AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2016

Salafisten in Deutschland So funktioniert die Islamisten GmbH

In Fußgängerzonen, Moscheen und im Internet werben Salafisten um Nachwuchs für den IS. Woher sie das Geld für ihre Propaganda bekommen, fanden die SPIEGEL-Redakteure Riham Alkousaa, Maik Baumgärtner und Martin Knobbe heraus.

"Lies!"-Aktivisten in Dortmund
Ina Fassbender / picture alliance / dpa

"Lies!"-Aktivisten in Dortmund


Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL 34/2016

Der Ort, von dem aus Deutschland bekehrt werden sollte, liegt in einem Dorf - gleich neben einem Supermarkt. Ein schlichter Industriekomplex, großzügige Hallen auf drei Ebenen, dazu ein Wohn- und Bürogebäude, 3300 Quadratmeter, 14 private Stellplätze. Die 1,07 Millionen Euro für die Immobilie überwiesen die Käufer komplett, Kredit nicht nötig.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 34/2016
Volle Kassen, geschröpfte Bürger

Niemand schöpfte Verdacht in Fellbach-Oeffingen, Baden-Württemberg, warum auch? Die Vertreter der EMC-Immobilien GmbH verhielten sich unauffällig und wirkten seriös. Erst als Beamte des Stuttgarter Landeskriminalamts und des örtlichen Polizeipräsidiums beim Oberbürgermeister vorstellig wurden, brach im Rathaus Hektik aus.

Der Bauausschuss tagte geheim, der Gemeinderat diskutierte, die Politiker beschlossen eine Änderung im Bebauungsplan, damit religiöse Versammlungen in einem Teil des Gewerbegebiets nicht mehr möglich sind. So blieb Fellbach-Oeffingen, 7000 Einwohner, davon verschont, ein Zentrum für Islamisten zu werden. Bislang ist der Ort höchstens dafür bekannt, dass hier einst Fußballnationalspieler Sami Khedira als Kind im Verein kickte.

Die Gesellschafter der GmbH mit dem harmlosen Namen hatten nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden tatsächlich im Sinn, von hier aus für ganz Deutschland Dawa zu betreiben, religiöse Missionierung, wie sie es nennen, "systematische Indoktrinierung", wie es der Verfassungsschutz bezeichnet. Die feindliche Übernahme wurde gerade noch verhindert.

Mehr als 43.000 Menschen in Deutschland rechnet der Verfassungsschutz der islamistischen Szene zu, darunter 8650 Salafisten, die in der Mehrheit Gewalt als legitimes politisches Mittel ansähen. Sie gelten als Demokratiefeinde, weil sie ihre reaktionäre Auslegung des Koran über weltliche Regeln stellen: Scharia statt Grundgesetz, der Wille Allahs steht über dem des Volkes.

Ihre Zahl hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt, Verfassungsschützer sprechen von der "dynamischsten Bewegung" innerhalb der extremistischen Szene. Die Gründe für ihren Erfolg liegen in ihrer Ideologie, in ihren einfachen Antworten auf komplexe Fragen, in ihrer strengen Hierarchie, in ihrer offensiven Missionierung. Und sie haben Geld.

Ohne Geld entstünden keine Videos, auf denen bärtige Männer den Islam so anschaulich erklären, als hätte man sie für die "Sendung mit der Maus" engagiert. Ohne Geld könnten nicht junge Männer in Fußgängerzonen Millionen Exemplare des Koran verteilen, und zwar kostenlos, als Werbung für sich und ihre Bewegung. Ohne Geld könnten keine Treffpunkte und Moscheen entstehen, in denen die salafistische Lehre gepredigt und oftmals gehetzt wird. Nur mit viel Geld ist es den Extremisten gelungen, den Salafismus zur modernen Popkultur zu erheben. Woher aber stammt dieses Geld?

Ein Team des SPIEGEL hat das Netz aus Unternehmen, Vereinen und Sponsoren der salafistischen Szene recherchiert: auf Messen, wo Produkte für Muslime angeboten werden, auf Benefizveranstaltungen salafistischer Organisationen, in Datenbanken, aus denen ersichtlich wird, wer hinter welchen Unternehmen steht.

