04.12.2014

ÄgyptenAlles auf Anfang

War die Revolution umsonst? Abd al-Fattah al-Sisi, ein Protagonist der Mubarak- Regierung, schickt die Gegner des Regimes dutzendweise ins Gefängnis oder lässt sie gleich zum Tode verurteilen. Herrschaft ist ihm wichtiger als Reformen.
Hossam Abu Said, ein freundlicher und schmaler Mann von 39 Jahren, geboren in Assiut, in Oberägypten, seit 25 Jahren in Kairo lebend, Ehemann, Vater dreier Kinder, stellvertretender Vertriebsleiter einer Firma für Golfzubehör, erhält im Sommer eine Anweisung seines Präsidenten: Er, Hossam, soll künftig mehr Fahrrad fahren.
Hossam versteht kein einziges Wort. Radfahren? Jawohl, alle Ägypter sollten mehr Fahrrad fahren, so wendet sich Abd al-Fattah al-Sisi in den Zeitungen und im Rundfunk an sein Volk. Das sei gesünder und billiger. Und es sei auch besser für Ägypten, eine patriotische Pflicht.
Hossam besitzt nicht mal ein Fahrrad, er kennt auch niemanden, der Fahrrad fährt, in einem Land, in dem im Sommer die Sonne alles niederbrennt, die Schlaglöcher tief, die Autofahrer zum Fürchten sind.
Aber der Präsident meint es ernst. Hossam sieht sogar einen Bericht im Fernsehen. Der "Löwe von Ägypten", wie seine Anhänger ihn titulieren, der Ex-Feldmarschall und Retter der Nation, sitzt auf einem offenbar nagelneuen weißen Mountainbike und fährt an der Spitze eines schwankenden Pulks anderer Radfahrer durch die Innenstadt von Kairo. Die übrigen Radler, scheint es Hossam, sind vor allem Soldaten in Zivil und einige ägyptische Prominente. Die Straßen, durch die sich sonst der tobende Verkehr wälzt, hat man für Sisis werbende Tour weiträumig abgesperrt. Es ist ein merkwürdiger Anblick. Und eine seltsame Idee.
Sisi, sechster Präsident der Arabischen Republik Ägypten, macht eher durch bizarre Vorschläge von sich reden als durch konzise Pläne und Programme, wie er sein Land verändern will. Je weniger überzeugend die Ideen sind, desto schärfer fällt der Ton aus, in dem er das Staatsvolk an seine Pflichten erinnert.
Die Zeit des Protestes, so erklärt Sisi in Fernsehinterviews, sei vorbei, härter denn je müssten seine Landsleute nun arbeiten. Schon vor dem Frühstück müsse jeder sich fragen, was er für sein Land tun wolle - Sisi spielt, sich bei John F. Kennedy bedienend, den ärgerlichen Vater, der seinem unfolgsamen Kind die Grenzen aufzeigt, notfalls mit Strenge. Als hätten die Ägypter sich mit ihrer Revolution eine Auszeit genehmigt.
Im Gegensatz zur dröhnenden Rhetorik steht die verhaltene Stimmung im Land. Ein Klima der Lähmung, der Mutlosigkeit, sagen Beobachter, breite sich aus. Die korrupte Polizei, die Subventionen, die Repression, alles ist wieder wie vor vier Jahren, als hätte es die Revolution nie gegeben, den Ruf nach Würde, Brot, Freiheit. Nach der Revolution ist wie vor der Revolution.
Hossam, der Vertreter für Golf-Zubehör, hat die Phasen des "Arabischen Frühlings" in Ägypten mitgemacht. Er ist ein zarter, höflicher Herr, dennoch zog er, ohne seiner Frau Genaueres zu sagen, im Januar 2011 auf den Tahrir-Platz und riskierte dort seine Gesundheit, sein Leben. Er erlebte den Taumel des Sieges, erlebte den Wahlsieg der Muslimbrüder, dann den Volksprotest gegen deren Regierung und gegen Mursi - und schließlich den Militärputsch.
Hossam gibt sich Mühe, optimistisch zu bleiben, aber manchmal macht er eine Art Bestandsaufnahme. Und dann fragt er sich, ob es das alles wert war. Die Monate des Kämpfens, die Hunderte von Toten, Tausende von Verletzten.
