AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2017

Kalifornischer Schweinswal Das tragische Ende einer Art

Weniger als 30 Kalifornische Schweinswale gibt es auf der Welt. In Mexiko ist eine dramatische Rettungsaktion jetzt gescheitert - war es das?

Im Fischernetz ertrunkene Vaquita
Flip Nicklin

Im Fischernetz ertrunkene Vaquita

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Der Gipsdelfin auf dem Steg sieht mitgenommen aus. Die Farbe ist abgeblättert. Eine der Flossen wird von Klebeband gehalten. Mund und Augen sind schwarz umrandet. Es wirkt, als würde der Meeressäuger lächeln.

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Heft 47/2017
Mitten in Deutschland - Hetze und Einschüchterung im Namen Erdogans

Doch Freude mag hier nicht aufkommen, im mexikanischen San Felipe am nördlichen Golf von Kalifornien. Das Tiermodell gehört zur Ausrüstung des Projekts VaquitaCPR. Vaquita (auf Deutsch: kleine Kuh) heißt der am stärksten bedrohte Wal der Erde, auch Kalifornischer Schweinswal genannt. Und CPR steht für "Conservation, Protection and Recovery" (Erhaltung, Schutz und Erholung), im Englischen auch für eine Wiederbelebung nach einem Kreislaufstillstand.

Die Doppeldeutigkeit ist gewollt. Denn es geht um Hilfe in höchster Not.

Das lädierte Vaquita-Modell am Hafen von San Felipe ist ein Symbol für den rasanten Niedergang einer Tierart, von der es höchstens noch 30 Individuen gibt - und für das Scheitern einer der spektakulärsten Artenrettungsaktionen der Geschichte.

In den vergangenen Wochen haben sich 65 Experten aus aller Welt in San Felipe bemüht, den Kalifornischen Schweinswal in die Zukunft zu retten. Ihr Ziel war es, möglichst viele der Vaquitas einzufangen, um die Art vor dem fast sicheren Aussterben zu bewahren. Mehr als fünf Millionen Dollar hat die Aktion gekostet. Die Bemühungen waren jedoch umsonst.

Keine einzige Vaquita lebt jetzt in Gefangenschaft. Eines der Tiere ist in der Obhut der Forscher gestorben. Und ein eingefangenes Jungtier geriet in Lebensgefahr - es wurde wieder freigelassen.

Am Ende steht die Einsicht, dass der Mensch nicht immer richten kann, was er zuvor leichtfertig zerstört hat; und dass schlüssige Konzepte, um akut vom Aussterben bedrohte Arten zu retten, genauso selten sind wie die Tiere selbst.

"Wir wussten immer, wie riskant unser Vorhaben ist", sagt Lorenzo Rojas Bracho, Forscher des mexikanischen Nationalinstituts für Ökologie und Klimawandel, der das Vaquita-Projekt mit anführt. "Aber wir waren uns sicher, dass die Tiere ohne unser Tun verschwinden würden."

Kritik dagegen übt Paul Watson, Gründer der Organisation Sea Shepherd Conservation Society. Er nennt die Vaquita-Fangaktion einen "törichten Plan", der von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Das Projekt habe die Minipopulation der Tiere so sehr gestresst, dass es "sogar zum möglichen Aussterben der Vaquitas beigetragen" habe.

Zwei Wochen vor dem harten Urteil ist die Hoffnung noch groß. Silbrig glitzert der tiefblaue Golf von Kalifornien unter der Wüstensonne. Eine leichte Dünung wiegt die "Maria Cleofas" sanft hin und her. Der ehemalige Fischtrawler ist das Hauptschiff des VaquitaCPR-Teams. Ganz oben auf der "Flybridge" über der Brücke blicken fünf Forscher durch Fernrohre konzentriert hinaus auf die fast windstille See.

"Dort!", ruft einer der Experten plötzlich. "56 Grad rechts, 200 Meter vor dem Boot." Auch Barbara Taylors Blick huscht suchend über die Wellen. Tatsächlich: Eine schmale Rückenfinne durchbricht die kaum gekräuselte Wasseroberfläche.

"Wir haben einen!", ruft Taylor, Chefin des Vaquita-Suchteams, und greift zum Funkgerät. Einer Feldherrin gleich befehligt sie alsbald die Flotte kleinerer Fangschiffe, die in der Nähe gewartet haben.

"Wanderlust", "Odyssea", "Defender" - vorsichtig versuchen die Boote, das Tier einzukreisen. Es herrscht große Anspannung. Seit Tagen hofft Taylor, Biologin der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), auf Momente wie diesen. Wird es endlich gelingen, eine der Vaquitas zu fangen?

