Alltagsunfälle im Haushalt Liebe Kinder, gebt fein acht

Gary Smith ist Arzt, seit 25 Jahren wertet er Alltagsunfälle von Kindern aus. Wie geht einer durchs Leben, der überall tödliche Gefahren sieht?

Gary Smith freut sich auf Weihnachten - trotz allem: trotz der Kerzen, an denen sich Kinder verbrennen, und der Batterien und Minimagnete aus irgendwelchen Spielzeugen, die sie verschlucken, trotz des Alkohols, den sie aus den vergessenen Gläsern der Eltern trinken, trotz der nagelneuen Skateboards und Roller, mit denen sie durchs Haus sausen und stürzen - ohne Helm und Protektoren.

Abgelenkte Eltern, eine ungewohnte Umgebung bei Oma und Opa, gefährliche Geschenke: "Weihnachten", sagt Kinderarzt Smith, "ist ein Risiko für Kinder."

Dabei gestaltet sich das Leben der Kleinen schon gefährlich genug. Kaum jemand weiß das besser als Smith, 65. Der Pädiater ist Gründer und Chef des Center for Injury Research and Policy (Cirp) am Nationwide Children's Hospital in Columbus im US-Bundesstaat Ohio. Seit mehr als 25 Jahren müht er sich, anhand der Unfallstatistiken von Kinderkliniken im ganzen Land die grässlichsten Gefahren zu erkennen.

Dann gibt er Empfehlungen, wie sie auszuschalten wären.

Kinder fallen vom Wickeltisch und aus Einkaufswagen, sie kippen um mit Stühlen und Regalen, sie stürzen aus Fenstern und in Gartenteiche, strangulieren sich mit den Schnüren von Jalousien, sie ersticken an Murmeln, Weintrauben und Hotdogs und erleiden Vergiftungen durch Kerzenöl, Desinfektionsmittel oder - neuerdings - Flüssignikotin für E-Zigaretten.

Klar, das passiert, mögen viele Eltern denken, aber doch nicht uns! Das kann man nur hoffen. Wer Smiths epidemiologische Fachartikel liest, dem offenbart sich die Kindheit als ein Panoptikum der Todesgefahren; erstaunlich geradezu, wie viele Menschen sie dennoch halbwegs unbeschadet überstehen.

Foto: DER SPIEGEL

Zwei Kinder unter sechs Jahren, so Smiths jüngste Veröffentlichung im Fachblatt "Pediatrics", landen pro Tag in US-Notaufnahmen mit Verletzungen, die sie sich an einem Rollo zugezogen haben; knapp einmal im Monat stirbt ein Kind, meist durch Ersticken, weil es sich in den Schnüren der Fensterbehänge verfangen hat. Alle 45 Minuten wird ein Kind nach einem Sturz aus oder mit dem Buggy zum Arzt gebracht. Ein jeweils durch Spielzeug verletztes Kind landet gar alle drei Minuten in einer Notaufnahme - die jüngeren meist, weil sie Kleinteile verschlucken oder einatmen, die größeren, weil sie mit etwas verunglücken, was Räder hat.

In Deutschland mussten 2015 rund 1,7Millionen Kinder nach einem Unfall ärztlich versorgt werden, 200.000 wurden stationär im Krankenhaus behandelt. Von den 182 tödlichen Unfällen ereigneten sich 109 zu Hause oder bei einer Freizeitaktivität.

Für Smith sind solche Katastrophen kein Schicksal. Die meisten, glaubt er, ließen sich vermeiden oder könnten zumindest glimpflicher ablaufen, wenn Eltern, Betreuer und vor allem Hersteller die richtigen Vorkehrungen träfen. Sein Kataster des Unglücks reicht von Amputationen (meist in Türen eingeklemmte Finger, Empfehlung: Türstopper einbauen) bis zu Wintersportunfällen (nicht in der Nähe von Straßen und Bäumen rodeln), es umfasst mehr als 100 Positionen und offeriert die passenden Vermeidungsstrategien.

Smith fordert Rollos mit unzugänglichen Schnüren, er wünscht sich Hotdog-Würstchen, die nicht passgenau kindliche Luftröhren verstopfen können (ein Hersteller ersann aufgrund einer Cirp-Studie bereits Brühwürstchen mit Schlitzen in der Seite, die so im Mund ihre runde Form verlieren), Lollis, die statt des Stiels eine Kordel haben (und sich Kindern beim Sturz nicht in den Gaumen rammen), und Möbel mit Umkippschutz.

Die Zahl der Kinder, die durch Verletzungen ums Leben kommen, sei zwar rückläufig, sagt Smith. "Aber von den Erfolgen, die die Medizin beim Kampf gegen Infektionskrankheiten verzeichnen kann, sind wir weit entfernt."

Ist denn ein Unfall vergleichbar mit Masern, gegen die Kinder geimpft werden können? Reicht es nicht, wenn Papa und Mama aufpassen? "Die besten Eltern der Welt können ihre Kinder nicht rund um die Uhr überwachen", sagt Smith. Wer Unfälle auf die Eltern schiebe, mache es sich zu leicht - denn sehr viel sei mit politischem Willen zu erreichen. "Früher sind Kinder an Durchfallerkrankungen gestorben, weil sie keimbelastetes Wasser getrunken haben", sagt er. "Klar hätten die Eltern das Wasser immer abkochen können - aber wirklich verbessert hat sich die Situation, als sauberes Trinkwasser aus der Leitung kam."

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen - wenn Hersteller das berücksichtigten, wäre schon viel gewonnen, glaubt Smith. Beispiel Rauchmelder: Viele Kinder schlafen einfach weiter, wenn der Feuermelder piept, das haben Tests ergeben. Weil das heranwachsende Hirn eher auf vertraute Geräusche reagiert, wie Smith vermutet, sollte aus Rauchmeldern für Kinder deren Name ertönen - am besten mit der Stimme von Mutter oder Vater.

Smith hat selbst zwei Söhne großgezogen. Seine Frau und er seien aber keine ängstlichen Eltern gewesen, sagt er. Tödliche Sachen wie Terpentin habe er allerdings weggeschlossen, nicht nur weggestellt. Der Mediziner träumt von einer Gesellschaft, in der Erwachsene gar nicht erst auf die Idee verfallen, giftige Waschmittel in Form kleiner Caps zu verkaufen, bunt und rund wie Zuckerzeug. "Solche Produkte sind Beispiele für Gefahren, die wirklich nicht sein müssen", sagt er.

In solch einer kindersicheren Welt müssten auch vorsichtige Eltern ihren Nachwuchs nicht in Watte packen. "Es ist wichtig, dass Kinder ihre Neugier ausleben und an ihre Grenzen gehen können und dass sie dabei auch scheitern dürfen", sagt der Arzt. "Ich will dafür sorgen, dass dieses Scheitern nicht lebensgefährlich ist."

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