09.12.2015

NachrufDer Weltbürger

Flut, Terror, Kalter Krieg – Helmut Schmidt hat Krisen mit Entschlossenheit und Mut gemeistert. Als Elder Statesman hat er den Deutschen die Welt erklärt. Dafür verehrten und bewunderten sie ihn. Von Ralf Neukirch
Helmut Schmidt wurde einmal gefragt, ob Raucher möglicherweise gut für das Gemeinwohl seien: "Sie zahlen Milliarden Tabaksteuer und sterben früher." Der damals 89-Jährige antwortete trocken: "Den Gefallen, früher zu sterben, kann ich Ihnen nicht mehr antun. Dazu ist es zu spät."
Am 10. November hat der Tod Helmut Schmidt doch erwischt. Ein Schock für die Deutschen, die geneigt waren, ihn für unsterblich zu halten. Keinen ihrer Landsleute haben sie so geachtet, er galt als höchste moralische Autorität. "Wer soll uns jetzt die Welt erklären?", fragte die "Zeit". Es war nicht ironisch gemeint.
Schmidt hat den Deutschen Orientierung in einer Gegenwart gegeben, in der alles aus den Fugen zu geraten scheint. Viele Menschen verstehen die Welt im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr. Schmidt sezierte die Ursachen von Krieg, Terror oder Finanzkrisen in wenigen Sätzen. Es war nicht immer klar, was die Worte bedeuteten, die er, umgeben vom Rauch seiner Mentholzigaretten, dahinknurrte. Das war nicht so wichtig. Es war tröstlich zu wissen, dass einer durchblickte.
Die Ursachen seiner Popularität hat Schmidt klarsichtig beschrieben: "Ich glaube, dass der eigentliche Grund nicht bei mir liegt, sondern dass es ein gewisses Bedürfnis nach Autorität gibt", sagte er vor einigen Jahren in einem Interview. "Wenn man sie in der gegenwärtigen Führungsschicht der Banken, Unternehmen, Gewerkschaften oder der politischen Parteien und im Parlament nicht ausreichend zu finden glaubt, dann richtet sich die Aufmerksamkeit auf die unterstellte Autorität eines Neunzigjährigen."
Das war zutreffend, wenn auch ein bisschen kokett. Der Grund lag natürlich auch bei ihm. Schmidt wurde Autorität zugeschrieben, weil er sie sich als Politiker verdient hatte. In schwierigen Situationen konnten sich die Bürger auf ihn verlassen. Schmidt behielt einen kühlen Kopf, wenn es darauf ankam.
Das zeigte er, als 1962 die Jahrhundertflut über Hamburg hereinbrach. Der Innensenator organisierte den Katastropheneinsatz, er nutzte alle zivilen und militärischen Ressourcen, um der Stadt und ihren Bürgern zu helfen. Ob das den Vorschriften entsprach, kümmerte ihn nicht. "Ich habe das Grundgesetz nicht angeschaut in jenen Tagen", sagte er später. Sein Ruf als Macher stammt aus dieser Zeit.
Dass Schmidts Denkapparat in Ausnahmesituationen besser funktionierte, wie er einmal sagte, bewies er auch als Bundeskanzler. 1974 war er seinem Parteifreund Willy Brandt im Amt gefolgt. Er sah sich bald mit der größten innenpolitischen Herausforderung der jungen Republik konfrontiert, dem Terror der Roten Armee Fraktion. Als ein RAF-Kommando im September 1977 den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführte, stand Schmidt vor der härtesten Entscheidung seiner Kanzlerschaft. Die RAF wollte Schleyer gegen ihre inhaftierte Führungsspitze austauschen. Schmidt blieb hart. Kein Deal mit Terroristen. Die Bundesrepublik dürfe nicht erpressbar sein, fand er.
Schmidt opferte das Leben Schleyers der Staatsräson. Es war der Anfang vom Ende der RAF. Die emotionale Dimension dieser dunklen Tage hat er heruntergespielt. "Wir hatten alle die Kriegsscheiße hinter uns", sagte er Jahrzehnte später. "Der Krieg war eine große Scheiße, aber in der Gefahr nicht den Verstand zu verlieren, das hat man damals gelernt."
Schmidt war ein Meister des Notfalls, damit erwarb er sich die Hochachtung der Bürger. Der Alltag des Regierens gelang ihm weniger überzeugend. Als Schmidt Ende 1982 die Kanzlerschaft an Helmut Kohl verlor, hinterließ er das Land in keinem guten Zustand. In der Ära Schmidt, so urteilt der Göttinger Parteiforscher Franz Walter, nahmen "alle Probleme – von der Staatsverschuldung, der Massenarbeitslosigkeit, der Rentenfinanzierung, den neuerlichen Bildungsungleichheiten – ihren betrüblichen Anfang".