Biologin Taylor
Dominic Bracco II / DER SPIEGEL

Biologin Taylor

Der Kalifornische Schweinswal ist einer der am stärksten gefährdeten Meeressäuger der Erde. 1997 schätzten Biologen die Zahl des anderthalb Meter langen Zahnwals noch auf 567 Exemplare. Zehn Jahre später waren es nicht einmal mehr halb so viele. Seither hat sich die Population weiter rasant verringert. 2016 identifizierten die Forscher lediglich 30 Vaquitas. Inzwischen dürften es noch weniger sein, sagt Taylor.

Die Ursache des Sterbens ist unstrittig: Die Vaquitas verfangen sich in den Kiemennetzen von Fischern und ertrinken. Zwar sind solche Netze im Vaquita-Verbreitungsgebiet seit 2015 verboten. Gestoppt hat das den Niedergang allerdings nicht.

Der Grund: Ein ganz besonderer Fang verbirgt sich im nördlichen Golf von Kalifornien. In dem Meeresgebiet laicht die Totoaba, ein Fisch von ungeheurem Wert.

Bis zu 100.000 US-Dollar kann ein Kilogramm getrocknete Totoaba-Schwimmblase auf den Schwarzmärkten Chinas wert sein. Die Chinesen schätzen das lappige Organ als angebliches Heilmittel, etwa gegen Blutungen und zur Hautverbesserung.

Seit 1975 ist die Jagd auf Totoabas verboten, weil die Fischerei das Tier an den Rand des Aussterbens brachte. Doch die Verlockung ist zu groß. Bis zu 8500 US-Dollar zahlen kriminelle Einkäufer in Mexiko für ein Kilo Schwimmblase.

"Das ist für die Fischer gut ein halbes Jahreseinkommen", sagt Rojas. Der Biologe hat es sich auf dem Oberdeck der "Pacific Monarch" im Hafen von San Felipe bequem gemacht. Das Schiff nutzen die Forscher als Wohnquartier. Eine mächtige Steinmole grenzt den Hafen zur See hin ab. Beidseits dehnt sich der feine Sandstrand der Baja California.

Kaum hundert Kilometer die Küste hinauf nach Norden strömte hier einst der Colorado ins Meer. Heute wird dem Fluss schon weit stromaufwärts das Wasser abgegraben. Doch sein über Jahrtausende abgelagerter Schlamm bedeckt immer noch meterdick den Grund. Von heftigen Gezeitenströmen aufgewirbelt, speist er eines der produktivsten Meeresgebiete der Erde.

Das Wasser ist milchig trüb und reich an Nährstoffen, hervorragende Lebensbedingungen für die Vaquita. Aber auch für die Totoaba ist das Gebiet ideal. Die Fische sammeln sich hier von Dezember bis März zur Fortpflanzung.

Dann ist Totoaba-Hauptsaison. Rund 900 illegale Fischerboote sind in der Zeit vor allem im Schutz der Dunkelheit im Einsatz, schätzt Rojas. Jedes der sieben Meter langen, offenen Boote, Pangas genannt, lässt Hunderte Meter an Kiemennetzen ins Meer.

Auf dem Meeresgrund entsteht auf diese Weise ein Labyrinth aus Netzen, eine perfekte Falle, der kaum eine Totoaba, aber auch kaum eine Vaquita entkommt.

Netzgehege vor San Felipe
Dominic Bracco II / DER SPIEGEL

Netzgehege vor San Felipe

Artenschützer versuchen seit 2016, die illegal gesetzten Netze zu bergen. Mehrere Schiffe fahren dafür von San Felipe aus fast täglich aufs Meer hinaus, ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Fischern. Die Netze sind an der Wasseroberfläche nicht zu sehen. Die Fischer verankern sie am Grund, speichern die GPS-Position in ihren Handys. Die Artenschützer setzen Sonare ein und ziehen Haken über den Meeresboden, um die Netze zu finden.

"Seit Frühjahr 2016 haben wir mehr als 300 Netze sichergestellt", sagt Jean-Paul Geoffroy von Sea Shepherd. Der Aktivist lehnt zwar den Versuch ab, die letzten Vaquitas einzufangen. "Wir sind grundsätzlich dagegen, Tiere in Gefangenschaft zu bringen", sagt er. An der Bergung der Netze ist seine Organisation jedoch beteiligt. Die Aktivisten haben dafür ihr Schiff "Farley Mowat" nach San Felipe entsandt.