DER SPIEGEL

Lukrative Chancen bietet vor allem der wachsende Markt der Halal-Produkte, auf dem sich fromme Muslime mit Gütern und Dienstleistungen versorgen, die nach islamischem Recht erlaubt sind. Jährlich werden allein mit Lebensmitteln in Deutschland fünf Milliarden Euro auf diesem Markt umgesetzt. Die meisten dieser wirtschaftlichen Aktivitäten sind legal. Oft führt die Spur des Geldes nur auf verschlungenen Wegen zu den Architekten und Ideologen des militanten Dschihad.

Beim Immobilienprojekt in Fellbach stammten Gelder und die drei Gesellschafter der EMC-Immobilien GmbH offenkundig aus Kuwait, wie die Sicherheitsbehörden herausfanden. Das dortige Ministerium für religiöse Stiftungen und islamische Angelegenheiten soll die Firma zumindest teilweise finanziert haben. Die kuwaitische Botschaft antwortete nicht auf Fragen des SPIEGEL.

Geschäftsführer der GmbH ist ein amtsbekannter Salafist: Safwat T. ist Imam einer kleinen Moschee in Sindelfingen. Er fiel dem Verfassungsschutz auf, als er "Seminare" für einen salafistischen Verein in Heilbronn gab. Die Polizei stieß auf ihn, als er beim "Krankenwagen Projekt Sindelfingen" für Syrien mitmachte. Die Beamten vermuteten, dass die vermeintlich wohltätige Organisation terroristische Gruppen unterstützt. Sie ermittelten gegen Safwat T. wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Auf Fragen dazu antwortete er nicht.

In Fellbach fürchteten die Verantwortlichen nun eine Situation, wie man sie von anderen salafistischen Zentren in Deutschland kennt: Prediger aus dem In- und Ausland reisen an und hetzen gegen die "Ungläubigen". Religiöse Fundamentalisten bieten Seminare an. Jugendliche aus der Umgebung finden Gefallen und radikalisieren sich. Am Ende brechen womöglich einige von ihnen auf, weil sie den Begriff Dschihad, "heiliger Krieg", wörtlich nehmen.

Der Fall aus Baden-Württemberg ist einer der wenigen, bei denen die Sicherheitsbehörden glauben, eine finanzielle Unterstützung der salafistischen Bewegung aus dem Ausland nachweisen zu können. Schon lange hegen sie den Verdacht, dass Kuwait, Saudi-Arabien, Katar oder die Vereinigten Arabischen Emirate, also finanzkräftige Länder, in denen eine sunnitische Auslegung des Koran vorherrscht, islamische Fundamentalisten in Deutschland fördern. Man habe dafür Indizien, sagt ein hochrangiger Verfassungsschützer, aber keine belastbaren Belege. Nur in Bremen behauptet der Verfassungsschutz in seinem aktuellen Bericht, das Islamische Kulturzentrum werde "finanziell aus Saudi-Arabien unterstützt".

Manchmal stammen die Förderer aber auch aus der Wirtschaft. Ein Samstag in der Dortmunder Fußgängerzone, junge Männer verteilen kostenlose Koranexemplare. Die Aktion "Lies!" wurde im Oktober 2011 gegründet und hat angeblich das Ziel, 25 Millionen Nichtmuslime in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Koranbüchern zu versorgen. Straßen-Dawa, also Missionierung, nennen es die Salafisten.

Bücher verteilen ist kein Vergehen, entscheidend ist, was danach geschieht. "Lies!" gehört zu den erfolgreichsten Rekrutierungsaktionen der Salafisten, der Job als Verteiler am Infostand steht oft am Beginn einer Laufbahn als militanter Islamist. Eine Studie von Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz hat 2014 ergeben, dass jeder Fünfte, der zum Kämpfen nach Syrien ausgereist ist, beim "Lies!"-Projekt mitgemacht hatte. Die Arbeit am Infostand war wie eine Einstiegsdroge.

