AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2017

Raubkunst auf der Documenta Indiskretion in eigener Sache

Nur wenige Künstler schaffen es auf die Documenta - Maria Eichhorn ist bereits zum zweiten Mal vertreten. Ihr Werk für Kassel wirkt kühl und ist doch brisant.

Versteigerungsliste
Landesarchiv Berlin

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Als Maria Eichhorn studierte und sich nicht nur der Kunst, sondern ebenso dem Punk verpflichtet fühlte, traf sie eine Entscheidung. Sie würde, so beschloss sie, nichts machen, das sie langweilen könnte.

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Heft 22/2017
Der letzte Wille entzweit Familien - doch es geht auch friedlich. Eine Gebrauchsanweisung

Klingt einfach, aber wem gelingt so etwas schon über Jahre, Jahrzehnte?

Eichhorn gab bald, trotz ihres Talents, die Malerei auf. Sie erzeugt seither andere Bilder, vielleicht gar ein anderes Bewusstsein beim Betrachter, und sie hat es weit damit gebracht. Wenige Künstler schaffen es auf die Documenta, sie, Jahrgang 1962, ist nun zum zweiten Mal dabei.

Alle fünf Jahre eröffnet eine neue Ausgabe dieser Kunstschau, jede erweckt den Eindruck, ein Jahrhundertereignis zu sein. 2017 wird sie, und das ist tatsächlich ein Novum von historischem Ausmaß, an zwei Orten veranstaltet, in Athen, wo sie bereits läuft, und bald auch am Stammplatz Kassel.

In Ausstellungen präsentiert Eichhorn vieles so, als handelte es sich um Laborsituationen oder Forschungsergebnisse, alles muss exakt sein, die Inhalte, die Darstellung. Ihre Kunst kostet Zeit, ist dafür aber auch zeitlos.

Anlässlich der Documenta 2002 gründete sie eine zweckfreie Aktiengesellschaft, deren Bedeutung aber wächst, weil sie ja Kunst ist. Sie bereitet den Kauf einer Immobilie in Athen vor, die dank Anwendung juristischer Kniffe niemandem gehören wird. Sie hängt Formulare über solche Vorgänge gern an Museumswände. Sogar das von ihr produzierte, in beschrifteten Blechdosen archivierte "Filmlexikon sexueller Praktiken" hat eine Anmutung des Sachlichen. Immer wieder zeigt die Berliner Künstlerin, wie absurd es ist, das Leben in eine bestimmte Ordnung bringen zu wollen. Auch die Gegenwart ist in Unordnung, und auf der Documenta soll das deutlich werden.

Kriegerische Konflikte, Heimatlosigkeit, NSU-Prozess, das alles lassen Künstler in Kassel vorkommen. Eichhorn wird sich einem nie wirklich aufgeklärten Tatbestand widmen, dem, wie sie sagt, "legalisierten Raub" während der NS-Zeit.

Sie sichtete alte Versteigerungsprotokolle sogenannter Judenauktionen, wie sie unter den Nazis üblich waren, hat Tausende Blatt Papier zu einer 12-Stunden-Projektion verarbeitet. In den Unterlagen wurde vermerkt, welcher Käufer was erstand - wahrscheinlich im Wissen, dass die Vorbesitzer verfolgt wurden. Vieles dürfte noch bei den Familien der Profiteure sein, Möbel, Geschirr, lauter Erbstücke inzwischen.

Eichhorn will dazu auffordern, sich zu melden, falls man von Raubgut in Privatbesitz weiß. Sie verlangt Indiskretion vor allem in eigener Sache, die Verletzung der eigenen Privatsphäre.

Ihr Beitrag für die Documenta heißt "Rose Valland Institut", benannt nach der Frau, die im besetzten Frankreich heimlich notierte, welcher raffsüchtige Fremde welche Kunst mitgehen ließ. Vielleicht wird aus dem Projekt eine dauerhafte Forschungsplattform, vieles am großen Raub sei noch zu beleuchten, sagt Eichhorn; sie nennt die Situation auf den Dörfern, wo die Bereicherung an jüdischem Besitz oft direkter abgelaufen sei. Sie erwähnt den Raub geistigen Eigentums, den Diebstahl von Patenten, wissenschaftlichen Ergebnissen.

Künstlerin Eichhorn
John Miller

Künstlerin Eichhorn

Immer geht es der Künstlerin auch um Bildlichkeit. Listen, Dokumente, Stempel weisen eine Ästhetik des Rechtmäßigen auf, auch dann, wenn sie Ausdruck mörderischer Gier sind. Ein weiteres Beispiel: Ein Sachverständiger taxierte 1938 und 1940 im Auftrag der Nazis eine jüdische Kunstsammlung in Breslau. Bald können die Besucher der Documenta die Liste des Jahres 1940 betrachten, nachlesen, wo was hing und stand in der Villa des Witwers David Friedmann. Damals bereicherte sich das Reich an seinem Eigentum, handelte mit dem, was es ihm gestohlen hatte.

Eines dieser Breslauer Bilder, ein Gemälde von Max Liebermann, wurde 2013 in der Wohnung von Cornelius Gurlitt entdeckt. Sein Vater, der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, hatte es 1942 angeboten bekommen, gemeinsam mit einem anderen Bild aus demselben jüdischen Vorbesitz.

Gern hätten die Documenta-Leute den gesamten heiklen Bilderbestand der Gurlitts ausgestellt, das ist nicht möglich. Stattdessen zeigt man Kunst, die die Gurlitts selbst schufen: Großvater und Schwester des Kunsthändlers waren Maler. Und man hat eine Künstlerin wie Eichhorn, die sich vor allem Phantomobjekten widmet, verschwundenen Besitztümern.

Auch die meisten Bilder der Familie Friedmann sind noch verschollen. Für Hinweise auf ihren Verbleib wird in Kassel eine Belohnung in Aussicht gestellt.

Eichhorn macht das in Absprache mit David Toren aus New York, dem Großneffen des Kunstliebhabers Friedmann. Toren, geboren 1925, war als Teenager aus Breslau geflüchtet. Als Kind bewunderte er beim Großonkel jenes Liebermann-Bild, das später auch Cornelius Gurlitt so gefiel, die "Zwei Reiter am Strand". Nach langem Hin und Her wurde es restituiert.

Dann ist da das andere Werk, das Hildebrand Gurlitt 1942 aus Breslau bezog und das wohl seine Tochter 2000 in eine Auktion gab. Es handelt sich um ein Liebermann-Pastell mit dem Titel "Die Korbflechter". Toren erhielt das Angebot, es zurückzukaufen. Er erzählt das am Telefon. Gerade kam das Pastell in den USA an, fast 80 Jahre nachdem der Nazigutachter es bei seinem Großonkel in Augenschein genommen hatte.

Derweil verweigert das offizielle Deutschland die Annahme einer Klage, die der betagte Toren in Washington einreichte. Er will, dass die Bundesrepublik die anderen Werke seiner Familie aufspürt. Nun streitet er vor Gericht, damit die Klage zugestellt werden kann.

Eichhorn geht der Stoff nicht aus, er erneuert sich geradezu.



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