sich die düstere Gegenwart ab: Im Schneeregen unten auf dem Rasen bereitet sich das Profiteam im leeren Stadion auf das Spiel gegen Wolfsburg vor.

Wettstein, lichte, graue Haare und eine feine Hornbrille, kennt die finanzielle Lage des Klubs wie kein anderer. Er spricht mit leicht rheinischem Akzent, weshalb selbst die schlechtesten Zahlen irgendwie unbedenklich klingen.

Der Finanzchef sagt, im Prinzip sei es gar nicht so schwer, einen Fußballverein zu sanieren. Wettstein hat eine Ausbildung bei der Deutschen Bank absolviert und Betriebswirtschaftslehre studiert. Er arbeitete als Wirtschaftsprüfer und kam als Berater für Alemannia Aachen ins Fußballgeschäft. 2005 half er, den Konkurs von Borussia Dortmund abzuwenden. Das gelang unter anderem durch die Reduzierung der Kaderkosten. So könnte es auch beim HSV funktionieren, für den er seit drei Jahren tätig ist. Könnte.

In der Saison 2016/17 verfolgt der Klub einen anderen Plan. Der sieht vor, mit einer verbesserten Mannschaft Rang acht in der Tabelle zu erreichen, dadurch mehr Geld aus der TV-Vermarktung zu erzielen und damit die wegen der vielen Neuzugänge erhöhten Kaderkosten wieder einzuspielen.

Guter Plan?

Wettstein lehnt sich in seinem Stuhl zurück und sagt: "Heute wissen wir, dass er leider nicht aufgegangen ist."

Nach dem kümmerlichen 1:1 im Saisonauftaktspiel gegen Ingolstadt verliert der HSV im September und Oktober 2016 fünf Bundesligapartien hintereinander. Halilovi, der angebliche Mini-Messi aus Barcelona, sitzt immer öfter auf der Bank. Nach sechs Spieltagen stehen die Hamburger auf dem letzten Tabellenplatz. Trainer Bruno Labbadia wird entlassen, es übernimmt Markus Gisdol.

Der Schwabe ist der achte Trainer in drei Jahren beim HSV. Sein Gehalt ist für die explodierende Branche eher moderat, 110000 Euro im Monat, aber weiterlaufende Gehaltszahlungen an Labbadia reißen ein Loch in den Finanzplan.

Wettstein drängt auf eine neue Sparrunde. Ein Papier mit dem Titel "Kostensenkungsprogramm 2016" entsteht. Auf mehreren Seiten werden Dutzende möglicher Sparmaßnahmen aufgelistet, die alle Abteilungen des Klubs betreffen, außer der Profiabteilung, und deren Für und Wider debattiert.

Es wird angedacht, die Rasenheizung herunterzufahren, um Energiekosten abzusenken. Das Risiko: "Verschlechterung der Rasenqualität, sollte ein starker Winter kommen, haben wir definitiv ein Riesenproblem." Die "Clubanzüge für Geschäftsstellenmitarbeiter" sollen abgeschafft werden. Es wird erwogen, Teilnehmern an der HSV-Fußballschule nicht mehr zwei, sondern nur noch ein Trikot zu überlassen. "Das 2. Shirt könnte künftig komplett wegfallen, bzw. durch eine billige Regenjacke 'made in China' ersetzt werden."

HSV-Vorstände Bruchhagen, Wettstein Ritt durch die Hölle
Valeria Witters / Witters

HSV-Vorstände Bruchhagen, Wettstein Ritt durch die Hölle

Ein weiterer Vorschlag: den "Deal" mit einer Firma, die Weine und Sekt für die VIP-Logen im Volksparkstadion liefert, nicht zu verlängern. Folge: "Kein Wein & Sekt = schlechteres Angebot im VIP-Bereich, höhere Unzufriedenheit + höhere Kündigungsquote."

Hostessen sollen eingespart werden. Die pompöse HSV-Weihnachtsfeier landet auf der Liste. Künftig solle es nur noch eine "Low-Budget-Variante" geben. Mögliches Risiko: "Unmut in der Mitarbeiterschaft".