Einer der Aktivisten in Dortmund ist Rachid B. Er stellt Fotos des Standes auf Facebook. Dort wirbt er auch für eine Versteigerung: Wer am meisten bietet, bekommt einen Karton mit 24 Dosen Halal-Cola. Der Erlös werde zum Drucken neuer Koranbücher verwendet.

Rachid B. verdiente sein Geld bis vor Kurzem auch mit dem Verkauf dieser Getränke, er gehörte zum Händlernetz einer internationalen Marke. Die Bosmen e.U. aus Wien produziert unter dem Namen Sultan Drinks Getränke wie Cola aus Schwarzkümmel oder einen "Power Drink" mit Honig, Minze und Ingwer. Viele herkömmliche Produkte enthielten Spuren von Alkohol oder tierischen Produkten, steht auf der Website der Firma. Sultan-Getränke dagegen seien mit einem Halal-Zertifikat gekennzeichnet.

Erfolgsprodukt Sultan-Cola
sultan-drinks.com

Erfolgsprodukt Sultan-Cola

Erst vor drei Jahren gegründet, exportiere Sultan Drinks seine Dosen heute bereits in 20 Länder auf fünf Kontinenten, darunter in die USA und selbst nach Israel, denn die Produkte seien auch koscher und vegan. Das Unternehmen gibt sich weltoffen und liberal. Diese Haltung gilt offenbar nicht für jeden aus dem Netz der Händler.

So verkaufte auch die Triple Port Ltd. & Co. KG aus Sankt Augustin die Halal-Getränke aus Wien. Einer der Ansprechpartner war Karim L. Er war Sprecher des Bonner Rats der Muslime, trat 2014 aber zurück, nachdem bekannt geworden war, dass er für Benefizveranstaltungen des salafistischen Vereins "Helfen in Not" geworben hatte. Verdächtig macht ihn vor allem seine Nähe zu Bernhard Falk, einem führenden Islamisten, der eine Gefangenenhilfe für terrorverdächtige Extremisten organisiert. Falk und Karim L. haben bereits gemeinsam dazu aufgerufen, Glaubensschwestern zu helfen.

Verantwortlich für den Vertrieb von Sultan-Getränken in Deutschland ist die Aqua Black Seed BV., die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Rachid B. und die Triple Port wurden noch während der SPIEGEL-Recherchen auf der Website des Unternehmens unter der Rubrik "Vertretungen Europa" genannt. Der Geschäftsführer teilt mit, dass ihm "die extremistische Gesinnung dieser Menschen" nicht bekannt gewesen sei. Er distanziere sich von jeder Form des Extremismus. Die beiden seien keine vertraglichen Vertriebspartner. Er könne nicht kontrollieren, wer bei ihm Produkte kaufe und dann weiterverkaufe.

Auch könne er sich nicht erklären, warum das Logo von Sultan-Cola auf der Einladung zu einer salafistischen Veranstaltung prangte, der "Ersten Internationalen Halal-Messe" am 8. November 2015 in Köln. "Wir kennen weder diese Veranstaltung noch den Veranstalter und haben sie nicht unterstützt." Das Logo sei ohne Genehmigung verwendet worden. Die Veranstalterin der Messe aber sagt, ein Sultan-Vertriebsvertreter habe sich offiziell bei ihr angemeldet und sei mit einem eigenen Stand vertreten gewesen.

Der Geschäftsführer des deutschen Vertriebs von Sultan-Cola hat selbst Kontakte zu Salafisten, zumindest über die sozialen Medien. Auf Facebook ist er Mitglied der Gruppe von Ansaar International, einem Verein aus Düsseldorf, der sich selbst als "Hilfsbund" für Not leidende Menschen bezeichnet. Vom Verfassungsschutz wird er als extremistisch eingestuft, weil auf seinen Spendengalas die salafistische Lehre verbreitet wird. Der Geschäftsführer teilt mit, er beteilige sich an vielen Gruppen auf Facebook, "um die Produkte schneller an den Mann zu bringen". Das habe nichts damit zu tun, dass er der einen oder anderen Gruppe oder Person nahestehe oder deren Meinung teile.

