09.12.2015

GriechenlandDie Varoufakiade

Alexis Tsipras, der neue Regierungschef in Athen, will die Welt verändern. Sein Finanzminister Yanis Varoufakis ist Marxist und fährt Motorrad. Linke in aller Welt sind begeistert, Europas Haushaltspolitiker entsetzt. Zu Recht? Von Alexander Smoltczyk
Der jugendliche Herakles aber erscheint zum Schwur mit einer Schar greiser Helden, und als die Getreuen dann die Hand zum Eid erheben, da nimmt endlich das Vergangene Rache an der Gegenwart.
So ließe sich ein Epos beginnen. So beginnt, am 26. Januar im Präsidentenpalast zu Athen, eine Geschichte, die den Kontinent das Jahr über in Bann halten wird. Ein Ringen mit den Verhältnissen, ein Aufstand gegen das Unausweichliche, ein dramatischer Kampf zwischen ungleich Mächtigen, die einen auf den Thron gehoben durch das Recht, die anderen durch die Gerechtigkeit.
Noch wenige Tage zuvor haben nur wenige in Griechenlands Nachbarländern die Namen der Beteiligten gekannt. Alexis Tsipras, Yanis Varoufakis? Nikos Kotzias? Die Buchstabenfolgen "Ochi", "Grexit", "Dijsselbloem" und "Isch over" sind großen Teilen der Zeitgenossen noch nicht geläufig. Das wird sich schnell ändern. Athener Parlamentsdebatten werden nur wenige Monate später in Berlin und Madrid, in Ljubljana, Brüssel, Riga mit Spannung verfolgt. Griechische Innenpolitik treibt in Paris Leute auf die Straße, und der deutsche Finanzminister wird auf den Plakaten der griechischen Parteien zu finden sein. Etwas wird sich geändert haben in Europa, und das ist das Verdienst dieses jugendlichen Heroen, der am 26. Januar beim griechischen Staatspräsidenten erscheint und sein gar nicht so jugendliches Kabinett vereidigen lässt: Alexis Tsipras.
Einen Tag zuvor hat seine Partei Syriza die Parlamentswahl klar gewonnen, die traditionellen Parteien des Landes liegen am Boden. "Für Griechenland beginnt ein neues Kapitel! Wir lassen die zerstörerische Sparpolitik hinter uns!", hatte Tsipras beim Siegesfest gerufen und hatte gesungen und getanzt.
Tsipras, Jahrgang 1974, ist der jüngste Regierungschef der neueren griechischen Geschichte. In wenigen Wochen wird er zudem einer der populärsten sein – auch wenn seine Macht gleich hinter den Landesgrenzen endet.
Einer nach dem anderen der künftigen Minister tritt an den Tisch, setzt sich und signiert seine Ernennung. Einer muss geführt werden. Der designierte Gesundheitsminister Panagiotis Kouroumblis hat als Kind sein Augenlicht verloren, beim Spiel mit einer deutschen Handgranate.
Da steht, als eine der wenigen Frauen, Nadia Valavani, die als Studentin wiederholt in den Kerkern der Obristen gemartert worden ist, fünf Monate in kompletter Isolation, im Dunkeln. Sie ist eine Legende der Linken, eine Spezialistin für Bertolt Brecht, die als Übersetzerin und als Hotelbetreiberin gearbeitet hat. Jetzt ist sie stellvertretende Finanzministerin und verantwortlich dafür, dass genug Steuern in die Kassen fließen.
Es ist, als ob sich eine Stimme aus der Vergangenheit noch einmal zu Wort melden möchte. Die meisten hier sind im Widerstand gegen das Obristenregime politisiert worden. Sie hatten recht, als sie jung waren, in den Siebzigern. Aber damals wurden sie von der Macht dafür eingesperrt oder vertrieben ins Exil und in die Universität, dieses Zwischenlager für Frühreife, dieses Endlager für Radikale. Ihre besten Jahre haben sie mit dem Schreiben von Thesenpapieren, Konzepten, Programmen verbringen müssen.
Der rundliche Nikos Kotzias galt als Chefideologe der Kommunisten, ein brillanter Kenner des Marxismus, dem aus seiner Gießener Studentenzeit noch der Ruf des Lebemanns anhängt. Der frühere Professor für Politische Theorie hat 27 Bücher geschrieben, die meisten über Geopolitik, er hat Habermas übersetzt und verlegt. Er wird das Außenministerium leiten.