Ein Profifußballverein ist ein kompliziertes Gebilde. Es prallen dort zwei Welten aufeinander. In der Geschäftsstelle versuchen die Ökonomen, die Zahlenmenschen, den Klub nach betriebswirtschaftlichen Regeln zu führen. Draußen auf dem Trainingsgelände agieren die Fußballer, die es gewohnt sind, viel Geld zu verdienen. Und die Fußballmanager, die für einen Transfer oder eine Vertragsverlängerung Millionen verpulvern.

Es gibt Vereine, in denen die beiden Welten in einer gesunden Balance zueinander stehen. Beim HSV klappt das schon seit Jahren nicht mehr.

2016 beschäftigt der Klub einen "Torwarttrainer-Koordinator" für die Jugendmannschaften, der 144000 Euro im Jahr verdient. Ein leitender Angestellter im HSV-Nachwuchszentrum kassiert 375000 Euro - mehr als die Kanzlerin.

Im August 2016, kurz nachdem der Vorstand Blumengeschenke für Angestellte der Geschäftsstelle gestrichen hat, bestellt der Talentmanager des HSV einen neuen Firmenwagen, einen Audi Q3. Das Gefährt kostet 52000 Euro, die Leasingrate wird auf 375 Euro taxiert. "Darf er das???", fragt eine Mitarbeiterin in einer Mail. Antwort: Der Vorgang sei mit den Chefs abgesprochen. Haken dran.

Frank Wettstein sagt, in den vergangenen Jahren sei es hinter den Kulissen beim HSV manchmal nicht so lustig zugegangen. Wenn Sekretärinnen Heftklammern einsparen sollen, dann stießen solche Maßnahmen erst mal auf Verständnis. Wenn dann aber die sündteuren Profis bei Auswärtsspielen in teuren Hotels untergebracht werden, damit sie gut ausgeruht sind für das anstehende Match, und wenn diese Spieler dann doch wieder nur eine miserable Leistung abliefern, verlieren, dann werde auch die besonnenste Kollegin irgendwann mal stinkig.

Im September 2016 fasst die Finanzabteilung des HSV die wirtschaftliche Situation in nüchternen Worten zusammen. In einem Budgetentwurf für die Saison 2016/17 steht, dass "die zahlreichen Neuverpflichtungen - (insbesondere Kosti, Halilovi, Santos etc.) - mit bekannten weiteren Personalaufwendungen einhergehen, die bislang nicht durch entsprechende Abgänge kompensiert wurden".

Allein die Kosten für Versicherungen haben sich durch die neuen Spieler um 124000 Euro erhöht.

Der HSV-Kader umfasst in der Saison 2016/17 31 Spieler. In der Analyse der Finanzabteilung heißt es: Die Personalkosten haben sich von "prognostizierten" 42 Millionen Euro auf 51,35 Millionen erhöht.

Durch Transfers im Winter könnten Personalkosten eingespart werden, aber: "Das abgelaufene Transferfenster zeigte bestimmte Schwierigkeiten auf der Nachfrageseite im Zusammenhang mit unserem Spielerportfolio." Anders ausgedrückt: Aussortierte HSV-Profis sind sehr oft Ladenhüter.

Im November wird in der Klubzentrale der Kostensenkungsplan 2016 spezifiziert. Es wird festgelegt, wie viel Geld durch jede einzelne Maßnahme eingespart werden könnte.

"Reduzierung Werbemittel" - 500 Euro. "Streichen der Auswärtsfahrt für Ehrenamtliche" - 1000 Euro. Streichung von Hostessen: 25800 Euro. Insgesamt umfasst der Katalog 64 Maßnahmen, die rund 1,5 Millionen Euro bringen könnten.

In etwa der Betrag, den der HSV noch an Labbadia bezahlen muss.

Frank Wettstein hat nichts dagegen, dass Spieler Millionen kosten, dass Fußballer viel Geld verdienen. Er findet es in Ordnung, dass das HSV-Team nicht mit der Bahn, sondern mit einem Charterflugzeug zum Auswärtsspiel nach Leipzig reist, damit der Mannschaft Reisestrapazen erspart bleiben. Er findet es in Ordnung, dass die Spieler in Luxushotels logieren, damit sie gut schlafen - wenn damit die Leistung auch nur um Bruchteile besser wird.