Die Crew macht grausige Erfahrungen. Im Frühjahr 2016 fanden die Artenschützer in nur drei Wochen drei tote Vaquitas. Die nächste Totoaba-Saison, so fürchtet Geoffroy, könnte das Schicksal der Art besiegeln. "Vergangene Woche haben wir ein brandneues Totoaba-Netz gefunden", sagt er, "die Fischer bereiten sich schon auf die nächste Saison vor."

Was tun, wenn Tierarten unmittelbar am Abgrund stehen? Es gibt Vorbilder für die Tragödie an der Cortés-See, wie der Golf von Kalifornien auch genannt wird. Im Hinterland von San Felipe steigt der Höhenzug der Sierra de San Pedro Mártir auf. Dort lebt eine Population des Kalifornischen Kondors, eines Greifvogels mit einer Flügelspannweite von bis zu drei Metern.

Der majestätische Vogel hat ein ähnliches Schicksal wie die Vaquita. 1981 lebten in freier Wildbahn nur noch 22 Exemplare. Die US-Regierung beschloss, alle Vögel einzufangen, was bis 1987 auch gelang. In Volieren wurden sie fortan gehalten, die Population langsam aufgebaut. Seit 1991 wilderten Biologen die Tiere aus. Heute gibt es wieder rund 450 Kalifornische Kondore, mehr als 270 davon in der Wildnis.

Das Beispiel zeigt, dass Rettung möglich ist; wenn Arten in Gefangenschaft gezüchtet werden können; wenn entschieden und rechtzeitig gehandelt wird. Ungleich schlechter lief es hingegen beim Baiji, einem Flussdelfin aus Chinas Yangtze.

1986 trafen sich Delfinexperten in China, um über die Rettung der Art zu beraten. Auf 100 Individuen wurde die Zahl der Tiere damals geschätzt, allesamt akut bedroht durch Fischerei, Schiffsverkehr und Industrialisierung am größten Fluss Chinas.

Die Biologen diskutierten, fassten Rettungspläne, verwarfen sie wieder. Beschlossen wurde nichts. Ende 2006 suchte eine Expedition nach dem Tier. Kein Baiji fand sich mehr. Nach Millionen Jahren auf der Erde war die Art erloschen - als erste Delfinspezies, die der Mensch auf dem Gewissen hat.

Schweinswal-Suchteam auf der Cortés-See
Dominic Bracco II / DER SPIEGEL

Schweinswal-Suchteam auf der Cortés-See

"Der Baiji hat uns eine harte Lektion gelehrt", sagt NOAA-Biologin Barbara Taylor, die 2006 in China dabei war, "wenn eine Art einmal weniger als hundert Individuen zählt, kann sie ihren letzten Atem aushauchen, ohne dass es jemand bemerkt."

Die Forscherin ist eine der erfahrensten Meeressäugerexpertinnen der Welt. Allerorten muss sie mitansehen, wie ihre Schützlinge in Bedrängnis geraten. Insgesamt 300¿000 Schweinswale und Delfine ertrinken jährlich in Fischernetzen, schätzt Taylor. "Wir sind im Notfalleinsatz", sagt die Biologin, "es ist deprimierend."

Taylor hat sich an die Freiluftbar der "Maria Cleofas" gesetzt. Unweit stehen ein paar Sonnenliegen. Das Oberdeck des Schiffes erinnert mit seinen weißen, gut gepolsterten Sofas an ein Kreuzfahrtschiff. Nach Urlaub ist Taylor allerdings nicht zumute. "Wir wollen, dass sich ein Scheitern wie in China auf keinen Fall wiederholt", sagt sie, "deshalb versuchen wir, die letzten Vaquitas einzufangen."

2013 sei der rapide Bestandseinbruch der Art aufgefallen, berichtet Taylor. Ein Expertengremium beschloss daraufhin die Artenrettungsaktion der Superlative. Bezahlt wird sie von der mexikanischen Regierung, der US-amerikanischen Association of Zoos and Aquariums sowie privaten Spendern.

Acht Schiffe sind vor San Felipe für die Vaquitas im Einsatz. Die Experten haben unweit der Küste ein Netzgehege für die Kleinwale gebaut. An Land ist eine Anlage mit Haltungsbecken entstanden.

Tierärzte aus Neuseeland sind angereist. Unterwasserakustiker aus den USA belauschen die Ultraschalllaute der Kleinwale. Dänische Experten sind dabei, die sich mit den eng verwandten Schweinswalen der Nord- und Ostsee auskennen.

Doch gebracht hat es alles nichts.