Selbst ernannte "Hilfsvereine" wie Ansaar International sind ein wichtiger Bestandteil im Wirtschaftsnetzwerk der Salafisten. Immer wieder entstehen neue Initiativen, die von den Behörden als extremistisch eingestuft werden: Sie heißen "Helfen in Not", "Medizin mit Herz", "Al-Rahma" oder "Afrikabrunnen", der neuerdings als Blue Springs Ltd. firmiert. Ab und an veröffentlichen diese Organisationen ihre gesammelten Spendenbeträge. Zählt man sie zusammen, kommt man auf mehrere Millionen Euro aus den vergangenen drei Jahren.

Die Vereine unterliegen keiner Kontrolle, nicht einer besitzt das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen, das nur an seriöse Organisationen vergeben wird. Niemand weiß genau, wo das Geld am Ende landet. Ermittler vermuten, dass es auch zur Unterstützung terroristischer Gruppen genutzt wird. Gerichtsfeste Beweise dafür gibt es nicht. Man müsse mit diesen kriegerischen Gruppen jedenfalls gut kooperieren können, sagt ein Staatsschützer, um dorthin zu gelangen, wo manche der Vereine am Ende ihre Lastwagen ausladen. Die beschuldigten Organisationen bestreiten diesen Vorwurf.

Vor allem aber nutzen Salafisten die Veranstaltungen dieser Vereine, um ihre demokratiefeindliche Ideologie zu verbreiten. "Sie sind eine Mischung aus Familien-Event, Spendensammel-Show und knallharter extremistischer Propaganda mit radikalisierender Wirkung", sagt Burkhard Freier, der Leiter des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen. "Deshalb sind sie brandgefährlich."

Einige dieser Organisationen haben im Internet professionelle Shops eingerichtet. Bei Ansaar kann man Gutenachtgeschichten aus dem Koran, Gebetsmützen oder Material zum Schröpfen der Haut bestellen, eine Heilmethode, die bereits der Prophet Mohammed empfohlen hat.

Maßgeblich finanzieren sich die salafistischen Organisationen aber über Spenden. "Geld zu geben wird von vielen Muslimen als eine religiöse Pflicht angesehen", sagt der Islamwissenschaftler Michael Kiefer von der Universität Osnabrück. "Dies nutzen Extremisten aus, indem sie mit der Spendenbüchse vor den Moscheen oder in Straßencafés Geld einsammeln." Die Straßen-Dawa sei ein "erheblicher wirtschaftlicher Faktor" für die salafistische Szene.

Das Geschäft mit den Spenden für einen vermeintlich guten Zweck haben die Salafisten professionell organisiert, viele Frauen sind aktiv. Sie laden ein zum "gemütlichen Zusammensein", "gemeinsamen Schlemmen" und zu "Benefiz-Veranstaltungen" mit Vorträgen. Ein beliebter Redner ist der Konvertit Marcel Krass. Er war mit einem der Piloten der Terroranschläge von 9/11 bekannt, arbeitete als Lehrer und hat ein "Institut" gegründet, das zweitägige Kurse zur "praktischen Dawa-Arbeit" anbietet. Nach außen hin harmlos, werden diese Treffen für Musliminnen zur salafistischen Propaganda genutzt.

Eines der Frauennetzwerke ist Achawat fi al-Din - "Schwestern im Glauben". Die Organisatorinnen kommunizieren mit ihren rund 1500 Anhängerinnen in einer Gruppe auf Facebook und haben nach Ansicht der Behörden Kontakte ins gewalttätige Milieu: "Achawat fi al-Din weist Verbindungen zu Hilfsorganisationen auf, die verdächtig sind, dschihadistische Gruppen in Syrien und Irak zu unterstützen", heißt es in einem Bericht des Hamburger Verfassungsschutzes.

