09.12.2015

Held des Alltags – Til SchweigerKampfschwein

Er stürmt aus der Boxarena, schlägt im Vorübergehen zwei-, dreimal kraftvoll in einen Sandsack und rennt dann über den Flur, während ihm eine Assistentin im Laufschritt ein Handy reicht. Til Schweiger dreht in Hamburg einen neuen Film, seinen ersten "Tatort" fürs Kino. Doch in jeder freien Minute hängt er am Telefon. Wer ist es diesmal? Die Rita? Der Siggi? Oder etwa Mathias?
Das Jahr 2015 beginnt für Schweiger mit dem größten Erfolg seiner Karriere – und steigert sich dann. Seine Tragikomödie "Honig im Kopf", in der Dieter Hallervorden einen Alzheimerkranken spielt, bricht im Januar Kassenrekorde und findet am Ende allein in Deutschland über sieben Millionen Zuschauer. Im Juni verleiht ihm die Deutsche Filmakademie einen Ehrenpreis. Am Ende des Jahres hat Schweiger viele neue Freunde gefunden und sich ein paar erbitterte Feinde gemacht. Auf beides kann er stolz sein.
Einige der neuen Freunde heißen: Rita Süssmuth, ehemals Familienministerin; Vizekanzler Sigmar Gabriel, den Schweiger inzwischen Siggi nennt; oder auch Mathias Döpfner, Chef des Springer-Konzerns. Die Feinde haben meist kein Gesicht und schreiben Sätze wie: "Wir wünschen uns, dass deine Töchter von diesem Asylantendreckspack übelst vergewaltigt werden, und wir wollen, dass dieses Pack sie vor laufender Kamera hängt."
Wochenlang wird Schweiger auf seiner Facebook-Seite von Rechtsradikalen beschimpft, nachdem er seine Fans aufgefordert hat, einen Spendenaufruf des "Hamburger Abendblatts" für Flüchtlinge zu unterstützen. Schweiger findet viel Zuspruch, sieht sich aber auch plötzlich mit einem Shitstorm aus brauner Gesinnung konfrontiert. Er pöbelt auf Facebook zurück. "Zeig deine dumme Fresse", antwortet er auf einen der unflätigen Posts.
Schweiger beschließt, mit einem Freund und dessen Geschäftspartner eine ehemalige Kaserne in Osterode in ein Flüchtlingsheim umzuwandeln. Er ruft eine Stiftung zur "Verbesserung der Chancen benachteiligter Kinder und Jugendlicher jeglicher Herkunft" ins Leben und holt Süssmuth, Gabriel und Döpfner in den Beirat. In kurzer Zeit nimmt die "Til Schweiger Foundation" eine halbe Million Euro ein. Auch Bundestrainer Joachim Löw und der Rapper Thomas D geben Geld.
Als der SPIEGEL Schweiger im Sommer zum Gespräch trifft, dreht dieser gerade einen Film, führt eine Debatte und gründet die Stiftung – alles gleichzeitig. Seit Wochen habe er kaum geschlafen, sagt er und lässt sich auf das Sofa in seinem Wohnwagen sacken. Eben hat er eine Szene gedreht, die in einer Kickboxarena spielt. Nun hat er eine Stunde Mittagspause.
Aber Schweiger isst nichts während des Interviews, er raucht drei Zigaretten und redet in einem fort. Alles, was Schweiger macht, erledigt er mit einer berserkerhaften Besessenheit. Er ist kein Taktiker, kein Stratege. "Ich bin halt gefühlsgetrieben", sagt er und klingt dabei überhaupt nicht entschuldigend. Er habe nicht gewusst, dass einer seiner Partner in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecke und das Osterode-Projekt gefährdet sei. Nun werde er eben in Osnabrück ein Flüchtlingsheim aufbauen.
Schweiger ist einer, der ständig aus der Deckung kommt, der sich angreifbar macht, wüst austeilt und manchmal dummes Zeug redet. Am Tag vor dem SPIEGEL-Gespräch hat er den CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer in einer Talkshow angeblafft: "Sie gehen mir auf den Sack!" "Dafür habe ich mich ja dann auch später entschuldigt", sagt er. "Obwohl ich nicht weiß, ob das wirklich eine Beleidigung war."
Er grinst und wirkt dabei wie ein Lausbub, der ziemlich stolz auf seinen jüngsten Streich ist. Schweiger kann so cool wirken wie kein anderer deutscher Schauspieler. Aber viel öfter wird er zum Opfer seines Überdrucks, verliert die Nerven, geht in die Luft. Til Schweiger ist eben ein verdammt schlechter Darsteller von Til Schweiger. Das macht ihn sympathisch.
Von Lars-Olav Beier

SPIEGEL Chronik 1/2015
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