DER SPIEGEL / Quelle: CIRVA

Es ist der 25. Tag der auf fünf Wochen angesetzten Expedition. Und noch immer lebt keine Vaquita in Gefangenschaft. Das Suchteam auf der "Maria Cleofas" braucht fast Windstille, um die Tiere entdecken zu können, kleine, graue Körper in einem unendlichen Meer.

Ein Jungtier, etwa sechs Monate alt, konnten die Experten einige Tage zuvor einfangen. In einer ausgepolsterten Wanne schafften sie die Vaquita in das Netzgehege nahe der Küste. Aber der Schweinswal reagierte panisch, ließ sich nicht beruhigen.

"Nach ein paar Stunden mussten wir ihn zurück ins Meer entlassen", sagt Taylor.

Die Biologin verarbeitet ihre Frustration künstlerisch. Unten in ihrer Kabine fertigt sie Zeichnungen der Vaquitas an. Gästen bietet sie an, selbst einen Wal zu aquarellieren. Ein malerisches Requiem für die Tiere. Taylors Herz hängt erkennbar an den Walen. Auch für sie ist die Fangaktion eine Qual.

Die Forscherin sieht jedoch keinen anderen Ausweg mehr. "Dabei könnte die Lösung so einfach sein", sagt sie. Das Seegebiet sei begrenzt, die Zahl der Fischer ebenso. "Die Fischer könnten die Helden in dieser Geschichte sein; ich glaube, dass es eine nachhaltige Lösung für alle geben kann."

Nur, ist das wirklich so? Was sagen die Fischer dazu, dass sie wegen 30 Kleinwalen um ihren Broterwerb gebracht werden?

Am folgenden Morgen geht es in aller Frühe durch die Wüste nach Norden. Nach vier Stunden Fahrt tauchen die ärmlichen Häuser von Golfo de Santa Clara auf, einem kleinen Flecken an der Nordküste der Cortés-See. Das Dorf, inmitten von Dünen gelegen, existiert nur, weil es das Meer mit seinen Schätzen gibt. Etwas anderes als Fischen haben die Menschen hier nie getan. Das Kiemennetzverbot der Regierung hat ihnen den Lebensunterhalt genommen.

Die Fischbuden an der Straße sind leer, die kleine örtliche Fischfabrik verwaist. In vielen Vorgärten stehen die Pangas auf Trailern - stillgelegt für die Vaquita.

Zum Beispiel bei Francisco Nuñez, 42: Vor 30 Jahren begann der stämmige Mann mit der Fischerei. Seit zwei Jahren ist es ihm nun verboten. 8000 Pesos im Monat, 360 Euro, bekommt Nuñez als Ausgleich vom Staat, kaum genug zum Leben für seine Frau und ihn, die Familie seines Sohnes Ramon, für seine Enkel. Als Fischer verdiente er leicht das Doppelte, sein Sohn noch einmal dasselbe dazu.

Fischer Nuñez: "Wir wollen auch überleben"
Dominic Bracco II / DER SPIEGEL

Fischer Nuñez: "Wir wollen auch überleben"

"Wir haben hier kaum genug zu essen", sagt Nuñez, der sich nun als Tagelöhner verdingen muss. Mit der illegalen Totoaba-Fischerei wolle er nichts zu tun haben, sagt er, "aber eine Menge der Leute fahren trotzdem raus." Vier von fünf Fischern, schätzen die Artenschützer, machen in der Saison heimlich Jagd auf Totoabas. Sie wissen, wann sie ungestört aufs Meer fahren können. Zwar gebe es Patrouillen, erzählen sich die Leute im Dorf. Einige der Soldaten seien jedoch geschmiert.

"Es ist gut, die Vaquitas zu retten, sie sind Teil des Meeres", sagt Nuñez, "aber die Regierung hätte die Sache anders angehen müssen."

Wie genau eine Lösung aussehen könnte, wird die Straße hinunter im Restaurant "El Delfin" diskutiert. Carlos Tirado Pineda von der örtlichen Fischereikooperative sitzt dort mit einigen Kollegen zusammen: "Das Netzverbot hat nichts gebracht, die Vaquitas verschwinden trotzdem."

"Die Behörden werden ihrer Verantwortung nicht gerecht", sagt Tirado. 30¿000 Menschen lebten in der Region direkt von der Fischerei auf Garnelen oder Fischarten wie Corvina oder Sierra. "Wir wollen, dass die Vaquita überlebt", sagt Tirado, "aber wir wollen auch überleben."

Die Fischer von Golfo de Santa Clara haben Alternativen zu den Kiemennetzen ausprobiert, darunter Schleppnetze, die an den Booten befestigt werden. Unter Segeln treiben die Pangas dann langsam seitwärts. Dabei gehen die Garnelen ins Netz.

