07.12.2016

StadtgesprächSchwanzvergleich im Dschungel

Oscar-Preisträger Sean Penn besucht den Drogenhändler El Chapo. Von Takis Würger
Bevor der Hollywood-Star Sean Penn den meistgesuchten Mann der Welt traf, urinierte er auf einem Flugplatz hinter einer Palme. Weil Penn anschließend über diesen Tag schrieb, wissen wir, was er dabei dachte: "Den Schwanz in der Hand kommt mir in den Sinn, dass es sich dabei um einen Körperteil handelt, der mit den Messern psychotischer Narco-Killer lieber keine Bekanntschaft machen möchte."
Das könnte ein absurdes Detail einer absurden Reise bleiben, die uns nicht zu interessieren brauchte, aber Penn besuchte auf diesem Trip Joaquín Archivaldo Guzmán Loera, bekannt als "El Chapo", der Kurze, er ist der Boss des mexikanischen Sinaloa-Kartells, der wichtigste Drogenbaron der Welt. Es war die Begegnung zweier Exzentriker.
Sean Penn hat sich hochgearbeitet von der Serie "Unsere kleine Farm" und hat heute zwei Oscars im Regal. Er ist bekannt dafür, dass ihm die Schauspielerei nicht genug ist. Immer wieder reist er in Krisengebiete; was er da sucht, weiß wohl nur er selbst. Er flog nach Bagdad, nach Haiti nach dem Beben, er sprach mit Mullahs in Iran. Er war mal mit Madonna verheiratet.
El Chapo hat sich hochgearbeitet von einem armen Bauernjungen, der als Kind in einer Tomatenkiste schlief, früh anfing, mit Cannabis zu dealen, und nach und nach ein Drogenkönigreich errichtete. Es heißt, er sei für mehr als die Hälfte der Drogen verantwortlich, die auf der Welt konsumiert werden. Die Zeitschrift "Forbes" schätzte sein Vermögen auf eine Milliarde US-Dollar. El Chapos Kartell soll außerdem verantwortlich sein für den Tod von mehr als 100 000 Menschen. Tod im mexikanischen Drogenkrieg heißt: zerhackt, gehäutet, erschossen.
Beide Männer, El Chapo und Sean Penn, hatten jeweils einen Wunsch: El Chapo wollte, dass sein Leben in Hollywood verfilmt wird. Sean Penn wollte den meistgesuchten Mann der Welt treffen.
Beide Männer sind bekannt dafür, dass sie sich selbst recht gern haben. Auch deshalb fanden sie zusammen.
Ein weiterer Faktor war, dass sich El Chapo in eine mexikanische Schauspielerin verliebt hatte, sie heißt Kate del Castillo, die an verschiedenen Filmen über Drogenschmuggler mitgewirkt hat. Castillo twitterte vor ein paar Jahren, dass El Chapo doch seine Macht nutzen könne, mit Liebe statt mit Drogen zu dealen. El Chapo fragte Castillo daraufhin, ob sie einen Hollywood-Film über ihn drehen wolle. Penn hörte davon.
Einige Zeit später, im Oktober 2015, saßen Castillo und Penn in einer kleinen Propellermaschine, flogen über den Dschungel Mexikos und teilten sich eine Flasche Tequila, weil sie glaubten, das würde gegen die Reiseübelkeit helfen. Die Maschine war auf dem Weg zu El Chapo, alles streng geheim.
Er war kurz zuvor aus einem Gefängnis ausgebrochen. Seine Leute hatten einen eineinhalb Kilometer langen Tunnel gebaut, bis unter die Dusche seiner Zelle. El Chapo stieg durch die Dusche auf ein Motorrad und fuhr davon.
Beim Treffen im Dschungel schenkten Castillo und Penn ihm die halb getrunkene Flasche Tequila und aßen mit ihm Tacos. Nach dem Essen machten sie ein Selfie.
Penn würde später über den Drogenbaron sagen, dass er ein "unglaubliches Charisma" besitze. Obwohl man in diesem Zusammenhang vielleicht ein wenig Abstand von dem Ausdruck "Baron" nehmen sollte, das klingt ein wenig so, als wäre der Mann ein Comicheld und nicht der Mörder, der er ist.
Guzmán plauderte mit Penn bis morgens um vier, während seine Leibwächter mit Langwaffen Wache hielten. Ein paar Wochen später stellte Penn noch ein paar Fragen per E-Mail an Guzmán, die der per Video beantwortete.
"Haben Sie selbst jemals Drogen genommen?" – "Nein, Sir."
"Würden Sie sich als gewalttätigen Menschen bezeichnen?" – "Nein, Sir."
Penn fragte ihn auch: "Wie war Ihre Kindheit? Wie ist das Verhältnis zu Ihrer Mutter? Träumen Sie?"
Aus dem Videointerview und seinen Erinnerungen an den Dschungeltrip schrieb Sean Penn eine Geschichte für das US-Magazin "Rolling Stone". Für Experten war die einzige echte Neuigkeit die Behauptung, dass Guzmán seine Ingenieure zur Weiterbildung nach Deutschland geschickt habe, bevor sie den Fluchttunnel für ihn bauten. Aber auch ohne neue Erkenntnisse über das Leben und Denken des Massenmörders Guzmán zu erfahren, ist der Artikel schön. Vor allem die Stelle, an der Guzmán sich morgens von Penn verabschiedet und dem Schauspieler ein Furz entgleitet.
Die Reise hätte sich also schon deswegen gelohnt, aber sie findet ein noch besseres Ende. Am 8. Januar, ein paar Monate nach Penns und Castillos Reise, wurde Guzmán von der mexikanischen Armee verhaftet. Die Staatsanwaltschaft erklärte, dass der Besuch ihnen geholfen habe, Guzmán aufzuspüren. Penns und Guzmáns Selbstliebe haben die Welt also ein wenig besser gemacht. Joaquín Guzmán wartet zurzeit im Gefängnis auf seine Auslieferung in die Vereinigten Staaten. Sean Penn bleibt in Freiheit.
Von Takis Würger

SPIEGEL Chronik 1/2016
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