AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2017

Empörungswelle im Internet Das Märchen von der armen Flaschensammlerin

Als eine Münchner Rentnerin wegen Flaschensammelei angeblich eine Vorstrafe erhielt, war die Empörung groß. Zigtausende solidarisierten sich, darunter auch Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht. Doch stimmt die Geschichte überhaupt?

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Anna Leeb, 76, hatte doch nur eine leere Bierflasche eingesammelt, im Münchner Hauptbahnhof. Aber manchmal haben kleine Vorfälle große Wirkungen. Die Pfandflasche führte zu fehlerhaften Medienberichten, zu Empörung in Internetforen, zu einer Onlinepetition mit 100.000 Unterschriften, zu einem Tweet von Sahra Wagenknecht, zu einer Richtigstellung der Staatsanwaltschaft und zu einer persönlichen Entschuldigung der Deutschen Bahn bei Anna Leeb.

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Heft 42/2017
SPIEGEL-Gespräch mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Aber von vorn.

Am 19. September veröffentlichte die Münchner Tageszeitung "tz" eine traurige Geschichte: "Hausverbot für Flaschensammlerin". Ein Foto dazu zeigte die alte Dame vor dem Hauptbahnhof, Bildunterschrift: "Mit Pfandflaschen wollte Anna Leeb ihre Rente aufbessern. Jetzt ist sie vorbestraft." Im Text stand, dass die Frau im Bahnhof eine Pfandflasche aufgehoben habe, woraufhin Security-Leute sie "mit dem Rollator aus dem Bahnhof gezerrt" hätten. Sie habe eine Geldstrafe von 2000 Euro zahlen müssen, außerdem sei sie vorbestraft. Leebs Kommentar: "Die eigentlichen Verbrecher in München finden sie nicht, dann müssen sie jemanden wie mich rupfen."

Der Text, in dem Gut und Böse klar verteilt waren, erschien einige Tage vor der Bundestagswahl. Schnell füllten sich die Kommentarspalten im Netz mit Empörung über die Deutsche Bahn und Mitleid für die alte Dame. Es fielen die üblichen Hassbegriffe: "Für Scheinasylanten sind Milliarden da, deutsche Rentnerin muss Flaschen sammeln." Und die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht echauffierte sich auf Twitter: "Rentnerin soll wegen Flaschensammeln 2000 Euro Strafe zahlen. Ist das das Deutschland, in dem 'wir' nach Meinung der CDU alle 'gut und gerne leben'? Mir wird schlecht."

Bald startete jemand auf Change.org eine Onlinepetition, in der "Straffreiheit für Anna Leeb" gefordert wurde, fast 100.000 Menschen unterzeichneten die Aktion, es kamen über 7000 Euro an Spenden zusammen für Leeb.

Aus der Pfandflasche von Anna Leeb war eine Parabel der Ungerechtigkeit geworden, die Geschichte vom Staatskonzern und der Justiz, die eine mittellose Rentnerin gängeln. Nur ist in Wahrheit alles etwas anders, als es schien.

Am vorvergangenen Donnerstag hat sich die Staatsanwaltschaft München in der Causa Pfandflasche am Rande einer Pressekonferenz zu Wort gemeldet. Die Sache verhalte sich nicht so, wie in der Presse beschrieben, erklärte eine Sprecherin. Die Seniorin sei gar nicht vorbestraft. Und sie habe auch keine Geldstrafe von 2000 Euro zahlen müssen. Richtig sei, dass gegen Anna Leeb ein Hausverbot im Bahnhof bestanden habe, wegen unerlaubten Flaschensammelns, das sei aber seit über einem Jahr aufgehoben.

Warum lässt die Bahn Frau Leeb nicht einfach Flaschen sammeln? Schwierig, sagt ein Sprecher. Man habe eben viele Kunden, die nicht mitansehen mögen, wie Pfandsammler mit tropfenden Plastiktüten in der Hand in Müllbehälter greifen. Und es sei nun einmal verboten. Setze die Bahn aber ihr Hausrecht durch, sei es vielen auch wieder nicht recht. Es werde, sagt der Sprecher, "eine ungelöste gesellschaftliche Diskussion auf die Bahn abgewälzt".

Schon 2010 gab es ein erstes Verfahren gegen Leeb wegen mehrfachen Hausfriedensbruchs, die Staatsanwaltschaft stellte es "wegen Geringfügigkeit" ein, ebenso wie fünf weitere solche Verfahren bis 2014. Es kam seit 2011 zu drei Geldstrafen für Leeb, einmal waren es 300 Euro, dann 500, dann 450, dazu Verfahrenskosten von 332 Euro. Leeb gab außerdem an, dass sie eine Eigentumswohnung besitze. Weil sie auch über Mieteinnahmen aus anderen Immobilien verfügte, durfte sie nicht weiter das Straßenmagazin "Biss" verkaufen - dort prüft man die Bedürftigkeit der Verkäufer.

Die Geschichte von der armen, alten Flaschensammlerin war also eine andere. Nur welche? Warum sammelt Anna Leeb Pfandflaschen?

Unabhängig von der Antwort sah sich die Deutsche Bahn veranlasst, sich bei Leeb zu entschuldigen. Zwei Führungskräfte trafen sie persönlich. Warum? Man habe nicht herzlos erscheinen wollen, so ein Bahn-Sprecher. Und man glaubte angesichts der Meinungsübermacht im Netz und in den Medien, keine Wahl zu haben. Leeb hat die Entschuldigung "per Handschlag" angenommen. Dann ging sie wieder Flaschen sammeln.

Vor einer Weile hat die Straßenzeitung "Charity München" die alte Dame für ein Imagevideo gefilmt. Seit Leeb wegen mangelnder Mittellosigkeit nicht mehr für "Biss" Zeitungen verkaufen darf, tut sie es für "Charity". Im Clip erzählt sie von ihrem Alltag. "50 Kilometer werd ich schon runterlaufen", und "vier-, fünfmal ausgeraubt" sei sie worden. Deshalb: "Senden Sie ein Zeichen der Unterstützung, wenn Sie genauso entrüstet sind wie wir", so "Charity" im Spendenaufruf für Leeb, unter Angabe der Kontonummer.

Und was sagt nun Anna Leeb zu alldem?

Sie geht ans Telefon in ihrer Eigentumswohnung in Harlaching, die sie mit ihrem Mann bewohnt. Nette Stimme, warmes Bayerisch. "Ich bin nicht bedürftig", sagt sie, "ich sammle die Flaschen, um meinen Enkeln ein Taschengeld zu geben." Die beiden Gymnasiasten kriegen zu Weihnachten und zum Geburtstag einen Zuschuss von der Großmutter. Sie habe ihr ganzes Leben lang gearbeitet, sagt sie, zuerst in einer Metzgerei, dann in Hotels. Nun zieht es sie jeden Nachmittag gegen fünf Uhr auf die Straße, manchmal bis Mitternacht. Sie sei "die beste Verkäuferin", habe man ihr bei "Charity" gesagt. 500 Euro pro Monat verdiene sie mit den Heften, weitere 100 Euro kämen durch die Flaschen hinzu. Sie will damit weitermachen, solange es ihre Gesundheit erlaubt. "Ich mag es einfach, unter Leuten zu sein."



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