Tirado würde die schweinswalfreundliche Technik gern einsetzen, doch "die Behörden lassen uns nicht", sagt er.

Sogar die illegale Totoaba-Jagd ließe sich stoppen, glauben die Einheimischen. Francisco Dominguez sitzt im El Delfin mit am Tisch, auch er Fischer seit seiner Kindheit. Dominguez fordert, die Jagd auf Totoabas zu legalisieren - aber nur als Angelsport. Sportfischer, glaubt er, wären bereit, gutes Geld für die Chance zu zahlen, eine der bis zu hundert Kilogramm schweren Fische aus dem Ozean zu ziehen. Kiemennetze brauchte es dann nicht mehr. Die Schwimmblasen der Totoabas könnten die Fischer legal verkaufen.

"Die Totoaba-Bestände haben sich erholt", behauptet Dominguez, "die Art ist nicht mehr akut vom Aussterben bedroht."

Wäre die Legalisierung des Handels eine Möglichkeit, um die Schweinswale noch zu retten? Die Artenschützer unterstützen die Idee. "Ich schlage schon lange vor, den Fischern Lizenzen für eine Totoaba-Langleinenfischerei anzubieten", sagt Rojas. Allerdings müsse garantiert werden, dass keine mit Kiemennetzen gefangenen Totoabas über einen solchen Markt reingewaschen würden.

Fischer Tirado
Dominic Bracco II / DER SPIEGEL

Fischer Tirado

Auch neue Fischfangmethoden hält der Biologe für hilfreich und unterstützt damit die Forderungen der Fischer. Das größte Problem sei aber die Korruption. "Die Situation ist vergleichbar mit dem Drogenhandel", sagt Rojas, "zwei korrupte Beamte an den richtigen Stellen, und die Sache ist kaum mehr zu stoppen."

Unter solchen Bedingungen sei es "kaum vorstellbar, dass die Vaquitas noch eine Totoaba-Saison überstehen".

Den Artenschützern läuft nun die Zeit davon. Zwar kommt Mexikos Umweltminister Rafael Pacchiano Alamán regelmäßig nach San Felipe. Er stehe "100-prozentig" hinter dem Projekt, sagt Rojas. Auch Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto hat die Vaquita-Rettung zur Chefsache erklärt.

Aber was bedeutet das, wenn es nur noch Tage dauert, bis die neue Totoaba-Saison beginnt? Warum gelingt es der Regierung nicht, genug Soldaten zu schicken, um die illegalen Fischer zu stoppen?

Das VaquitaCPR-Team hatte große Pläne. Eingefangene Vaquitas sollten bald in ein weitläufiges, durch Netze abgesichertes Refugium nahe der Küste gebracht werden. Dort, so hofften die Forscher, könnten sich die Tiere erholen und fortpflanzen. Später sollten sie und ihre Nachkommen wieder ausgewildert werden.

Doch der Plan scheitert endgültig eine Woche vor dem vorgesehenen Ende der Expedition. Anfangs läuft noch alles wie erhofft an diesem Tag. Um fünf Uhr am Nachmittag gelingt es dem Team um Barbara Taylor, einen der Kleinwale einzufangen und in das Netzgehege zu bringen.

Die Vaquita verhält sich ruhig, sie scheint das Gehege zu akzeptieren. Taylor: "Sie schien das ideale Tier zu sein."

Nach einer Stunde jedoch verschlechtert sich der Zustand des Kleinwals rapide. Um sieben Uhr abends beschließen die Veterinäre, die Vaquita wieder freizulassen.

"Sie raste in Panik los", erinnert sich die Tierärztin Frances Gulland an den dramatischen Moment. Nach wenigen Metern dreht der Schweinswal abrupt um und schwimmt genauso schnell zurück.

Drei Teammitglieder springen ins Wasser, um zu verhindern, dass die Vaquita gegen das Gehege kracht. Sie halten das Tier im Wasser in den Armen. Sie spüren keine Atmung mehr. Sie massieren den Brustkorb des Wals, verabreichen ihm reinen Sauerstoff und Medikamente.

Stundenlang kämpfen die Artenschützer um das Leben einer der letzten Vaquitas der Erde. Es ist zu spät. Um halb elf stellen sie die Wiederbelebungsversuche ein.

Die Vaquita ist tot.


Im Video: "Aussterben in Echtzeit" - SPIEGEL-Redakteur Philip Bethge berichtet von den Vaquita-Rettungsversuchen vor der mexikanischen Küste.



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