Profifußball ist eine Wette auf die Zukunft. Wenn die Mannschaft am Ende gewinnt, dann ist alles gut. Der HSV hat den achthöchsten Spieleretat der Liga.

Leider gewinne der HSV dennoch nicht oft genug, sagt Wettstein.

Am 5. November 2016 steht für den HSV ein besonderes Ereignis an: Uwe Seeler wird 80 Jahre alt. Der Verein hatte allerlei geplant für den Jubilar, wie aus einer internen Kalkulation hervorgeht: eine Spende in Höhe von 80000 Euro für die Uwe-Seeler-Stiftung, ein Essen im Fischereihafen Restaurant, eine Ausstellung im HSV-Museum (1500 Euro), für ein Geschenk werden 200 Euro veranschlagt.

Insgesamt wird, laut der Aufstellung, mit Kosten von 159000 Euro für den Geburtstag geplant. Allerdings: Mit Merchandising-Maßnahmen rund um den Festtag sollen rund 188000 Euro eingenommen werden. Damit könnte ein Gewinn von fast 29000 Euro abfallen.

"Uns Uwe" ist für den HSV offenbar immer noch eine Bank.

Umgekehrt ist das leider nicht der Fall. An seinem Geburtstag guckt sich Seeler im Volksparkstadion die Partie des HSV gegen Borussia Dortmund an. Es setzt eine 2:5-Niederlage. Er trottet enttäuscht aus der Arena. Die Zeitungen schreiben, die Spieler hätten der Ikone den Geburtstag verdorben.

Im Dezember 2016 wird Klubchef Beiersdorfer kurz vor Weihnachten entlassen. Es wird eine Abfindung fällig, zudem stellt sein Nachfolger Heribert Bruchhagen einen Sportchef ein, den ehemaligen Profifußballer Jens Todt.

Der ist mit einigen Punkten seines Vertrags nicht einverstanden. "Es war vereinbart, dass nicht nur im Falle des Klassenerhaltes, sondern auch im Falle eines etwaigen Aufstieges in die BL eine Prämie in Höhe von 200 TE ausgezahlt wird", schreibt Todt in einer Mail. Der Vertrag wird ergänzt um eine Prämie von 100000 Euro bei Klassenerhalt im Jahr 2019 und um eine mögliche "Wiederaufstiegsprämie" von 200000 Euro für 2018 sowie 100000 Euro für das Jahr 2019.

Die HSV-Angestellten werden derweil von neuen Maßnahmen in Kenntnis gesetzt. "Hallo Zusammen", heißt es in einer Mail kurz nach Silvester, "auf Bitten der Finanzabteilung, die sich zum Ziel gesetzt hat, alle Bargeldströme im Hause zu hinterfragen und zu minimieren, muss die Abwicklung privater Post über die Portokasse abgeschafft werden."

Man ist jetzt bei den ganz kleinen Dingen angekommen. Aber wirklich besser geht es dem HSV deshalb nicht.

Am 12. Januar schreibt Wettstein an einen Kollegen, dass er für den Aufsichtsrat eine "aktualisierte Hochrechnung" über die Liquidität des HSV benötige. Der Mitarbeiter schickt diese am Abend raus. Seine Einschätzung: "Nach aktuellem Stand kommen wir mit der Liquidität bis Mitte März. Wenn du dir die Planung bis Ende der Spielzeit anschaust, erreichen wir zwischen Ende Mai und Mitte Juni 2017 einen Liquiditätsstand von Minus 18 bis Minus 19 Millionen Euro."

Die Gründe: Immer noch warte der HSV auf eine "überfällige Transfernachzahlung". Im Merchandising habe der Umsatz im Dezember 2016 etwa 320000 Euro unter dem des Vorjahres gelegen. Logen und Business-Sitze seien "deutlich unter Plan" verkauft worden. Gehe es so weiter, würden dem HSV knapp eine Million Euro fehlen. Neuverpflichtungen in der Winterpause wie der Innenverteidiger Mergim Mavraj und der Trainerwechsel würden die Personalkosten beim Profiteam weiter erhöhen - auf gut 52 Millionen Euro.