Mit Sisi kommt ein Mann am 28. Mai an die Spitze, der weniger für sich steht als für ein System. Durch und durch ist der Präsident ein Protagonist des Apparats, und sein Aufstieg sagt viel aus darüber, wie Ägypten funktioniert - und eben auch nicht funktioniert.
Sisi wird 1954 hineingeboren in eine Schreiner- und Händlerfamilie, die einen gewissen Wohlstand erworben hat und ihre Waren auf Kairos traditionellem Basar, dem Chan al-Chalil in der Altstadt, anbietet. Ihr Haus im Gamalija-Viertel gehört der Familie Sisi seit Generationen, seit der Vorfahr Hussein al-Sisi es bauen ließ.
Sisis Vater und seine Gehilfen fertigen einfache Waren wie Stühle, Tabletts, Fensterrahmen an, aber auch Kästchen und Bilderrahmen mit kunstvoller Intarsien- und Perlmuttarbeit gehören zum Sortiment. Sisi geht in die al-Bakri-Grundschule, er gilt als still, höflich, fromm. Zum Beten besucht er meist die Umm-al-Ghulam-Moschee unweit des Basars. Seine Herkunft, sein Charakter - all das passt zu einem Einstieg ins väterliche Geschäft, zu einer traditionellen Karriere. Aber es kommt anders.
Sisis Kindheit fällt zusammen mit dem Militärputsch, mit dem Aufstieg Gamal Abd al-Nassers zur Ikone des arabischen Nationalismus. Für Sisi muss diese Zeit prägend gewesen sein. Jedenfalls entzieht er sich dem elterlichen Geschäft und schafft es, beim Militär angenommen zu werden. In den kommenden Jahrzehnten vollzieht sich sein Aufstieg durch die Hierarchie.
Er geht als Attaché nach Saudi-Arabien, er studiert am Staff College in Großbritannien, und 2006, da ist er bereits Brigadegeneral, besucht er das United States Army War College in Pennsylvania. Dort schreibt er eine Arbeit über "Demokratie im Nahen Osten".
Mit dem Thema liegt er nicht falsch: Bald nach seiner Rückkehr nach Ägypten findet die Revolution statt, schreien die Menschen auf dem Tahrir-Platz nach Würde und Freiheit, und Sisi wird nach Mubaraks Sturz Chef des militärischen Geheimdienstes. Unter Mursi wird er Verteidigungsminister.
Sisi fügt sich ein in dieses System, in diesen Militärapparat, in dieses Offizierskorps. Die Armee hat die Mission, Staat und Nation zu schützen - daher kann der Militärapparat nicht mächtig genug sein. Sisis persönliche Karriere vollzieht sich parallel zum Machtzuwachs der Generäle: Der Armee gehören, ganz oder mehrheitlich, Tankstellen und Nudelfabriken, Hotels und Immobilien. Unternehmen, die vom Militär kontrolliert werden, erwirtschaften schätzungsweise bis zu 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, und das Militär ist die größte Wirtschaftsmacht in Ägypten.
Das Militär muss sein Budget nicht offenlegen, es kann jederzeit, wenn nach eigenem Ermessen die nationale Sicherheit auf dem Spiel steht, öffentliches Land konfiszieren. Hingegen sind private Unternehmen von der Zustimmung des Militärapparats abhängig, sobald sie Land kaufen wollen.
Lukrative Geschäfte kann man nur machen, wenn man jemanden kennt. Den muss man natürlich beteiligen, belohnen. Das ägyptische Militär ist ein automatisch expandierender Klub, eine verschworene Gemeinschaft. Armeeangehörige dürfen auch nicht wählen. Sie stehen über den Dingen.
Die Rezepte des Militärs, wie eine Gesellschaft zu steuern sei, sind freilich in erster Linie Rezepte für den eigenen Machterhalt, und dafür waren sie auch gut genug, sechs Jahrzehnte hindurch. Sie taugen aber wenig, um eine komplex gewordene Gesellschaft zu führen, umzubauen, zu gestalten.
Wie will Sisi die Probleme lösen, zumindest angehen?