Die Architektin Theano Fotiou soll sich um "Soziale Solidarität" kümmern, der Hochschullehrer Dimitris Mardas die Staatskasse verwalten. Nur ein Einziger in diesem Kabinett, der Vizepremier Giannis Dragasakis, hat Regierungserfahrung, nicht wenige waren in den Siebzigern Jugendfunktionäre in der Kommunistischen Partei. Nikos Voutsis etwa, der 63-jährige Bauingenieur aus Athen. Im November 2013 hat er sich noch mit der Polizei gerangelt, jetzt ist er Innenminister. Ein Genosse von ihm, Panagiotis Lafazanis, war einer der Anführer der Besetzung der Athener Universität 1973, hat dafür im Gefängnis gesessen. Der Mathematiker ist jetzt Wortführer der "Linken Plattform" von Syriza, ein Saint-Just und verantwortlich für die Ressorts Entwicklung, Umwelt und Energie. Aber als Verteidigungsminister hat sich Tsipras einen Nationalkonservativen in die Koalition geholt, Panos Kammenos von den Unabhängigen Griechen. Man muss das Militär nicht provozieren, nicht in Griechenland.
Es ist vor allem ein Kabinett der Spätgekommenen. Seit den Sechzigern nannten sie sich die "Lambrakis-Jugend". Nach Grigoris Lambrakis, dem Arzt und Widerstandskämpfer, dem ermordeten Abgeordneten, über den Constantin Costa-Gavras den Politthriller "Z" gedreht hat. Sie waren die Blüte Griechenlands, die Hoffnung. Jetzt sind sie, alt geworden, zurück aus dem Winterschlaf und wollen endlich ihre Ideen verwirklichen. Jetzt sind sie, endlich, an der Macht. Jetzt kann es losgehen.
Man stelle sich zum Vergleich vor, die Grünen hätten 1980 nicht nur einige Stühle im Bundestag in Beschlag genommen, sondern gleich die Regierungsbank. Mit Strickzeug, ohne Krawatte, Joschka Fischer als Bundeskanzler.
Einige der frisch Ernannten werden Alexis Tsipras im Sommer die Gefolgschaft kündigen, aus Enttäuschung über ihn, über die Verhältnisse, vielleicht über sich. Und niemand findet dafür dramatischere Worte als Nadia Valavani: "Alexis, du weißt viel besser als ich, dass man in einem Krieg, wenn die Kräfte des Feindes übermächtig sind, nur kapitulieren darf, um die eigenen Kräfte neu zu sammeln und den Widerstand aufzubauen."
Aber so weit ist es noch nicht an diesem Tag. Evo Morales, der Präsident Boliviens, ist einer der Ersten, die gratuliert haben. Genosse Alexis habe dem "europäischen Imperialismus" eine Niederlage zugefügt. Tsipras verehrt diese Voluntaristen aus Lateinamerika, Chávez, Castro, Morales.
Und warum sollen die anderen südeuropäischen Länder nicht folgen? In Portugal und später in Spanien stehen Wahlen an, in Italien und Frankreich sind bereits Sozialisten an der Regierung, die der protestantischen Strenge aus Berlin wenig abgewinnen können. Innerhalb von Tagen werden Alexis Tsipras und seine Minister zu Identifikationsfiguren der Linken weltweit.
Für einen Moment leuchtet das Bild eines südlicheren und wärmeren, eines besseren Europas auf, einer Union des Ausgleichs, nicht der Banken, eines Kontinents der Solidarität, mehr Sorbas als Schäuble, mehr Taverne als Notarskanzlei.
Tsipras hat die Wahlen gewonnen, das Volk steht hinter ihm. Und wenn die Verhältnisse in der EU nicht gerade nach Umverteilung und Gerechtigkeit aussehen, dann umso schlimmer für die Verhältnisse. "Tsipras ist ein Glücksfall für Europa", sagt in Berlin Gregor Gysi von der Linken.
Tsipras steht für die neue Zeit. Er ist der Kennedy der "Generation Attac".