Die Gruppe der Schwestern unterstützt die salafistische Bewegung auch wirtschaftlich: Nana S. entwirft mit ihrer Firma Wow-Grafikdesign Flyer und Internetauftritte der Szene. Sie nannte sich eine Weile auf Facebook Mudschahida, Gotteskriegerin, und hat das Logo des Vereins "Afrikabrunnen" gestaltet, der vor drei Jahren in die Schlagzeilen geriet: Auf einer Benefizveranstaltung beschwor der Hamburger Prediger Abu Abdullah den Endkampf zwischen "USA, Europa, dem Westen, den Christen" und Muslimen herauf und rief die mehr als tausend Zuhörer zum Mitkämpfen auf.

Ein anderes Mitglied des Frauennetzwerks, Ameni M., organisiert mit ihrer Agentur A&E Events große Veranstaltungen. Sie plante die Halal-Messe "Frühlingserwachen", die im März dieses Jahres in Hamburg stattfinden sollte. Als der Verfassungsschutz den Vermieter der Halle auf den salafistischen Hintergrund der Veranstalter hinwies, musste die Messe spontan an einen anderen Ort verlegt werden.

Ein Samstag im Mai in Braunschweig. Viele Frauen mit Gesichtsschleier sind ins Haus der Kulturen zur "Schwesternmesse" gekommen. Die Männer bringen sie mit dem Auto hin, der Zutritt ist ihnen aber verwehrt. Auch Frauen ohne Kopfbedeckung sind dabei. Alle sind willkommen, es geht schließlich ums Geldverdienen.

Teilnehmerinnen der "Schwesternmesse" in Braunschweig
Riham Alkoussaa / DER SPIEGEL

Teilnehmerinnen der "Schwesternmesse" in Braunschweig

Die Atmosphäre an diesem Nachmittag ist fröhlich. Viele Kinder toben herum, es gibt selbst gebackenen Kuchen. An einem der zwölf Stände werden die Hände mit Henna bemalt, an einem anderen verkaufen Frauen Kopftücher, an einem dritten Kosmetik, die Halal-Normen entspricht. Niemand ruft hier zum "heiligen Krieg" auf, niemand hetzt gegen die Ungläubigen. Die Frauen tauschen sich höchstens darüber aus, in welche Moschee sie ihre Kleinen zum Koranunterricht schicken sollen.

Erst auf den zweiten Blick wird offenbar, in welchem Netzwerk die Veranstalter aktiv sind. Unter den zahlreichen Logos, die auf der Einladung zu sehen sind, ist auch das des Moschee-Verlags aus Braunschweig. Inhaber des Unternehmens ist Muhamed Ciftci.

Ciftci alias Scheich Abu Anas ist eine schillernde Person in der Salafistenszene und ein umtriebiger Geschäftsmann. Mit dem Verkauf von Büchern machte er in der Vergangenheit erhebliche Umsätze und gewann nach internen Unterlagen in den letzten Jahren Tausende Kunden.

Bis 2012 leitete Ciftci in Braunschweig eine Islamschule. Einer aus seinem Umfeld soll 2007 Zünder für die sogenannte Sauerland-Gruppe geschmuggelt haben. Die Zelle hatte Anschläge auf amerikanische Institutionen geplant. Als Ciftci daraufhin keine Lizenz für eine Fern-Uni bekam, musste er die Schule schließen. Heute vertreibt er seine Lehrvideos über den "authentischen Islam" in einer "Islamothek", das Jahresabo kostet 360 Euro.

Ciftci ist ein beliebter Prediger. Kurz nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in Paris sagte er in einer Moschee, der Prophet Mohammed ließe, lebte er heute, diejenigen töten, die ihn beleidigten. So wird Ciftci im Jahresbericht des niedersächsischen Verfassungsschutzes wiedergegeben.

Verleger und Prediger Ciftci

Verleger und Prediger Ciftci

Anfragen vom SPIEGEL beantwortete der Verleger nicht. Hela A., die Veranstalterin der Messe, bestreitet eine Unterstützung durch den Verlag. Dass sie ihm verbunden ist, ist allerdings auf ihrer Facebook-Seite zu sehen: Zwischen 2008 und 2013 hat sie für Ciftcis Firma gearbeitet.