Die Bundesligarückrunde wird für den HSV ein Ritt durch die Hölle. Erst am letzten Spieltag gelingt dem Klub mit einem Sieg im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg der Sprung vom Relegationsplatz auf Rang 14.

In der Finanzabteilung hatte man schon den Abstieg in die zweite Liga kalkuliert. Es existiert eine Liste, in der allein die Einbußen für die einzelnen VIP-Logen hochgerechnet wurden. Hinter fast jeder Summe steht: "-20 Prozent".

Jedes Mal vor Beginn einer neuen Bundesligasaison hoffen die Fans des HSV, dass es endlich mal wieder besser laufen wird - aber meistens läuft es dann doch nicht besser. Auch in dieser Spielzeit scheint der Klub wieder gegen den Abstieg kämpfen zu müssen.

Der HSV hat vor der aktuellen Saison versucht, einige Spieler loszuwerden. Die meisten gingen ablösefrei oder wurden verliehen. Der größte Transfererfolg, Michael Gregoritsch, kommt derzeit beim FC Augsburg groß heraus.

Die Hauptversammlung des Vereins musste verschoben werden, nachdem Mäzen Kühne gegen die Zusammensetzung des Aufsichtsrats gestänkert hatte. Es tobt ein Machtkampf.

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Wie geht es dem HSV? "Die 105 Millionen Euro Verbindlichkeiten sind nicht das Hauptproblem", sagt Frank Wettstein. 18 Millionen davon fallen bald weg, weil Kühne auf die vollständige Rückzahlung seiner Darlehen verzichtet. Glück für den HSV.

Den verbleibenden Schulden stünden der Wert des Stadions gegenüber und das Eigenkapital, das in erster Linie durch den Verkauf von Vereinsanteilen, natürlich an Kühne, gesteigert wurde.

Das Problem des HSV besteht darin, dass er seinen Spieleretat niemals auf realistische Ziele angepasst hat. Bundesligaspitze, Europacup, so etwas wie 1983 in Athen - diese Sehnsucht knebelt den Verein.

Vor knapp zwei Jahren hat der HSV ein Leitbild für sich formuliert. Der Verein wollte sich nach Jahren der Misserfolge und Missgeschicke offenbar neu kalibrieren. In der Präambel steht: "Wir sind immer erstklassig. Wir sind klar wie die Raute. Wir sind der HSV."

Aber genauso wie Werder Bremen, der 1. FC Köln oder der VfB Stuttgart, alles Größen aus der Vergangenheit, gehört der HSV inzwischen zu den abgehängten Klubs des Spitzenfußballs.

Das meiste Geld wird schon seit einigen Jahren in der Champions League verdient. Weil die Hamburger zuletzt die Qualifikation nicht geschafft haben, holten sich andere Vereine das Geld ab: Borussia Dortmund, Schalke 04, Bayer Leverkusen, jetzt RasenBallsport Leipzig. Und natürlich der allen enteilte FC Bayern München.

Während die Hamburger in den vergangenen elf Jahren 27 Millionen Euro an Prämien im Europapokal verdient haben, nahmen die Münchner 464 Millionen Euro ein. Und die Schere zwischen den Besserverdienern und dem HSV wird mit jedem Jahr größer.

Ein Talent wie den 17-jährigen Stürmer Jann-Fiete Arp zu halten, dessen Vertrag im Sommer 2019 ausläuft, wird schwer sein, wenn nicht wieder ein Mäzen wie Kühne einspringt.

Im Leitbild des HSV heißt es: "Unser sportliches Ziel ist die Etablierung unter den fünf besten Mannschaften in Deutschland und eine ständige Teilnahme an internationalen Wettbewerben."

Finanzchef Wettstein, der Herr der Zahlen, sagt, wenn alles normal laufe, werde der HSV auch in den nächsten zehn Jahren nicht in der Champions League spielen.



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