Sein Vater hat eine kleine Baufirma, die Familie ist gemäßigt links und etwas irritiert, als der Sohn mit 16 Jahren in die kommunistische Jugend eintritt. Zuerst vielleicht weniger aus Begeisterung für Marx als aus der für eine Jungkommunistin, seine spätere Frau Peristera Batziana. Aber Tsipras ist ein politisches Naturtalent. Kurz darauf sieht man ihn an der Spitze der Schülerproteste gegen die Bildungsreform, er organisiert Streiks und Demonstrationen. Im Fernsehen präsentiert er einen Forderungskatalog. Das ist kein Träumer und kein Schwätzer, er will nur die Welt verändern. Er liest Trotzki, Mao und den Argentinier Ernesto Laclau, studiert in Athen, wird Bauingenieur, bleibt Berufsrevolutionär. Seinen zweiten Sohn tauft er auf den Namen Ernesto, zu Ehren von Che Guevara.
Bei den blutigen Protesten in Genua gegen das G-8-Treffen ist Tsipras selbstverständlich dabei. 2009 wird er für das radikal linke Wahlbündnis Syriza ins Parlament gewählt und übernimmt den Fraktionsvorsitz. Innerhalb von sechs Jahren führt er Syriza von der Fünfprozentmarke in die Regierung. Und das Wundersame dabei: Tsipras braucht sich dafür ideologisch nicht anzustrengen, nicht zu verbiegen. Er hat die Finanzkrise im Rücken. Es sind die Griechen, die sich seinen Ideen annähern, nicht umgekehrt. Die bürgerliche Mitte hat im Januar 2015 genug von den alten Eliten, von Pasok und Nea Dimokratia. Und da redet dieser Alexis Tsipras so gekonnt von "Merkelismus" und "Schuldknechtschaft", verspricht die Rücknahme all der bitteren Sparmaßnahmen und ist dabei noch so jung, so sympathisch, so gut erzogen. Das Wahlprogramm von Syriza ist denkbar klar: pro bonum – contra malum. Für das Gute, gegen das Schlechte.
Es ist das Jugendliche, das Tsipras auszeichnet, genau wie es Barack Obama und den Italiener Matteo Renzi quasi aus dem Stand ins Amt gehoben hat. Nur dass Obamas Slogan "Yes we can" die mächtigste Nation der Welt als Argument auf seiner Seite hatte. Griechenland hat gerade mal elf Millionen Einwohner, keine nennenswerte Industrie und 240 Milliarden Euro Schulden.
Tsipras hat ein feines Gespür für das Politische, für die richtigen Gesten, die Sätze, die Aktionen, die es braucht, um in einer Demokratie mächtig zu sein und es auch zu bleiben. Noch am Tag seiner Vereidigung lässt er sich zu einer Gedenkstätte für die Widerstandskämpfer fahren, dort legt er vier rote Rosen nieder. Das hat einst François Mitterrand in Frankreich ähnlich gemacht. Es gilt, sich in eine Tradition zu stellen. Wir sind an der Macht, und wir sind ganz viele, aber wer ist – wir?
Die Regierungserklärung einige Tage später wird wenig Visionäres haben. Sie ähnelt mehr einer Lesung aus einem Gewerkschaftsprogramm, ohne ein Wort zu Gender-, Frauen- oder Kinderrechten, zum ökologischen Umdenken. Eine Rede aus den Siebzigern.
Und dann steht da dieser Schauspieler. Jedenfalls sieht er so aus, ein schlanker 53-Jähriger, cool wie Humphrey Bogart, in offenem Hemd und schwarzem Sakko, und vor der Tür steht sein Motorrad, eine Yamaha XJR 1300. Yanis Varoufakis wird es in den nächsten Wochen zum wohl bekanntesten Finanzminister der Welt bringen, zum einzigen vielleicht, zu dem Kommentatoren ständig das Wort "sexy" einfällt, ein Mann, der gern Body und Bildung zur Schau stellt.
Dabei kennen den marxistischen Ökonomen zu diesem Zeitpunkt außerhalb Griechenlands nur die üblichen Verdächtigen von Anti-Globalisierungs-Konferenzen. Varoufakis hat sich unter anderem an den Universitäten von Sydney und Austin einen Namen als Spieltheoretiker, Finanzkrisenspezialist und Kritiker des "Spardiktats" aus Brüssel gemacht. Er ist kein Mitglied von Syriza, hat nie zuvor ein politisches Amt bekleidet. Die Politik der EU gegenüber seinem Land bezeichnet er als "finanzpolitisches Waterboarding".