Sisi hat weder vor noch nach seiner Wahl ein Konzept zur Diskussion gestellt. Dabei sind die Probleme übermächtig - etwa die ökonomische Malaise, aus der das Land nicht herauskommt. Seit 2011 ist der Tourismus, vormals die zweitgrößte Einnahmequelle nach dem Suezkanal, eingebrochen. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 13 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit soll bei etwa 40 Prozent liegen. Etwa ein Viertel der Ägypter lebt in Armut. Stromausfälle machen das Leben umständlich, vor allem sind sie tödlich für die industrielle Produktion.
Hossam gehört zur schmalen Mittelschicht in Ägypten, und seine Geschichte ist typisch: Nach der Revolution verlor er seine Arbeit. Um die Familie zu ernähren, musste er sein Auto verkaufen; der Job, den er jetzt gefunden hat, wirft weniger ab, dafür sind die Preise dramatisch gestiegen. Ein Fladenbrot kostete früher etwa 3 Cent, jetzt das Doppelte. Ein Teller Kuschari, ein Eintopf aus Reis, Linsen, Kichererbsen, Zwiebeln, Knoblauch, kostete früher etwa 45 Cent, jetzt das Dreifache. Benzin ist teurer. Busse und Sammeltaxis sind teurer. Alles in allem hat sich Hossams Lebensstandard halbiert.
Der Präsident hat den Bau großer Infrastrukturprojekte angekündigt, 48 neue Städte, neue Flughäfen, Fischfarmen, Kraftwerke wolle er bauen, so Sisi, eine "Landkarte der Zukunft".
Dieser Plan stammt, zumindest in seinen Umrissen, gar nicht von Sisi, sondern aus der ersten Amtszeit von Husni Mubarak. Er wurde allerdings nie verwirklicht. Hat Sisi sich diese Pläne auch wirklich genau angeschaut? Oder hat er nur von einem potemkinschen Projekt den Staub weggepustet?
Das zweite große Problem, das Sisi angehen müsste, ist noch virulenter als die ökonomische Krise - vielleicht ist sie sogar die Ursache für die Wirtschaftskrise. Es ist ein soziales Problem: Desintegration. Die Gesellschaft Ägyptens ist eine Gesellschaft ohne festen Zusammenhalt; nach der Revolution wurde dies offenkundig, die Gesellschaft zerbröckelte.
Die Unruhen nach der Revolution haben den Ägyptern vor Augen geführt, wie schnell so etwas vor sich geht, wie rasch Anarchie um sich greift. Hossam erinnert sich noch mit Schrecken an den Tiefpunkt 2012, an jene Monate, als kein Mensch mehr gefahrlos nach Einbruch der Dämmerung irgendwohin fahren konnte, als marodierende Banden durch die Stadt zogen. Überfälle, Entführungen, Einbrüche waren alltäglich.
Als Mursi und seine Muslimbrüder an die Macht kamen, sagte sich Hossam, wie so viele Ägypter: Na gut, ich habe sie nicht gewählt, aber wir müssen ihnen eine Chance geben. "Ich war dazu absolut bereit", sagt er.
Wenn es eine solche Chance gab, verspielten die Muslimbrüder sie schnell: durch ihre Inkompetenz, durch ihren Bevormundungswahn, durch ihre Kompromisslosigkeit, durch ihre Alleingänge. Viele liberal-bürgerliche Parteien wiederum waren durch ihre Niederlage wie gelähmt, und so verhielten sie sich auch. Viele säkulare Parteien existierten im Mursi-Jahr nur auf dem Papier. Das stärkte die Bruderschaft.
Hossam wusste nicht, wohin mit seiner Enttäuschung, seiner Wut. Denn die Opposition hatte keine Institutionen, es gab nichts, um die Gegenwehr zu kanalisieren. Es blieb nur die Straße. Und als die Anti-Mursi-Bewegung Tamarud die Menschen auf die Straße rief, war Hossam dabei.
Der Oberste Militärrat, dem Sisi damals als Verteidigungsminister angehörte, zögerte lange und ließ sich bitten. Als aber die Militärs sich zum Handeln entschlossen hatten, ging es plötzlich sehr schnell. Und rasch haben sie auch ihre Macht gefestigt: Journalisten wurden eingeschüchtert, teilweise unter absurde Anklagen gestellt, verurteilt, ins Gefängnis geworfen.