Wer bei den Ausstellern der kleinen Braunschweiger Messe seine Facebook- und WhatsApp-Kontaktdaten hinterlässt, hat schnell viele neue Freunde: knapp 200 in nur drei Wochen. Das Netz der geschäftstüchtigen Schwestern ist groß, mindestens 50 Unternehmen sind in diesen Gruppen vertreten, darunter Kleinunternehmerinnen genauso wie größere GmbH. Sie verkaufen Produkte im Internet oder versteigern sie, um den Erlös den salafistischen Vereinen zukommen zu lassen. In quirligen Debatten geht es um Mode, aber auch um Politik.

Da diskutiert die "Nikab-Gruppe", ob Pink eine gute Farbe für eine Vollverschleierung sei. Da werden Konkurrentinnen auf dem Markt der Halal-Produkte schon mal als "Hexen" diffamiert; beim Geldverdienen ist es mit der Solidarität offenbar schnell vorbei. Da gibt es eine "Spendengruppe" für "Schwestern in Gefängnissen". Da ruft eine Muslimin namens Mandy dazu auf, für die Kämpfer in den Kriegsgebieten zu beten, damit sie "im Paradies empfangen" werden.

Und dann wird über einen verschlüsselten Kanal das Tagebuch aus dem "Leben einer Muhadschira" geschickt, einer Auswandernden nach dem Vorbild des Propheten Mohammed: Eine junge Frau aus Deutschland berichtet von ihrer Reise nach Syrien zum "Islamischen Staat" (IS), von ihren Helfern in Deutschland und Schleusern an der Grenze: "Man muss sich im Klaren sein, wieso man diesen Weg geht. Der Weg ist nicht einfach." Klickt man auf die Links, die angefügt sind, kann man zusehen, wie IS-Kämpfer ihre Gegner erschießen. Vom Austausch über die beste Halal-Pflegecreme bis zum Rekrutierungsversuch für den IS hat es nur ein paar Tage gedauert.

Nicht alle Unternehmer, die mit Salafisten Geschäfte machen, sind selbst Islamisten. Allerdings tun sich viele schwer, sich von radikal denkenden Partnern klar abzugrenzen. Die iFIS Islamic Capital GmbH aus Reutlingen ist ein Beispiel.

Im zweiten Stock eines Gebäudes aus viel Glas deutet nichts darauf hin, dass es von hier Verbindungen zu Extremisten geben könnte. Die Einrichtung ist kühl und modern, bodentiefe Fenster, Beton statt Teppich. Unter den 20 Mitarbeitern gibt es Muslime und Nichtmuslime, eine Sekretärin trägt Kopftuch, eine andere nicht.

Emre Akyel und Bilgehan Akbiyik haben sich im Studium kennengelernt, Internationales Finanzmanagement in Nürtingen, Akyel hat anschließend in der Nähe von London studiert, Akbiyik in Kalifornien. Gemeinsam hatten sie die Idee für ein Unternehmen, das islamkonforme Geldanlagen anbietet. Auf seiner Website wirbt das Unternehmen für einen "Gold Dinar Sparplan" oder "Halal-Fonds": keine Spekulationen, keine Zinsen, keine Anlagen in Glücksspiel, Pornografie, Tabak oder Alkohol. Ein Scharia-Berater aus Dubai wacht über die religiösen Vorgaben.

Mit der Auswahl ihrer Geschäftspartner nehmen es die beiden Banker aber offenbar nicht so genau. So wirbt die Reutlinger Firma in einem Rabattangebot für Muslime: Wer sich den Gutschein bei Halal-Coupon.de herunterlädt, bekommt von der iFIS Capital GmbH eine "Gutschrift auf Gold" im Wert von 50 Euro. Registriert ist das Werbeportal auf Semir C. aus Bonn. Unter seinen Kunden sind ein Modegeschäft, ein Friseur, ein Reisebüro, aber auch der Onlineshop von Ansaar International, dem salafistischen Verein.