Am Tag seiner Ernennung notiert er in seinem Blog: "Die Zeit, den Mund zu halten und sich mit dem Unausweichlichen abzufinden, sei gekommen, so hat man mir gesagt." Und er fügt hinzu, dass er von dieser Vorgabe nichts halte. Kaum ein Tag wird vergehen, an dem der Minister nicht mindestens ein Interview gibt.
Auch Yanis Varoufakis erfährt heute ein seltenes Glück: Er kann alles, was er sich in den vergangenen Jahren überlegt hat, endlich in die Wirklichkeit bringen. Ob das ein Glück für die Wirklichkeit ist, wird sich noch zeigen. Varoufakis wird mit Macht hantieren können, nicht nur mit Konzepten. Er wird das "Spardiktat" der Troika nicht nur in Essays zerfetzen, er wird IWF-Chefin Christine Lagarde und Jeroen Dijsselbloem, dem Vorsitzenden der Euro-Gruppe, Auge in Auge gegenübersitzen.
Im Wissen, dass sein Land beinahe bankrott ist, stürzt sich Varoufakis vom ersten Tag an und mit ganzem Einsatz in die Arena, er wird zum Gegenspieler von Wolfgang Schäuble, verehrt nicht nur in Griechenland, doch angespien und verachtet von allen, auf deren Urteil er nichts gibt. "Wenn man das Richtige tut, fragt man nicht nach den Kosten", sagt er. "Die Deutschen kennen dieses Konzept. Das ist Immanuel Kants Konzept der Pflicht."
Die nächsten Monate dreht sich ein Mahlstrom aus Krisensitzungen, Gipfeltreffen, Euro-Gruppen-Marathons. Es geht um die Verlängerung des "Hilfspakets" von EU, Weltwährungsfonds und Europäischer Zentralbank. Es geht um Nachverhandlung, wobei die Mehrheit der Europäer dafür keine Veranlassung sieht. Es geht um Zucht und Würde. Und all dies vor dem Hintergrund von Staatsbankrott und "Grexit", dem Austritt aus dem Euroverbund.
Das Kabinett der Aufrechten hat kein Geld, keine Zeit und als Neuling oft auch keine Ahnung. Wenn es je eine Herkulesaufgabe gegeben hat, dann liegt sie vor Alexis Tsipras. Der Augiasstall (Korruption, Steuerhinterziehung, Schattenwirtschaft, Bürokratie) muss ausgemistet, der Minotaurus in Gestalt der Troika bei Laune gehalten werden, und gleichzeitig wartet das griechische Volk auf die versprochenen goldenen Äpfel, auf Jobs, mehr Staatsausgaben, die Rücknahme all der Kürzungen und Sparmaßnahmen.
Im Zentrum dieses Wirbels wird immer dieser sphinxhafte Charakterkopf des Yanis Varoufakis zu sehen sein. Am Ende des Sommers kennt die Welt seinen Namen, sein Apartment, ist vertraut mit seinem Englisch, seinem Kleiderschrank. Bis zuletzt sind sich seine Gegner nicht sicher, ob diese brillierende Figur nun ein Spieler oder Blender ist oder ob hier ein heroischer Versuch gemacht wird, eine Alternative zum Üblichen zu sein. "Mit Dr. Schäuble habe ich mich nie gelangweilt", sagt Varoufakis, als alles vorbei ist.
Varoufakis wird fast genauso lange – oder so kurz – Finanzminister gewesen sein wie Oskar Lafontaine. Wenn er das Amt im Juli mit gleicher großer Geste verlassen haben wird wie der Saarländer, wird die Athener Börse ein Viertel ihres Kapitalwerts verloren haben. Ein EU-Beamter meint zum Abschied, Varoufakis sei "der teuerste Finanzminister der Geschichte".
Für den 5. Juli wird Tsipras ein Referendum anberaumen. Er wird von den Wählern ein "Nein" für ein Sparpaket verlangen, das er selbst mit ausgehandelt hat. Er wird das "Nein" bekommen und dann das Sparpaket gegen den Widerstand vieler Getreuer vom Jahresanfang durchsetzen. Und wird dafür im September wiedergewählt werden. Es ist der 26. Januar 2015. Es beginnt das Jahr der Griechen.
Von Alexander Smoltczyk

SPIEGEL Chronik 1/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit