04.12.2013

stadtgesprächMöpse zeigen

Femen-Frauen entblößen beim Protest ihre Brust, zum Ärger anderer Feministinnen.
Zana Ramadani trägt ein hellgraues Kostüm, eine randlose Brille, ihre Haare sind zurückgesteckt. Sie ist 29 Jahre alt und arbeitet in einer Anwaltskanzlei. Sie kommt zum Gespräch in einen Coffeeshop in Hamburg. In der Nacht ist sie mit ihrem alten Auto hergefahren, 450 Kilometer, sie wohnt in einem Dorf nahe Siegen. Mit Ehemann. Und sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Ortsverbands der CDU.
Zana Ramadani ist außerdem eine der Frauen, die Femen in Deutschland gegründet haben.
Femen, das ist die feministische Aktionsgruppe aus der Ukraine, die nur aus jungen blonden, wilden Mädchen zu bestehen scheint. Mädchen ist kein gutes Wort für volljährige Frauen, ein Wort aus der Heidi-Klum-Welt. Aber die Ukrainerinnen nennen sich selbst so. Sie sehen ohnehin aus wie Kandidatinnen einer Castingshow. Sie haben kein Problem damit, sich für ihre Sache auszuziehen. Und sie werfen sich auch halbnackt Sicherheitsmännern in den Weg, riskieren Verhaftungen.
Seit fünf Jahren gibt es Femen in der Ukraine.
Nun ist die deutsche Gruppe zum ersten Mal groß herausgekommen, am 8. April, mit einem Oben-ohne-Protest gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin auf der Hannover Messe. "Fuck Dictator" haben sich die Frauen auf ihre Brüste geschrieben. Außerdem stehen sie so vor einer Moschee in Berlin, da ist Zana Ramadani dabei, mit der Parole "Fuck Islamism" auf ihrer Haut. "Fuck" scheint eine Art Grundhaltung der Gruppe zu sein.
Zana Ramadani hat keine Modelfigur, sie hätte keine Chance bei Heidi Klum. Bei Femen gehe es nicht um Schönheitsnormen, sagt sie, es gehe um Kraft, um Wut. Davon hat sie mehr als genug.
Ihre Eltern sind Einwanderer, muslimische Albaner aus Mazedonien. Sie erziehen ihre Tochter streng und berufen sich dabei auf ihre Religion. Mit 18 zieht sie aus. Sie ist tätowiert, wie man bei ihren Oben-ohne-Aktionen sehen kann. Eine Feministin, die gegen Frauenhandel, Prostitution und vor allem gegen die Unterdrückung durch Religionen kämpfen will, auf der Straße, nicht in Diskussionsrunden an der Uni. So sieht sie sich.
Es gibt dann schnell jede Menge Ärger. Vor allem Frauen, die sich ebenfalls als Feministinnen verstehen, regen sich über Femen auf. Über die nackten Brüste, mehr noch über die Parolen: inhaltlich dünn, politisch fragwürdig. Der Protest vor der Moschee in Berlin wird besonders heftig kritisiert - als üble Islamfeindlichkeit, wenn nicht gar Rassismus. Es gibt auch jede Menge Gerüchte, die Aktivistinnen würden nach Aussehen ausgesucht, fürs Ausziehen bezahlt, ein Mann habe sich die ganze Sache ausgedacht.
Zana Ramadani telefoniert manchmal mit Alice Schwarzer, die mit "Emma" zu Femen hält. Femen protestiert gegen das Barbie-Haus in Berlin, dann verliert man ein wenig den Überblick. Die Bilder ähneln sich zu sehr. Worum geht es noch mal, was steht auf den Brüsten? Eine Frau aus der deutschen Gruppe wird bei einer Aktion in Tunesien verhaftet und kommt erst nach vier Wochen wieder frei.
Wenn ich Zana Ramadani anrufe, sagt sie immer: "Egal, wir machen weiter." Es gehe um die Sache.
Das sagt sie auch Anfang September, als es so aussieht, als sei es nun mit Femen vorbei. War die Frauengruppe nur eine sexistische Männerphantasie? Auf dem Filmfestival in Venedig hat der Dokumentarfilm "Die Ukraine ist kein Bordell" Premiere, der den Alltag der Femen-Frauen in der Ukraine zeigt. In diesem Film kommt auch ein Mann namens Wiktor Swjazki zu Wort, der sich als Chef von Femen aufspielt. Er spricht verächtlich über die Frauen, die hätten "nicht einmal den Wunsch, stark zu sein", und sagt, er habe es anfangs auf Sex abgesehen gehabt. Es hilft nicht viel, dass einige der Ukrainerinnen mit nackten Brüsten über den roten Teppich in Venedig laufen und erklären, sie hätten diesen Kerl längst bei Femen hinausgeworfen.
Swjazki rechtfertigte sich im SPIEGEL, die Dramatik im Film sei abgesprochen gewesen.
"Ach, Wiktor, der hat in Kiew den Papierkram gemacht", sagt Zana Ramadani am Telefon, sie sitzt in ihrem alten Auto und fährt durch Deutschland. Sie klingt erschöpft. Fürs "Möpsezeigen" bekomme sie leider immer noch kein Geld, sagt sie. Sie erzählt von dem Verein, den sie in Deutschland inzwischen gegründet hätten. Ohne Männer.
Eine Sache hat Zana Ramadani in diesem Jahr immerhin geschafft. Sie steht vor Heidi Klum, im Finale von "Germany's Next Topmodel", einer Live-Sendung Ende Mai. Zwei Frauen von Femen haben die Bühne gestürmt, um gegen das Frauenbild in der Show zu protestieren. Heidi Klum quiekt, als sie Zana Ramadani sieht. Ihre nackten Brüste, ihren nicht perfekt trainierten tätowierten Frauenkörper.
Auf den Bildern, die die Zeitungen und Websites später von diesem Protest zeigen, ist Zana Ramadani kaum zu sehen. Zu sehen ist fast immer die andere Aktivistin von Femen. Sie sieht aus wie eines der Klum-Models.
Von Wiebke Hollersen

SPIEGEL Chronik 1/2013
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