Bei den Justizbehörden ist Semir C. bestens bekannt: Schon zweimal wurde seine Wohnung durchsucht, weil er auf islamistischen Websites für den Dschihad geworben und zur Unterstützung inhaftierter Islamisten aufgerufen haben soll. Sein Geschäftspartner bei Halal-Coupon ist Karim L.: der ehemalige Sprecher des Bonner Rats der Muslime, der nach Extremismusvorwürfen zurücktrat und danach Sultan-Cola in Deutschland verkaufte.

Die beiden Geschäftsführer der Islamic Capital GmbH sagen, ihnen sei der Hintergrund von Halal-Coupon nicht bekannt gewesen, sie würden die Kooperation nun stoppen. Doch Semir C. und Karim L. sind nicht die einzigen Islamisten, mit denen die beiden Banker Geschäfte machen.

Rizgar Osman besitzt eine Agentur für islamische Reisen. Aktuell bietet er eine Pilgerreise nach Mekka für 4700 Euro an, Stargast ist Scheich Abu Anas alias Muhamed Ciftci, der amtsbekannte Prediger aus Braunschweig. Osman ist Vorsitzender der Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime in Pforzheim und damit verantwortlich für die Baraka-Moschee. Sie gilt als Zentrum für Salafisten, die Behörden haben dem Verein die Gemeinnützigkeit entzogen. In der Hinterhofmoschee predigten Islamisten wie Pierre Vogel oder der bosnische IS-Mann Bilal Bosnic, der gern von der "Aufgabe" spricht, "Ungläubige zu töten".

Hassprediger Bosnic

Hassprediger Bosnic

Vereinschef Osman verdient sein Geld nicht nur mit Reisen. Er ist auch einer der Gesellschafter der iFIS Capital GmbH. Deren Geschäftsführer kennen die Vorwürfe. Sie sagen, ihr Bild des Partners sei ein anderes: Er sei ein weltoffener und toleranter Mann, dem sie vertrauten. Osman selbst schreibt auf Anfrage, er dulde keine radikalen Menschen in der Moschee und erteile ihnen per Einschreiben Hausverbot. Den Prediger Bosnic habe er, als er von dessen Besuch erfuhr, "höflichst gebeten, die Räumlichkeiten zu verlassen". Auf Muhamed Ciftci lässt der Reiseanbieter nichts kommen: Er sei einer der "besten Prediger", von ihm gehe keine Gefahr aus.

Vor einiger Zeit versuchte der Geschäftsmann, sein schlechtes Image per Gerichtsbeschluss loszuwerden. Vor dem Landgericht Karlsruhe verklagte er Journalisten des SWR, die einen Film über Konvertiten in Pforzheim gedreht hatten. In einigen Punkten gab das Gericht dem Antrag auf Unterlassung recht, in einem aber nicht: Die Baraka-Moschee dürfe man zweifelsohne als salafistisch bezeichnen, denn sie werde von Salafisten geführt. Seine Klage gegen die Bezeichnung "Salafist", so Osman, laufe noch.

Es sind nicht Milliarden, die in der salafistischen Szene umgesetzt werden, aber Millionen. Es ist natürlich nicht verboten, dass Islamisten Geld verdienen, aber es ist wichtig, dass transparent wird, wohin dieses Geld fließt. Vor allem wenn es Propaganda finanziert, die sich gegen die Verfassung und gegen die Demokratie richtet - und im Extremfall Terroristen unterstützt.

Der wachsende Markt für Halal-Produkte bietet Extremisten die Chance, mehr Geld zu verdienen und zugleich die Welt der Gemäßigten zu unterwandern. Umso wichtiger ist es für seriöse Unternehmen, sich klar vom extremistischen Milieu zu distanzieren. Nicht immer gelingt das, nicht immer ist es gewollt.

In Fellbach-Oeffingen, dem Ort, in dem das große Dawa-Zentrum entstehen sollte, scheint der Plan der Gemeinde aufgegangen zu sein, sich die Islamisten vom Hals zu halten: Die Immobiliengesellschaft bietet den Gebäudekomplex wieder zum Verkauf an. Das Vermögen aus Kuwait, es wird nun wohl anderswo in Deutschland investiert.

Mehr zum Thema


© DER SPIEGEL 34/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.