Er selbst sah das naturgemäß anders. Mit dem Titel Weltökonom fühlte er sich angemessen beschrieben. Schmidt hätte es als Pflichtvergessenheit empfunden, der Allgemeinheit seinen Erfahrungs- und Wissensschatz vorzuenthalten, nur weil er kein Amt mehr hatte. Der Altkanzler wurde Publizist. Als Herausgeber der "Zeit" kommentierte er mehr als drei Jahrzehnte lang das Weltgeschehen.
Schmidt nahm seinen Erziehungsauftrag ernst. Er tadelte nicht gern, aber oft. Was sollte er machen? Es gab so viel Dummheit und Ignoranz in der Politik. Dass seine Nachfolger nicht sein Format erreichten, betrübte ihn. Manchmal, wenn die Situation in der Welt zu entgleiten drohte, musste er selber eingreifen. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 reiste Schmidt mit dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger nach China. "Ein Kalter Krieg wurde vermieden", konnte er danach beruhigt feststellen.
Je weiter Schmidts Kanzlerschaft in die Vergangenheit rückte, desto mehr verehrten ihn die Deutschen. Daran konnten auch seine teils unorthodoxen Ansichten nichts ändern. Schmidt bewunderte die autokratischen Führer Chinas. Die Sorge um den Klimawandel fand er hysterisch. Erderwärmung habe es schon immer gegeben, erklärte er. "Zum Beispiel finden Sie in Deutschland bis heute Stoßzähne von Mammutelefanten als Beweis dafür, dass es einmal eine Warmzeit gegeben hat."
Schmidt war kein Populist, er redete den Bürgern nicht nach dem Mund. Das gefiel den Leuten. Es war ihnen nicht so wichtig, was Schmidt sagte. Sie liebten ihn für die Art, wie er es tat, für seine Schnoddrigkeit und die dahingebrummten Sätze. Der Gleichmut, mit dem er den islamischen Terrorismus oder das Älterwerden kommentierte, war ein schöner Kontrast zur Dauererregungsbereitschaft der Generation Twitter. Schmidt ließ sich von nichts beeindrucken, nicht einmal vom Rauchverbot.
In der Bewunderung für Schmidt drückte sich auch die Sehnsucht nach den alten Zeiten aus, als die Bundesrepublik ein teilsouveräner Staat war und die geopolitischen Konflikte von anderen ausgetragen wurden. Schmidt lehnte Militärinterventionen – auch die des Westens – strikt ab. "Es ist relativ einfach, den Entschluss zu fassen, in ein Land einzumarschieren", sagte Schmidt. "Aber es ist beinahe unmöglich, wieder abzuziehen, wenn man nicht Mord und Totschlag und Katastrophe hinterlassen will." Die Interventionen in Afghanistan, im Irak oder in Libyen bestätigten seine Warnungen.
Schmidt war klug genug, darüber zu schweigen, wie er in aktuellen Krisen handeln würde. "Das ist Tagespolitik", pflegte er zu sagen. Ihm ging es um das große Ganze, das nur wenige verstanden. "Nur in Ausnahmefällen ist jemand unter 40 Jahren in der Lage, ein vernünftiges politisches Urteil über die Weltwirtschaft abzugeben", befand er. "Aber friedlich demonstrieren geht natürlich in Ordnung. Schon die Babys dürfen schreien."
Nur bei einem Thema verlor Schmidt gelegentlich seine Souveränität. Dass die Deutschen den Kanzler Schmidt geachtet, den Kanzler Brandt aber geliebt hatten, das konnte er nie verwinden. In einem SPIEGEL-Gespräch zum Thema 150 Jahre SPD fiel ihm vor zwei Jahren zu Brandt vor allem eines ein: "Willy verstand nichts von Wirtschaft." In einem anderen Interview wurde er auf den Satz Brandts angesprochen, er habe auf deutschem Boden schon Schlimmeres gesehen als eine Massendemonstration für den Frieden. "Das würde ich unterschreiben", sagte der ehemalige Wehrmachtoffizier Schmidt. "Ich habe auf deutschem Boden auch schon viel Schlimmeres gesehen. Willy Brandt hat es von draußen gesehen." Auch große Männer sind nicht immer groß.
Was wird von Schmidt bleiben? Einige wunderbare Sätze: "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen." Vor allem aber die Erinnerung an seine Gelassenheit und seinen Mut in schwierigsten Situationen. Von diesen Eigenschaften kann die Welt gerade heute eine Menge gebrauchen.
Von Ralf Neukirch

SPIEGEL Chronik 1/2015
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