Es regnete Todesurteile für echte oder vermeintliche Muslimbrüder, Todesurteile für Hunderte Menschen auf einen Schlag und im Schnellverfahren. Seit dem Sturz Mursis sind etwa 16 000 Mitglieder oder Anhänger der Muslimbrüder inhaftiert worden.
Die neuen, alten Freunde Sisis, die Golfstaaten, allen voran die Saudis, sehen diese Entwicklung mit Wohlgefallen.
Für Riad wäre eine erfolgreiche Regierungszeit eines Muslimbruders ein Albtraum; sie könnte zeigen, dass auch in einem islamischen Land soziale und demokratische Veränderungen möglich sind. Mit rund 20 Milliarden US-Dollar haben nach Aussage Sisis die Golf-Araber den Militärputsch und die relative Ruhe im Land finanziert.
Viel spricht dafür, dass die jäh aufflammenden Unruhen 2011, dass der Sturz Mubaraks die Militärs überraschte. Mubarak hatte den Militärapparat, um potenzielle Konkurrenten auszuschalten, in seinen letzten Amtsjahren entpolitisiert.
Auch gehen Beobachter davon aus, dass Mubarak selbst innerhalb des Militärs umstritten war - vor allem, weil er allem Anschein nach plante, seinen Sohn Gamal als Nachfolger einzusetzen. Gamal wiederum war kein Militär, er hatte seine Unterstützer eher bei den jungen Unternehmen und Neureichen Ägyptens, mit denen er sich ostentativ zeigte. Die altgedienten Offiziere werden darüber nicht glücklich gewesen sein.
Die Entscheidungsfindung, die der Militärapparat unternahm, mag mühsam gewesen sein. Aber diese eine Maxime wird es gegeben haben: Der Einfluss der Armee darf nicht schwinden, ihre Privilegien müssen verteidigt und ausgebaut werden. Und das ägyptische Volk ist für die Demokratie nicht reif. Und bis dahin müssen wir, die Armee, das Volk in eine wohlwollende Diktatur zwingen.
So etwa, sinngemäß, hat Sisi es selbst niedergeschrieben, im März 2006 in Pennsylvania. Der Autor Sisi ist hin- und hergerissen zwischen der wunderbaren Demokratie, die er allerdings mit dem Islam versöhnen will, und der schmerzlichen Einsicht, dass dies für seine Landsleute noch zu früh wäre.
An Sisis Argumenten und seiner Grundhaltung kann man seine Biografie ablesen wie an den Wachstumsringen das Alter eines Baums: Er begann als Junge aus der Mittelschicht, aus dem Basar, doch dann ließ er sich in 40 Jahren Militärdienst modellieren. In seinem Aufsatz sprechen sich gleichsam beide Sisis aus: der Junge aus dem Volk mit seiner Sehnsucht, der abwiegelnde Offizier, der den Unverstand seiner Landsleute kennt.
Ein Programm hat er nicht vorgelegt, er selbst ist das Programm. Den Subventionsabbau, dringend nötig, hat er bis auf Weiteres verschoben. Er hat, gemeinsam mit Saudi-Arabien, den Emir von Katar isoliert, er ist von Washington abgerückt und nähert sich nun den Russen an, die die Chance dankend annehmen.
Und jetzt? Was wird aus Ägypten, was wird aus dem liebenswürdigen, schmalen Hossam, Vertreter für Golf-Zubehör? Man müsse Abd al-Fattah al-Sisi eine Chance geben, sagt Hossam, notfalls bleibe immer noch die Straße.
Leute wie Hossam haben im vergangenen Jahr, in den letzten vier Jahren einen hohen Preis gezahlt für ihren Versuch, Politik zu machen; aber sie haben eine Erfahrung gemacht - sie sind nicht völlig machtlos.
Hossam Abu Said ist nicht mehr derselbe Mann wie vor der Revolution, mit Leuten wie ihm muss Sisi notfalls rechnen.
Von Ralf Hoppe

SPIEGEL Chronik 1/2014
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